Eine ganz normale, aber beachtenswerte Frau

Wer nicht lesen möchte, lehnt sich im Sessel zurück und hört sich die Geschichte an – viel Spaß: Eine ganz normale Frau2

Immer wieder bin ich froh, dass ich nicht im oder während des Krieges geboren wurde. Oft muss ich darüber nachdenken, wie es  mir wohl ergangen wäre. All die schrecklichen Ereignisse, das Kriegsgeschehen, das Leid, die Trauer, die Ungewissheit, der Hunger. Ich hatte – sozusagen- etwas Glück, ich kam erst einige Jahre nach Beendigung des Krieges auf die Welt.

Zwei meiner Schwestern war es anders ergangen, sie waren zwar noch klein, eine war 1943, die andere 1945 geboren und dennoch hat sich vieles bei ihnen in der Erinnerung festgesetzt. Es hat sich in ihr Innerstes eingegraben und verursacht manchmal auch heute noch Magengrimmen und ungute Gefühle.

Meine Mutter war mit ihnen geflüchtet, d.h. sie hatten ihre bekannte Umgebung, das gesicherte Zuhause, den schönen Garten, die netten Nachbarn und all die guten Freunde verlassen müssen, um bei Verwandten in mehreren hundert Kilometern Entfernung Schutz zu suchen. Dort waren sie Flüchtlinge und wurden von anderen Dorfbewohnern auch so angesehen, wie Eindringlinge, die ihnen etwas wegnehmen wollten. Dabei musste wohl jeder versuchen, sich irgendwie durch diese schlechte Zeit zu bringen. Jede Familie hatte Hunger, jede Familie hatte Verluste erlitten, aber nicht jeder war bereit, diese Zeit gemeinsam durchzustehen, sich gegenseitig zu unterstützen, ganz nach dem Motto: Gemeinsam sind wir stark!

Nachdem auch mein Vater wieder aus dem Krieg zurück war, erging es unserer Familie wohl etwas besser, aber sie waren ihrer Heimat entrissen und damit entwurzelt. Das brennt in der Seele und ich denke, man wird es niemals wieder los.

Umso mehr kann ich heute meine Mutter bewundern. Sie hatte  in den 50er Jahren in Hamburg einen indischen Studenten kennen gelernt und mit ihm über seine Probleme gesprochen, die er in Deutschland hatte. Er war sehr jung, vermisste seine Familie, seine Gewohnheiten, seine Rituale, seine Freunde, seine Umgebung, seine Eltern, sein Essen, seine Wärme, also eigentlich  alles, was sein Leben bisher ausgemacht hatte. Die Deutschen erschienen unnahbar.

Er bewohnte ein kleines Zimmer und seine Vermieter freuten sich zwar über die kleine Nebeneinnahme, aber sie beobachteten ihn argwöhnisch. Er hatte eine dunkle Hautfarbe, schwarze Haare, dunkle Augen, alles, wovor die einfachen Leute um die Zeit damals eigentlich Angst haben sollten. Also beobachteten  sie jeden seiner Schritte aufmerksam. Sie waren immer auf der Hut. Da er kaum Deutsch sprach, seine Vermieter jedoch kein Englisch, stand es schlecht  um die Verständigung. Das alles  trug nicht dazu bei, dass er sich heimischer fühlen konnte.

Es ließ jedoch meiner Mutter keine Ruhe. Sie konnte ihn so gut verstehen und wollte ihm gerne helfen.

Inzwischen hatte sie zwei weitere Kinder bekommen, meine nächst ältere Schwester und mich. Unser Vater hatte nach dem Krieg noch immer keine Arbeit bekommen, die genug einbrachte, um uns alle zu ernähren, so dass auch meine Mutter mit arbeiten musste; dennoch musste ständig gespart werden und wir gingen oft hungrig ins Bett.

Trotz allem bestand meine Mutter darauf, den jungen Inder einzuladen. Er sollte sich bei uns wohl fühlen, sollte Deutschland in guter Erinnerung behalten, wenn er eines Tages nach Indien zurückkehrte. So lernte ich im Alter von drei Jahren den ersten Inder meines Lebens kennen. Ich sah seinen dunklen Teint nicht, seine rosafarbenen Innenseiten der Hände, die sich stark von der Bräune seiner sonstigen Haut abhoben. Ich sah seine blitzenden weißen Zähne, als er mich in die Luft hob und sah seine lachenden Augen, die verrieten, dass er sich glücklich fühlte! Ich verstand nicht, was er mir erzählte, aber ich wusste, was er mir sagen wollte. Der Nachmittag verging wie im Fluge, wir Kinder waren begeistert von diesem Besuch. Gerne hätten wir es jeden Tag so schön gehabt.

Das war natürlich nicht möglich, aber es war der Anfang einer Geschichte, die auch heute noch nicht zu Ende ist.

Viele Inder besuchten uns in unserem kleinen Flüchtlingshäuschen, das viel zu klein und viel zu eng für so viele Menschen war. Deshalb gingen wir an den Wochenenden oft in das große Bauernhaus, das der Cousine unserer Mutter gehörte. Es lag zwar nur ungefähr 30 Minuten von Hamburg entfernt, aber das war zu weit weg. Deshalb hatte meine Mutter weitere Kontakte geknüpft. Sie fand andere Deutsche, die Interesse am Kontakt mit den Indern hatten. Viele Freundschaften hatten sich ergeben und meine Mutter hatte immer neue Ideen und Einfälle, wie man sich gegenseitig besser kennenlernen konnte und damit auch das andere Land, das den Deutschen so fremd war, wie den Indern das Deutschland. Schließlich ging sie im indischen Konsulat ein und aus, weil der indische Konsul die Aktivitäten mit Freude sah und sie unterstützte. In kurzer Zeit waren aus einem einsamen Studenten viele geworden. Das war der Grund, warum meine Mutter in Hamburg die Deutsch-Indische Gesellschaft gründete.

In ganz Deutschland gab es keine weitere Deutsch-Indische Gesellschaft, alle anderen dieses Namens kamen erst später hinzu. Sie wurde zur Präsidentin gewählt, aber das war ihr nicht wichtig; für sie zählte, dass sie eine Brücke gebaut hatte, die jeder ohne Einschränkung benutzen konnte. Man begegnete sich, man kannte sich, man achtete sich. Sie aßen miteinander, lachten, sangen und kochten miteinander. Sie teilten sich gegenseitig ihre Traditionen mit, ehrten sie gemeinsam und feierten die Feste zusammen. Es war eine wunderschöne Zeit, eine menschliche Zeit, die sich tief in der Seele verwurzelt hat. So wurde Indien zum Land meiner inneren Brüder und Schwestern.

Als der damalige Ministerpräsident von Indien, Jawarhalal Nehru, den sie sehr verehrte, nach Hamburg kam, war sie bereits so bekannt, dass sie ein längeres, recht privates Gespräch mit ihm führen konnte. Ein Privileg, dass kaum jemand sonst bekam. Er verabschiedete sich von ihr mit den Worten: „Wir sehen uns in Indien!“ Das sollte stimmen, denn nur wenig später machte sie sich auf die Reise in dieses exotische Land, denn „ihre“ hamburger Inder waren von ihr und ihrer Art, von all dem, was sie getan und erreicht hatte so begeistert, dass sie zu Hause von ihr erzählt hatten. Die Familien waren erleichtert, dass es ihren Söhnen im fremden Land so gut erging, so dass sie von allen Einladungen erhalten hatte.

Bei uns zu Hause herrschte noch immer die Armut. Dennoch schaffte es meine Mutter und erfüllte sich ihren Traum, nach Indien zu reisen.  Sie reiste mehr als acht Monate durch das ganze Land. Zwischendurch traf sie Nehru tatsächlich noch einmal und wurde auch dem indischen Präsidenten vorgestellt, da sie gemeinsam an den Feierlichkeiten  zum Republic Day im Rashtrapathi Bhavan, dem Präsidentenpalast, teilnahmen. Einen der wahren Gründe ihrer Reise sollte ich erst viele Jahre nach ihrem Tod erfahren.

Während sie noch  in Indien unterwegs war, schrieb ihr mein Vater, dass mit ihrem Weggang auch das Herz der Deutsch-Indischen Gesellschaft gegangen wäre. Es gäbe die Wärme, die Hingabe und die  Aufopferung für andere nicht mehr, der Zusammenhalt würde fehlen und das sei nicht nur sein persönlicher Eindruck.

Viele Jahre später, waren es 30 Jahre?  hatte ich die Gelegenheit, dieselben Worte aus dem Mund eines Freundes zu hören. Er war damals der Stellvertreter meiner Mutter, ein Inder.  Er machte mich stolz. Ein anderer machte mich traurig.

Ich versuchte, das Leben meiner Mutter etwas nachzuvollziehen, denn ich war damals viel zu jung; mir waren nur meine eigenen schönen Erinnerungen geblieben. So erinnerte ich mich an einen indischen Mann, der wunderbar musizieren konnte und von dem ich ein Foto besitze, das uns spielend in der Lüneburger Heide, meiner Heimat, zeigt. Ich fand ihn in Hamburg und war gar nicht überrascht, dass  er nun die Deutsch-Indische Gesellschaft führte. Wie gerne hätte ich mich mit ihm unterhalten; aber er versprach nur, mich zurück zu rufen.

Heute heißt die Deutsch-Indische Gesellschaft immer noch so. Während man jahrelang nicht das korrekte Gründungsjahr kannte, besinnt man sich plötzlich darauf, dass ein berühmter Freiheitskämpfer im Jahre 1942 an der Gründung der Deutsch-Indischen Gesellschaft teilgenommen hatte. Dass man dieser Gesellschaft allerdings die Rechtsfähigkeit gleich nach dem Krieg wieder entzogen hatte, bleibt besser unerwähnt. Es werden viele Personen als Gründer der Deutsch-Indischen Gesellschaft erwähnt, nur eine nicht, meine Mutter.

Ich denke, es wird ihr recht sein, denn sie liebte es nicht, im Mittelpunkt zu stehen. Dennoch musste sie es, da es bestimmte Verpflichtungen gibt, die ein solches Amt mit sich bringt. Da sie sich dazu bekannt hat und die Pflichten auch sehr ernst nahm, möchte ich mit dieser Geschichte eine zeitgeschichtliche Lücke schließen, in dem ich kundtue, dass Lieselotte Hachmann die erste Gründerin der Deutsch-Indischen Gesellschaft in Hamburg e.V. nach dem Krieg ist.

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Ein Gedanke zu „Eine ganz normale, aber beachtenswerte Frau

  1. suresh

    Das schöne Schwarzweiß Foto fällt sofort auf. Interessant erzählt von der Tochter einer bemerkenswerten Frau aus Norddeutschland, die Nordindien bereiste und deutsch-indische Geschichte schrieb. Ich will noch mehr lesen bzw. hören.

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