VERA – Die Bedeutung meines Namens

Autorin dieses Beitrags ist Vera Nkenyi Ayemle. Sie war so freundlich und hat uns diesen Text für die “Tee-Zeremonie” überlassen.

Mein Name ist Vera Nkenyi Ayemle. Und mein Vorname Vera, der angeblich deutsche Wurzeln hat,  bedeutet in etwa Wahrheit. Zu meinem Vornamen kam ich durch folgende Geschichte: 

Als meine Mutter mit mir schwanger war, hatte sie eine sehr hübsche und kluge Nachbarstochter, die Vera hieß. So dachte meine Mutter,  dass auch sie ihr Baby, falls es ein Mädchen werden würde, diesen Namen geben würde. Daher der Name Vera. Der Vollständigkeit halber folgt nun auch die Bestimmung meines Nachnamens. Nkenyi, der Name meiner Urgroßmutter, Was Ayemle bedeutet, weiß ich nicht. So heißt aber mein Vater. Es ist Brauch im Stamm Awing in Kamerun, den (Nach-)Namen einer Person, die man in Ehren halten will, an eine andere Person weiterzugeben. Ich nehme an, dass meine Eltern mir deswegen den Nachnamen Nkenyi  gegeben haben. Nkenyi war, wie erwähnt,  der Name meiner Urgroßmutter. Sie war bekannt, sehr freundlich gewesen zu sein, und sie besaß in den Augen vieler ein reines Herz. Sie starb in einem sehr hohen Alter, und zwar mit 115 Jahren. Aufgrund ihres hohen Alters verlor sie aber auch ihr Augenlicht. Dennoch wusste und fühlte sie alles, was um sie vorging.

Das Geheimnis hinter meiner Reise nach Deutschland:

Ich bin in Kamerun geboren und aufgewachsen. Nach meinem Abitur studierte ich Jura und beschloss nach dem Vordiplom, nach Deutschland zu reisen. Meine Eltern musste ich aber erst noch von einer Deutschlandreise überzeugen. Für sie kamen nur Frankreich, England oder die  USA in Frage. Ich erzählte meinen Eltern, dass ich Interesse an anderen Kulturen und Sprachen hatte. In Wahrheit hatte mich nicht die Leidenschaft für Kulturen und Sprachen gepackt, sondern ein junger Mann namens John. John war mein Freund bzw. mein Verlobter gewesen. Nach seinem zwei-jährigen Aufenthalt in Deutschland ging unsere Beziehung in die Brüche. Er änderte seine Meinung mir gegenüber und heiratete eine andere Frau, von der er mir nichts erzählte.  Ich traute mich nicht, ihn deswegen anzusprechen. Dennoch stellte ich mir viele Fragen. Ich dachte, dass sich etwas Wunderbares oder Spezielles in Deutschland befinden müsste, wenn unsere Beziehung nach einem Deutschlandaufenthalt kaputt gehen musste. War Deutschland der Grund dafür oder war einzig und allein John der Grund dafür? Vielleicht war auch ich der Grund dafür? Warum sagte er mir damals nichts? Ich verstand die Welt nicht mehr. Ich begann, Männer zu hassen, und entschied mich dann auch, nach Deutschland zu reisen. Ich musste wissen und sehen, was es wirklich mit Deutschland auf sich hatte. Ich wollte etwas Anderes erleben! Oder besser gesagt, ich wollte das „Warum“ hinter dieser Situation ergründen. Dafür musste  ich nach Deutschland und erfand für meine Eltern irgendeine Geschichte mit Kultur und Sprache, auch wenn ich bis heute keine passionierte Kultur- und Sprachliebhaberin bin. Egal aus welchem Grund ich damals nach Deutschland gekommen bin, heute bereue ich es nicht,  diesen  weiten Flug von meinem Heimatland hierher unternommen zu haben. Glücklicherweise habe ich  hier meinen charmanten Mann kennengelernt, mit dem ich mittlerweile zwei  wunderbare Kinder habe. Großartig, oder? Wie gesagt, das Geheimnis meiner Reise war ein Mann und ich fand im Laufe meiner Zeit hier den besten Mann aller!

Meine Heimat

Oftmals werde ich mit der Frage konfrontiert,  woher ich kommen würde. Wenn ich antworte aus Esslingen, dann folgt sogleich die nächste Frage: „Nein, woher kommen Sie ursprünglich?“ Wenn ich Kamerun sage, dann spüre ich oft, wie ein Aha! Im Gesicht des Fragenden aufgeht. So als würde er sagen: „Wusste ich‘s doch, du bist nicht urdeutsch.“ Diese Fragerei dauert  manchmal sehr lange. „Hast du Heimweh? Möchtest du irgendwann zurück in dein Herkunftsland?“ Und so weiter…. Mittlerweile führe ich regelrecht wissenschaftliche Studien über solche Fragen durch. Oder ich lache darüber und versuche gleichzeitig, die Ansichten meines Interviewers zu verstehen. Manchmal weiß ich sogar, dass es rassistische Gründe sind, die sich hinter solchen Fragen verbergen.  Aber da kann man nichts machen. Jeder darf für sich entscheiden, mit welcher Brille er die Welt sehen möchte. Ich für meinen Teil versuche den Menschen mit dem Herzen zu sehen und nicht mit kulturellen und religiösen Vorurteilen. Ehrlich gesagt, haben diese Fragen aber auch eine für mich und meine Kinder relevante Komponente, selbst wenn man sie kritisch beäugen kann. Und zwar die Fragestellung, wo  wirklich unsere Heimat ist? Ist es nun Esslingen oder doch Bamenda in Kamerun? Ich glaube keine dieser beiden Städte ist für mich mehr Heimat als die andere. Vielmehr lebe ich so, dass ich einfach das bin, was  ich an dem Ort sein soll, wo ich bin, ohne mich territorial einzuengen. In beiden Ländern/ Städten kann ich leben und arbeiten. Ob sie deswegen schon meine Heimat sind? Ich glaube, dass das Gefühl von Zugehörigkeit hierfür entscheidend ist. Ein Ort, wo ich also ich-selbst sein kann, ohne mich verstecken oder mich verbiegen zu müssen.  Für mich ist Heimat  aber auch vor allem da, wo mein Mann und unsere zwei Kinder sind. Und wenn ich frei beten und singen kann, dann fühle ich mich zuhause und geborgen.

Was mich geprägt hat:

Viele Dinge haben mein Leben geprägt. Angefangen mit meinem Namen, meiner Schulzeit im Internat, meinem Beruf, bis hin zu meinem Glauben, zu meinen politischen und ehrenamtlichen Tätigkeiten und vor allem meiner Großfamilie in Kamrun und  meiner Kernfamilie hier. Meine Schulzeit  habe ich in einem Internat in Bamenda  verbracht. Bamenda liegt im Nord-Westen von Kamerun, wo Englisch gesprochen wird. Da ist es auch oft kalt und sehr windig. Am schönsten ist es früh morgens, wenn die Vögel singen und die Hähne krähen. Meine Oma steht oft sehr früh auf, um  zur Farm zu gehen, und Kinder und Jugendliche machen sich zur selben Zeit auf dem Weg zur Schule. Im englischen Teil Kameruns, ist es fast schon eine Tradition, dass wohlhabende Familien bzw. solche, die das Geld dafür aufbringen können, ihre Kinder aufs Internat schicken. Ich hatte das Privileg sieben Jahre im Internat zu verbringen und durfte mein Elternhaus während der Ferien besuchen. Im Internat lernte ich viel Disziplin, Durchsetzungsvermögen, Selbständigkeit, Verantwortungsgefühl, das eigenständige Treffen von Entscheidungen, aber auch, wie ich ein gutes Doppelleben führen konnte. In der Tat war ich zuhause ein braves Mädchen, ruhig und gehorsam. Ich ging nie raus, und blieb daheim, wie es die Eltern wollten. Ich verbrachte ja eh nur drei Monate mit ihnen, da konnte man seelenruhig Gehorsamkeit vorheucheln. Ich musste eine Strategie entwickeln, um niemandem Weh zu tun, niemanden zu verletzen und niemanden auf die Nerven zu gehen, bevor ich wieder in die Schule ging. Dann, einmal im Internat angekommen, war ich wieder ich. Ich durfte Entscheidungen selber treffen. Ich war die Schulsprecherin und trug Verantwortung über andere Kinder.  Manchmal nutzte ich meine Macht aus, um andere  Schüler zu unterdrücken. Das gehörte zur Internatskultur dazu. Das hatte man auch mit mir getan. Es war sozusagen eine Art, zurückzugeben, was mir widerfahren war. Diese Zeit war sehr intensiv, interessant und lehrhaft.

Auch mein Elternhaus prägte mein Leben sehr. Ich habe zehn Geschwister. Wir verstanden uns nicht immer besonders gut oder anders gesagt, wir hatten unterschiedliche Ansichten, Geschmäcke und Wünsche. Dennoch war uns Respekt für einander sehr wichtig und verbindlich. Ja, wir respektierten die Wünsche und Geschmäcke des anderen. Ich erinnere mich noch daran, als meine Familie und ich, an einem Lagerfeuer saßen und ich allen Anwesenden eine Geschichte erzählte. Eine meiner Schwestern interessierte sich nie für Geschichten, sie war viel mehr naturwissenschaftlich angelegt, also Mathe, Chemie und Physik – Fächer, die ich wirklich furchtbar fand. Ich wunderte mich oft, wieso  ein Mensch soviel Interesse an Zahlen haben konnte! Genauso wunderte sie sich darüber, wie ich eine Leidenschaft für Erzählungen, Geschichten und Reden haben konnte. Sie fand dies immer schrecklich. An diesem Abend am Lagerfeuer erzählte ich eine Geschichte, als eben diese Schwester aufstand und sagte: „Mein Gott, Vera! Verschon uns doch mit deinen Geschichten!“ Durch solche Auseinandersetzungen im Familienkreis musste ich lernen, andere zu respektieren und Empathie zu zeigen. Ich musste akzeptieren, dass andere auch andere Geschmäcke, Wünsche und Interessen haben. Dasselbe gilt in unserer Welt auch. Wir leben in einer Welt, in der Menschen unterschiedliche Gewohnheiten, Hautfarben und Sprachen haben. Wir müssen lernen, miteinander umzugehen.

Ich lese gerne die Bibel und auch dies hat mein Leben sehr geprägt. Die Verse der Bibel helfen mir viele Herausforderungen zu meistern. Sie helfen mir Dinge anders zu sehen und an das Gute zu glauben. So behalte ich meine positive Einstellung. Ich hoffe immer auf ein gutes Ende, auch wenn es lange auf sich warten lässt. Die Bibel gibt mir Kraft, den Mut und die Geborgenheit, die ich brauche um meine Ziele zu erreichen. Heutzutage ist es schwieriger geworden, sich mit dem Christentum oder auch mit anderen Religionen zu identifizieren. Viele sind nämlich enttäuscht von allen Formen von Religion und durch zahlreiche Sekten. Deshalb ist für mich die Bibel an sich wichtiger als eine Religionszugehörigkeit geworden. Wenn die Bibel zu lesen, bedeutet Christ zu sein, dann bin ich Christ. Was ich nur sagen will, ist, dass ich, um so zu sein, wie ich (vor dem Schöpfer) sein soll,  nur meine Bibel als Referenz brauche. Sie gibt mir die notwendigen Wertvorstellungen, die ich im Umgang mit anderen, aber vor allem zur Gestaltung meines eigenen Lebens brauche.

Meine Familie spielt eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben. Sie ist meine Heimat, mein Halt und sie gibt mir die Kraft, all das zu tun, was ich bis jetzt getan habe.

Natürlich ist auch mein Beruf sehr wichtig. Er prägt mein Leben insofern, als ich mit vielen Menschen arbeite, die unterschiedlicher Herkunft sind, verschiedene Gewohnheiten und Bräuche haben und einfach auch anders aussehen. Ich wollte immer Menschen helfen und stärken. Deshalb studierte ich Sozialarbeit an der Hochschule Esslingen. Seitdem arbeite ich als Sozialberaterin bei der Stadt Esslingen (Referat für Migration und Integration). Zuvor habe ich als Sozialpädagogin bei der Daimler Kinderkrippe gearbeitet. Außerdem habe ich den Verein Sompon Socialservice e.V. gegründet mit der Zielsetzung, Menschen mit Migrationshintergrund vor allem afrikanische Migranten zu beraten, zu begleiten und zu unterstützen. Ich bin ein  Mitglied der SPD Esslingen. Mein Engagement sowohl in der Fraktion als auch im Verein prägen mein heutiges Leben enorm.

Meine Wünschen für afro-deutsche Kindern und Jugendlichen

Ich wünsche mir für die zukunft in Deutschland, und vor allem für Kinder und Jugendliche mit afro-deutscher Herkunft, fairere Chancen, mehr  Gerechtigkeit und wahre Perspektiven. Ich hoffe, dass die Politik das Potential von afro-deutschen Kindern erkennt und fördert. Die amerikanische Schriftstellerin Pat Parker sagte mal: „Vergiss, dass ich schwarz bin…vergiss nie, dass ich Schwarze bin.“ Wenn wir nur wussten, wie sich Kinder und Jugendliche mit afro-deutschem Hintergrund fühlen. Dann werden wir alles in unserer Macht stehende tun, um diesen Kindern und Jugendlichen, eine Heimat zu schenken. Denn viele sind heimatlos. Es fehlt ihnen eine Zugehörigkeit aufgrund ihrer Identität, Hautfarbe und der Herkunft ihrer Eltern.

 

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One thought on “VERA – Die Bedeutung meines Namens

  1. akrizano Post author

    Irinas Kommentar vom 10.Juli zu dieser Geschichte:

    Liebe Vera,
    heute erst durch einen verklemmten Nerv finde ich Zeit, in unserem wunderbaren Blog zu stöbern und freu mich sehr, deine Geschichte hier wieder gefunden zu haben, die ich ja schon im Februar kennen lernen durfte.
    Schön dass du auch hier bist!
    Ich wünsche mir das auch du die Gene deiner Großmutter hast und über 100 wirst!
    Dann haben wir noch viel Zeit für eine wunderbare Frendschaft und Frauenpoweraustausch!!!
    Kommst du zu Teezeremonie am 15. Juli bei Silvia?
    liebe Grüße,
    Irina

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