Ein „blutunterlaufenes“ Wochenende

HolzvorHaus1

von Dietlinde Hachmann

Die Sonne brennt vom Himmel, kein schattiges Plätzchen zu finden, außer im Keller, da ist es noch einigermaßen kühl. Als ich in die unteren Räume komme, fallen mir sofort die großen Pakete wieder ein, die wir vor einigen Wochen eingekauft hatten, um Ordnung im Hobbyraum her zu stellen. Drei Regale warteten darauf, zusammen gebaut zu werden. Das ist heute der richtige Zeitpunkt, denke ich und beginne damit, die Kartons aufzuschneiden.

Seitenteile, Rückwände, Regalbretter und viele Einzelteile werden sortiert, miteinander verbunden und dann aufgestellt. Es dauert nicht lange, da steht Regal Nr. 1. Wunderbar! Es ist nicht das erste Regal, das ich aufbaue, deshalb klappt das alles ganz schnell. Um sie allerdings an ihren Platz zu stellen, benötige ich Hilfe. Deshalb bitte ich meinen Mann darum.

Nachdem wir geklärt haben, wo die Regale stehen sollen, müssen wir sie an die entsprechende Stelle tragen, das ist schwerer, als sie zusammen zu bauen. Aber schließlich stehen die Regale Nr. 1 und Nr. 2 an ihren Plätzen. Das dritte ist ebenso schwer wie die anderen, da nun aber nicht mehr so viel Platz vorhanden ist und das Regal gedreht werden muss, habe ich das Gefühl, mir fällt das wuchtige Teil gleich aus den Händen. Im selben Moment dreht mein Mann das Regal ein wenig nach oben und noch bevor mein Gedanke zu Ende gedacht ist, bewahrheitet sich mein Gefühl: Das Regal gleitet mir in rasanter Geschwindigkeit aus der Hand und noch bevor ich zur Seite springen kann, bohrt sich die untere, spitze Ecke des Regals in meinen großen Zeh!

Ich habe nicht gewusst, wie viele Gedanken ich in wenigen Sekunden denken kann, während ich vor Schmerz kaum noch Luft zu holen vermag. Als Erstes begreife ich, während ich auf meine leichten Sommersandalen starre, auf denen es sich das Regal gemütlich gemacht hat, warum Handwerker bei der Arbeit immer Schuhe mit Stahlkappen tragen sollten. Ich muss wohl kurz aufgeschrien haben, denn zwischen den berühmten Engeln, die ich während dessen im Himmel singen höre, dringt die Frage meines Mannes zu mir durch: „Ist was passiert?“

Er steht, etwas schräg hinter der Rückseite des Regales, und kann nicht erkennen, was geschehen ist. „Das Ding muss von meinem Fuß runter“, denke ich, kann es aber nicht aussprechen. Deshalb versuche ich, das Regal alleine anzuheben, um es auf die freie Stelle neben meinem Fuß zu stellen. Da ich es nicht hoch genug anheben kann, verschiebt sich die Haut gleich mit. Nun habe ich eine offene Wunde am Zeh, die auch gleich zu bluten beginnt. Automatisch, auch wegen des Schmerzes, ziehe ich mein – nun wieder eigenständig stehendes Bein- zu mir hoch, das Regal steht auf der Kante neben mir, ich lasse es los und halte lieber mein zitterndes Bein. Da ich aber ein bekennender Geizhals bin und sehe, dass das Blut gleich meine teuren, neuen Sandalen bekleckert, findet sich meine Stimme wieder ein und ich stöhne meinen Mann an: „Mach die Sandalen auf, das Blut…..“

Jetzt erst kann er die „Bescherung“ erkennen, setzt schnell das Regal ab, öffnet den Riegel meiner Sandale und zieht sie mir aus. Die Sandale ist gerettet.

Es dauert noch eine ganze Weile, bis ich den Fuß wieder auf die Erde setzen kann, um auf die Terrasse zu humpeln. Dort steht eine Wanne, die ich gleich mit kaltem Wasser füllen möchte, um den Fuß darin zu kühlen. Es dauert aber noch einige Zeit, denn der lange Schlauch war seit der letzten Gartendusche noch mit Wasser gefüllt, das sich derart von der Sonne erhitzt hatte, dass es sich mit großer Hitze über meinen ohnehin schon geschundenen Fuß ergoss. Ich brauche nicht zu erwähnen, wie schnell ich den Schlauch wieder los ließ. Ich brauche wohl auch nicht zu erwähnen, was daraufhin geschah? Nun ja, die Polster auf den Stühlen werden wieder trocknen, es ist ja heiß genug, wir haben täglich um die 36 Grad. Die Fensterscheiben hatten zwar noch keine Reinigung nötig, aber zu viel sauber gemacht ist besser, als zu wenig. Nutznießer waren eindeutig die Pflanzen, die sich über jeden Tropfen gefreut haben, vor allem, als endlich das kalte Wasser kam. Mein Mann freut sich nicht so sehr darüber, denn das immer eisiger werdende Wasser wirbelt um ihn herum, räumt dabei einige Dekorationen vom Tisch und den Schränken, während er versucht, den Hahn zum Abstellen zu erreichen. Ich habe dieses Mal Glück und sitze, einigermaßen geschützt vor dem kalten Wasser, auf meinem Sessel und sehe dem Schauspiel zu. Das lenkt mich von meinem Zehenschmerz so ab, dass ich problemlos aufstehen kann.

Am nächsten Morgen habe ich nur noch einen dicken, fetten und vor allem blutunterlaufenen Zeh, der aussieht, als wollte er gleich platzen. Ich habe meine Lektion gelernt und ziehe mir dicke Socken und stabile Turnschuhe an, obwohl die Temperatur noch immer nicht niedriger geworden ist. Aber heute erwarten wir die Holzlieferung für unseren Kamin, um den ersten Teil des bestimmt irgendwann kommenden Winters warm zu überstehen. Der Händler ist pünktlich, bekommt seine Instruktionen, wo er das Holz abladen kann, während wir unsere Handschuhe holen, denn nichts können wir weniger gebrauchen, als Holzsplitter in den Fingern.

In der Zwischenzeit hat der Holzhändler, mittels einer Fernbedienung, fünf Schüttraummeter schönstes Buchenholz auf unseren Parkplatz geleert. Ich konnte mir die Menge vorher gar nicht vorstellen, war jedoch sehr erwartungsvoll, da mein Mann nicht oft genug betonen konnte, dass uns sehr viel Arbeit erwarten würde. Das klang nämlich nicht gut, bei den Temperaturen, die wir seit Wochen hatten.

Nun komme ich aus dem Haus und sehe dieses kleine Häufchen Holz. Das hatte ich mir bedeutend größer vorgestellt! Meine gute Laune, die zwar ohnehin kaum noch zu steigern gewesen wäre, nachdem ich feststelle, dass ich schmerzfrei in die Schuhe komme, macht es sofort dem Thermometer gleich und steigt. Nichts wie ran an die Arbeit und frisch los gelegt.

Keine zwanzig Minuten später macht mein Mann schlapp, die Hitze ist nicht das Schlimmste, was ihm zu schaffen macht. Die drückende Schwüle zwingt ihn zum Pausieren. Ich genehmige mir ein großes Glas Wasser und arbeite weiter. Die Holzscheite so eng wie möglich im Keller an der Mauer entlang zu legen, dass sie wenig Platz verbrauchen und dort gut trocknen können, das ist mein Ziel. Wir haben noch keine Erfahrung.

Der Keller füllt sich zusehends, ganz anders als das Holz auf dem Parkplatz, das anscheinend überhaupt nicht weniger wird. Mein Mann bringt frisches Wasser zum Trinken, danach arbeitet auch er weiter. Insgeheim überlege ich, wer uns helfen könnte, aber niemand fällt mir ein, da unsere Kinder alle weit weg wohnen. Wir machen weiter. Die nächste Pause lässt nicht lange auf sich warten, da es immer schwüler wird. Wir entschließen uns zu einer Mittagspause, die ist etwas länger.

Als wir unsere Arbeit danach wieder aufnehmen, weht uns ein leichter Wind den Schweiß von der Stirn. Wie ist das angenehm! Da im Keller kein Platz mehr ist, bietet es sich an, das restliche Holz in der Garage unterzubringen. Ein paar Tropfen Regen ermuntern uns und treiben zur Eile an. Das muss ich aber gleich büßen, denn ich achte nicht mehr so vorsichtig auf das Fahrrad, das vor einigen Monaten aus Platzmangelgründen an der Decke aufgehängt wurde und stets nervt, weil es immer im Weg hängt. Irgendwie wundere ich mich deshalb auch nicht, als ich mir tüchtig den Kopf an einem der Reifen stoße. Ich fluche, das tue ich nur sehr selten. Es treibt mich aber auch an, schneller zu werden, denn ich will mit dieser Arbeit fertig werden.

Mein Mann füllt den Korb mit Holzscheiten, wir tragen ihn gemeinsam in die Garage, dort wird er ausgekippt und ich schichte die Scheithölzer auf. Schnell gehe ich wieder hinaus, nehme weitere Scheite auf den Arm, trage sie in die Garage, während mein Mann den Korb wieder füllt usw. Die Höhe des Holzhaufens nimmt langsam aber stetig ab, ich kann schon schätzen, wie viele Körbe und Arme voll es noch bis zum Ende sind. Schnell richte ich mich in der Garage vom Stapeln wieder auf, drehe mich um, will hinaus ….und vergesse wieder einmal das Fahrrad.

Die Pedale des Rades trifft mich direkt neben dem Auge. Ich schreie kurz auf und halte mir das Gesicht vor Schmerz. Mein Mann sitzt gerade auf dem Garagenabsatz und macht noch eine Pause. Er sieht mich entsetzt an und deutet auf den freien Platz neben sich. Ich setze mich dazu und beginne, mehr aus Wut über mich, zu weinen. Wir reden kein Wort, er leidet mit mir. Ich schaue auf die paar Holzscheite, die noch verarbeitet werden müssen, denke an gestern, während ich auf meinen rot-blauen Zeh schaue und beginne herzhaft zu lachen, obwohl das meinem malträtierten Gesicht überhaupt nicht gut tut.

Mir geht nämlich gerade durch den Kopf, wie ich meine „Verwundungen“ den Kindern erklären könnte, die uns immer wieder gemahnt haben: „Sagt Bescheid, wenn wir euch helfen können, macht das nicht alleine!“ Nun sitzen wir hier und haben es tatsächlich alleine geschafft. Die Regale stehen zusammen gebaut an Ort und Stelle und das Holz ist eingelagert. Wir platzen beide fast vor Stolz.

Und plötzlich fällt mir auch eine Rechtfertigung ein. Wie oft haben mich die Kinder damit geneckt, dass ich so klein bin. „Ein Sprichwort besagt, dass jeder Mensch mal klein anfängt – und manche Leute hören auch genauso wieder auf“, flachste mich mein Sohn mal an und immer wieder muss ich mir anhören, dass ich beim Verlassen des Teppichs aufpassen soll, um nicht von der Kante zu fallen. Immer ist meine Größe für andere ein Grund, sich auf meine Kosten lustig zu machen. Nun kann ich ihnen etwas Nahrung geben, denn wenn sie mich fragen, was mit meinem Auge geschehen sei, kann ich ihnen wahrheitsgemäß antworten, dass ich mich an der Pedale eines Fahrrades gestoßen habe.

Dann sind die Lacher auf meiner Seite und man erkennt deutlich meine Größe…… 😉

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4 Gedanken zu „Ein „blutunterlaufenes“ Wochenende

  1. suresh

    Beim Lesen erinnerte mich an vielen ähnlichen Situationen mit Kettenreaktionen, die ich selbst erlebte!
    Sehr gut geschildert, liebe Dietlinde, so dass mir mein Zeh schmerzte. Und dein Auge gegen Fußpedal schmerzte dir bestimmt ganz ark weh, aber es war auch irgendwie witzig, tut mir leid, ich musste lachen.
    Geteiltes Leid ist halbes Leid, sagt man, aber nicht nur Leiden auch anderes, alltägliches Geschehen möchten wir von dir lesen. Deine interessante, amüsante Schreibweise ist lesenswert und es bereichert.

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    1. Dietlinde Hachmann

      Danke, lieber Suresh, für deinen „Mit-Schmerz“, für dein“mit-leiden“, also kurz und gut: für dein Mitleid….. ;-)) Es freut mich ganz außerordentlich, dass die Geschichte genau so bei dir angekommen ist, wie ich es mir vorgestellt hatte, denn schließlich musste auch ich lachen, obwohl das meinem etwas entstellten Gesicht nicht sehr gut tat. Schön wäre es, wenn es anderen ebenso ergehen würde: Nämlich, einfach Spaß beim Lesen empfinden und natürlich auch Mitgefühl entwickeln, dann stimmt alles.
      Was weitere Veröffentlichungen von mir angeht, so möchte ich das nicht versprechen, aber ich verspreche, immer an tezere zu denken, sobald ich etwas veröffentliche.

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      1. Regina Boger

        Es war der rechte große Zeh, oder? Jedenfalls tut der mir nach der Lektüre deines Unfallberichts so weh, dass ich kaum auftreten kann. Und meine Wange erst! Wenn ich so aus dem Haus gehe, glauben die Leute, ich sei verprügelt worden. In den Keller gehe ich besser nicht, dort lauern mehrere Fahrräder. Am besten bleibe ich zu Hause und tue nichts. Wer nichts macht, macht nichts falsch.
        Gute Besserung, liebe Dietlinde! Dein Humor ist beeindruckend.

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      2. DiHa Autor

        Was bleibt mir da anderes übrig, als gute Besserung auch für dich zu sagen? 🙂 Vielen Dank für deine „Nach-Geschichte“ – hat mich sehr gefreut!
        …. und da bewahrheitet es sich wieder: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen! Natürlich denkt jeder (gesagt haben es nur gute Bekannte), mein Mann hätte mal so richtig drauf los gehauen, aber nein. Wenn ich die Verkettung all der Umstände denke, dann muss ich noch immer lachen, auch wenn ich noch ziemlich „geschlagen“ aussehe – aber fröhlich!

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