Aufgestaute Wut mit Zinseszinsen

Es ist Winter 1979. Ich bin mit meiner deutschen Ehefrau und meiner eineinhalb Jahre alten Tochter in einem indischen Zug unterwegs, dem in dieser Zeit sichersten und bequemsten Verkehrsmittel.

Die Fenster im II-Class Abteil sind alle offen und die Ventilatoren an der Decke laufen in voller Geschwindigkeit. Dennoch ist es warm aber erträglich durch den hineinströmenden Wind durch die offenen Fenster.

Meine Frau zieht gerne indische Kleider an, wie Sari oder Kurtha, wenn sie in Indien ist. Außerdem sieht sie mit ihrer Körpergröße von 165 cm und dunklen braunen Haaren nicht typisch deutsch aus.

Als wir in Bangalore City angekommen sind, sprechen viele Verkäufer und das Service-Personal sie in Hindi an, in der Annahme, dass sie eine Nordinderin ist. Viele aus dem kälteren Norden Indiens sind hellhäutig.

Völkerwanderung
Die angebliche Einwanderung der Arier ist nicht der Grund, warum viele Nordinder hellhäutig sind. Im Winter ist sehr Kalt im Norden, an manchen Nächten ist es unter 4°C.

Die These mit der arischen Völkerwanderung, wie es auch der Indologe Max Müller behauptet, hält der wissenschaftlichen Analyse nicht stand und ist nicht belegt.
Ich mag und respektiere ihn, außerdem habe ich mein Deutsch im Max Müller Bhavan in Bangalore gelernt. Aber als Deutscher stand er damals im Dienste der Briten und musste sich wohl auch, weil er ein Christ war, seine These über die arische Völkerwanderung zurechtgestrickt haben.

Wie auch immer, ich muss jedes Mal erklären, warum meine Frau kein Hindi versteht.

Hindi als angebliche Nationalsprache der Inder

Während unserer Reise in Bombay, Agra und Delhi musste ich vorwurfsvolle Bemerkungen über mich ergehen lassen, sobald die Nordinder bemerkten, dass ich kein Hindi Spreche, was für sie die Nationalsprache Indiens ist, obwohl dies nicht der Fall ist.

Wie in vielen Ländern existiert das Nord-Süd-Gefälle auch in Indien.

Auch heute im Jahre 2016 ist es nicht viel anders. Kürzlich besuchte ich mit ein Paar Freuden das Vedische Kulturzentrum in Baden Württemberg. Beim Eintreten legte ich meine Innen-Handflächen aneinander und sagte ‚NamaskaraM‘ als Begrüßung, wie es bei uns in Südindien üblich ist.
Ich wurde prompt mit einem ‚Namashkar‘ begrüßt.
Da ich das Gespräch nicht in Hindi führen konnte entstand eine Diskussion warum ich die Nationalsprache der Inder nicht gelernt habe!

Unarranged Marriage

Während dieser Zugfahrt erinnerte sich meine Frau an unsere erste gemeinsame Reise in Indien und wie alles befremdlich für sie war.
Damals war ich eng mit ihr befreundet und spielte mit dem Gedanken, sie zu heiraten, aber vorher sollte sie mein Heimatland und meine Familie und Verwandten kennenlernen. Außerdem wollte ich sehen, wie sie reagiert und vor allem, wie meine Leute reagieren würden.

Es klappte hervorragend, sie war freundlich, nett und gar nicht kolonialistisch.

Sie war damals 23 und noch nie im Ausland gewesen, aber machte alles mit und gewann die Herzen von meinen Leuten. Außerdem lernte sie, wie man Sari wickelt und mit den Fingern isst. Wenn man wie sie in einer Bauernfamilie aufgewachsen ist, ist man hart im Nehmen und kann mit anpacken, wenn es nötig ist.

Nun bin ich inzwischen mit ihr verheiratet und wir haben eine süße kleine Tochter. Sie schaut alles um sich herum voller Neugier an und denkt nicht ans Schlafen.

Der Brindhavan Express Zug schlendert gemächlich an grünen Palmenplantagen und Reisfeldern vorbei. Meine kleine Prinzessin ist müde, aber sie findet den Schlaf irgendwie nicht, es passiert sehr viel Interessantes um sie herum. Ich nehme sie auf meinen Arm und laufe ein paar Schritte auf dem Mittelgang. Die Kleine nuckelt ihren Schnuller gemütlich im gleichen Rhythmus zum Schienenklang² des Eisenbahnwaggons, was sehr beruhigend auf das Kind wirkt.

Da sehe ich vier, fünf Leute, die uns entgegen kommen. Einer von ihnen kommt mir bekannt vor. Ja, das ist er; was macht er hier, mein Gott, wie lange ist es her? Das ist mein Geschichtslehrer von damals als ich in der siebten Klasse war.

Körperzüchtigung von Schulkindern

Mein Kopfkino spielt mir blitzartig die Szenen aus meinem Erinnerungsarchiv der sechziger Jahre vor. Ich sehe den Geschichtslehrer, der streng auf unsere Bewegungen schaut, als er an unserer Reihe langsam vorbei schreitet. Zwischen den drei Tischreihen schlendert er hin und her, dabei hält er einen dünnen Schlagstock aus Bambus mit der rechten Hand am einen Ende fest und lehnt ihn an seiner rechten Schulter wie ein Gewehr an. Dabei sieht er wie ein Dämon aus. Wenn die Antworten auf seine Fragen falsch sind oder wenn wir nicht gleich antworten, wird‘s Schläge geben, das wissen wir.
Montags ist er oft schlecht gelaunt.

Die meisten unserer Klasse sind Hindus, es sind 16, sieben Christen und ein Muslim, das macht 24. Freitagmorgens gehen wir Hindus gern zum Ganesha Tempel. Da die Anderen es wegen ihrer Religion nicht dürfen, sind sie neidisch, weil wir im Tempel leckere Prasadams (Süssigkeiten) bekommen und vom Priester mit einem Stirnpunkt gesegnet wurden.

Offiziell war es uns Hindus nicht verboten, die Stirnpunkte zu tragen. Allerdings haben die Missionslehrer es nicht gern gesehen. Deshalb suchte der Lehrer nach einem Grund um uns zu bestrafen, wenn wir einen Stirnpunkt trugen.

Ich erinnere mich, dass ich einmal vergaß, die heilige Paste von meiner Stirn abzuwischen. Deshalb bekam ich vom Lehrer Schläge an die Knie, wenn ich nicht sofort auf seine Fragen eine Antwort parat hatte oder zögerte.

Die Schuluniform bestand aus einem weißen kurzärmeligen Hemd und einer kurzen Khaki-Hose. Lange Hosen durften wir erst ab der achten Klasse tragen.

Alle ‚higher secondary School‘ Klassen musste jeden Tag morgens im Schulhof stehen und das christliche Gebet ‚paramandalithil irukkum engal pithave!‘ – das Vaterunser – zu sprechen. Als ich einmal mit meinem Freund währenddessen etwas zuflüsterte, bekam ich einen Schlag auf meine Kniekehle, sodaß ich meine Hose nass machte.

Ab diesem Zeitpunkt, sagte ich sofort das ‚Vaterunser Mantra‘, wenn ich spürte, dass der Lehrer hinter mir war und ich bekam keine Schläge. Auch viele andere Schüler verwendeten diese Technik um die Lehrer von Schlägen abzuhalten.

Ein weitere Möglichkeit, Schläge zu vermeiden bestand darin, regelmäßig die christliche Sonntagsschule zu besuchen.

Mein Freund Pandurangan verweigerte einmal, den Stirnpunkt abzuwischen, weil er ihn an seinem Namenstag vom Priester aufgetragen bekommen hatte. Daraufhin hatte dieser Geschichtslehrer ihn ohne Grund dreimal geschlagen.

Ich schwor, eines Tages, wenn ich mal groß bin, werde ich zurückschlagen, mit Zinseszinsen.

Nun kommt mir dieser Mann entgegen und heute bin ich groß. Er geht einfach an mir vorbei. Ich rufe >>Maahmaah<<, das ist der Spitzname, den wir ihm damals gegeben hatten. Er geht weiter und reagiert nicht.

Ich rufe laut, >>Ekambaram<<, das ist sein Name. Wir durften damals die Lehrer niemals mit deren Namen ansprechen. Sir oder Teacher war üblich. Heute erlaube ich mir jedoch, ihn bei seinem Namen anzusprechen.

Er bleibt stehen, dreht sich um und starrt mich fragend an.
>>Sie haben mich geschlagen, als ich Ihr Schüler war, erkennen Sie mich wieder?<< frage ich ihn in tamilischer Sprache.

Er sagt kein Wort, sondern schaut mich nur verzweifelt und ein wenig eingeschüchtert an. Seine Begleiter schauen mich und ihn fragend an. >>Ich war Ihr Schüler an der Methodist Mission High School.<<

Er schaut mich noch immer verzweifelt an. Ich frage mich, ist das der Mann, vor dem ich Angst hatte und der viel größer war als ich? Dieser ist kleiner in der Statur, alt, mager und sieht jämmerlich aus. Vor ihm, der da so nichtssagend dasteht, soll ich Angst gehabt und ihn gehasst haben?

Meine kleine Prinzessin hört auf zu nuckeln, fängt an zu weinen und streckt ihre Arme ihrer Mutter entgegen. Sie, meine junge Ehefrau, schaut mich erschrocken und fragend an und nimmt die Tochter. Ich drehe mich um, wende mein Gesicht zu diesem alten Mann und sage nur >>PONGO (gehen Sie)<<. Dieser sagt nichts, neigt seinen Kopf und geht. Auch seine Begleiter gehen weiter und sagen nichts.

Für eine kurze Zeit ist es still, dann erkläre ich meiner Frau die Situation und erzähle ihr die Geschichten aus meiner Schulzeit in ihrer Muttersprache. Die Mitreisenden schauen mich und meine Frau an und verstehen nicht, was ich meiner Frau sage.

Die Tochter löst ihre feste Umklammerung von der Mutter, blinzelt langsam und fängt an zu schlafen.

Ich denke still über die letzten Minuten nach und frage mich, was aus der aufgestauten Wut mit Zinseszins geworden ist. Empfand ich etwa Mitleid für diesem Dämon von damals?

Der Artsteacher zeigte uns damals, wie man Wut in Bilder umwandeln kann. Allerdings ist mir dies selten gelungen.

Eigentlich hatte ich trotz der Schläge doch noch vieles in der Schule gelernt. Nicht nur Physics, Chemistry und Mathematics.

Weitere Lehrer erscheinen aus meiner Erinnerung in meinen Gedanken.
Der Headmaster Mr. Wilfred war manchmal wütend aber sonst ein anständiger Mensch. Sein Sohn Prabhakar, der ab und an als Ersatzleher fungierte, war ein Gentleman. Die Chandra-Teacher, meine Lieblingslehrerin, habe ich sehr gut in Erinnerung und denke oft, wie sie mich vor den Tyrannen beschützte.

Wie hieß noch der Englishlehrer, der so geduldig uns die Sprache beibrachte und lustige Geschichten erzählte?

Ich schmunzle, wenn ich mich an die quietschende hohe Stimme der Sharadha-Teacher erinnere als sie uns beschimpfte und uns in die Ecke stehen ließ, wenn wir nicht artig waren.
Ich erinnere mich an den Sportslehrer, den wir Bulldog nannten. Er brachte und indirekt Yogahaltungen bei auch wenn er es eigentlich nicht durfte. Wie verzweifelt war er als ich mich beim Sport verletzte und blutete.

Jetzt gleiten meine Finger an meiner Schläfe entlang und spüre die Narbe, die noch heute an meinem Gesicht zu sehen ist.

Die Schreie des Chaiwala (Teeverkäufer) holen mich zurück aus meinen Träumen in die Gegenwart. Ich höre, wie der junge Chaiwala >>Kaffie, Kaffie, Tie, Tie<< schreit. Ich schaue meine Frau an und sie nickt. Ich bestelle zwei Tassen Chai.

———

²Schienenklang ist ein von mir kreiertes Kunstwort 😉

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