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Über suresh

Weltbürger

Unterhaltung mit einem Vogel

Waldanemone

Wir wohnen seit vielen Jahren in einem netten, kleinen Einfamilienhaus am Rande der Stadt. Gleich hinter unserem Haus beginnt die „Prärie“, d.h. erst beginnen die Felder einiger Bauern und noch bevor ein herrlicher Wald mit seinem Mischmasch aus vielen verschiedenen Bäumen, ausgetretenen Naturpfaden, an denen im Frühling Wiesen von Waldanemonen und Vergissmeinnicht blühen, zu erholsamen, friedvollen Spaziergängen einlädt, kann man die robust und muskulös wirkenden, Tiere eines Islandpferdezüchters, der weit draußen sein Gestüt betreibt, beobachten. Gerne nehmen wir uns dieses paradiesisch anmutende Fleckchen Erde zum Ziel unserer ausgedehnten Rad- oder Wandertouren um die Pferde anzuschauen, die so ganz anders sind, als die eher eleganten, edlen Warmblüter, also anders als das sogenannte deutsche Reitpferd. Aber davon wollte ich eigentlich gar nicht berichten. Wenn ich nämlich damit beginne, über die Liebe zur Natur zu sprechen, dann verfalle ich schnell von einem Thema ins nächste.

So komme ich auf einen Abend im September zu sprechen. Es war einer jener warmen Sommerabende, die wir gewöhnlich draußen auf unserer Terrasse verbringen. Unterhaltung wie Fernsehen oder Musik, ja nicht einmal ein Buch wird dann von uns benötigt, um die erholsame, angenehme Ruhe des Feierabends, im krassen Gegensatz zu unserem hektischen Arbeitsleben, auf uns wirken zu lassen. Es war großartig.

Plötzlich wurde die Stille durch den Ruf eines Vogels unterbrochen. Das hätte uns sonst nicht aus unserer Ruhe gebracht, denn eigentlich konnten wir inzwischen viele verschiedene Vogelstimmen analysieren. Stets lag ein schussbereiter Fotoapparat neben uns, denn wir liebten es, besondere Aufnahmen von Dingen aus der Natur zu machen. Dazu gehörten natürlich auch Tieraufnahmen.

An diesem herrlichen Abend hatten wir jedoch noch gar keinen Ruf eines Vogels gehört. Das war derart ungewöhnlich, dass wir uns erstaunt und fragend ansahen. „Was war das für ein Vogel“, fragte ich meinen Mann, „es hört sich eigentlich nach einer Amsel an, aber irgendwie auch nicht. Was meinst du?“

Er setzte sich etwas aufrechter in seinen Sessel, um besser hören zu können und lauschte in die Stille. Es schienen Minuten zu vergehen, bis wieder der Gesang ertönte. Unglaublich wie melodisch diese Rufe klangen, ganz anders, als wenn sich unsere Katze während der Brutzeit in der Nähe eines Nestes sehen lässt. Dann zetern die Amseln energisch und streitwütig, um alle umliegenden Tiere vor ihr zu warnen.

Nun aber gab es keine jungen Amseln mehr, die von ihren Eltern behütet werden müssten. Es war also wohl einfach nur die Freude über diesen herrlichen Abend, die von dem Vogel besungen wurde. Töne, die so harmonisch aneinander gereiht waren, dass ich versuchte, die Melodie zu wiederholen. Das versuchte ich lautlos, denn ich wollte diese Idylle nicht zerstören. Wieder erklang eine Tonfolge, die ähnlich war und dennoch variierte. Das war so schön, so befriedigend, so unglaublich glücklich machend, das ich mich, wohlig seufzend, zurück in meinen Sessel lehnte, um mich weiter daran zu erfreuen.

Gleich darauf wieder eine etwas andere Melodie. Mein Mann saß noch immer in recht angespannter Haltung und lauschte. Völlig unerwartet begann er, diese Melodie zu beantworten. Danach wurde es still. Angestrengt hörten wir in die Nacht und plötzlich hörten wir ihn wieder. War das möglich? Hatte der Vogel geantwortet? Mein Mann erwiderte den Ruf. Kaum hatte er sein Zwitschern beendet, setzte die Antwort der Amsel ein. Es schien beiden Spaß zu machen! So ging es eine Weile hin und her. Ich konnte kaum mein Lachen verkneifen, denn meine Fantasie gaukelte mir vor, was sich Vogel und Mensch wohl zu sagen hatten.

Während die Amsel immer neue Weisen kreierte, gelang es meinem Mann nicht mehr zurück zu pfeifen, weil er durch sein Lachen die Lippen nicht mehr zum Pfeifen stülpen konnte. Die Amsel sang unbeirrt noch eine ganze Weile weiter. Was für ein herrliches Erlebnis!

Auch am darauf folgenden Abend wurde uns wieder so eine wunderschöne, warme Dämmerung beschert. Es dauerte nicht lange, da hörten wir abermals diese fantastisch klingende Stimme des Vogels. Sofort fühlte sich mein Mann zur Antwort aufgefordert und wieder musste er die Unterhaltung mit der Amsel abbrechen, weil er lachen musste.

„Was erzählst du ihm eigentlich immer“, wollte ich nach ein paar weiteren „Besprechungstagen“ wissen, „es muss ja sehr anregend sein, denn sonst würde er wohl nicht jeden Tag antworten.“

„Wer weiß“, resümierte mein Mann grinsend, „vielleicht hofft er ja, dass ich eine gute Partie für ihn bin und wir führen hier eine Art Balzgespräch.“

„Muss ich etwa eifersüchtig werden?“; schäkerte ich und er erwiderte neckend: „ Auf einen Vogel??“

Am nächsten Tag warteten wir vergebens auf die Amsel. Kein Gesang ertönte. Er fehlte uns. Aber schon am nächsten Abend war er wieder da und pfiff, als hätte auch er seinen Unterhaltungsgefährten vermisst. So vergingen noch einige Tage.

Inzwischen war es längst nicht mehr so herrlich warm, es hatte sogar einige starke Regenfälle gegeben, die die Luft erheblich abgekühlt hatte. Es ging bereits auf Oktober zu, deshalb machten wir uns jetzt abends das Feuer im Kamin an. Zwei Tage war mein Mann wegen des nassen, kalten Wetters nicht mehr in den Garten gegangen. Am dritten Tag zog er sich aber eine warme Jacke an und versuchte, als er die Amsel nicht mehr hörte, sie durch Lockrufe zur Antwort zu animieren. Und tatsächlich: Er hörte wieder eine ihrer melodiösen Gesänge, die er sofort nachahmte. Welch ein Glück! Ich merkte es ihm sofort an, dass es geklappt hatte, denn als er zu mir an den Kamin kam, strahlte er übers ganze Gesicht. So vergingen wieder ein paar Tage mit diesem täglichen Erfolgserlebnis meines Mannes.

Dann kam aber wirklich der Schluss dieser „Liebesbeziehung“. So oft mein Mann auch lockte, er bekam keine Antwort mehr. Was war geschehen? Wir spielten alle Ereignisse gedanklich durch und kamen schließlich nur auf eine Erklärung, die uns aber sehr, sehr traurig machte und die wir auch nicht wirklich als Grund annehmen wollten. Vielleicht hatte nämlich eine Katze sie beim Vertieft-sein in ihren lieblichen Gesang erwischt. Das war für uns schließlich die plausibelste Begründung, wobei wir ausschlossen, dass es auch unsere Katze gewesen sein könnte. Über den Gedanken jedoch, dass mein Mann von einem Vogel „verlassen“ worden war, amüsierten wir uns königlich! Darüber vergaßen wir unsere Traurigkeit über die Beendigung einer so schönen „Vogel-Unterhaltung“.

Kurz darauf wollte ich ein paar Einkäufe tätigen und hatte mir deshalb einen Tag frei genommen, so dass ich schon am frühen Nachmittag nach Hause kam. Wir wohnen zwar in einer Art kleiner Siedlung und haben mit fast allen Nachbarn einen guten Kontakt, aber leider sieht man sich nur selten, meist geschieht das rein zufällig. So war es auch an diesem Tag.

Meine Nachbarin freute sich, ebenso wie ich, über unsere Begegnung und wir kamen schnell in eine fröhliche Unterhaltung. Schließlich beendete sie diese aber, nachdem sie etwas schuldbewusst auf ihre Armbanduhr geblickt hatte und erklärte, dass es höchste Zeit sei, nach Hause zu gehen. Ihr Mann hätte sich stark erkältet und wartete nun auf die Medizin, die sie soeben in der Apotheke besorgt hatte.

„Erkältet“, fragte ich sie, „wie hat er denn das hingekriegt? Er sitzt doch immer nur im Büro!“

„Von wegen!“, entgegnete sie, „Seit einiger Zeit hält ihn nichts davon ab, sobald es dunkel geworden ist, in den Garten zu gehen. Dort verbringt er fast eine Stunde, ganz gleich, ob es warm oder kalt ist. Meist hat er dann nicht einmal eine Jacke an, deshalb ist er jetzt auch krank. Aber nun stell‘ dir mal vor, er behauptete jedes Mal, einer Amsel zuzuhören, die wundersame Töne von sich geben würde. Das hätte ihn derart fasziniert, dass er inzwischen versucht, ihr auf dieselbe Art und Weise zu antworten. Inzwischen ist er ganz betrübt, weil er denkt, dass die Amsel durch seine Abwesenheit bestimmt nicht mehr da ist, wenn er wieder gesund ist.“

Noch während sie erzählte, hatte ich mir mein Lachen kaum noch verkneifen können, deshalb prustete ich lachend hervor: „Und nun stell‘ dir mal vor, mein Hans-Werner hat genau dieselbe Amsel kennen gelernt und vermisst nun ebenso die abendlichen Unterhaltungen! Ich schlage vor, sobald dein Michael wieder auf den Beinen ist, stoßen wir mal mit einem Wein auf unseren beiden, musikalischen Amseln an!“

von Dietlinde Hachmann,

angeregt durch die Erzählung eines Gastes bei der Lesung während einer Tee-Zeremonie in Möglingen auf dem:

Schwalbenhof

 

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Warum bin ich in Ludwigsburg geblieben?

1988 bin ich mit meiner Familie, mit Mann und zwei Töchtern, von München nach Ludwigsburg umgezogen. Mein Mann hatte hier den ersehnten Job gefunden.

Ankommen in Ludwigsburg

Zunächst wurde das gefundene Haus gründlich renoviert. Es war vor dem Krieg gebaut durch einen Fachmann und für seine Familie: er war Baumeister und dieses Haus sicher nicht sein erstes. Es war so gut durchdacht, daß keine Änderung möglich war – es paßte alles zu gut zusammen. Aber nach 50 Jahren war doch so einiges zu erneuern: Elektrizität, Böden, Fenster, Heizung, … das konnte dauern!
Die ältere Tochter war in der dritten Klasse. Ich stellte mir vor, der Wechsel in eine weiterführende Schule wäre leichter, wenn sie die vierte Klasse hier besuchen würde. Die jüngere Tochter war drei und sollte meiner Meinung nach keinen Wechsel im Kindergarten erleben. Mehrmals umziehen wollte ich auch nicht, so blieb das Abenteuer, in einer Baustelle zu leben.
In den Schulferien zogen wir nach Ludwigsburg. Die Möbel wurden eingelagert und im Garten stand ein gemieteter Wohnwagen. Die ersten zwei Wochen verbrachten wir auf Luftmatratzen in einem sonst leeren Zimmer. Doch als der Baustellenstaub auch in den letzten Winkel drang, wurde der Wohnwagen bezogen.
Im Keller befand sich ein noch funktionierender Wasserhahn und das WC im Erdgeschoß wurde auch am Laufen gehalten. Einmal in der Woche ging ich mit den Töchtern ins Schwimmbad: dort konnte man ausgiebig warm duschen! Daneben befand sich auch ein Waschsalon für die Wäsche der vierköpfigen Familie.
Wir hatten Glück mit dem Wetter. Erst im November richtete ich ein Kellerzimmer ein als Wohn- und Schlafraum für uns vier plus dem Terrarium mit den Rennmäusen. Gottseidank war die Heizung schon in Betrieb und auch die Kleidung aus den Koffern reichte für kaltes Herbstwetter.
Ein großes Fest gab es eine Woche vor Weihnachten, als wir unsere Möbel nachkommen lassen konnten! Und darnach wurde ein kleiner Welpe der fünfte Hausbewohner!
Erst zwei Jahre später war die Renovierung wirklich abgeschlossen und manches könnte auch heute noch Erneuerung vertragen!

Es gab einen Moment, an dem ich hätte zurück gehen können, zurück nach München, wo ich geboren bin, wo ich die ersten gut 40 Jahre meines Lebens verbracht habe.
Ich bin geblieben.
1997 starb meine Mutter und hinterließ mir und meinem Bruder ein hübsches Haus in München mit großem Garten. Beinahe gleichzeitig wurde die Scheidung von meinem Mann ausgesprochen. Damals wäre Gelegenheit gewesen, Ludwigsburg den Rücken zu kehren. Vor allem die jüngere Tochter, die mit erst gut drei Jahren München verlassen hatte, wollte immer zurück nach München. Doch ich blieb. Warum?

In knapp 10 Jahren hatte ich in LB mehr Freunde und Bekannte gewonnen, als ich in München je hatte. Wir wohnten in einem Traumhaus, nicht zu groß und nicht zu klein, mit einem für schwäbische Verhältnisse riesigen Garten. Es war auch Platz für Hund und Katze.
Und die Stadt: Da fand ich alles was ich brauchte: Volkshochschule und Sportvereine, Kino und Kneipen, Einkaufsmöglichkeiten und Weiterbildung. Das einzige was fehlt – Seen und Hochgebirge – war mir nicht so wichtig.

Als mich meine Münchner Freundin besuchte, zeigte ich ihr meinen neuen Lebensraum:
Wir gingen in die Stadt, auf den Markt. Sie war beeindruckt: Während auf dem berühmten Viktualienmarkt lediglich bayerisches zu finden war, kamen wir nach Hause mit Käse aus der Normandie, Oliven aus Griechenland, Orangen aus Sizilien, Lavendel und Seife aus Südfrankreich, Schinken aus Spanien, Salami aus Italien, Wein aus Mundelsheim, Linsen von der Alp und Maultaschen, hausgemacht. Alles war frisch, nicht eingeschweißt und oft von Landsleuten angeboten. Man fühlt sich wie im Urlaub.
Wir machten eine Wanderung durch die Weinberge, von Mundelsheim nach Besigheim – die schwäbische Provence. Der Keltenfürst von Hochdorf und die Kelten vom Hohenasperg sind weltweit bekannt. Das ist ebenso der Hohe Asperg mit dem dort inhaftiert gewesenen Schubart – „die Gedanken sind frei“.  Und sie werden frei bei einer Umrundung diese Tafelbergs.
Auch das Theater im Clussgarten hatte Bestand vor den verwöhnten Großstadtaugen.
In Ludwigsburg kennt jeder den Märchengarten im Blüba und jeder Besuch dorthin lohnt sich auch für Touristen, ganz abgesehen vom großen Barockschloß mit den phantasievollen Führungen und interessanten Museen.
Das alles gibt es in nächster Nähe! In München muß man viele Kilometer und vor allem viel Zeit in Kauf nehmen. Hier liegt alles dicht beieinander.
Dabei gibt es noch andere Attraktionen in erreichbarer Nähe: die Burg Lichtenstein, Burg Beilstein mit den Raubvögeln, Bietigheim und Markgrönningen mit den großen Fachwerkgebäuden, den Michaelsberg und vieles mehr.
Um von München ins Gebirge zu kommen, steht man oft Stunden im Stau; in den Seen kann man erst schwimmen, wenn man einige Meter über Surfbretter geturnt ist. Wenn man in München Freunde am anderen Ende der Stadt besuchen wollte, brauchte man oft eine Stunde mit dem Auto – ohne Stau! In Ludwigsburg sind es 10 Minuten. Freunde und Bekannte im größeren Umkreis waren auch gut zu erreichen. Dabei lernte ich  die Umgebung kennen und schätzen.

Nicht nur das Haus mit dem großen Garten, die Freunde, die Freunde der Kinder, hielten mich. Was man in München, in der großen Stadt suchen muß, hat man in Ludwigsburg vor Augen. Es ist überschaubar und durch die Studenten der verschiedenen Hochschulen lebendig und offen, dabei groß genug für Vielfalt. Es ist leichter in dieser „kleineren“ Stadt am Geschehen teil zu nehmen und mit zu gestalten.

Ist es ein Wunder, daß ich geblieben bin?

Ludwigsburg als Kind in den 50er Jahren war prima

Wir wohnten in der Weststadt, dort gab es große Gärten, wenig Verkehr und viele Kinder in der Straße. Nachmittage, an denen wir in einem der Gärten oder auf der Straße spielten. Kinderheim im Gartenhaus war eines meiner Lieblingsspiele, Indianer, Völkerball abends auf der Straße, Gummitwistolympiaden, Rollschuhlaufen, Verstecken.

Im Herbst sammelten wir Kastanien und verkauften sie an den Besitzer einer Jagd, im Winter fuhren wir Schlitten auf den Feldern und zum Muttertag pflückten wir Wiesenblumen. Alles konnten wir alleine erreichen, die Weststadt war unser Revier.

Jede Woche kam der Bücherbus und ich las mich durch alle Regale. Von Kalle Blomquist über Gisel und Ursel bis zu den unglaublich spannenden Geschichten über die  fünf Freunde von Enid Blyton gab es alles.

Der Schulweg war lang genug, um allerlei Abenteuer zu erleben und wichtiges mit den Freundinnen zu besprechen und niemals wären die Eltern auf die Idee gekommen, uns zu begleiten oder gar mit dem Auto zu fahren, das wir im übrigen auch nicht hatten. Wir hatten auch keinen Fernseher zuhause und darum war es immer wieder ein besonderes Ereignis, wenn wir bei einer Freundin zuhause samstagnachmittags Fury oder Lassie anschauen durften.

Ludwigsburg als Jugendliche in den 60er Jahren war schwierig.

Eine Disco, zwei Eisdielen, seit kurzem das Kulturzentrum, die Weinstube Klingel, in der wir manche Freistunde verbrachten, das war`s auch schon.

Mit 14, gleich nach der Konfirmation kam die Tanzstunde. Nach acht Jahren in reinen Mädchenklassen stand uns plötzlich eine Klasse Jungen gegenüber und  es war nicht einfach, in Kontakt zu kommen. Sonntags gingen wir zum Tanztee und übten Tanzen und Kontakt.

Mit 16, in der Oberstufe, planten wir die Weltreise nach dem Abitur, träumten von Berlin oder London als Wohnorte, dort, so kam es uns vor, war das volle, bunte, spannende Leben zu finden.

Dort gab es Hippies, flower power, Musik, Demos, Kommunen und Bewegungen, die alles neu dachten.

Inzwischen hatten wir einen Fernseher zuhause und ich schaute fasziniert die Sendungen über die Beatles, die Demonstrationen in Berlin und Paris.

Irgendwann in dieser Zeit kamen wir auf die Idee, ein Stück von dieser Welt nach Ludwigsburg zu holen. Wir, das waren fünf Freundinnen aus der Klasse.

Wir legten unser Taschengeld und das, was wir mit Nachhilfestunden und anderen Jobs dazu verdienten zusammen und mieteten in der Seestraße ein kleines billiges Zimmer. Hinterhof, über eine Außentreppe und -galerie zu erreichen. Wir nannten es Projekt. Der Name kommt mir heute etwas absurd vor, aber damals gab es in den Schulen keinen Projektunterricht und der Begriff war überhaupt noch ziemlich unverbraucht. Wir möblierten unser Projekt mit alten Möbeln von unseren Dachböden, hängten Plakate und Bilder auf, und hatten einen Treffpunkt, der etwas von dem hatte, wovon wir träumten. Räucherstäbchen dufteten, es gab Tee und manchmal Bier oder Wein .

Wir lasen die Bücher von Beauvoir und Sartre, Camus, Ingeborg Bachmann und PeterHandke und alles was neu und spannend war und diskutierten über Gott und die Welt, über den Sinn des Lebens, Politik und  unsere Reise- und Zukunftspläne.

Nach dem Abitur zerstreute sich die Gruppe, das Projekt war beendet.

Ich blieb- nicht ganz freiwillig- in Ludwigsburg und kehrte nach mehreren Abstechern in die nähere Umgebung immer wieder zurück. So bin ich schließlich das geworden, was ich in den 60ern ganz bestimmt nicht werden wollte: eine echte Ludwigsburgerin in einer inzwischen zum Glück ziemlich bunten und lebendigen Stadt.

„Das Leben“ ist ein kurzes Wort – aber lang an Erfahrungen! *

Christine wird am 5. August 1939 in Feuerbach geboren, also kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, und die Kriegs- und Nachkriegsjahre prägen ihre Kindheit und Jugend. Von ihrer Herkunft ist sie eigentlich eine „Fränkin“, denn ihre Eltern stammen aus Nürnberg. Der Eltern lernen sich bei der Hochzeit eines Cousins des Vaters und der Schwester der Mutter dort kennen. Sie heiraten und der Vater arbeitet als Kaufmann, die Mutter als Buchhalterin zuerst in Nürnberg, dann kommen sie durch einen Freund des Vaters zuerst nach Wangen, dann nach Stuttgart- Vaihingen, wo 1933 die ältere Schwester geboren wird. Während dieser Zeit mitten in der Weltwirtschaftskrise wird der Vater zuerst arbeitslos, arbeitet später im Straßenbau und bewirbt sich dann bei der Fa. Bosch in Feuerbach, wo er 1936 bei der Werksfeuerwehr eingestellt wird und eine Firmenwohnung am Lemberg  mit 4 Zimmern, Küche, Bad, erhält. Als Glücksfall für den Vater erwies sich seine Arbeit, denn als Mitglied der Werksfeuerwehr wurde er während des Krieges UK gestellt (unabkömmlich) und musste nicht als Soldat an die Front.  Auch die Mutter arbeitete teilweise,  z.B. bei einer Kleiderfabrik, weil sie nicht nur Hausfrau sein wollte.

Am Lemberg in Feuerbach, unterhalb der Weinberge, befand sich auch ein Luftschutz-Stollen, der dann von den Bewohnern der Siedlung bei den Luftangriffen während des Krieges aufgesucht wurde. Christine erinnert sich daran, dass sie als Kind öfter mit anderen Kindern auf dem Schuttberg vor dem Stollen gespielt hat und bei Luftalarm sind sie dann auch schnell in den Stollen gelaufen. Bei einem der nächtlichen Luftangriffe  wurde Christine von einem Mann aus dem Haus zum Luftschutzbunker getragen und dieser hat sie aus Versehen fallen lassen und bis er sie wieder aufheben konnte, waren schon weitere Menschen in ihrer Panik über sie hinweg gestolpert. Dieses nächtliche aus dem Bett Reißen empfand sie als sehr bedrohlich. Auch heute noch hat sie Angst und Panikattacken, wenn sie plötzlich irgendwo alleine ist- wenn sie z. B. eine Gruppe mit der sie unterwegs ist, plötzlich aus den Augen verliert. Noch heute hat sie die Pfeifgeräusche der fallenden Bomben im Ohr oder das Sirren der sogenannten „Christbäume“, die dazu dienten, den Bomberpiloten die Ziele zu beleuchten. Noch viele Jahre nach dem Krieg erschrak sie bei plötzlichem Sirenenalarm und verspürt auch heute immer wieder ein unangenehmes Gefühl dabei.

Die Erinnerungen an die Zerstörungen in Stuttgart sind ihr noch sehr präsent:  In vielen Häusern sind bis in die 50er Jahre die Fenster mit Pappdeckel verdeckt. Bettelnde heimkehrende Soldaten in abgeschabte Uniformen kommen ins Haus und bitten um einen Kaffee, ein Stück Brot, das sie von der Mutter bekommen. Um das Überleben der Familie zu sichern, ging die Mutter hamstern nach Hemmingen und Hirschlanden. Mit einem „Rutscherle“ – eine Art vierrädriger Wagen mit Kiste- wurden dann die Lebensmittel, die sie gegen Wertgegenstände eingetauscht hatte, nach Hause gekarrt. Dass sie Hunger gelitten hat, daran kann sie sich nicht erinnern, aber sie ist sicher, dass ihre Eltern gehungert haben.

Christine wurde 1945 in die Bismarckschule in Feuerbach eingeschult. Fast alle Kinder trugen ärmliche Kleidung und sie war die einzige, die eine Schultüte bekommen hatte. Auch Flüchtlingskinder waren dabei, mehr als 40 Kinder saßen in einer Klasse. In der ersten Klasse packte Christine öfters ihren Ranzen und ging einfach nach Hause, was der Lehrer akzeptierte, weil er wusste, dass sich dieses Verhalten verändern wird. Er verstand offenbar, dass Christine die mütterliche Nähe noch brauchte.  Es gab aber auch Lehrer, die weniger verständnisvoll waren und die geprügelt haben, auch Mädchen wurde der Hintern versohlt.

Wie viele Menschen, die in der Nachkriegszeit zur Schule gingen, kann sich Christine auch gut an die Schulspeisung von den Amerikanern erinnern: Das Essen wurde in großen Kübeln angeliefert, es gab  Breie oder Suppen und die Speisen wurden in Aluminiumgeschirr an die Kinder ausgegeben. Allerdings hat nicht alles geschmeckt, z.B. gab es einmal Pferdefleisch mit Zibeben (Rosinen).  Manchmal wurde auch Schokolade verteilt, die erste Schokolade ihres Lebens war Hershey Schokolade, die aussah wie ein Müsliriegel, oder es gab „Fliegerschokolade“ in Dosen, die aber eher bitter geschmeckt hat. Ihre Nebensitzerin in der Oberschule war Helga- ein Flüchtlingsmädchen. Sie besaß nur einen Rock und eine Bluse, beides wurde am Wochenende gewaschen, und ebenso nur ein paar Schuhe. Eingesessene Stuttgarterinnen betrachteten die Flüchtlingsmädchen eher von oben herab. Christine durfte sie ab und zu auch zum Essen mitbringen.

Die ersten Besatzungssoldaten in Stuttgart waren Franzosen, darunter auch Marokkaner mit Käppis und Umhängen, erst einige Zeit später kamen dann die Amerikaner. Die Bevölkerung musste Radios und Fotoapparate abgeben und der Vater nahm Christine mit, als er seinen Fotoapparat im Rathaus abliefern sollte. Ein amerikanischer Soldat schenkte ihr dort eine Orange,  in die sie wie in einen Apfel hineingebissen hat, da sie so eine Frucht bisher nicht kannte. Der Vater zeigte ihr dann, wie man die Orange vor dem Verzehr schält.

Für viele Lebensmittel brauchte man bis zur Währungsreform Bezugsscheine. Einmal gab es Zibebe auf Bezugsscheine, die die Mutter extra für den Weihnachtsstollen aufgehoben hat. Die Schwester und Christine haben diese Rosinen heimlich gegessen, dann hat ihre Mutter, als sie das entdeckt hat, bitterlich geweint. Zum Glück hatten sie im Garten auch viele Beeren, Kirschen und Gemüse, was sie als Kind aber eher genervt hat, weil sie dort bei der Ernte immer mithelfen musste. Auch hat ihr ihre Mutter, weil sie nähen konnte, aus eingefärbten Militärdecken einen kratzigen Mantel genäht, denn auch  Kleidung und Stoffe konnte man längere Zeit nach dem Krieg nur auf Bezugsscheine erhalten.

Nach vier Jahren Grundschule wechselte sie auf die Mädchenoberschule und machte dort nach sechs Jahren die mittlere Reife. In Sprachen war sie gut, Englisch und Französisch lagen ihr sehr, aber Mathe mochte sie nicht. Besonders  beeindruckt hat sie die Deutsch- und Geschichtslehrerin aus Königsberg, die den Schülerinnen Agnes Miegel- eine Dichterin aus der Heimatstadt der Lehrerin-  nahebrachte. Wenn die Lehrerin im Deutschunterricht Texte vorgelesen hat, hat Christine  das besonders viel Freude bereitet, da hörte sie fasziniert zu.  Aufsätze schreiben fand sie allerdings nicht so spannend, aber bei einem Thema:„Wie würdest du dir dein Zimmer einrichten?“ da bekam sie eine gute Note. Eine weitere beliebte Lehrerin, an die sie sich gerne erinnert, war eine moderne, junge, gutaussehende Frau, die mit einem amerikanischen Auto in die Schule kam, weil sie offensichtlich einen amerikanischen Freund hatte. In der 6. Klasse- heute ist das die 10. Klasse- kam ein neues Fach hinzu: Gemeinschaftskunde. Im Unterricht des neuen Faches sollten den Schülerinnen auch etwas über das Dritte Reich gelehrt werden. Allerdings war die Information von Seiten der Lehrer über diese Zeit eher lückenhaft und das System der DDR wurde komplett ausgeblendet.

Ein Ereignis aus der Schulzeit hat Christine bis heute nicht vergessen: Sie hat einen Eintrag  von der Rektorin bekommen hat, was für die damalige Zeit wahrlich eine Ausnahme darstellte. Am Montagmorgen war Schülergottesdienst für die katholischen Schülerinnen in einem Raum über der Turn- und Festhalle, Christine ging da aber an einem Morgen nicht hin und war mit ihren Klassenkameradinnen im Klassenzimmer, und dort haben sie gesungen und übermütig auf den Bänken getanzt. Plötzlich wurde es um Christine merkwürdig ruhig, weil die Rektorin aufgetaucht war, was sie aber nicht bemerkt hatte, und sie bekam einen Eintrag gleich auf der ersten Seite des Klassenbuches. Die ganze Woche machten die Lehrer dann entsprechende Bemerkungen. Auch die Eltern mussten zum Gespräch in die Schule kommen und die gute Note in Betragen war weg. Die Eltern legten Wert auf gute Bildung und Erziehung und die Mutter wollte, dass Christine in ein Internat kommt, aber Vater war dagegen. Er sprach das entscheidende Wort, das mich vor dem Internat rettete: „Des Mädle kommd ned ins Internad, des bleibt dahoim, des braucht Neschdwärme.“ Ich bin ihm heute noch dankbar, dass er meine Not erkannte und für mich eintrat.

Für die Mädchenoberschule mussten die Eltern Schulgeld bezahlen, das der Hausmeister in der Klasse kassierte, ebenso mussten die Bücher selbst gekauft werden. Die Schul-kameradinnen dort waren auch eher Mädchen aus wohlhabenderen Familien.

1956, nach der bestandenen mittleren Reife kam sie durch Beziehungen der Eltern zu einem Nachbarn auf das Telegraphenamt in der Bolzstraße in Stuttgart. Dort wurden, wie der Begriff schon sagt,  Telegramme übermittelt. Mit Hilfe großer elektrischer Schreibmaschinen, den sogenannten Fernschreibern, wurden die Telegramme an andere Telegraphenämter in ganz Deutschland weitergeleitet. Ankommende Telegramme, es waren schmale Streifen mit Text, wurden aufgeklebt und dann per Post- oder Eilboten an die Empfänger ausgehändigt Ein Wort eines Telegramms kostete damals 15 Pfennige, ein Grund für den Absender, sich kurz zu fassen.

Die Lehre auf dem Amt dauerte etwa ein halbes Jahr und beinhaltete die Fächer Schreibtechnik, Geographie, Rechnen, Bürgerkunde und Postgeschichte.  An den Fernschreibern arbeiteten nur Frauen, der Chef allerdings war ein Mann, was typisch für die Nachkriegszeit war. Zunächst war Christine Angestellte und hatte viel Respekt vor den älteren Frauen dort.  Dienstzeiten waren von  7 Uhr am Vormittag bis um 13 Uhr und eine weitere Schicht von 13-21 Uhr.

Nach einem Jahr, also 1957, wurde sie nach Ludwigsburg aufs Telegraphenamt versetzt, das machte man bevorzugt mit den jungen Mitarbeiterinnen. Das Amt befand sich an der Ecke Bahnhof- und Myliusstraße, heute das Gebäude der Deutschen Bank. Gewohnt hat sie aber weiterhin in Feuerbach bei ihren Eltern,  da Wohnungen knapp waren  und sie sich das von ihrem auch für die damaligen Verhältnisse geringen Verdienst von 80 DM im Monat nicht leisten konnte. Vom ersten Gehalt, das sie selbst behalten durfte, hat sie sich einen Popelinmantel und eine paar Schuhe gekauft. Zunächst musste sie den Eltern nichts abgeben, aber später dann doch einen Obolus als Ausgleich für das Wohnen zuhause entrichten. 1964 Jahre zog Christine dann nach LB, weil sie an die Anmeldestelle für Fernmeldeeinrichtungen in der Bismarckstraße versetzt wurde. Damit verbunden war die Möglichkeit, Beamtin zu werden. Es folgte eine Ausbildung und dann die Prüfung für die Beamtenlaufbahn, damals eine attraktive Karrieremöglichkeit für Frauen. Alle zwei Wochen musste sie im Amt eine Nacht lang  Nachtdienst leisten, zu dieser Tätigkeit gehörte die ganze Palette der damaligen fernmündlichen Serviceleistungen der Post,  z.B. Weckdienste übernehmen, Auskunft geben und Telegramme aufnehmen und die tägliche Aufzeichnungen der Wetteransagen. „ Nachtdienst, das war der Alptraum! Ich war fast ganz allein in dem riesigen Gebäude. Aus allen Ecken Geräusche, die ich nicht kannte. Ich sah hinter jedem Pfosten einen Einbrecher. Und ich mutterseelenallein in diesem Haus.  Und keiner, der mir helfen konnte. Zum Glück kam nie ein Einbrecher, aber ich schwitzte bei jedem Nachtdienst Blut und Wasser. Am nächsten Tag war ich meist ziemlich erledigt.“

Christine hat sich sehr schnell in Ludwigsburg heimisch gefühlt, vor allem auch wegen der Freundinnen von der Arbeitsstelle. Gemeinsam haben sie dann nochmals Tanzstunden besucht. Im Bahnhotel, neben der heutige Musikhalle, fanden der Tanzunterricht und die Abschlussbälle statt.  Zum Tanzen ging man dann am Wochenende z.B. ins Cafe Scholl nach Neckargröningen, oder unter der Woche ins Cafe Lassas in der Schillerstraße. Wollte man die aktuellen Filme sehen, waren das Central-Kino oder das Cluss- Kino-  heute Scala- die bekanntesten Adressen. In der Myliusstraße, wo sich heute der Rewe befindet,  gab es noch  das Arcadia- Kino und einen Stock höher konnte man in gepflegter Atmosphäre zur Klaviermusik tanzen.

Christine genießt heute ihren Ruhestand, denn als die Anmeldestelle für Fernmelde-einrichtungen aufgelöst wurde, hat man den älteren Mitarbeiterinnen einen vorgezogenen Ruhestand ermöglicht. Seitdem genießt sie besonders das Reisen, sie war z.B. schon in China und fuhr häufig mit Freunden in ihre „zweite“ Heimat  nach Südspanien, wo man sie im Hotel kennt und man sie wie ein Familienmitglied empfängt und verabschiedet. Das ist auch der Grund, warum sie seit einigen Jahren Spanisch lernt, weil sie sich mit den Menschen dort verständigen möchte. Sie empfindet eine besondere Dankbarkeit für diese Zeit, denn die Begegnungen mit Menschen und das Erleben schöner Landschaften und anderer Kulturen sind etwas, das einem niemand mehr nehmen kann.

Das Älterwerden steckt sie nicht so einfach weg, die körperlichen Einschränkungen machen ihr doch auch zu schaffen. Aber sie lässt sich nicht „unterkriegen“, sie versucht sich ihre positive Lebenseinstellung zu erhalten und ganz wichtig ist ihr, sich zu pflegen, sich Gutes zu tun, sich schön anziehen.

Seit über 50 Jahren lebt Christine jetzt in Ludwigsburg und die Stadt ist ihre Heimat geworden: Hier hat sie den größten Teil ihres Lebens verbracht, hier hat sie ihre Freunde, hier ist es einfach schön. Die Kindheit und Jugend in Feuerbach und Stuttgart gehören- besonders nach dem Tode der Mutter- einem anderen Lebensabschnitt an.

Wie heißt es doch so schön? Home is where my heart is!

*die Überschrift ist ein Zitat aus einem Text eines algerischen Flüchtlings, erschienen in der Stuttgarter Zeitung vom 2. Februar 2015

Biographie Christine  – aufgeschrieben von Hedi Seibt.

Christine kenne ich seit September letzten Jahres, als ich zum ersten Mal den Spanischkurs A1 in der VHS Ludwigsburg besuchte. Acht Frauen im jüngeren und mittleren Alter waren schon anwesend- auch die Kursleiterin- und ich setzte mich auf den nächsten freien Platz, und der war neben Christine. Und so blieb es: Seit zwei Semestern sind wir Sitznachbarinnen- und jedes Mal, wenn die üblichen Fragen der Professora: ? Que hiciste durante la semana pasada? oder ? Que tal las vacasiones? zu beantworten waren, erzählte sie, zuerst auf Spanisch- dann öfter weiter auf Deutsch, was sie alles gemacht und erlebt hatte, gewürzt mit teils komischen, teils skurrilen Details, so dass wir immer etwas zu lachen hatten- auch wenn manches Ereignis eher alltäglich war. Für mich ist sie eine typische  „ handfeste“ Schwäbin, geradeaus, ehrlich, humorvoll, freundlich und hilfsbereit und sie ist seit 1964 eine Ludwigsbürgerin. Und das war auch der Grund, warum ich sie für das Projekt der „Stadtistik “ zu gewinnen suchte.

Deitschesau

Wer jetzt noch unterwegs ist, dem kleben die Kleider am Körper. Wer jetzt noch unterwegs ist, hat etwas Wichtiges zu erledigen, keine Gleitzeit oder erbarmungslose Vorgesetzte. Wer kann, sitzt unter schattigen Bäumen, unter Sonnenschirmen in Eiscafés oder liegt im Freibad, direkt am Neckar gelegen und schaut träge auf den Fluss. Wer jetzt noch unterwegs ist, strebt nach Hause, so wie die meisten Leute am Zentralen Omnibusbahnhof in Esslingen. Die meisten Fahrgäste haben eine Monatskarte und der Busfahrer lässt sie nach einem kurzen Blick auf ihre Fahrkarte mit einem fast unmerklichen Nicken passieren. Wer schon sitzt, seufzt erleichtert und wartet, dass der Bus endlich abfährt. Doch der Busfahrer fährt nicht. Er verhandelt mit einem Mann. Was ist denn da vorne los?

– Wohin? fragt der Fahrer.

– Deitschesau, sagt der Mann.

– Wo Sie hinwollen, habe ich sie gefragt.

– Deitschesau, Fahrkarte, Deitschesau! sagt der Mann eindringlich.

– Das geht zu weit. Ich muss mich von Ihnen nicht beleidigen lassen. Sagen Sie endlich, wo Sie hinwollen oder steigen Sie wieder aus.“ Der Fahrer wird lauter, erheblich lauter. Der Fahrgast beschwörend.

– Deitschesau, Deitschesau!

– Ich lass mich nicht von Ihnen beschimpfen. Steigen Sie sofort aus!

Der Busfahrer steht auf und schiebt den Fahrgast, der noch keiner ist, zurück. Der hält sich am Gestänge fest und ruft wieder „Deitschesau!“ Es sieht nach Handgreiflichkeiten aus und das kann grad niemand brauchen, nicht bei diesem Wetter. Endlich steht ein Fahrgast auf, der hinter dem Busfahrer sitzt und mischt sich ein.

– Ich glaube, Sie haben etwas missverstanden, sagt er zum Busfahrer.

– ‚Deutsche Sau‘ sagt der Kümmeltürke da zu mir. Das brauche ich mir nicht gefallen zu lassen. Raus jetzt! Solche Typen nehme ich nicht mit. Meine Mutter ist Italienerin und mein Vater Deutscher. Deswegen bin ich noch lange keine deutsche Sau! Seit wann ist es eine Schande, ein Deutscher zu sein? Muss man sich in einem eigenen Land von Ausländern beleidigen lassen?

Der Vermittler wendet sich dem Fahrgast zu:

– Wo wollen Sie hin?

– Deitschesau, Deitschesau, sagt der wieder und klammert sich am Einstieg fest, als ob es um sein Leben ginge. Der Vermittler wendet sich dem Busfahrer zu und sagt:

– Der will nach Deizisau.

Der Busfahrer entspannt sich.

– Eine Fahrkarte nach Deizisau, die kann er haben. Bitteschön.

Er lässt eine Fahrkarte aus seinem Automaten und reicht sie dem Fahrgast in spe.

– Zwei Euro achtzig, sagt er.

Der Fahrgast in spe bezahlt und ist nun ein rechtmäßiger Fahrgast.

– Lernen Sie mal richtig Deutsch“, sagt der Busfahrer, dann passiert so was nicht. Es heißt Dei-zis-au, nicht Deitschesau.

Der Türke bleibt stumm. Ein paar Fahrgäste fühlen sich berufen, ihn zu unterstützen, seine Deutschkenntnisse zu verbessern. „Dei-zis-au“ sagt Einer. Der Türke bleibt stumm. Ein Zweiter stimmt ein: „Dei-zis-au“. Dann ein Dritter, ein Vierter und ein Fünfter. Der Türke lächelt schüchtern und sagt schließlich leise: „Dei- zis- au“. Die Umstehenden lachen befreit, der Vermittler klopft ihm anerkennend auf die Schulter. „Deizisau, Deizisau, Deizisau!“ rufen sie im Chor, der Türke mittendrin. „Danke“, sagt der Busfahrer und fährt los. Und dann reden und lachen alle durcheinander und miteinander wie noch auf einer Busfahrt von Esslingen nach Deizisau.

Regina Boger 2015

Eine interkulturelle Teezeremonie mit „Ludwigs Bürger!nnen“ beim Ludwigsburger Literaturfest

Am 18.10. um 17.15 im Veranstaltungsraum der Stadtbibliothek

Die Vielfalt Ludwigsburgs gespiegelt in den Lebensgeschichten seiner Bürger und Bürgerinnen. Die Stadtschreiber/innen fühlen in einer vielstimmigen Collage aus dramatischen und scheinbar ganz normalen Lebensgeschichten den Puls der Stadt. Gewürzt mit Masala Chai und Snacks.

Ein Beitrag des interkulturellen Literaturblogs tezere.