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Träume, die nie vergehen

 
Vor langer, langer Zeit sind wir uns begegnet.
War es Fügung, war es Schicksal?
Du und ich, zwei völlig verschiedene Menschen, aus zwei verschiedenen Welten.
Du ein Mann aus Indien, schon 40 Jahre, weltgewandt und erfahren.
Ich, ein junges Mädchen, gerade aus der ,,Kleinstadt“ nach München gezogen.
Total unerfahren, was das Leben und auch was das männliche Geschlecht betrifft. War noch ein unschuldiges Mädchen.
Bin von zu Hause fort, ohne schon volljährig zu sein. Nur meine Mutti wusste von meinen Plänen.
Mein Vater war viel zu streng, um mir die Erlaubnis dafür zu geben.
Alles, was sie mir zum Abschied mitgegeben hatte, war: „Mach mir keine Schande“. Aufgeklärt war ich nicht.
 
Und nun war ich hier in München. Ganz allein mit meinem Köfferchen in der Hand im Wohnheim.
 
Du warst im Männerwohnheim, ich im Frauenwohnheim, beide Heime waren miteinander verbunden durch gemeinschaftliche Fernsehräume,
Clubräume und Sporträume. Beide arbeiteten wir bei „Agfa“. Du als Ingenieur, ich als Fotografin. Beide gingen wir auch in die Kantine zum Mittagessen.
Da sah ich dich das erste Mal.
 
Zuerst nur von hinten. Mir fiel dein Gang auf, sehr edel und stolz, hoch aufgerichtet. Dein wunderschönes, welliges, schwarzes Haar.
Wie von einem inneren Zwang wollte ich am liebsten durch dein Haar streichen.
 
Was war los mit mir?
Du, ein mir unbekannter Mann, dein Gesicht hatte ich noch nicht gesehen und ich war wie elektrisiert?
Ich setzte mich an meinen Platz und fing zu essen an. Da fiel mir das Besteck auf einmal aus der Hand
und ich blickte eine Bank vor mir in zwei dunkle, leidenschaftliche Augen. Wie ein Blitz durchfuhr es mich, ich war wie hypnotisiert.
Bin aufgestanden und schnell weggerannt.
 
Den ganzen Tag hatten mich deine Augen verfolgt, wie im Trance. War wie ferngesteuert und es hat mich am Abend in den Fernsehraum gezogen.
Nach kurzer Zeit ging die Türe auf und ich wusste, du warst es.
Ich drehte mich nicht um, wusste aber, du kommst von hinten auf mich zu.
Und du setztest dich zu mir. Fragtest mich, ob ich mit dir Tischtennis spielen wollte. Und ich wollte.
 
Du spieltest wie ein Gott. Deine Bewegungen waren so elegant und du warst so flink, ich hatte keine Chance gegen dich.
Aber es hat sehr viel Spaß gemacht. Das war unser erstes Kennenlernen.
 
Wir wurden ein Liebespaar, obwohl ich wusste, du musst nach einem halben Jahr wieder zurück in deine Heimat.
Du warst verheiratet, hattest eine kleine Tochter. Du hast mich angezogen wie ein Magnet.
Ich hatte auch eine große Wirkung auf dich. Wir konnten nicht voneinander lassen.
 
Im Wohnheim waren Zärtlichkeiten total verboten. Wurde man dabei erwischt, musste man seine Koffer packen.
Wir fanden aber immer ein Eckchen, wo wir ungestört uns umarmen, streicheln und schmusen konnten.
Da versanken wir ineinander, vergaßen Raum und Zeit.
 
Für mich war das alles so etwas Großes. Ich glaubte ständig, zu träumen.
Du warst einfach mein Traummann. Du warst ein sehr edler Mensch aus der obersten Klasse, ein Brahmane.
Sehr klug, deine indische Philosophie war immer: Körper, Geist und Seele im Einklang zu halten.
Ich nahm alles auf wie ein Schwamm, lernte viel von dir.
 
Du hattest eine enorme Ausstrahlung. Ich konnte mich nicht genug sattsehen an dir.
Du warst mein Doktor Schiwago, hattest viel Ähnlichkeit mit Omar Sharif.
Welch ein Profil! Saß ich neben dir, sah ich dich immer wieder fasziniert von der Seite her an.
 
Wir trafen uns jeden Tag dreimal am Tag. Am Morgen sah ich dir vom Fenster aus zu, wie du zur Arbeit gingst. Ich war immer etwas später dran.
Du winktest mir zu und das war für mich ein wunderbarer Einstieg in den Tag.
 
Am Abend trafen wir uns dann nach der Arbeit.
Mein Herz klopfte jedes Mal so laut, dass ich dachte, es zerspringt.
Mein Gesicht glühte, ich war einfach nur noch Wachs in deinen Händen.
Deine Hände waren sehr zärtlich, sehr liebevoll.
Du fordertest nie etwas, was ich nicht hätte auch wollen.
Wir liebten uns, aber gingen nicht bis zum Letzten.
Die Worte meiner Mutter waren mir immer ein Hindernis.
 
Einmal war ich doch so weit,
konnte vor Sehnsucht nach dir mich nicht mehr halten.
Wir waren schon im Aufzug zu mir in mein Zimmer im 6. Stock.
Es war ein Wagnis, wären wir erwischt worden,
wären wir aus dem Heim geflogen.
Ich bekam Angst und schickte dich wieder fort.
Du warst zwar sehr enttäuscht, machtest mir aber keine Vorwürfe.
Blieb zurück mit wild pochendem Herzen.
 
Du warst der Mann, der mich so verzauberte,
aber zu dem letzten Schritt war ich nicht bereit.
Du drängtest mich zu nichts, obwohl ich schon spürte, es fiel dir nicht leicht.
Du warst ein Mann, der soviel Liebe in sich trug, der so viel Liebe ausstrahlte.
Wenn du mich ansahst, wurde mir schon ganz schwindelig vor Glückseligkeit.
 
Du warst meine erste große Liebe, ich werde dich nie vergessen.
Als du wieder zurückflogst nach Indien, dachte ich, die Welt stürzt ein.
Dachte, ich könne das nicht überleben.
 
Nun, ich lebe immer noch.
Habe dir ein Plätzchen in meinem Herzen gelassen.
 
Du warst ein wunderbarer Mann und Mensch.
Wirkst auch weiterhin auf mein Leben.
Die Liebe zu Indien zog wie ein roter Faden durch mein Leben.
Ich habe versucht, dich über Internet vor ein paar Jahren zu suchen.
Wollte dich so gerne noch einmal sehen.
Dir noch einmal in die Augen sehen,
als Frau und nicht mehr als unschuldiges Mädchen.
Doch die Spur führte nach Amerika und dann verwischte sie sich.
 
Ob du noch lebst?
In meiner Erinnerung sehe ich dich noch so klar vor mir,
du warst meine erste große Liebe.
 
©gida
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