Schlagwort-Archive: autobiographisch

Ich wollte nicht nur überleben

Heimat

Deutschland ist meine Heimat geworden. Ich will nicht zurück in den Irak. Es ist schön dort. Ich fliege in den Irak, um meine Familie zu besuchen. Ich habe mich in Deutschland geändert, die Menschen im Irak sind gleich geblieben. Nach drei Wochen wird mir langweilig, ich bekomme Heimweh – nach Deutschland. Meistens komme ich auf dem Flughafen in Düsseldorf an. Ich freue mich, wenn ich in Düsseldorf bin, endlich bin ich wieder in Deutschland. Dann fahre ich mit dem Zug nach Stuttgart und freue mich noch mehr. Meine Freude steigt, wenn ich nach Ludwigsburg komme. Wenn ich in Hochdorf bin, dann bin ich wirklich zu Hause! Wir haben sieben Jahre in einer Wohnung in Poppenweiler gewohnt, dort haben wir uns sehr wohl gefühlt. Seit 12 Jahren haben wir ein Haus in Hochdorf. Wir kennen die Nachbarn, kommen gut mit ihnen aus. Ja, in Hochdorf bin ich zuhause.

Der Irak ist ein reiches Land, aber eine Diktatur mit Folter und ohne Freiheit für das Volk. Wenn man nach Deutschland kommt, erlebt man diese unbegrenzte Freiheit. Dann entwickelt sich Neid auf dieses Leben in Freiheit.  Wenn man an die eigene Jugend mit Folter denkt und sieht, wie der Westen Saddam unterstützte, dann entwickelt sich Hass. Aber wenn man das Leben kennen gelernt hat, wenn man gelernt hat nachzudenken, überwindet man solche Gefühle.  Ich habe die schrecklichen Erfahrungen hinter mir gelassen. Ich denke vielleicht zwei Mal im Jahr an diese Zeit. Wenn ein Kunde im Laden diese Jahre im Irak anspricht, kommen mir Tränen.

Als ich deutscher Staatsbürger geworden bin, habe ich das Land noch mehr geliebt als zuvor. Deutschland ist meine Heimat. Hier leben meine Kinder. Sie sollen sich mit ihrer Heimat identifizieren.

Meine Gedanken sind anders, wenn ich Kurdisch rede. Wenn ich an meine Mutter denke, spreche ich in Gedanken Kurdisch mit ihr. Wenn ich an einen Freund denke, spreche ich in Gedanken deutsch mit ihm. Mit meiner Frau und meinen Kindern spreche ich deutsch.

Als Kurde im Irak

Mein Vater weinte, als ich den Irak verlassen musste. Wir verstanden uns sehr gut. „Du bist nicht nur mein Sohn, du bist auch mein Freund“, sagte er einmal zu mir. Die Kurden werden überall verfolgt. Die Diktatoren ließen uns nicht in Ruhe. Und Saddam Hussein war einer der schlimmsten. Das war der Grund, weshalb ich aus dem Irak fliehen musste.

Meine Familie lebt in Sulaimaniya, einer Großstadt im Nordosten des Irak. Als ich in der 11.  Klasse des Gymnasiums war, engagierte ich mich politisch in einer Untergrundorganisation, einem Arm der kurdischen Partei PUK (Patriotische Union Kurdistans). Diese Partei stellte später, nach dem Sturz Saddam Husseins, den Staatspräsidenten Kurdistans, Jalal Talabani. Ich klebte also nachts Plakate gegen die Politik Saddam Huseins. Eines Tages kamen Geheimpolizisten in die Schule und holten mich aus dem Unterricht. Freunde von mir waren gefoltert worden und hatten meinen Namen preisgegeben. „Es dauert nur eine viertel Stunde“, sagten die Polizisten. Es dauerte keine viertel Stunde, sondern ein viertel Jahr. Die Geheimpolizisten brachten mich in ein Gefängnis. Meine Eltern erfuhren nicht, wo ich war. Sie waren in größter Sorge um mich.

Folter

Zum Glück kam ich in eine Zelle mit drei Freunden. Die Erfahrenen bereiteten mich auf die Tricks der Folterer vor. Die Polizisten haben uns gedroht, Angst gemacht und versuchten uns einzuschüchtern. Wir unterstützen, pflegten und trösteten uns gegenseitig, wenn einer gefoltert worden war. Das stärkte uns sehr. Die Folterer holten immer Einen aus der Zelle, schlugen und folterten ihn und brachten ihn dann wieder zurück in die Zelle. Einige meiner Freunde von der Untergrundorganisation haben diese Qualen nicht ausgehalten, haben gestanden oder sind an den Folgen der Folter gestorben. Wenn man schweigt und die Folter durchhält, kann man überleben. Wenn man standhaft bleibt, können die Geheimpolizisten nichts machen. Wenn man gesteht, bedeutet dies 20 Jahre Gefängnis oder gleich die Todesstrafe. Ich habe mich einfach dumm gestellt. Ich gab an, nicht zu wissen, was sie von mir wollten, konnte keine Namen nennen, weil ich ja mit niemandem etwas gemacht hatte. Ich ließ  mich nicht einschüchtern, weder von ihren Demütigungen noch durch die körperlichen Schmerzen, die sie mir zufügten. Einmal stach mir ein Geheimpolizist mit seinem Messer fingertief in die Brust, nur ein paar Millimeter am Herzen vorbei. Das war ein Spezialist, der genau wusste, wie er zustechen musste, um mich in Lebensgefahr zu bringen und mich in Todesangst zu versetzen. Meine Freunde in der Zelle pflegten mich. Die Folterer ließen mich in Ruhe, bis die Wunde verheilt war.  Danach ging die Folter weiter. Eines Tages provozierte ich sie: „Ich bin ein ehrlicher Mann“, sagte ich zu ihnen, „Ihr nicht. Ihr seid Sklaven von Saddam Hussein. Ihr werdet von ihm bezahlt, dass ihr mich foltert. Ihr seid Schwächlinge!“ Danach schlugen sie mich bis zur Bewusstlosigkeit. Als ich wieder zu mir kam, musste ich eine Erklärung unterschreiben, dass ich mich nie wieder politisch betätigen  würde. Wenn ich mich an dieses Verbot nicht halten würde, wäre dies mein Todesurteil.

Die Geheimpolizisten schickten mich nach Hause. Sie setzten mich in ein Taxi, denn ich sah so fürchterlich aus, dass ich nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren konnte. Sie nahmen mir zuvor noch das Versprechen ab, mit niemandem über die Folter zu reden. Als ich an die Türe unseres Hauses klopfte, öffnete meine Mutter und wollte die Türe gleich wieder schließen. „Mutter, ich bin’s, dein Sohn“, sagte ich. Sie starrte mich an und brach in Tränen aus. „Wo warst du? Was haben sie mit dir gemacht?“ wollte sie wissen. Ich sagte nichts. Ich hatte Angst, die Geheimpolizei würde erfahren, dass ich mit meinen Eltern gesprochen hatte und ich würde wieder gefoltert werden. Ich war 17 und hatte eine Angst kennen gelernt, von der ich zuvor nichts geahnt hatte. Die Folter hatte gewirkt.  Meine Mutter pflegte mich gesund.

Weil ich so lange nicht in der Schule war, musste ich die 11. Klasse wiederholen. Nach zwei Jahren, das war 1983,  machte ich das Abitur und ging zum Studium nach Kerkuk. Inzwischen war der Krieg zwischen dem Irak und dem Iran (1980 -1988) in vollem Gange.

Ich hatte mich für Elektrotechnik eingeschrieben, konnte mich aber nicht auf das Studium konzentrieren. Ich fand sehr merkwürdig, dass das Universitätsgelände eingezäunt war und man einen Ausweis zeigen musste, wenn man das Uni-Gelände betreten wollte. Die Geheimpolizei konnte so kontrollieren, wer sich auf dem Gelände befand. Der Krieg Saddam Husseins gegen den Iran und gleichzeitig gegen die Kurden beschäftigte mich so sehr, dass ich mich wieder politisch engagierte. Die PUK führte Friedensverhandlungen mit Saddam, doch ich setzte wenig Hoffnungen in die Verhandlungen. Mich beunruhigte, dass alle Studenten eine paramilitärische Ausbildung machen mussten. Das hieß, dass alle Studenten am Morgen drei Stunden lang exerzieren mussten, danach erst begannen die Vorlesungen. Die Studenten aus Sulaimaniya waren die Einzigen, die sich weigerten, an dieser Ausbildung teilzunehmen. Deswegen wurde uns das Studienjahr nicht anerkannt. Wir mussten es also wiederholen.

Rettung durch Freunde

Als ich an einem heißen Sommertag 1984 aus der Vorlesung kam, fuhr ein Geländewagen mit vier Insassen und vier Kalaschnikows neben mir her. Die Männer mit den Kalaschnikows starrten mich die ganze Zeit an. Auf dem Weg zur Mensa sah ich meine Freunde vor der Mensa mit gepackten Koffern stehen. Das verstand ich nicht, denn das Studienjahr dauerte noch einen Monat. Vor dem Uni-Gelände stand ein Kleinbus für 20 Personen. Meine Freunde drängten mich in den Bus. Dort standen meine gepackten Koffer, die meine Freunde für mich gepackt hatten. „Was ist los?“, wollte ich wissen, „wo fahren wir hin?“ – „Nach Hause. Setz dich hin, frag nicht weiter“, antworteten sie und fingen an, Witze zu reißen und Geschichten zu erzählen. Der Geländewagen folgte uns. Unser Bus  fuhr kreuz und quer durch die Stadt und schließlich auf einer Nebenstraße in die Wüste. Der Geländewagen hatte uns glücklicherweise aus den Augen verloren.  Ich verstand nicht, weshalb sie nicht auf die Autobahn fuhren. Kerkuk liegt etwa eine Autobahnstunde von Sulaimaniya entfernt. An jeder Autobahnauffahrt gab es einen Kontrollpunkt der Geheimpolizei. Man musste anhalten und die Ausweise zeigen. Wenn man an so einem Kontrollpunkt von der Geheimpolizei entführt  wurde, bedeutete das den sicheren Tod. Unser Bus fuhr durch die Wüste und das bei 45° Celsius. Wenn ich fragte, was sie zu diesem Irrsinn trieb, lachten sie, machten ein paar Witze oder fingen an zu singen. Als wir nach vier Stunden in Sulaimaniya angekommen waren, ließen sie mich aussteigen, drückten mir meine Koffer in die Hand, gaben mir einen Tritt in den Hintern und sagten: „Geh nach Hause und komm nie wieder zurück. Wir sind durch die Wüste gefahren, damit du sicher  heimkommst.“

Erst neun Jahre später erfuhr ich den Grund für das seltsame Verhalten meiner Freunde. Ein Freund hatte gehört, wie ein Geheimpolizist am Kontrollpunkt des Uni-Geländes zu einem anderen gesagt hatte: „Wenn Ihr Karwan seht, dann entführt ihn. Nicht festnehmen.“ Dieser Freund trommelte sofort alle unsere Freunde zusammen und organisierte den Bus. Ein anderer packte  meine Koffer. Die Geheimpolizei konnte mich nicht festnehmen, weil zu viele Studenten um mich herum waren. Das wären alles Zeugen gewesen und Zeugen sollte es bei Entführungen nicht geben. Die Geheimpolizei ließ Menschen verschwinden und niemand wusste etwas.

Flucht über die Berge in Begleitung der Mutter

Mir war klar, dass mir meine Freunde das Leben gerettet hatten, auch wenn sie mir nichts sagten. Zu meinen Eltern sagte ich: „Entweder muss ich ins Ausland gehen oder in die Berge.“ In den Bergen war die kurdische Armee. Ich war schon immer pazifistisch eingestellt. Ich glaube bis heute nicht, dass man einen Konflikt mit militärischen Mitteln lösen kann. Deshalb kam es für mich nicht in Frage, mich als Kämpfer der  kurdischen Armee anzuschließen. Ich hatte keinen Pass, also konnte ich nicht legal ins Ausland gehen. Freunde besorgten mir einen Ausweis, mit dem ich in den Iran einreisen konnte. Das bedeutete, dass ich mit Schmugglern über eine 4000 Meter hohen Pass gehen musste. Meine Mutter bestand darauf, mich bis zur Grenze zu begleiten. Zur Unterstützung nahm sie noch eine Verwandte und eine Freundin mit. Wir ritten auf Pferden über enge und steile Pfade. Wir mussten auf den Pferden reiten, weil die Pferde auf den steinigen Pfaden sicherer gingen als wir es gekonnt hätten. Jeder falsche Schritt hätte uns das Leben kosten können.  Mein Pferd war auf dem rechten Auge blind und rechts ging es in die Tiefe. Ich krallte mich in der Mähne des Pferdes fest und schaute konsequent nach links zu den Felswänden. Als wir an der irakisch-iranischen Grenze angekommen waren, wurde ich krank. Meine Mutter und die beiden Frauen pflegten mich eine Woche lang. Als ich wieder gesund war, wollte meine Mutter mich überreden, mit ihr nach Hause zurückzukehren. Ich kehrte auch mit ihr zurück, aber aus einem anderen Grund, als sie dachte. Ich wollte sie und ihre Begleiterinnen nicht alleine diesen beschwerlichen Weg gehen lassen.

Flucht auf einem Esel

Ich blieb eine Woche bei meinen Eltern. Während dieser Zeit überredete mich ein Freund, mit ihm zu fliehen.  Wieder machten wir uns mit Schmugglern auf den Weg ins Gebirge. Dieses Mal ritt ich auf einem Esel. Ich liebe Esel – und Nashörner. Als wir die iranische Grenze erreicht hatten, stellten wir uns der Polizei. Das  war im Juli 1984, ich war 21 Jahre alt. Die Polizei brachte uns nach Teheran in ein Asylantencamp für Iraker. Da wir das Camp tagsüber verlassen konnten, nützte ich diese Gelegenheit, mich zu erkundigen, wie ich in den Westen kommen könnte und knüpfte Kontakte. Über Beziehungen bekam ich Kontakt zur  Außenstelle der kurdischen Zentralpartei. Diese Außenstelle stellte mir einen Passierschein nach Syrien aus. Damit konnte ich den Iran verlassen. Den iranischen Grenzkontrolleuren war es egal, wohin ich ausreiste und so stieg ich unbehelligt in ein Flugzeug nach Istanbul. In Istanbul wurde es noch einmal gefährlich, da die türkische Regierung gute Beziehungen zu der irakischen Regierung unterhielt. Ich blieb fünf Stunden im Transitbereich, bis ich ein Ticket nach Ost-Berlin bekam. Als das Flugzeug den iranischen Hoheitsbereich verlassen hatte, tanzten wir – das waren 150 Iraker –  vor Freude im Flugzeug herum. In Ost-Berlin wollte man keine Asylanten. Die DDR-Regierung war froh, dass wir in den Westen wollten und ließ uns problemlos passieren. Sie hoffte, dass die Asylanten der BRD Probleme bereiten würden.

Die erste Zeit in Deutschland

Freunde erwarteten uns in West-Berlin. Nachdem ich Asyl beantragt hatte, wurde ich nach Karlsruhe zu der Erstaufnahmestelle geschickt, von dort aus nach Tübingen. In Tübingen wohnte ich in einem Asylbewerberheim, das in einer ehemaligen französischen Kaserne untergebracht war. Es dauerte einundeinhalb Jahre, bis ich als Asylant anerkannt war und eine Aufenthaltsgenehmigung bekam. Diese Zeit nützte ich, um Deutsch zu lernen. Ich besorgte mir ein deutsch-arabisches Wörterbuch und eine Grammatik, die mir Freunde empfohlen hatten. Einmal in der Woche besuchte ich einen Deutschkurs an der Volkshochschule. Dann begann ich deutsche Bücher zu lesen. Genug Zeit hatte ich ja. Nach acht Monaten konnte ich einigermaßen deutsch. Guido, ein deutscher Medizinstudent, fuhr mit mir einen Tag lang im Auto durch Tübingen und Umgebung. Am Ende des Tages sagte er: „Ab jetzt rede ich nur noch deutsch mit dir. Du kannst es, aber du schämst dich!“ Er hatte Recht. Ich schämte mich, weil ich nicht perfekt deutsch konnte.

Mir fiel es immer leicht, Fremdsprachen zu lernen. In der Kaserne wurde ich schnell zum Übersetzer für Arabisch, Persisch, Englisch und Deutsch. Deswegen bekam ich ein Einzelzimmer. Das war mir recht. Ich hatte zwar viele Kontakte zu Afrikanern, Arabern und Iranern, hielt mich aber auch etwas fern von ihnen, weil sie viel Streit untereinander hatten. In diese Streitereien wollte ich nicht hineingezogen werden, um nicht mit der Polizei in Kontakt zu kommen.

In der Kaserne gab es eine Teestube, in die viele deutsche Studenten kamen. In diese Teestube ging ich oft, weil ich Kontakte zu Deutschen knüpfen wollte. Denn  Deutschland war meine Zukunft. Ich wollte nicht nur überleben, sondern hier eine neue Existenz aufbauen.

Liebe

In der Teestube leMerzas, kurdisches Festrnte ich auch meine Frau kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie kam einmal in der Woche in die Teestube. Sie kam meist mit anderen Studenten zusammen, wir begegneten uns immer in der Gruppe, nie alleine. Wenn wir uns zum Abschied die Hand gaben, wollten sich unsere Hände nicht mehr voneinander lösen.

Eines Tages, es war inzwischen Sommer 1986, war ich auf dem Weg zur Bank, um Geld für die Fahrkarte nach Schweden abzuheben. Als ich um die Ecke beim Nonnenhaus bog, stieß ich beinahe mit Liz zusammen, die ihre Mutter zum Bahnhof gebracht hatte. Liz‘ Studienjahr in Tübingen war zwar in einigen Wochen zu Ende, aber ihre Mutter hatte noch sehen wollen, wo und wie ihre Tochter in Tübingen lebte. Ja, und ich war gerade dabei, mir eine Fahrkarte nach Schweden zu kaufen. Bevor ich den Deutschkurs für Studenten in Fürth begann,  wollte ich Schweden kennen lernen. Wir verabredeten uns für den Abend, um ein Fußballspiel anzuschauen. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht mehr genau, wer gegen wen spielte, weil es in diesem Augenblich Wichtigeres gab als Fußball. Wir verbrachten die ganze Woche zusammen bis zu meiner Abfahrt nach Schweden. Wir wussten, dass wir zusammenbleiben wollten. Für immer. Liz entschied sich, ihre Sommerferien in Tübingen zu verbringen. Als ich aus Schweden zurück war, bekamen wir die Wohnung einer Freundin, die einige Zeit im Ausland verbrachte.

Als der Sommer zu Ende ging, musste Liz zurück nach England, um ihr Studium zu beenden und ich begann meinen Deutschkurs für ausländische Studenten in Fürth. Für mich war der Deutschkurs natürlich leicht, weil ich schon ziemlich gut deutsch konnte. Aber ich lernte trotzdem viel, vor allem auch die Wissenschaftssprache. Nach acht Monaten konnte ich in Bochum das Studienkolleg besuchen, das ich brauchte, damit meine irakische Hochschulreife in Deutschland anerkannt wurde. Liz kam nach Bochum, das war 1987, und wir waren endlich wieder zusammen. Nachdem ich das Kolleg  abgeschlossen hatte, bekam ich einen Studienplatz für Architektur an der Fachhochschule in Stuttgart.

Das Teelädle

OLYMPUS DIGITAL CAMERALiz und ich fanden eine Wohnung in Schorndorf. Um mein Studium zu finanzieren, arbeitete ich im Wein-und-Teelädle in Schorndorf, Liz machte eine Ausbildung in der Gastronomie. Nach dem Studium fand ich keine Arbeit als Architekt. Der Besitzer des Tee-Lädles, Werner Neher,  bot mir eine Stelle in seinem Teelädle an. Die nahm ich gern an. Mir gefiel die Arbeit von Anfang an. Ich rede gern mit Menschen. Die meisten Menschen, die ich kenne, mag ich und sie mögen mich.

Nun hatten wir beide ein Einkommen.  Wir heirateten 1994 in England.1995 schlug mir Werner Neher vor, mich selbständig zu machen und selbst ein Wein- und Teelädle zusammen mit meiner Frau Liz aufzumachen. Dieser Vorschlag gefiel uns und so eröffneten wir 1995 das Wein- und Teelädle in Ludwigsburg. In Poppenweiler fanden wir eine Wohnung. Nun führten wir das ruhige Leben, das ich mir gewünscht hatte. Eine angenehme Arbeit, freundliche Nachbarn, Leben auf dem Land und eine gute Verbindung zur Stadt.  Ich brauche die Weite, die Ruhe und die frische Luft des Landes. Es reicht mir, wenn ich in der Stadt arbeite.

Familie

1997 kam unsere Tochter zur Welt und 1999 unser Sohn. Wir sind eine glückliche Familie. Meine Frau und ich teilen uns die Arbeit im Wein-und Teelädle. Wenn wir auseinander gingen, wollte ich nie mehr eine andere Frau wollen. Ich weiß, dass sie mich liebt und dass sie mir treu ist. Ich bin auch ihr treu. Treue gehört zum Leben. Wenn kein Vertrauen da ist, kann man nicht treu sein. Wir sind abhängig voneinander. Liz und ich teilen uns die Arbeit im Lädle und in der Familie. Es ist schwierig, aus einer anderen Kultur zu kommen und die Richtige zu finden.

Kinder

Meine Tochter hat dieses Jahr Abitur gemacht und studiert in Tübingen Wirtschaftswissenschaften und Jura. Ich traue ihr ein Doppelstudium zu. Sie hat fürs Abi nicht viel gelernt und doch gute Noten bekommen. Sie war vor dem Abitur vor allem mit der Abi-Zeitung und mit der Organisation des Abi-Balls beschäftigt. Auch mein Sohn ist gut in der Schule. Ich habe meine Kinder nie mit Gewalt zum Lernen gezwungen, sondern habe ihr Denkvermögen aus ihnen herausgekitzelt. Mir war immer wichtig, dass sie gut in Mathe sind. Wer Mathe kann, kann alles andere auch. Als die Kinder klein waren, haben sie mich viel gefragt. Nebenbei habe ich ihnen Mathe-Aufgaben gestellt. Das hat ihnen Spaß gemacht. Das Mathe-Problem gibt es nur in Deutschland. Die Eltern sagen zu ihren Kindern: Nicht so schlimm, ich habe Mathe auch nie kapiert. Dann ist es doch kein Wunder, wenn die Kinder auch nicht Mathe kapieren. Ich habe meine Kinder immer ermutigt zu lernen. Mein Sohn konnte schon mit vier Jahren die 12er-Reihe. Meine Tochter wusste bei Mathe-Aufgaben immer sofort das Ergebnis. Ich musste ihr beibringen, dass sie ihren Denkprozess Schritt für Schritt aufschreibt. „Du musst dem Lehrer erklären, wie du zu dem Ergebnis gekommen bist“, sagte ich ihr. Meine Tochter denkt sehr analytisch, mein Sohn ist verträumter, wie alle Jungs.

Mir ist wichtig, dass meine Kinder respektvoll mit meiner Frau und mit mir umgehen. Als mein Sohn etwas Gemeines zu meiner Frau gesagt hat, bin ich wütend geworden: „Deine Mutter hat dich neun Monate in ihrem Bauch getragen! Wie kannst du es wagen, so mit ihr zu sprechen?“ sagte ich mit lauter Stimme. „Die Anderen reden auch so mit ihren Eltern“, antwortete mein Sohn. „Das ist mir ganz egal“, entgegnete ich ihm, „in unserer Familie gelten unsere Regeln. Und solche Worte will ich in unserem Haus nicht hören!“

Meine Eltern waren sehr lieb zu mir und meinen vier Geschwistern. Sie haben uns nie geschlagen. Aber an den Augen unseres Vaters haben wir gesehen, wenn wir ihn geärgert hatten. Er erzog uns ohne Beleidigung, ohne Schimpfwörter und ohne Gewalt. So erziehen wir auch unsere Kinder. Ich habe meine Kinder nie angefasst. Ich habe mich auch schon entschuldigt, wenn ich zu hart zu meiner Tochter war, weil sie zu spät nach Hause gekommen war. Ich hatte vier Wochen Hausarrest verhängt, fand das aber nachträglich ungerecht und übertrieben. Deswegen konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen. Am nächsten Morgen nahm ich meine Tochter in den Arm und erklärte ihr, dass ich aus Sorge um sie so wütend geworden war und die Strafe zur Bewährung aussetzen wollte.

Religion und Ethik

DSC02122Als ich im Irak gefoltert wurde, habe ich geschrien: “Gott, hilf mir!“ Die Folterer lachten und sagten: „Gott ist in Urlaub.“ Seither glaube ich nicht mehr an Gott. Ich bin zu Menschen freundlich, weil sie Menschen sind, nicht weil ich ins Paradies kommen will. Seit 15 Jahren habe ich Ruhe im Leben. Ich glaube an die Wissenschaft, nicht an einen analphabetischen Religionsgründer von vor 2000 Jahren. Ob Bibel oder Koran – das sind für mich Märchenbücher. Ich habe weder Angst vor der Hölle noch vor Gott. Ich kann ohne Angst meine Meinung sagen. Wenn ich sterbe, ist es das Ende wie im Film. Ich glaube an Menschen. Es geht um Vertrauen, darum ein guter Mensch zu sein. Es geht auch um Respekt. Jeder Mensch hat Respekt verdient, weil er ein Mensch ist. Das Aussehen, die Herkunft, die Sprache, die Religion – all das spielt keine Rolle. Aus dem Respekt vor den Menschen entwickeln sich Liebe und Treue. Ich bin ein großherziger Mensch. Ich helfe gern, bedingungslos. Ich mag Menschen, wenigstens die allermeisten, und sie mögen mich.

Erzählt von Karwan Merza, geschrieben von Regina Boger im August 2015

Fotos: Suresh

Anmerkungen zu Kommentaren:

Wir freuen uns sehr über Kommentare zu unseren Geschichten. Falls Ihr unsicher seid, wie man einen Kommentar schreiben kann, schlagen wir hier einige Formulierungen vor, die Ihr verwenden könnt, um euer subjektives Empfinden auszudrücken:

 Mir ist dabei eingefallen, … Mich hat deine Geschichte erinnert an …Ich fand….  Mir fiel auf, dass… Ich habe dabei … empfunden    Ich habe nicht verstanden, …. Ich musste lachen/weinen, als ich las, wie …

 

 

 

 

In Ludwigsburg haben meine Füße Halt gefunden

 

Das Leben hat aus mir einen Tausendsassa gemacht. Ich habe sechs Sprachen angenommen, 32 Tätigkeiten ausgeübt, wurde unschuldig verurteilt und habe zwei Kinder großgezogen. All das hat mich reif werden lassen. Angefangen hat das Ganze in Ostpreußen.

clip_image002[4]Ich wurde 1936 in Ostpreußen, Regierungsbezirk Königsberg, geboren. Meine Eltern waren Landwirte in Vierzighuben, Kreis Preußisch Eylau. Auf einem Bauernhof gibt es viel zu lernen: bei der Ernte helfen, Holz ins Haus tragen, Wasser vom Brunnen holen, Gänse hüten. Der Truthahn lief immer hinter mir her, wenn ich einen roten Rock anhatte. Dann kroch ich in die Hundehütte, um mich vor ihm zu schützen. Meine Eltern konnten mir nicht helfen, denn sie waren auf dem Feld. Und Nachbarn gab es auch nicht, unser Hof lag außerhalb des Dorfes am Waldrand. Mit sechs Jahren habe ich stricken gelernt. Mama spann die Wolle. Sie sagte: Stricken brauchst du für die Schule. Mama war die beste. Sie brachte mir alles bei, was ich fürs Leben brauchte wie Löcher in Socken stopfen oder aus alten Kleidern neue machen. Das war im Winter, im Sommer halfen wir bei der Ernte.clip_image004[4]

Meinen Bruder Siegfried, zwei Jahre älter als ich, musste ich morgens in die Schule bringen, da er sich alleine nicht traute. In der Schule musste ich eine Stunde warten, bis er sich beruhigt hatte, dann tippelte ich alleine nach Hause. Das ging zwei Jahre lang, dann kam der Krieg zu uns.

Ich hatte vier Geschwister. Erich, Frieda und Gerhard waren aus der ersten Ehe meines Vaters. Ihre Mutter starb bei der Geburt. Einige Jahre später lernte mein Vater seine zweite Frau – meine Mutter – auf dem Pferdemarkt kennen. Siegfried war ihr erstes gemeinsames Kind, zwei Jahre später kam ich auf die Welt. Meine Stiefgeschwister waren zu der Zeit schon erwachsen. Die Jungs waren im Krieg. Erich war in Russland, Gerhard in Italien. Frida war schon in Lübeck verheiratet. Ihre Jungs sind so alt wie ich.

Flucht und Rückkehr

1943 flohen meine Eltern mit dem Pferdewagen über das Frische Haff, da die Rote Armee den Landweg nach Westen abgeschnitten hatte. Das Haff war zugefroren, so kalt war es. Über die Weichsel nach Stargard in Westpreußen. Vater hing an seinem Hof, alte Leute hängen an ihren Sachen. Und so gingen wir im Frühjahr 1944 die ganze Strecke wieder zurück, aber zu Fuß. Das hieß im Straßengraben schlafen, damit uns von den Russen keiner sieht. Als wir an der Weichsel standen, packte mich mein Vater an der Hand und wir rannten über die Pionierbrücke über die Weichsel. Er hatte nur einen Gedanken: zurück nach Hause. Zu Hause angekommen, war nichts mehr da. Unser Hof war abgebrannt. Wir gingen ins Dorf und taten uns mit anderen Rückkehrern zusammen. Da waren noch andere so schlau wie unser Vater. Zum Glück stand noch die Post, aber die Poststelle war verwaist. Mit anderen zusammen bewohnten wir nun das Postgebäude. Wir ernährten uns von den Vorräten der Geflohenen und dem, was wir im Wald und auf den Feldern fanden.

Mamas Verwundung

Am ersten Mai 1944 wurde Mama von einem russischen Partisanen verwundet. Mama hatte eine große Wunde im Gesicht und am Arm. Wir dachten, sie sei tot, weil sie so viel Blut verloren hatte und legten sie in eine Kiste. Da nahm mich ein russischer Soldat an die Hand, ich musste mit. Jetzt schlägt mein Herz bis zum Hals, vor Angst. Der Soldat gab mir Kekse und Milch für meine Mama und zeigte mir, wie ich Mama füttern musste, da sie den Mund wegen der Schussverletzung nicht bewegen konnte. Ich pflegte sie und es wurde alles wieder gut. Mein Bruder Siegfried bekam Scharlach und der russische Soldat half uns wieder. Wir gaben Siegfried eine Brühe aus Kuheuter und Kuhfüßen und er wurde wieder gesund.

Mühlhausen 1944

Vater kam mit Diphterie ins Königsberger Krankenhaus. Und mich nahm man mit Verdacht auf Diphterie gleich mit. Ich wurde gesund, aber Vater starb nach kurzer Zeit. Was nun? Ich wurde auf einen Pferdewagen verfrachtet und nach Mühlhausen gebracht. Mama wartete mit Bruder Siegfried im Straßengraben und rief meinen Namen. Wir drei blieben zusammen und suchten uns eine Bleibe. Wir fanden sie im ehemaligen Pfarrhaus. Unter dem Dach war noch etwas frei, wenn es auch im Winter sehr kalt war. Wir sammelten Zeitungen und stopften sie unter die Dachziegel.

Wir Drei mussten für den Russen Disteln aus den Äckern ziehen, damit es eine gute Ernte gibt. Die Kirche war der Speicher. Zu essen gab es wenig. Mama kochte Brennesselsuppe mit Melde und Sauerampfer. Danach durchsuchten wir die Abfalltonne der Russen. Mama kochte Kartoffelschalen, drehte sie durch den Wolf und machte daraus Plinsen. So war es!

Ausreise

Der Russe ließ Mütter und Kinder ausreisen. Die Männer mussten als Arbeitskräfte dableiben, nur die Rentner, Mütter und Kinder durften ausreisen. Wir mussten Ausreise-Anträge stellen. Ihre Genehmigung dauerte bis 1947. Solange mussten wir auf dem Feld arbeiten. Wir wurden in einen Viehwaggon gesteckt. In einer Ecke war das Klo, in einer lagen die Leichen, in den restlichen zwei Ecken waren wir Menschen. Als der Zug durch Polen fuhr, wurden die Leichen aus dem Waggon geworfen.

In Coswig/Anhalt fanden wir 1948 eine Unterkunft in Baracke drei. Wir wurden entlaust und eingepudert. Es stank grauenhaft. In dieser Baracke lebten wir ein paar Wochen, bis wir weitergeschickt wurden. Auf einer Liste standen die Namen aller Flüchtlinge und die Orte, zu denen sie geschickt wurden. Wir Drei kamen nach Radebeul, Altserkowitz 2, zu dem Ehepaar Wendrocks. Ein Zimmer und zwei Betten für drei Personen. Besser als der Straßengraben.

Schule in Sachsen-Anhalt

Mit zwölf Jahren ging es zum ersten Mal in die Schule. Wegen meines Alters kam ich in die zweite Klasse. Ich musste Hochdeutsch lernen, was ich nicht konnte. Wir sprachen ja Plattdeutsch zu Hause. Darum war ich in der Schule als Flüchtling nicht beliebt. Sächsisch war auch noch zu lernen. Aber irgendwie habe ich alles ertragen. Meine Mutter hatte mir die Sütterlin – Schrift beigebracht, aber die war in Sachsen nicht bekannt. Ich musste die lateinische Schrift lernen. Zum Glück hatte mir meine Mutter das Einmaleins beigebracht. Sonst wäre ich verloren gewesen. Ich konnte ja was, aber das haben sie nicht gebraucht.

clip_image006Mama hatte Wasser bis zum Herzen. Sie konnte nicht mehr laufen. Deswegen fuhr ich sie mit dem Handwagen. Schließlich kam sie ins Krankenhaus. Es wurden fünf Jahre daraus. Ich war allein. Ich musste beim Bauern Schumann für ein Mittagessen arbeiten. Nach dem Unterricht ging ich zum Bauernhof, wusch die Teller und deckte den Tisch, bis die Bauern vom Feld kamen. Bruder Siegfried musste auch bei Schumann arbeiten, er half im Stall und auf dem Feld.

Mit 14 Jahren wurde ich konfirmiert. Die anderen Kinder in meinem Alter feierten die Jugendweihe. Meine Mutter legte Wert darauf, dass ich konfirmiert wurde. Die Kirche war leer und dunkel und ich war ganz allein mit dem Pfarrer in der Kirche. Mutter lag im Krankenhaus und Siegfried arbeitete beim Bauern. Ich hatte keinen Konfirmationsunterricht und wusste gar nicht, was ich auf die Fragen des Pfarrers antworten sollte.

1950 kam ich von der dritten Klasse in die hauswirtschaftliche Berufsschule. Wir hatten einen Tag Schule und sechs Tage arbeitete ich im Hotel. 1953 schloss ich die Berufsschule ab.

Ich fand eine Freundin, Gisela Schmieder, somit hatte ich Anschluss gefunden. Sie war Vollwaise und wohnte bei ihrer Tante Hanni und ihrem Onkel Ewald. Mit ihrer Tochter Rita war ich schon in der zweiten und dritten Klasse befreundet. Gisela hatte einen Motorradführerschein. Wir rasten zusammen durch die Felder. So gehen die Wege im Leben.

Aus beruflichen Gründen musste ich zum Gesundheitsamt. Der Doktor war alt und verwechselte meine Röntgenbilder mit denen von anderen. Deshalb kam ich im Krankenhaus in die Quarantäne. Der Doktor von Mama bemerkte die Verwechslung und holte mich heraus. Ich war gesund.

Beruf in der DDR

Im Bahnhofshotel Radebeul 1 fing ich als Zimmermädchen an. Aber das Hotel wurde zum volkseigenen Betrieb und ich hatte keine Ahnung von der Partei (SED). So kam ich in den Haushalt von Doktor Bublitz. Dr. Bublitz arbeitete im Krankenhaus in Dresden. Wenn er nicht zu Hause war, musste ich das Telefon bedienen, Adressen aufschreiben für die Hausbesuche bei den Patienten. Aber wie? Ich konnte nicht alle Wörter schreiben und da malte ich halt. Wenn ein Patient in der Lindenstraße wohnte, habe ich Linden gemalt. Dann war für mich die Sache klar. Der Doktor lachte und jedem war geholfen.

Der Anruf

Es kam der Anruf. Das war 1953, während der Arbeit. Mama ist gestorben im Krankenhaus. Jetzt bin ich allein. Mein Halt ist weg. Ich weiß nicht, wie alles abgelaufen ist. Die Beerdigung wurde vom Sozialamt durchgeführt. Siegfried musste während der Beerdigung arbeiten. Tante Hanni war aber dabei. Ich hatte mein Zimmer noch bei den Wendrocks, aber mein zu Hause war jetzt bei Tante Hanni und ihrer Nichte Gisela, meine Freizeit verbrachte ich bei ihnen.

Bruder Gerhard wohnte in Ludwigsburg-Eglosheim, Banzhafstr.1. Nach dem Tod meiner Mutter schickte er mir eine Einladung. Da ich Vollwaise war, durfte ich in den Westen einreisen, in den goldenen Westen, wo man mit goldenen Löffeln isst. Aber mir wurde dieser Zahn gleich gezogen. Den goldenen Löffel gab es nicht.

1954 – Datum überschrittenclip_image008

Aus der DDR bin ich mit einem Handtäschchen ausgereist, mehr nahm ich nicht mit. Ich hatte nichts und in den goldenen Westen nimmt man keine Lumpen mit. Ich wollte meine Verwandten kennen lernen, die in Norddeutschland wohnten. Gerhard fuhr mich mit dem Motorrad nach Lübeck zu Schwester Frida. Von dort aus zu Tante Anna und Onkel Rudolf, Mamas Geschwistern, nach Stade ins Alte Land. Aber keiner hat sich gefreut. Ich wurde gefragt: Was willst du? Wir haben keinen Platz! Dabei hatten wir noch nicht einmal gefragt, ob wir dableiben durften. Das war bitter, aber ich musste es schlucken.

Bruder Erich hatte nach dem Krieg in eine Landwirtschaft eingeheiratet. Wir halfen ihm bei der Ernte. Sein Schwiegervater war in einer Sekte. Er schlug seine Töchter, das waren alles gesetzte Frauen, um ihnen den Teufel auszutreiben. Er schlug mit einer Kordel auf sie ein. Wie die geschrien haben, mein Gott war das fürchterlich! Da geh‘ ich nicht rein, sagte ich mir. Mir treibt keiner den Teufel aus. Mir reichte schon der Krieg. Gerhard sagte dann: Komm, fahren wir nach Hause. Wir fuhren also wieder zurück nach Ludwigsburg. Unterwegs verloren wir den Auspuff seines Motorrads, die nächste Werkstatt war ja schon da und so kamen wir wohlbehalten zu Hause an.

Der Besuch bei meinen Verwandten hatte länger gedauert als geplant und so überschritt ich das Datum, an dem ich hätte in die DDR zurückkehren müssen. Ich blieb im Westen, vor lauter Angst, ich würde in der DDR bestraft.

Im goldenen Westen

Ich wohnte bei Gerhard und seiner Frau Gisela. Bei Salamander in Kornwestheim fand ich Arbeit. Aber wie komme ich ohne Geld von Ludwigsburg nach Kornwestheim? Es blieb nur: laufen – sieben Kilometer hin und sieben Kilometer zurück, drei Stunden Fußmarsch am Tag. Das habe ich acht Tage geschafft, dann war ich geschafft. Und den Lohn musste ich meiner Schwägerin geben. Als ich nichts mehr verdiente, warf sie mich raus. In ihren Augen war ich ein Fresser zu viel. Sie nahm mir meine Handtasche weg, die Handtasche meiner Mutter, das Wenige, das ich hatte. Nun hatte ich nur noch meine Papiere, sie waren das Einzige, was ich noch hatte.

Ich setzte mich mit meinem Federbett auf eine Mauer am Bahnhof und heulte in die Federn. Eine junge Frau und ein junger Mann sprachen mich an, das waren Christa und ihr Cousin Axel. Ich erzählte ihnen mein Unglück. Vor lauter Heulen konnte ich gar nicht sprechen. Christa nahm mich mit nach Eglosheim. Sie hatte ein Zimmer bei ihren Eltern. Ihre Mutter kam aus der DDR und hatte somit Verständnis dafür, dass Christa mich mitgenommen hatte. In ihrem Zimmer richtete Christa ein Matratzenlager auf dem Boden. Darauf schliefen wir. Christa, Axel und ich unternahmen viel. So lernte ich also Axel kennen. Er wohnte auch in der Banzhafstraße in Eglosheim.

Christas Mutter nähte Lampenschirme in Heimarbeit. Das machte ich dann auch und verdiente dadurch meinen Lebensunterhalt. Wir saßen am Tisch und sangen Lieder, während wir nähten. So machte die Arbeit Spaß und wir schaukelten uns gegenseitig hoch, wer am meisten Schirme nähte. Pro Lampenschirm bekam ich eine Mark. Wenn es gut lief, nähte ich an einem Tag acht Lampenschirme.

Hausmädchen in einer Villa

Eine Nachbarin putzte bei Dr.Dr. Scharfnagel, Apotheker im Wilhelmsbau. Von ihr erfuhr ich, dass er ein Hausmädchen suchte. Bei ihm hatte ich Kost und Logis und bekam 80 DM im Monat. Ich fühlte mich wie im Paradies. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich ein eigenes Zimmer, ein richtiges Bett für mich allein. Das Zimmer war mit weißen Möbeln eingerichtet. Von seinen zwei Töchtern, die in meinem Alter waren, lernte ich Hochdeutsch. Die Eine, Sybille, brachte mir das Alphabet bei und zeigte mir zum Beispiel, wie man ein Wort im Lexikon findet, wie man Landkarten liest. Sie gab mir etwas von dem Unterricht, den ich in der Schule versäumt hatte.

Am Anfang ging alles gut. Aber dann geschah mir ein Missgeschick. Ich putzte den Schrank im Frühstückszimmer. Auf dem Schrank stand die Büste des Erbonkels von Herrn Dr.Dr. Scharfnagel, im Schrank eine offene Vase. Diese Vase fiel um und ein Haufen Asche fiel auf den Boden. Was sollte ich machen? Ich nahm Kehrwisch und Schaufel, fegte die Asche zusammen und leerte sie in den Mülleimer. Da kam Frau Scharfnagel dazu und fing an zu schreien – die Vase war keine Vase, sondern eine Urne und die Asche die Überreste des Onkels! So was gibt’s doch nicht! Wer bewahrt denn die Asche eines Menschen in einer Blumenvase auf! Bis dahin hatte ich noch nie etwas von einer Urne gehört. Wochenlang grauste es mir, wenn ich im Frühstückszimmer eindecken musste. Für mich war das wie auf dem Friedhof, auf dem die Geister umgingen.

Wenn die Scharfnagels Gäste hatten, das waren meist betuchte Leute, steckten diese mir ab und zu Trinkgeld zu, weil sie sich von mir gut bedient fühlten. Als Dr.Dr. Scharfnagel das merkte, musste ich ihm mein Trinkgeld geben. Das gab es noch nicht einmal in der DDR, dass man das Trinkgeld abgeben musste! Ich bin doch nicht blöd, dachte ich und kündigte. Danach wohnte ich wieder bei meinem Bruder und seiner Frau. Nun war ich ihr Kindermädchen, weil beide arbeiteten

1956 Erste Heirat

Und nun geht es ganz schnell: 1956 Heirat mit Axel, im gleichen Jahr wird meine Tochter Andrea geboren. Wir leben zu dritt in einem Zimmer im Finkenweg. Als Axel eines Tages besoffen nach Hause kam und das Zimmer vollkotzte, warf uns die Vermieterin raus. Deswegen zogen wir zur Schwiegermutter in die Hindenburgstraße. Helene, Axels Mutter,clip_image010 akzeptierte mich nie als Schwiegertochter. Axel hätte eine Frau mit Geld und Haus heiraten sollen. Ich war für sie das DDR-Mädchen, das nichts hatte. Helene bestimmte alles. Ich war mit ihr verheiratet, nicht mit Axel. Meine Schwiegermutter arbeitete bei der Bundeswehr.

Am Feierabend kommandierte sie zu Hause weiter. Axel machte nicht muh und nicht mäh. Ich dachte, ich habe einen Deppen vor mir. Wieder musste ich mein Geld abgeben. Wir wohnten in einer Wohnung der Bundeswehr. Da sie keine Miete bezahlt hatte, kam der Gerichtsvollzieher und wir mussten ausziehen (1958). Helene fand für uns eine Wohnung in der Solitude Allee. Axel war ein rechter Lahmarsch, er arbeitete nur, wenn er wollte. Da dachte ich: „Geh doch zu deiner Mutter!“ und warf ihn aus der Wohnung. Das war 1960, ein Jahr später wurden wir geschieden.

Wenn Helene ihren Sohn zurücknehmen musste, wollte sie auch ihre Enkelin haben. So ging der Streit ums Kind los. Eine Situation macht das deutlich. Zu viert standen wir auf dem Karlsplatz. Helene zog am Kopf von Andrea, Axel an den Füßen. Ich stand daneben, sagte und tat nichts. Das verblüffte die Beiden so, dass sie das Kind losließen. Ich nützte die Situation, nahm mein Kind und ging nach Hause.

Aber Helene ließ mich nicht vom Haken. Sie zeigte mich beim Jugendamt an. Sie behauptete unter anderem, ich hätte das Kind ins Ausland entführt und das Kind sei ungepflegt. Dabei hatte ich Andrea von Kopf bis Fuß eingestrickt. Das Jugendamt schrieb mir Briefe. Ich öffnete sie nicht, denn dieses Deutsch verstand ich nicht, antwortete deshalb auch nicht und alles verlief im Sand. Auch diese Runde habe ich gemeistert.

1965 Der erste Preis – Frau mit Talent

Mehrere Firmen riefen Amateur-Schneiderinnen zu einem Wettbewerb auf. Die Firma Operpaur lud die Teilnehmerinnen in den Ratskeller ein, um ihre Modelle vorzuführen. Ich gewann mit meinem Tageskleid „Tanja“ den ersten Preis. Nun habe ich gut lachen. Helene sah mein Foto in der Ludwigsburger Kreiszeitung. Sie dachte, ich würde mit meinen Kostümen Geld verdienen und das wollte sie haben. Aber ich bekam kein Geld dafür. Eines Tages steht sie vor der Tür und schreit nach Geld. Ich raste aus und jage sie davon.

Die nächste Modenschau des „Neuen Schnitt“ findet in Baden Baden statt. Ich bin dazu eingeladen. Dieses Mal bekomme ich keinen Preis, weil nur die Abendkleider einen Preis bekommen. Ich hatte aber ein Tageskleid genäht.

Helene ließ mich und Andrea nicht in Ruhe. Ich arbeitete als Platzanweiserin im Bali-Kino. Helene oder ihre Mutter Sophie fingen Andrea ab, wenn diese aus dem Kindergarten und später aus der Schule kam. Andrea gefiel das, denn Helene und Sophie verwöhnten sie mit Spielzeug und Kleidern und ließen sie alles machen, was sie wollte. Sie redeten vor Andrea schlecht über mich. Helene wollte das Kind besitzen, um Liebe ging es ihr bestimmt nicht. Als Andrea zehn Jahre alt war, wollte sie lieber bei der Oma wohnen. Nun gut, sagte ich und ließ sie zur Oma ziehen. Jetzt war ich allein. clip_image012

Heirat Nr. zwei: Mit Sack und Pack in die Türkei

Mein Geld verdiente ich weiterhin als Platzanweiserin im Bali-Kino. An der Kasse saß Frau Haas, eine gelernte Schneiderin. Ihr Mann war Filmvorführer und deswegen hatten sie die Wohnung über dem Kino. Während der Vorstellungen brachte sie mir die Tricks der Schneiderei bei, wie man paspeliert, Kragen und Zwickel näht. Tarot Karten lernte ich durch Ellen kennen, eine Kollegin. Sie brachte eines Tages die Tarot Karten mit. Ich habe sofort den Sinn der Karten verstanden, ohne dass ich etwas über sie gelernt hatte. Die Karten sprechen ja. Die Farbe, dieclip_image014 Zahl, der Platz, wo sie liegen sagen alles.

Im Kino lernte ich auch Firat Erdok, den Türken, kennen. Er hatte mein Foto in der Zeitung gesehen. Als ich Kinoplakate aufhängen musste, half er mir und lud mich mit seinem Auto zu einer Stadtrundfahrt ein. Kurz danach hatte ich Urlaub und wir fuhren mit dem Auto in die Türkei. Ich wusste nicht, wo die Türkei liegt. Firat erklärte mir alles und zeigte mir die Stadt Istanbul. Diese Stadt war ein Märchen für mich. Alles, was sehenswert ist, habe ich gesehen. Firats Familie war sehr freundlich und hat mich verwöhnt, wie ich noch nie im Leben verwöhnt worden war. Ich kam mir vor wie im Schlaraffenland. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich fühlte mich so richtig wohl, so zu Hause. Ich war so beeindruckt von dieser Stadt, dass ich mein altes Leben vergessen habe.

Nach dem Urlaub fand ich bei Bleyle eine Stelle als Zuschneiderin. Die Stoffreste konnten wir billig kaufen. Ich nahm so viel wie möglich Stoff mit nach Hause. Diese Stoffe waren von guter Qualität, sie fielen schön, beulten nicht aus und waren leicht zu waschen.

Nach dem Urlaub in Istanbul blieben Firat und ich zusammen. Sein Vater arbeitete bei Jäger als Busfahrer, Firat war nur zu Besuch bei ihm. Eines Tages kam der Einberufungsbefehl zum türkischen Militär. Firat wollte, dass ich mit in die Türkei gehe. 1966 heiraten wir. Helene sagte mir, ich würde dem Sultan als Tänzerin verkauft. Na, das sind doch tolle Aussichten, oder? Ein bisschen naiv ist manchmal ganz nützlich, also stellte ich mich dumm. Ich suchte den Sultan, aber damit war ich viele Jahre zu spät dran. Da ich alles so lustig verpackte, wenn ich etwas nicht wusste oder konnte, gab es immer was zuclip_image016 lachen.

Unsere Fahrt nach Istanbul wurde an der bulgarisch-türkischen Grenze richtig aufregend. Ich fuhr mit dem Mercedes, Firat mit dem VW-Bus, in dem mein ganzer Haushalt war, vom Schlafzimmer bis zum Bügeleisen. Ich wollte ja für immer in der Türkei bleiben. An der bulgarisch-türkischen Grenze mussten wir durch den Zoll. Der Bus gab an der Grenze den Geist auf. Die Polizei schob den Bus auf einen Lastwagen und fuhr damit nach Istanbul zum Zoll. Wie aufregend für mich!

Während Firat seinen Militärdienst ableistete, wohnte ich bei meiner Schwiegermutter in Florya, einem Vorort von Istanbul. Ich versorgte die kranke Frau, deswegen ging das gut. Die Nachbarinnen interessierten sich für das deutsche Kaffeekränzchen und ich guckte zu, wie sie das türkische machten. Damenkränzchen einmal türkisch, einmal deutsch. Nach langer Zeit war ich zufrieden. In der Türkei wurde ich genommen, wie ich bin – freundlich und gut gelaunt. Dass ich so wenig Schulbildung hatte, war dort kein Thema. Türkisch lernte ich zwischen Tür und Angel.

Die Schwiegermutter schickte mich auch zum Einkaufen, das konnte ich nach kurzer Zeit alleine. Sie sagte mir, was ich einkaufen sollte. Ich schrieb die Wörter auf, wie ich sie hörte. Was ich nicht ausdrücken konnte, zeichnete ich. Hat immer prima geklappt. Firats Mutter war Analphabetin. Wenn Briefe von ihrem Mann aus Ludwigsburg kamen, las ich sie ihr vor. Sie verbesserte dann meine Aussprache. Verstanden habe ich nicht, was in den Briefen stand.

Das ganze Dorf besuchte mich. Nun weiß jeder, wer ich bin. Ich war fleißig und nähte Kleider, Mini-Mode war zu der Zeit modern. Ich spannte eine Wäscheleine quer durch das Wohnzimmer und hängte daran meine Kleider auf, die ich verkaufen wollte. Vor allem junge Frauen, die bei Banken und in Verwaltungen arbeiteten, waren begeistert von meinen Kleidern. Die Kleider waren aus den Bleyle-Stoffen genäht, die ich aus Ludwigsburg mitgenommen hatte. Bei mir war immer was los. Der Kinderwagen, den mir meine Freundin Sonja aus Ludwigsburg geschickt hatte, war eine Sensation. In Istanbul kannte man so etwas nicht. Wenn ich den Kinderwagen durch die Straßen schob, gingen überall die Fenster auf.

Zurück nach Ludwigsburg

Firat leistete seinen Wehrdienst in der Türkei ab und ich brachte 1967 unseren Sohn Volkan zur Welt. Nun wollte Firat wieder nach Ludwigsburg, weil er in der Türkei eine Strafe hätte absitzen müssen. Das hatte etwas mit dem Militär zu tun, was genau, wollte er mir nicht sagen. Ich weiß es bis heute nicht. Firats Onkel beanspruchte meine Möbel und meinen Hausrat. Du kannst das ja in Deutschland wieder kaufen, sagte er. Sogar meinen Wintermantel mit dem Pelzkragen nahm er mir weg. Hätte ich ihn nur mitgenommen! An Silvester 1969 fuhren wir zurück nach Deutschland. Es war bitterkalt. Wir hatten keine Winterkleidung, auch nicht für das Kind. Sogar den Kinderwagen hat der Onkel verkauft. Volkan saß zwischen meinen Beinen, zugedeckt mit einer Jacke. Wir sind beinahe erfroren.

Firat hatte viel vor, er wollte Ludwigsburg erobern. Auf, auf zu neuen Taten und ich sollte den Sack zuhalten, was nicht möglich war. Wo gehobelt wird, da fallen Späne – bei mir waren es Klötze.

Am Anfang hatten wir in Ludwigsburg keine Wohnung. Firats Vater hatte ein Dachzimmer in der Stuttgarter Straße. Er machte Nachtdienst, damit wir nachts in seinem Bett schlafen konnten. Tagsüber schlief er in seinem Bett und wir zogen durch die Kaufhäuser, um es warm zu haben. Das ging drei Monate so.

Geschäftsfrauclip_image018

Wir hatten vor, in Ludwigsburg ein türkisches Lokal zu eröffnen. Ich hatte zuvor nicht gewusst, was da auf mich zukommen würde. Behördengänge, Vorschriften, Finanzamt, Krankenkasse, Ausländeramt, IHK. All das habe ich für die Selbständigkeit gelernt. Schließlich eröffneten wir 1969 in Ludwigsburg das erste türkische Lokal, die Neue Sonne in der Seestraße. Wir hatten von einem Automatenaufsteller einen Kredit bekommen, mit dem wir die Kneipe eröffnen konnte. Die Vermieterin war froh, dass wir das Lokal übernehmen wollten. Die Einrichtung war den deutschen Wirten zu alt, wir waren damit zufrieden. Heute frage ich mich, wie ich das alles geschafft habe.

Die Neue Sonne wurde zur Heimat für türkische Gastarbeiter. Hier gab es türkischen Tee, türkisches Essen und natürlich war es auch türkisch eingerichtet. Am Anfang waren vor allem Busfahrer unsere Gäste und die Mädchen vom Straßenstrich. Firats Gastfreundschaft zog viele Gäste an. Er war wegen seiner Freundlichkeit, Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft sehr beliebt. Mit der Zeit erweiterten wir unsere Speisekarte um deutsches Bier und Pommes frites und Würstchen. Kurz und bündig: Pommes frites, Bier und Geld auf den Tisch! So ging das.

Im selben Haus hatten wir ein Zimmer. Ein Jahr später, das war 1970, machten wir den Gasthof Römerhügel auf, dort hatten wir zwei Zimmer, Bad und Küche. Firat gab die Neue Sonne auf, weil unsere Bedienung Marlies sich mit einem Türken eingelassen hatte, der die Neue Sonne übernehmen wollte.

1970 kam auch unser Sohn Kerem auf die Welt. Firat lebte seine negativen Seiten mit allem aus, was sich bot. Alle Bedienungen mussten ausprobiert werden. Zuerst Marlies, dann Marlene und am Schluss Inge. Nach dem Gasthof Römerhügel machte er den Rauchfang auf. Im Rauchfang fing er an zu saufen. Er schmiss eine Lokalrunde nach der anderen. Die Gäste waren begeistert. Er wollte neue Kneipen aufziehen und dann verkaufen. 13 Geschäfte sind es insgesamt geworden. Er war sehr geschickt darin, Lokale einzurichten, er hatte einen guten Geschmack und war auch ein begabter Koch. Seine Gerichte schmeckten am besten, sogar seine Curry Wurst war die beste in ganz Ludwigsburg. Dann war bei mir das Fass voll. Kerem brauchte mich, die Bedienungen machten Theater, weil sie sich in Firat verliebt hatten und mit ihm zusammen sein wollten.

Eine sehr spezielle Arbeitsteilung

Wir hatten eine sehr spezielle Arbeitsteilung: Firat war für die Einnahmen zuständig, ich für die Ausgaben. Er ließ sich von mir nichts sagen. Wenn ich sagte, so geht’s nicht, du musst dich an die Vorschriften halten, bedrohte er mich. Mir waren die Kinder wichtiger als Firat und das Geld. Also ließ ich ihn machen, was er wollte. Und die Schulden wuchsen und wuchsen.clip_image020

In Heilbronn hatten wir eine Discothek, in der ich arbeitete. Ich kam oft erst früh am Morgen nach Hause. Gewohnt haben wir im Marstallcenter in Ludwigsburg. Die Kinder mussten alleine zurechtkommen. Ich war nur zwischen Tür und Angel zu erreichen. Als wir die Disco in Heilbronn aufgaben, eröffneten wir das Ambassodor in Freiberg. Zur gleichen Zeit hatten wir den Club Firat im Täle. Firat war in seinem Club und ich im Ambassador. Der Club Firat war türkisch eingerichtet. Da gab es Sängerinnen und Tänzerinnen – das Lokal war immer voll. Hier gab es türkische Musik, die es sonst nirgends gegeben hat. Auf dem Höhepunkt ihrer Feiern schmissen die Gäste die Gläser an die Wand und schossen mitclip_image022 Pistolen, aber scharf. Mir war das egal. Wenn sie mich treffen, treffen sie mich halt, dachte ich.

Die Arbeit in der Diskothek Ambassodor wurde für mich zu viel. Ich brauchte dringend Entlastung. Deswclip_image024egen wandte ich mich ans Arbeitsamt. Das schickte uns Inge. Ich stellte sie als Bedienung im Ambassador ein. Wir verstanden uns am Anfang gut. Aber dann verliebte sie sich in Firat.

Nun war Firats Vergnügen grenzenlos. Baden Baden war sein Ziel. Er vernachlässigt die Geschäfte und ging lieber ins Casino. Dort verspielte er eine Menge Geld. Er nahm einfach die Kasse mit den Einnahmen und fuhr damit direkt nach Baden Baden ins Casino.

Inge liebte Firat, sie wollte ihn um jeden Preis. Auch mit ihr fuhr er in die Türkei und zeigte ihr, wie schön das Land ist. Nun wollte sie meine Stelle einnehmen und Geschäftsfrau werden.

Sie drohte damit, sich das Leben zu nehmen, wenn Firat nicht zu ihr kommt. Nur langsam, sage ich mir, denk an deine zwei Kinder. Ich, die betrogene Ehefrau, tröste Inge: Du kannst alles haben, wenn du alles unterschreibst für die Geschäfte. Inge war einverstanden. Sie hoffte, dass Firat sie heiraten würde und sie meinen Platz einnehmen könnte. Ich meldete die Konzession für das Ambassodor ab. Inge beantragte sie und bekam sie auch. Und so habe ich Firat mit seinen ganzen Schulden an die liebe Inge verkauft.

Trennung von Firat

Firat lachte mich aus. Wie dämlich bist du? sagte er. Er hatte nicht verstanden, dass ich reagierte. Bei den Affären mit den Bedienungen davor hatte ich geschwiegen. Bei Marlene war ich ruhig geblieben, bei Marlies auch und nun plötzlich reagierte ich. 1979 ließ ich mich von ihm scheiden.

Firat verkaufte das Ambassador und ging mit einem Koffer voller Geld ins Casino nach Baden Baden. Er hat alles verloren. Aber er fand wieder einen Ausweg. Mit seiner Überredungsgabe fand er einen Investor, um ein Speiserestaurant, das Weiße Rössle, aufzumachen. Inge musste dafür unterschreiben, da sie die Konzession hatte. Firat hatte noch immer ein Touristenvisum und mit dem bekam er keine Konzession in Deutschland. Die beiden führten etwa ein Jahr das Rössle am Holzmarkt.

Dann stellte sich heraus, dass es ein Bumerang war, der ihn traf. Er hatte einen Autounfall und Inge sollte bei Gericht einen Meineid für ihn schwören. Inge machte das dann doch nicht und so musste Firat acht Monate auf dem Hohen Asperg sitzen. Und die große Liebe war dahin. Firat wurde ausgewiesen. Er hatte ja nur ein Touristenvisum. Ich brachte ihn sogar noch mit Rosemarie, einer Freundin, an die österreichische Grenze.

Firats Rache

Firat entführte unsere beiden Söhne in die Türkei (1979). Die Verwandten in der Türkei wollten die Kinder nicht haben und die Jungs wollten nicht in der Türkei bleiben. Ich musste in die Schule, um die Kinder abzumelden. Auf dem Ausländeramt bekam ich den Rat, einen deutschen Pass für die Kinder zu beantragen. Das machte ich auch, danach ging es mir besser. Ich blieb ganz ruhig und wartete ab. Es dauerte nicht lange und die Kinder waren wieder da. Die Freude war groß. Ich musste aus der teuren Wohnung im Hochhaus ausziehen. Da kein Geld mehr da war, besorgte ich einen Tütenumzug mit Volkans Klasse. Ich packte mein Hab und Gut in Tüten und die Schulkameraden von Volkan trugen sie in unsere neue Wohnung. Kerem strich die Zimmer alle pink an – es war modern in der Schorndorfer Straße 107 in Ludwigsburg. So wurde Kerem Maler von Beruf. Volkan lernte Maurer. Und heute habe ich zwei Handwerker im Haus.

Firat machte in der Türkei Geschäfte mit Immobilien. Er fing aber wieder mit Glücksspielen an und kam auf keinen grünen Zweig. Ich sorgte dafür, dass seine Kinder Kontakt mit ihm hatten. Sie besuchten ihn ab und zu in der Türkei. Volkan konnte am besten mit ihm umgehen. Er setzte durch, was er wollte und Firat parierte.

Firat litt unter Leberzirrhose und schließlich starb er daran. Er starb im Schlaf und hatte damit einen guten Tod.

 

Single Mama

Beatrice hatte ich im Leonberger Krankenhaus kennen gelernt, als ich noch im Firat verheiratet gewesen war. Ich besuchte eine kranke Kollegin, die dort in einem Mehrbettzimmer lag. Wir unterhielten uns angeregt und Beatrice hörte zu. Sie fand mich so interessant, dass sie mich ansprach. Später haben wir uns zusammengetan. Sie wollte etwas erleben und deshalb kam sie öfter in den Club Firat, für den ich die Konzession hatte. Sie war von Firat sehr angetan, von seiner Liebenswürdigkeit und seiner Gastfreundschaft. Sie fühlte sich unter Türken sauwohl, die Gäste waren immer gut drauf. Sie wurde meine Freundin. Nach der Scheidung meinte sie, ich bräuchte einen Mann, der mich unterstützt. Sie suchte in der Ludwigsburger Kreiszeitung die Bekanntschaftsanzeigen aus, die sie für geeignet hielt. Dann brachte sie mir bei, wie man auf Anzeigen schreibt. Gesagt, getan.

Hier ist eine meiner Antworten auf ein Inserat:clip_image026

Sehr geehrter Inserent, gestatten, ich möchte ausgetretene Pfade verlassen und stürze mich Hals über Kopf in ein Erfolg versprechendes Terrain. Dabei bin ich auch noch mutig. Ihre besondere Chance ist ein Anruf.

Mit den besten Grüßen, Margot aus Ludwigsburg

Mir machte es Spaß, auf Anzeigen zu schreiben. Mit ein paar Männern habe ich mich getroffen, aber keiner hat mir gefallen. Es nichts dabei herausgekommen. Wir sind auch zu solchen Treffen zu zweit gegangen. Beatrice war etwa zehn Jahre älter als ich, als die Jüngere hatte ich mehr Chancen als sie. Aber ich bin ihr treu geblieben. Wir haben uns einladen lassen und dann sagten wir „Tschüss Ade“.

Eine Pension mit einer Partnerin 1993

Lore kam in mein Leben. Auch sie lernte ich im Krankenhaus kennen. Ich ermutigte sie, einen Beruf zu lernen und zwar Hotelfachfrau. Nach ihrer Ausbildung konnte sie in der Schweiz arbeiten. 1993 machten wir uns zusammen selbständig – wir eröffneten eine Pension in Erdmannhausen. Wir hatten vier Zimmer. Aber Lore hatte mehr Interesse an den Männern als am Geschäft. Sie legte sich schon mal ins Bett eines unserer Zimmer, wenn ihr ein Gast gefiel. Ich dachte, ihre Mannstollheit würde sich im Lauf der Zeit legen. Aber da täuschte ich mich.

Es dauerte nicht lange und wir kauften in Steimel, im Westerwald, eine Pension. Das wurde zu meiner Meisterprüfung mit Lore. Sie entpuppte sich als Feindin, wie sich später zeigte. Ich sollte einen Alterssitz in diesem Anwesen bekommen. Lore und Volkan kauften das Anwesen, sie nahmen dafür einen Kredit bei der Bank auf. Lore war die Geschäftsführerin der GmbH und diese war die Pächterin der Pension. Die Pension lief gut. Wir hatten genug Einnahmen, um die Pacht bezahlen zu können. Unsere Gäste kamen aus Frankfurt, aber auch aus Russland und Finnland. Sie schwärmten für meine Plinsen, die ich meiner Mutter nachgemacht habe.

Wir hatten ein schönes Anwesen und genug Gäste. Es hätte also alles gut sein können. Doch Lore bezahlte die Pacht nicht an die Bank, sondern unterschlug das Geld. Das Geld trug sie in die Spielbank nach Wiesbaden. Wir sahen sie dort einmal mit ihrem Steuerberater. Er kam wegen Betrug ins Gefängnis. Wir mussten darüber lachen, das erinnerte mich doch irgendwie an Erdok. Mit einem Teil unserer Einnahmen kaufte sie Zuckeraktien, doch das Unternehmen ging Pleite und unser Geld war weg.

Das größte Problem, neben ihrer Liebe zur Spielbank, war ihre große Liebe zu einem Polizisten. Der Polizist war verheiratet und hatte andere Pläne als Lore. Er wollte das Anwesen und Lore wollte den Polizisten. Weil die Pacht nicht bezahlt wurde, ließ die Bank das Anwesen versteigern. Der Polizist gab mir die Schuld an der Zahlungsunfähigkeit, ich hätte gepfändete Gegenstände entwendet. Und so kam ich ohne Anzeige vor Gericht. Es waren aber laut Unterlagen meine persönlichen Sachen, die der Polizist mit seinen Kollegen entwendet hatte. Wer ist schon so dumm und klagt gegen einen Beamten? Ich. Der Polizist benutzte die Bank gegen mich und so musste er bei der Versteigerung 40 000 DM weniger bezahlen, als die Pension wert war. Volkan musste diese 40 000 DM Schulden übernehmen, da bei Lore nichts mehr zu holen war. Lore unterschrieb eine Bürgschaft über 300 000 DM für den Polizisten, obwohl sie selbst kein Geld hatte.

Und ich war wieder in Ludwigsburg, Schorndorfer Str. 107. In fünf Gerichtsverhandlungen habe ich 17 Anwälte beschäftigt. Und keiner hat verstanden. Polizist – nein danke! Das Urteil wurde in Koblenz auf dem Pissoir ausgehandelt. Gegen 10 Zeugen, vorwiegend Beamte, hatte ich keine Chance. Meine Strafe: ein Jahr im Altersheim arbeiten für die Entwendung gepfändeter Gegenstände. Ich muss es noch einmal sagen: Ich wurde dafür verurteilt, dass ich meine persönlichen Sachen an mich genommen hatte, die mir der Polizist weggenommen hatte.

Den Sozialdienst leistete ich im Altersheim auf der Karlshöhe ab. Drei Monate war ich fleißig, dann wurde ich krank. Ich bekam drei Bypässe und wurde von der Staatsanwaltschaft vom Sozialdienst befreit. Das Thema war damit zu Ende. Aber die Bank wollte die 40 000 DM von Volkan. In diesem Fall kämpfte ich, denn hier ging es um mein Kind. Ich habe alles in Bewegung gesetzt und es geschafft, dass er die 40 000 DM nicht bezahlen musste. Lore und der Polizist mussten sie bezahlen.

Lore habe ich telepathisch viele Briefe mit Comics verpackt geschickt. Ich wusste immer, was als Nächstes passieren wird. Wirkt Wunder und lachen kann man auch darüber. Unsere Gedanken sind ein großes Gut. Mit Ausdauer angewendet, kommt auch was Brauchbares raus.

Zehn Jahre hat der Polizist an diesem Anwesen gebaut, zehn Jahre habe ich diesen Kerl mit seinen polnischen Schwarzarbeitern verfolgt. Er bezahlte sie nur mit Essen und Trinken. Aber für die Übernachtung in seinen Zimmern sollten sie bezahlen. Ich habe ihn beim Finanz- und beim Ausländeramt angezeigt. Er musste den Laden zumachen. Ich habe meine negativen Gedanken, meinen Ärger, meine Verbitterung und meine Wut losgelassen. Und nun geht die Ehe zwischen dem Polizisten und Lore auch entzwei. Nachdem der Polizist das Anwesen hatte, nahm er sich eine neue Freundin. Ihre große Liebe hat Lore im Alkohol ertränkt. Am Ende ist sie in der Klinik gelandet. Sie hinterlässt zwei Kinder.

Was soll ich nun sagen? Nicht Ja und nicht Nein. Jeder von uns dreien wollte es besser wissen. Am Ende ist alles in die Binsen gegangen.

Umschulung

Beatrice empfahl mir, eine Umschulung über das Arbeitsamt zu machen. Es ging um Bürotechnik. Ich bekam einen internationalen Schülerausweis. Darauf stand: „student“. Was war ich stolz! Ich eine Studentin! Und der Weg ging geradeaus ins Rathaus von Gerlingen. Dort musste ich nur mit Zahlen umgehen und das konnte ich.

Mein Meisterwerk 1985clip_image028

Meine Tochter Andrea hatte keinen Job und hing rum. In der Zeitung fand ich eine Anzeige des Staatstheaters in Stuttgart: Büroangestellte/Sachbearbeiterin gesucht. Ich machte Andrea auf die Anzeige aufmerksam. Sie bewarb sich und bekam die Stelle. Von Andrea erfuhr ich, dass das Theater für das Stück „Wintermärchen“ eine extra Schneiderei aufgemacht hatte und noch Schneiderinnen gebraucht wurden. Ich bewarb mich und wurde genommen. Meine Aufgabe war es, ein Vogelkostüm nach einer Tarot Karte zu gestalten. Dazu musste ich hunderte Stoffstücke ausschneiden und annähen. Ich dachte praktisch und stanzte die Stofffetzen aus, das ging ja viel schneller, als wenn ich alle einzeln ausgeschnitten hätte. Das Vogelkostüm wurde so gut, dass es später im Theater ausgestellt wurde. Leider wurde das Stück abgesetzt, bevor es aufgeführt wurde und die Schneiderei wurde zugemacht und ich verlor meine Arbeit.

Arbeitsplätze

In den folgenden Jahren verdiente ich meinen Unterhalt als Amway-Verkäuferin, Verkäuferin und Strickerin in der Wollstube, Bedienung in der Gaststätte Salamander, als Leiterin der Kantine des Tennisclubs, als Frühstücksmamsell im Goldenen Pflug, als Kassiererin im Asperger Freibad, als Empfangsdame bei einem ägyptischen Heilpraktiker. Insgesamt hatte ich 32 Arbeitsplätze in meinem Leben.

In Riga bei Sarmit

Beatrice lud mich nach Riga ein, es war noch unter russischer Besatzung. Beatrice brauchte mich als Begleitung, weil sie nicht mehr so gut gehen konnte. Wir wohnten bei Sarmit, der Cousine von Beatrice, in Jurmala, direkt an der Ostsee. Dort besuchte ich das Hotel, das vor dem Krieg dem Bruder meines Vaters gehört hatte, den ich nie kennen gelernt hatte. Wem das Hotel inzwischen gehört, weiß ich nicht. Ich schrieb mich in das Hausbuch ein. Ich hatte niemanden, den ich fragen konnte, wie es meinem Onkel ergangen ist. Ich nahm eine Handvoll Erde und roch wieder den Geruch, den ich aus meiner Kindheit kannte. Es war das Gefühl von Heimat. Damit hatte ich auch dieses Kapitel abgeschlossen.

Reise in die DDR nach zwanzig Jahren

Noch vor der Wende, in den siebziger Jahren, besuchte ich Bruder Siegfried, Tante Hanni, Gisela und Rita. Siegfried hatte mich eingeladen, sonst hätte ich ja gar nicht kommen können. Die anderen wussten von meinem Besuch nichts und so stand ich eines Tages einfach im Garten. Alle erkannten mich noch, ich hatte mich nicht verändert. Alle jammern, im HO –Laden kann man nichts ohne Westmark kaufen. Als ich wieder zu Hause war, schickte ich der Rita Gäste aus dem Westen mit Westmark. Nach der Wende baute Rita eine Pension auf ihr Land. Das war meine Idee und sie hat sie umgesetzt. Diese Pension hat sie immer noch.

Religion

Ich habe einen Glauben, ich glaube an die Natur. Es gibt etwas Höheres und das ist die Natur. Gottes Kleid ist die Natur. Es gibt doch keinen Menschen als Gott. Ich kann beten, ich kann singen, ich gehe auch in die Kirche. Beten ist ja, die Gedanken ordnen.

Resümee

Das ungeprüfte Leben ist nicht wert, gelebt zu werden. Ich prüfe, was ich gemacht habe. Kann ich mich nur beschweren? Eigentlich nicht. Ich habe ja immer das Beste draus gemacht. Wenn ich im Luxus gelebt hätte, wäre das ja alles nicht passiert und ich hätte nicht das gelernt, was ich gelernt habe. Das Leben läuft wie eine Uhr ab. Zwischen Geburt und Ableben muss der Mensch seine innere Leere füllen. Wenn ich Kummer habe, will ich darüber sprechen, aber nicht getröstet werden. Den Eimer umkippen und dann geht es wieder weiter. Jedes tröstende Wort ist wie ein Schwert.

Am 28.Februar 2016 feiere ich mit meinen Söhnen und meiner Enkelin Aylin meinen 80sten Geburtstag. Dann kann ich sagen, mein Leben war es wert, gelebt zu werden. Gut und Böse und was ist dazwischen? Ein reines Gewissen. Ein unreines Gewissen plagt den Menschen, bis er krank ist oder im Alkohol versinkt, so wie Lore. Ich habe Telepathie mit Comics verpackt, um all das zu verkraften. Wenn ich zwei Tage an jemanden denke, dann ruft derjenige an. Ich tu da nichts dazu, das ist einfach so.

Mein Symbol ist das Segelboot. „Vorwärts mit Zuversicht“ mein Motto. Aber ohne Hilfe geht es nicht. Man kommt nicht ans Ziel, wenn der Leuchtturm fehlt. Das Meer ist groß, der Wind ist stark, die Wellen brechen über das Boot. Man kann sich noch retten, auch wenn das Segel zerfetzt ist, aber man kommt nass wie eine Ratte ans Land. Ich bin mit Verlusten gestrandet und habe alles beendet. Ich habe den Flaschengeist losgelassen. Wenn ich den Geist aus der Flasche lasse, dann kann der Kummer entweichen und er drückt mich nicht mehr. Ich halte nichts mehr fest.

Nach einem handschriftlichen Manuskript und Erzählung von Margot Erdok. Bearbeitet und ergänzt von Regina Boger 2015/2016.

Fotos: Stina McNicholas

Ein Artikel aus der Stuttgarter Zeitung ohne Datum:

clip_image030

Jeder hat das Recht auf seine Sichtweise

Bildung 

Das Handwerk ist für mich ein Mittel zur Persönlichkeitsbildung. Hier lernt man, die Welt zu verstehen, den Umgang mit Menschen, mit Fehlern und mit Niederlagen. Ich arbeite gern mit dem Körper, ich verstehe die Dinge, indem ich mit ihnen arbeite. Das humanistische Gymnasium war also nichts für mich. Am meisten habe ich Latein und Griechisch gehasst, interessiert haben mich Biologie und Geschichte. Mit 17 habe ich eine Urschrei-Therapie gemacht. Nach einem halben Jahr hatte ich alle Wut auf meine Eltern aus mir herausgeschrieben, auch die auf die Gesellschaft, die mich eingeengt hat. Nach dem Abitur in Stuttgart habe ich viel studiert, aber nichts hat mir gefallen. Ich habe auf dem Bau gearbeitet und dann in einer Schreinerei in Bernhausen. Viel habe ich durch meinen Meister gelernt und viel habe ich mir selbst beigebracht. Durch den Umgang mit Holz habe ich die Materie schätzen gelernt.

Sehnsucht

Mich hat es immer in die Welt gezogen. Es war die Sehnsucht nach der Welt und die Sehnsucht nach Erkenntnis, die von den Universitäten nicht befriedigt wurde. Im Grunde war es die Sehnsucht nach der Verbindung mit dem Göttlichen. Im Westen hört sich das arm an. Zum Glück habe ich früh einen spirituellen Meister gefunden, Bhagwan. Ihm bin ich 10 Jahre lang bis zu seinem Tod gefolgt. Nachdem ich den Spirit entdeckt hatte, hat sich alles andere darum gruppiert. 1981 nahm ich Sannyas, das bedeutet Einweihung. Ich wurde ein Sannyasin, ein Schüler Bhagwans. Als er sich Osho nannte und nach Oregon zog, folgte ich ihm auf die Ranch. Dort arbeitete ich drei Monate unentgeltlich, bezahlte aber für Unterkunft und Verpflegung. Das war eine ziemlich teure Angelegenheit. Solange die Kommune in Oregon war, besuchte ich sie regelmäßig. Als Osho zurück nach Poona ging, flog ich dorthin. Während dieser Jahre habe ich in einer Kommune in Stuttgart gewohnt. Dort habe ich viel über Macht und Machtmissbrauch gelernt. Selbst wenn man Macht nicht sucht, sondern sie einem gegeben wird, besteht die Versuchung, Macht zu missbrauchen. Die Osho-Community war ein riesiges Experiment, um zu untersuchen, was geschieht, wenn Frauen Machtpositionen einnehmen. Ich vermute, dass Osho dachte, es gäbe keinen Krieg, wenn Frauen an der Macht wären. Dies hat sich nicht bewahrheitet. Ich habe entschieden, mich nicht in Machtkämpfen mit anderen aufzureiben, sondern meinen Weg alleine zu gehen. Für mich standen Freiheit und Bewusstseinsentwicklung im Vordergrund. Anfang der achtziger Jahre  habe ich an der Disco „Zorba the Buddha“ mitgebaut, die 1984 eröffnet wurde. Wir wollten damit einen Ort schaffen, an dem man zugleich feiern und meditieren kann.

Suche

Lange habe ich nach einem Platz gesucht, an dem ich meine Sehnsucht nach dem Göttlichen mit meinem Beruf verbinden könnte. Ich bin mit  dem Motorrad in abgelegene Gegenden der Welt gefahren, nach England, Schottland, Alaska und Südamerika. Schließlich fand ich diesen Platz in Neuseeland. Mich begeisterte die kraftvolle Natur. Das ist wie der Schwarzwald mit exotischen Bäumen direkt am Meer. In Deutschland ist der Wald still. In Neuseeland ist der Wald wild und sehr energetisch. Dort habe ich gefunden, was ich immer suchte. Ich setze mich auf einen Stein,  öffne mich in das Kosmische und habe eine Verbindung zu Gott. So einfach ist das dort. Um herauszufinden, ob ich in Neuseeland leben und arbeiten kann, habe ich eine Zeitlang in einem Futon-Betten-Laden gearbeitet. Die Besitzer habe ich bei den Sannyasins kennen gelernt. Die Arbeit in dem Bettenladen war relaxed genug, um mir vorstellen zu können, in Neuseeland zu leben. Erst einmal bin ich zurück nach Deutschland, genauere gesagt nach Bernhausen bei Stuttgart und habe meine Tätigkeit dort intensiviert, um genug Geld zu verdienen, um mir eine Existenz in Neuseeland aufbauen zu können. Eine Zeitlang habe ich sowohl in Neuseeland als auch in Deutschland gelebt. Als ich genug Geld verdient hatte, um mir ein Haus, eine Werkstatt und ein Stück Land außerhalb von Auckland kaufen zu können, ließ ich meine Maschinen und meinen Haushalt nach Neuseeland verschiffen. Das war 1987, da war ich 26 Jahre alt. Meine Partnerin ist mit ausgewandert. Sie hatte Heimweh und flog ziemlich oft nach Hause. Irgendwann blieb sie in Deutschland, weil sie in Neuseeland einfach nicht glücklich geworden ist. Sie konnte sich mit der neuseeländischen Kultur nicht anfreunden.

Es ist schwierig, seine Wurzeln auszureißen und sich woanders wieder zu verwurzeln. Am Anfang neigt man dazu, seine alte Heimat zu glorifizieren. An Deutschland liebe ich die alten Städtchen, ich schaufle mich mit Brezeln voll und esse Pfifferlinge. In Neuseeland gibt es diese superspezielle Natur, das Meer direkt vor mir und diesen Wahnsinnsblick in den energiegeladenen Wald.

Leben in Neuseeland

In Neuseeland ist wichtig, was du kannst, nicht welche Zertifikate du hast. Zuerst muss man banale Jobs machen, simple Tätigkeiten. Diese sind die Voraussetzung für anspruchsvollere Arbeiten. Ich habe inzwischen eine Firma für individuelle Kücheneinrichtungen aus Massivholzmöbeln aufgebaut. Ich entwerfe und baue die Möbel selbst. Für mich ist es die größte Freude, wenn ich Kunden dabei helfe herauszufinden, was sie wirklich wollen. Ich stimme mich auf das Paar ein, meistens kommen Paare zu mir, die eine neue Küche wollen, und eruiere ihre Bedürfnisse. Danach sind sie froher als zuvor.

Neuseeland ist eine Pioniercommunity. Es gibt fast keine Werbung, man empfiehlt sich gegenseitig. Ich schicke neue Kunden zu alten, damit sie sehen können, was ich schon gemacht habe. Mit diesem Verfahren sind alle einverstanden. Meine Firma lebt von Empfehlungen. Ich liebe es, wenn die Dinge strukturiert sind und funktionieren. Die Neuseeländer sind da entspannter. Ihre Haltung ist eher „Wird schon in Ordnung sein.“ Einerseits war es  gut für mich, das zu lernen, andererseits treibt es mich manchmal in den Wahnsinn. Ich habe Tricks entwickelt, um mit der neuseeländischen Mentalität zurechtzukommen. Ich sage nie, wann ich etwas haben will und baue von vornherein einen Zeitpuffer ein. Ist ein Handwerker unzuverlässig, drücke ich meine Unzufriedenheit in einer homöopathischen Dosis aus, sonst kommt besagter Handwerker nie wieder. In Auckland gibt es z.B. vier Elektriker. Wenn ich es mir mit einem verscherze, kann ich nur auf drei zurückgreifen. Und in so einer Community spricht sich alles schnell rum. Ich habe geradezu eine Kunstform entwickelt, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu tun und zu sagen. Nur weil jemand anders ist als du, hast du noch lange nicht das Recht zu sagen, dass du Recht hast. Diese Lässigkeit gibt mir die Freiheit, flexibel zu sein. Meine Kundschaft ist geradezu beglückt, wenn ich rechtzeitig Bescheid gebe, wenn ich einen Termin nicht halten kann. In Neuseeland geht man mit Verpflichtungen entspannt um. Ich kann drei Monate Urlaub machen, ohne meine Kunden zu verlieren. Meine zwei Mitarbeiter habe ich für ein Viertel Jahr, die Zeit meiner Europareise, in anderen Betrieben untergebracht. Hier geht man mit Zeit, Verbindlichkeit und Pünktlichkeit großzügiger um als in Deutschland.

Einwanderer und Neuseeländer

Die meisten meiner Freunde sind Europäer. Die Einwanderer bilden eine eigene Gruppe. In Neuseeland fehlt eine alte Kultur, diese alte Kultur bringen die Einwanderer mit. Mit Einwanderern komme ich schneller in tiefschürfende Gespräche als mit Neuseeländern. Diese sind unverbindlicher, sie legen sich nicht gern fest. Es gibt viele Sekten, da viele aus Glaubensgründen, vor allem aus Großbritannien, eingewandert sind. Diese Sekten bleiben während ihrer Feiertage in ihren Communitys. Man redet nicht über religiöse Fragen und Unterschiede. Die Neuseeländer haben die politische Korrektheit bis zur Perfektion entwickelt.

Niemand hat Recht, weil er eine andere Sichtweise hat. Jeder hat das Recht auf seine Sichtweise. Diese Devise entspricht mir, weil sie mir die Freiheit gibt, das zu tun, was ich will und mich zwingt, mich mit Andersartigkeit auseinanderzusetzen. Zu hören, wie andere die Dinge betrachten, bereichert mich. Keine Sichtweise ist besser oder schlechter als eine andere, sie ist einfach nur anders. Das gefällt mir und führt mir meine eigenen begrenzten Vorstellungen über Richtig und Falsch vor Augen.

Ich bin deutscher Staatsbürger. Das gibt mir die Sicherheit, im Notfall nach Deutschlang zurückkehren zu können. In Neuseeland bin ich resident, das bedeutet eine lebenslange Aufenthaltsgenehmigung, verbunden mit dem Wahlrecht. Wenn etwas schief geht, z.B. wenn die Umwelt verschmutzt wird, fühle ich mich als Neuseeländer, verantwortlich für den Schutz dieser einzigartigen Natur. Ich werde nie ein Neuseeländer sein, weil die einfach anders sind. Ich werde als Einwanderer immer ein Fremder bleiben, auch wenn ich viele Kontakte zu Neuseeländern habe. Das ist mir klar, aber ich leide nicht darunter.

Deutschland und Neuseeland

An Deutschland fällt mir auf, dass es noch keine gute Einwanderungspolitik gibt. Deutschland müsste eine Einwanderungskultur schaffen, eine Zone, in der sich Einwanderer integrieren können. In Neuseeland kann die erste Einwanderergeneration ihre Kultur nicht beibehalten, weil ihre Kinder sie zwingen, sich mit der neuen Kultur auseinanderzusetzen. Zeit und Toleranz sind alles. Fremdenfeindliche Politiker werden ziemlich schnell kalt gestellt. Die Politik muss dafür sorgen, dass sich die Alteingesessenen und die Einwanderer kennen lernen. Freudig überrascht hat mich, dass viel Interkulturelles passiert. Das Crossover der Kulturen gefällt mir. Dies ist ein gutes Bollwerk gegen das braune Zeugs.

Meine spirituelle Suche führte mich zum Tanz der Derwische und zum Zikr der Sufis. Der Zikr ist ein bewegtes Gebet, das einen daran erinnert, dass man den göttlichen Funken in sich trägt, eben die Verbindung zum Göttlichen wieder ins Bewusstsein holt. Es geht aber nicht nur darum, dass sich die Einzelnen mit dem Göttlichen verbinden, sondern dass sie diese Verbindung auch in die Beziehungen zu den Menschen untereinander tragen. Kontakt, Toleranz, Kommunikation, Begegnung und Freiheit sind die wichtigsten Elemente des Zusammenlebens.

Erzählt von Martin (Pseudonym) im Juli 2015, aufgeschrieben von Regina Boger.

 

 

 

 

 

Mir fehlt ein Stück meines Lebens

Die ersten Jahre in Deutschland

Die Ankunft in Bietigheim-Bissingen war schlimm. Wir lebten zuvor in einem Dorf in Sizilien. In Deutschland war alles kalt, das Klima und die Menschen. Es war, als ob da kein Leben wäre.  Tagsüber waren keine Menschen auf der Straße oder im Hof. Nur ausländische Kinder spielten auf der Straße. Das wurde von den Nachbarn nicht gern gesehen. Die älteren Leute haben die Kinder gern gehabt. Unsere Hausbesitzerin hat sich immer gefreut, wenn sie uns gesehen hat. Sie hat uns dann ab und zu Bonbons oder ein bisschen Geld zugesteckt.

Pina di Gloria mit Schwester DSC_0117

1956 zog meine älteste Schwester mit ihrem Mann nach Deutschland, mein Vater 1963. Zwei Jahre später holte er meine Mutter, mich, meine Zwillingsschwester, meine ältere Schwester und meinen Bruder nach Bietigheim-Bissingen. Meine älteren Geschwister blieben in Italien. Ich bin so alt wie die Zwillinge meiner ältesten Schwester.

Die Schule war schrecklich. Ich war 10 Jahre alt, konnte kein Wort Deutsch und wurde vom Schulleiter einfach in eine Klasse gesetzt. Meine Schwester und ich verstanden kein Wort. Wir  wollten zurück, aber unsere Eltern ließen uns nicht. Zum Glück lernten wir von den Kindern eines deutsch-italienischen Ehepaares etwas Deutsch.  Im nächsten Schuljahr bekamen wir eine sehr nette Lehrerin, die Italienisch sprach. Sie nahm uns in den Arm, wenn wir weinten. Die meisten Lehrer haben uns nicht ernst genommen. Sie haben nicht geglaubt, dass wir Deutsch schreiben konnten und benoteten unsere Arbeiten nicht. Sie glaubten, wir hätten von den deutschen Kindern abgeschrieben.

Meine Eltern wollten wieder zurück nach Italien. Deswegen nahmen sie uns mit 14 Jahren aus der Schule. Wir sollten so früh wie möglich Geld verdienen. Bei der Firma SWF in Bietigheim fing ich als Vespermädchen an. Wir waren mehrere ausländische Jugendliche, die dasselbe machten. Bei SWF gab es viele italienische Landsleute, so hatten wir auch unseren Spaß. Für mich war es erniedrigend, in diesem Alter arbeiten zu müssen. Ich wäre lieber noch auf die Schule gegangen und hätte gern den Hauptschulabschluss gemacht und dann Friseurin geworden. Ich fühlte mich wie eine Gefangene, die funktionieren muss.

Eine strenge Erziehung

Meine Eltern erzogen uns sehr streng. Sie hatten Angst, dass wir mit Jungen etwas anfangen und dann nicht mehr als Jungfrauen in die heiraten könnten. Deswegen durften wir nicht mit Freunden ausgehen. Dabei wollten wir nur mit unseren Freundinnen ausgehen. Wenn wir unsere Eltern etwas fragten, bekamen wir keine richtigen Antworten. Deswegen fingen wir an zu lügen. Wenn ich gelogen habe, haben mir meine Eltern geglaubt. Wir sagten, wir besuchten eine ältere Freundin, sind aber tatsächlich in die Disco gegangen. Wir hatten einen starken Drang nach ein bisschen Freiheit. Unsere Eltern erlaubten nicht, dass wir zum Faschingsfest gingen. Deswegen behaupteten wir, wir gingen zu einem Klassentreffen. Unser alter Lehrer wollte uns mal wieder sehen. In zwei Stunden seien wir zurück. Wir gingen aber auf den Fasching, lachten und tanzten und vergaßen die Uhr. Plötzlich war es zwölf Uhr. „Unsere Eltern bringen uns um“, sagte ich zu meiner Schwester. Als wir nach Hause kamen, brannten alle Lichter. Meine Mutter war in der Küche. Meine Schwester und ich hielten uns an der Hand und rannten die Treppe hinauf. Meine Mutter hinterher. Ich riss die Badezimmertüre auf, meine Mutter erwischte meine Schwester. Ich schloss die Türe ab. Meine Mutter trommelte mit den Fäusten gegen die Türe und schrie: „Mach die Türe auf.“ Ich machte sie aber nicht auf. Meine Mutter schloss von außen auf, ich stemmte mich mit den Füßen gegen die Türe. „Ich springe aus dem Fenster, wenn du mich verhaust!“, schrie ich. Schließlich gab sie auf und verprügelte nur meine Schwester. Ich verbrachte die ganze Nacht im Bad. Am nächsten Morgen war die Wut meiner Mutter etwas verraucht und die Schläge milder. Meine Eltern sprachen eine Woche lang nicht mit uns. Meine Schwester nahm mir lange übel, dass ich mich allein im Badezimmer verschanzt hatte. Aber meine Mutter hatte sie ja schon am Arm gepackt, als ich ins Bad rannte. Ich hatte mich auf eine Art durchgesetzt und das war gut. Drei Monate durften wir gar nicht mehr fortgehen, nur unter der Aufsicht meiner älteren Schwester.

Meine ältere Schwester hatte einen Freund, von dem meine Eltern nichts wussten. Wir gingen zusammen fort, sie traf sich mit ihrem Freund und meine Zwillingsschwester und ich gingen in die Disco. Das ging ein Jahr lang gut. Dann verlobte sich meine ältere Schwester und nahm uns nicht mehr mit.

Erste Liebe

Mit 16 lernte ich meinen Mann kennen. Eine befreundete Familie nahm meine Schwester und mich  zu einer italienischen Weihnachtsfeier mit. Beim Tanzen lernte ich Nico kennen. Er arbeitete in einer Eisdiele in Bönnigheim und fuhr in der Mittagspause nach Bietigheim zu SWF, um sich mit mir zu treffen. Eines Tages saßen wir in Nicos Auto, als mein Bruder vorbei kam. „Wenn er das heute Abend meiner Mutter erzählt, bringt sie mich um“, sagte ich zu Nico. „Dann sag ihr doch, dass morgen ein junger Mann vorbei kommt, der euch kennen lernen will“, schlug Nico vor. Wir vereinbarten 15 Uhr. Ich informierte meine Eltern. Es war Samstag, 15 Uhr. Niemand kam. Es wurde 16 Uhr. Wir wurden unruhig. Schließlich kam er um 17 Uhr mit seinem Vater zusammen. Mein Vater war von dem jungen Mann begeistert und vor allem von seinem Vater.  Hinter meinem Rücken forderten meine Eltern die Papiere, die man zum Heiraten braucht, in Italien an. Eigentlich hatte ich nur ausgehen und ein bisschen Tanzen gewollt.  Ein Jahr später waren wir verheiratet. Ich hatte mich durch die Heirat von meiner Familie befreit, und nun hatte ich eine neue Verpflichtung. Gott sei Dank war Nico immer sehr nett.

 

Familie und Arbeit

Mit 18 habe ich geheiratet, mit 19 bekam ich mein erstes Kind, Domenico. Ein Jahr später kam Maurizio. Meine Eltern gingen nach meiner Heirat zurück nach Italien, zu meinen Geschwistern nach Mailand. Die Eltern Nicos lebten auf Sardinien. Ich fühlte mich im Stich gelassen und überfordert. Nach der Geburt von Maurizio starb meine Mutter. Das war eine schlimme Zeit. Es war eine große Verpflichtung, für zwei kleine Kinder zu sorgen. Ich war den ganzen Tag allein mit den Kindern und musste alles allein bewältigen. Nico arbeitete von morgens bis Mitternacht in der Eisdiele. Ein bisschen Kontakt hatte ich zu meinen Schwägerinnen und zu einigen wenigen Freunden. Das war für eine junge Mutter nicht genug. Ich war so verzweifelt, dass ich mein Leben beenden wollte.

„Such dir eine andere Arbeit, ich mach‘ das nicht mehr mit“, sagte ich zu Nico. Nico sah meine Not und suchte sich eine Stelle bei SWF. Aber das war nicht sein Leben. Deswegen fing er nach einiger Zeit wieder in einer Eisdiele an, diesmal in Ludwigsburg. Der Lohn war so gering, dass er davon keine Familie ernähren konnte. Deswegen hörte er dort auf und arbeitete zwei Jahre lang bei Mann und Hummel. Ich war froh, dass er nur acht Stunden am Tag arbeiten musste und wir die Abende und Wochenenden miteinander verbringen konnten. Schließlich bekam  er ein Angebot von einer Eisdiele, von Olivier. Das Gehalt war so hoch wie das bei Mann und Hummel. Außerdem konnte er dort Schicht arbeiten. Auch ich habe in der Eisdiele gearbeitet.  Von sechs bis acht Uhr morgens habe ich die Eisdiele geputzt. Nico war solange bei den Kindern. Wen ich nach Hause kam, brachte ich die Kinder in den Kindergarten und in die Schule. Das ging so lange, bis meine Söhne ihre Lehre beendet hatten. Danach arbeitete ich den ganzen Vormittag in der Eisdiele.

Selbständigkeit

Herr Betz, der Besitzer der Eisdiele, baute eine kleine Eisdiele in der Kirchstraße. Außer Nico arbeitete dort kein Kellner gern.  Herr Betz bot Nico an, diese Eisdiele zu übernehmen. Nico war 50 und er fragte sich, wie lange er noch als Kellner arbeiten könnte. Die Eisdiele in der Kirchstraße lief gut und wir beschlossen, das Risiko einzugehen. Das erste Jahr arbeitete ich arbeitete weiterhin morgens bei Olivier. Weil es in unserer Eisdiele so viel zu tun gab, gab ich meine Arbeit bei Olivier auf.

Nun sind wir schon 15 Jahre selbständig. Mir macht die Arbeit Spaß. Durch sie habe ich viele Freunde gewonnen. Viele unserer Kunden wurden zu Freunden. Es gibt so viele herzliche und offene Gespräche. Mir macht diese Arbeit sehr viel Freude. Jetzt sind wir unser eigener Herr. Wenn man für jemanden anderes arbeitet, macht man es nie hundertprozentig richtig. Wenn dich jemand unterdrücken will, macht er es. Es war eine richtige Entscheidung. Aber auf der anderen Seite raubt mir die Eisdiele meine Familie. Ich habe keine Zeit, meine Enkel zu genießen. Ich bin froh, dass ich Kinder habe und dass aus ihnen etwas geworden ist. Sie haben mir Kraft und Freude gegeben.

Mir fehlt ein großes Stück meines Lebens. Als ich jung war, hatte ich die Vorstellung, zuerst auf eigenen Füßen zu stehen. Das fehlt mir. Ich war nie wirklich frei.

Religion

Ich glaube an Gott, aber ich mache mir nichts aus der Kirche. Den Glauben trage ich in meinem Herzen.

Heimat

Ich will hier bleiben, auf keinen Fall zurück nach Italien. Was soll ich dort? Ich kenne ja niemanden in Italien. In den letzten Jahren hat mich die Sehnsucht nach Italien geplagt. In den 44 Jahren, in denen ich in Deutschland lebe, war ich nur zwei Mal in Sizilien. Als ich das erste Mal nach Sizilien geflogen bin, saß ich mit klopfendem Herzen im Flugzeug. Traurigkeit und Freude waren gleichzeitig in mir. Ich habe den ganzen Flug über nur geheult. Als ich in das Dorf kam, hatte ich das Gefühl, immer dort gewesen zu sein. Obwohl unser Haus nur noch eine Ruine war, habe ich mich sehr gefreut, dort zu sein. Es war schön, meine Verwandten zu besuchen. Mein Cousin und ich lagen uns lachend und weinend in den Armen. Wir konnten nicht glauben, dass wir uns nach 44 Jahren wiedersahen.

Ich liebe Ludwigsburg. Es ist meine Heimat. Hier habe ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht. Ludwigsburg gehört zu mir. Die Kirchstraße ist immer voll. Hier ist Leben. Ich mag alle Nationalitäten. Alle haben schöne Seiten. Die Türken sind die höflichsten Menschen. Auch Bietigheim liebe ich. Es war meine erste Stadt in Deutschland.

Flüchtlinge

Die Flüchtlinge tun mir Leid. Ich fühle mit ihnen. Es ist schwer, aus der Heimat weggehen und alles zurücklassen zu müssen. Diesen Schritt haben sie nicht gern gemacht. Jeder hat einen guten Grund, weshalb er  weggehen muss. Das Wort „Flüchtlinge“ hört sich so hart an, so bestrafend. Ich habe keine Angst vor den Flüchtlingen. Jeder kriegt ein bisschen, was er braucht. Ich glaube nicht, dass sie mit großen Erwartungen kommen.

Wünsche

Ich möchte mal allein, ganz allein verreisen. Zwei bis drei Wochen würden mir reichen, irgendwo am Meer, in einem kleinen Fischerdorf. Spaziergänge am Meer. Das ist alles, was ich mir wünsche. Die Arbeit hindert mich, mir diesen Wunsch zu erfüllen. Ende Oktober schließen wir die Eisdiele. Dann müssen wir liegen gebliebene Sachen erledigen. Danach machen wir ein bisschen Urlaub. Aber er will mit. Wir stören uns nicht. Wenn ich allein an den Strand will, mache ich das. Einfach nichts tun und nichts denken.

Erzählt von Pina die Gloria, aufgeschrieben von Regina Boger im Oktober 2015

… ein ägyptischer Kanadier, der in der Schweiz lebt

Manchmal ist es schwer, die Meinungen vieler Schweizer über Ausländer zu ertragen, vor allem wenn man Ausländer ist. Das Merkwürdige ist, dass mir diese Vorurteile vor allem in den Massenmedien begegnen und überhaupt nicht von meinen Nachbarn oder Arbeitskollegen. Mit denen komme ich gut aus, mit manchen bin ich sogar befreundet. Wobei ich sagen muss, dass meine Freunde in der Regel auch Migranten oder Migrantinnen sind. Ja, auch die Zugewanderten bleiben unter sich. Um auf die Konflikte zwischen Schweizern und Ausländern zurückzukommen: Ich stimme der Beschreibung des Problems zu, aber nicht der Lösung, die von den Populisten vorgeschlagen wird. Sie beklagen zu Recht, dass viele Ausländer die Sprache nicht sprechen und sich nicht an die schweizerischen Sitten anpassen. Aber ihre Lösung halte ich für falsch, eine Wand zu den Migranten aufzubauen. Und gar keine Lösung sind die Ausländer-raus-Parolen. Wenn alle Ausländer die Schweiz verlassen würden, brächen das Wirtschaftsleben und der Gesundheitssektor zusammen. Ich bin für einen Dialog zwischen den Migranten und den Schweizern, um gemeinsam eine Lösung für die Probleme zu finden. Ich verstehe zum Beispiel, dass sich Schweizer gekränkt fühlen, wenn Ihr Dialekt von Deutschen belächelt wird. Die Schweizer fühlen sich dann den Deutschen unterlegen und reagieren mit Wut und Ablehnung auf die Arroganz von manchen Deutschen.

Ich wohne seit vielen Jahren in der Schweiz, fühle mich aber nicht als Schweizer, sondern als ägyptischer Kanadier, der in der Schweiz lebt. Die Schweiz betrachte ich aber als mein zu Hause. Deswegen habe ich auch die Schweizer Staatsbürgerschaft beantragt. Den ersten Test habe ich schon bestanden. Ich kann mich gut anpassen und ich habe schnell die Sprache gelernt, weil ich weiß, dass dies die Voraussetzung für die Integration in ein fremdes Land ist.

Meine Eltern haben mir ihre Migrationserfahrung mitgegeben. Sie sind in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts von Ägypten nach Kanada eingewandert. Sie sind nicht aus Not emigriert, sondern weil sie in den USA und Kanada attraktive berufliche Angebote bekamen. Die USA suchten in dieser Zeit Wissenschaftler und gut ausgebildete Fachkräfte. Mein Vater ist promovierter Biologe und bekam an der Harvard-Universität in Cambridge eine Professur. Meine Mutter ist promovierte Romanistin. Auch sie bekam eine Stelle an der Universität. Die beiden lernten sich übrigens beim Studium in Madrid kennen. Weil ihnen in Kanada bessere Arbeitsbedingungen angeboten wurden, nahmen sie diese an und ließen sich in Halifax und dann Ottawa nieder. Dort wurden meine Schwester und ich auch geboren, sie 1967 und ich 1970.

Meine Eltern stammen aus gebildeten Kairoer Familien und so war es selbstverständlich, dass auch meine Schwester und ich studieren konnten. Meine Schwester wurde Bau-Ingenieurin und ich Informatiker. Äußerlich verlief meine Integration problemlos. Meine Eltern sprachen mit uns Kindern Arabisch. Arabisch ist also meine erste Sprache. Ich kann mich allerdings nicht an die Zeit erinnern, in der ich Arabisch gesprochen habe. Denn ich empfinde Englisch als meine Muttersprache. Noch heute sprechen meine Eltern miteinander und mit uns Arabisch, wir Kinder antworten jedoch auf Englisch. Ich kann nicht besonders gut Arabisch. Das schmerzt meine Eltern etwas, weil es uns auf gewisse Weise trennt. Ich bin in eine Welt hinein geboren, die sie gewählt haben. Der ägyptische Teil in mir wurde durch meine Eltern vermittelt, der kanadische Teil vom Kindergarten, der Schule, meinen Freunden und Freundinnen und der Universität. Ich wurde sowohl von der westlichen Lebensweise geprägt als auch von der ägyptischen meiner Eltern.

Die spirituelle Suche

Mit 17 begegnete ich in Kairo einer Gruppe von Sufis. Ihre glühende Liebe zu Gott beeindruckte mich so, dass ich mich entschloss, mich dem Islam zuzuwenden. Ich engagierte mich in der Moschee, leitete Jugendgruppen und war überhaupt ein aktiver Teil der muslimischen Gemeinde. Mit 24 machte ich an der Kaaba in Mekka eine tiefgreifende Erfahrung, die mich in eine tiefe Krise stürzte. Mein Herz öffnete sich, ich fühlte mich von Liebe durchflutet und gleichzeitig fühlte ich mich wie ein Heuchler. Gott hatte mir diese große Liebe geschenkt und ich wusste gleichzeitig, dass ich nicht nach den strengen moslemischen Regeln leben konnte. Dies war ein großer Konflikt, der dazu führte, dass ich mich vom Islam abwandte. Ich konnte diese Regeln nicht offenen Herzens befolgen. Sie zu befolgen, hätte bedeutet, mich zu verleugnen. Lange suchte ich nach Alternativen und wurde ungläubig.

Meine spirituelle Suche war aber noch nicht zu Ende. Meine Sehnsucht führte mich nach Großbritannien, wo ich eine einjährige Ausbildung in „Mysticism and Religious Experience“ (Mystik und religiöse Erfahrung) machte. Durch diese Ausbildung lernte ich die großen Weltreligionen sowie einen offenen und esoterischen Islam kennen. Am meisten ziehen mich der Buddhismus und der Sufismus an, ohne jedoch in irgendeinen Orden eingeweiht zu sein. Ich glaube an die Einheit von allem; letztlich hat jede Religion eigene Namen, um dasselbe zu beschreiben.

Mein Beruf führte mich nach Deutschland und dort habe ich Deutsch gelernt. In Deutschland lernte ich auch meine Frau kennen und wir heirateten. Meine spirituelle Suche führte mich zu den Schriften C.G. Jungs und schließlich zum C.G.Jung Institut nach Zürich. Ich suchte einen Job in Zürich, um am C.G. Jung Institut als Gasthörer seine Analytische Psychologie zu studieren. Durch Jung bekam ich wieder einen Zugang zur Spiritualität, einer Spiritualität, bei der ich mich nicht verleugnen musste. 2003 gründete ich meine eigene Firma und damit hatte ich entschieden, in der Schweiz zu bleiben.

Vier Kulturen in einer Familie

Meine Frau und ich trennten uns. Sie zog mit unserem Sohn zurück nach Deutschland. Deswegen verbringe ich jedes zweite Wochenende in Deutschland bei meinem Sohn. Mit meinem Sohn spreche ich Englisch und bestehe darauf, dass er mir auf Englisch antwortet. Mit seiner Mutter spricht er Deutsch. Deutsch ist seine Muttersprache und Englisch seine Vatersprache. Das Verhalten von Ägyptern und Schweizern ist sehr unterschiedlich. Die Schweizer tragen in der Öffentlichkeit gegenüber Fremden eine strenge, fast abweisende Maske. Wenn man sich einmal kennt, sind sie sehr herzlich. In Ägypten dagegen kann man keine 10 Minuten auf der Straße sein, ohne in ein Gespräch verwickelt zu werden. Wenn man z.B. mit dem Taxi fährt, fragt einem der Taxifahrer ganz selbstverständlich, woher man kommt, wie man lebt, ob man verheiratet ist, wie viele Kinder man hat, wie es den Eltern geht. Ägypter sind sehr gemeinschaftsorientiert und familienbezogen, sie stellen sofort eine Beziehung her. Die Männer verhalten sich Frauen gegenüber sehr ritterlich. Zwischen den Polen Schweiz und Ägypten liegt Kanada. Die Menschen dort sind kontaktfreudiger und kommunikativer als in der Schweiz, aber sie lassen einem auch in Ruhe, wenn man nicht gleich seine Familiengeschichte erzählen will.

In Zürich fühle ich mich sehr wohl. In dem Haus, in dem ich wohne, lebt eine bunt gemischte Gesellschaft zusammen: Schweizer und Migranten aus aller Herren Länder kommen gut miteinander aus. Einzig die Fremdenfeindlichkeit und die Angst vor Muslimen, die von den Massenmedien geschürt werden, stören mich. Sie entsprechen nicht der Züricher Realität. Die meisten Menschen sind viel offener als die populistischen Journalisten und Parteifunktionäre.

Erzählt von Tariq, aufgeschrieben von Regina Boger im Juli 2015.

…eine interkulturelle Ärztin, die nicht nur den Körper heilen möchte, sondern auch die Wunden des Nicht-Dazugehörens …

Die Geschichte meiner Familie ist mit der Geschichte Mazedoniens und den Balkankonflikten eng verbunden. Wobei meine Eltern und deren Familien ein Kunststück fertig brachten, das ein Vorbild an friedlicher Koexistenz verschiedener Religionen und Ethnien in Jugoslawien hätte sein können – wenn es die politischen Akteure gewollt hätten oder wenn sie dazu fähig gewesen wären.

Am besten fange ich mit meinem Großvater an, dem Vater meiner Mutter: Angehöriger der türkischen Minderheit in Mazedonien, Übersetzer, Schriftsteller, Lehrer, Direktor einer Schule hauptsächlich in Skopje lebend, der Hauptstadt Mazedoniens. In einer Tageszeitung schrieb er regelmäßig eine Kolumne. Er war Sozialist und glaubte an die Ideale Freiheit, Gleichheit, Solidarität. Und natürlich war er auch ein Anhänger Titos. Auch wenn die Minderheiten in Jugoslawien nicht wirklich gleichberechtigt waren, so ging es ihnen jedenfalls deutlich besser als nach dem Zerfall Jugoslawiens, meinte mein türkischer Großvater. Ich kann das nicht beurteilen, weil ich 1983 auf die Welt kam, 3 Jahre nach Titos Tod.

Mein Großvater nahm seine sozialistischen Ideale ernst und verwirklichte sie auch in der Familie. Das Prinzip der Gleichheit galt selbstverständlich auch für seine Töchter. Sie durften studieren, da Männer und Frauen in seinen Augen gleichberechtigt waren, obwohl das damals auch in einem sozialistischen Staat nicht selbstverständlich war. Beide studierten Medizin. Als meine Mutter sich an der Universität in einen praktizierenden, gläubigen albanischen Studenten der Zahnmedizin verliebte, hatte sie die Freiheit, ihn zu heiraten, obwohl mein Großvater selbst eher ein säkularer Moslem war und Religion keine große Rolle in seinem Leben spielte.

Mein Vater stammt aus einer traditionellen albanischen Familie, die  im Dorf lebte, in der Nähe von Gostivar. Es war eine einfache Familie, die sich von der Landwirtschaft ernährte. Mein Vater war der einzige in der Familie, der studieren konnte. Als Angehöriger der albanischen Minderheit wurde er leider viel diskriminiert.

Die albanische Minderheit war ärmer und hatte weniger Bildungschancen als die mazedonische Mehrheit. Mein Vater sprach zu Hause albanisch und in der Schule oder am Markt, wo er oft verkaufen musste, mazedonisch. Vor und nach dem Unterricht half er seinen Eltern und Geschwistern immer bei der Feld- und Hausarbeit. Er lebte dadurch in zwei unterschiedlichen Welten. In der mazedonischen Welt galt seine albanische Familie als weniger wert als die mazedonischen Familien, was er verständlicherweise als ungerecht empfand. Doch er hatte einen Traum: Er wollte unbedingt studieren. Er musste sich in vielen Bereichen viel mehr als seine Kollegen anstrengen, konnte aber  durch Intelligenz und seine hohe Leistungsbereitschaft sein Ziel erreichen- er wurde Zahnarzt.  Meine Eltern lernten sich an der Universität in Skopje kennen. Sie waren acht Jahre zusammen, als sie heirateten. Nach dem Studium zogen sie nach Ohrid, in der Hoffnung dort gute Jobs zu bekommen. Für meine Mutter wäre es kein Problem gewesen, eine Anstellung zu finden, sie war zu dem Zeitpunkt jedoch schwanger. Für meinen Vater war es nicht möglich, einen Job zu finden. Als Angehöriger einer Minderheit standen die Chancen schlechter als der, die zur Mehrheit gehörten. In Ohrid waren Albaner in der Minderheit, es gab ethnische Spannungen zwischen der mazedonischen Mehrheit und der albanischen Minderheit.

Meine Eltern hielten diese Spannungen nur paar Monate aus, dann zogen sie nach Gostivar. Genauer gesagt, wir zogen nach Gostivar, denn wir waren inzwischen eine Familie geworden. 1983 kam ich auf die Welt und meine Schwester 1985. In Gostivar gibt es eine der größten albanischen Gemeinde Mazedoniens, sie stellt zwei Drittel der Einwohner dar. Sowohl mein Vater als auch meine Mutter fanden dort Arbeit in ihren Berufen. Meine Mutter arbeitete im Krankenhaus, mein Vater baute seine Praxis als Zahnarzt auf. Nun war das Leben für meine Mutter am Anfang schwierig. Zum einen, weil sie nicht albanisch sprach, zum anderen, weil ihr die traditionellere Kultur der albanischen Mehrheit fremd war. Sie fühlte sich als Frau in dieser traditionell geprägten Kultur nicht gleichberechtigt. Außerdem war sie zwar eine Muslimin, aber eher säkular orientiert. Sie feierte alle muslimischen Feste wie viele europäische Christen Ostern und Weihnachten feiern. Sie glaubt an die Liebe, das ist für sie die Essenz der Religion. Sie wollte nie ein Kopftuch tragen und das damals in der traditionellen Gesellschaft, in der das Kopftuch zur Kleidung der Mehrheit der Frauen gehörte. Als emanzipierte Frau war sie in dieser Gesellschaft eine Exotin, z.B. war sie eine der sehr wenigen Frauen in Gostivar, die einen Führerschein hatte und mit dem Auto durch die Stadt fuhr. Obwohl sie so anders war als die Schwestern meines Vaters, schlossen diese sie gleich ins Herz. Meine Mutter war und ist wegen ihrer Bildung, ihrer beruflichen Kompetenz und ihrer Herzlichkeit eine Autorität in der Familie meines Vaters. In allen wichtigen Fragen wird sie zu Rate gezogen. Mein Vater befolgt als gläubiger Moslem die moslemischen Regeln wie die fünf Gebete am Tag, verlangte dies weder früher noch verlangt er es heute von seiner Frau und seinen Töchtern. Er lebte mir die friedliche Koexistenz verschiedener Kulturen vor. Er sprach immer über seinen Glauben und was er für ihn persönlich bedeutete. Wir dürften für uns selbst denken, sollten vor allem neugierig sein und viel lernen, sowie immer helfen und einfach lieben können. Meine Eltern verband die Liebe über alle ethnischen und sozialen Grenzen und Unterschiede hinweg. In dieser Liebe fühlte ich mich immer aufgehoben und geborgen. Das ist die Mitgift meiner Eltern für mein Leben. Es ist mein größter Schatz.

In dieser Familie fühlte ich mich geliebt und beschützt. Ich fühlte mich willkommen und hatte immer das Gefühl, von meinen Eltern gewollt zu sein, richtig zu sein, so wie ich bin. Ich hatte das Gefühl, ein geliebtes Kind zu sein, geliebt von meinen Eltern und der Welt. Dieses Licht, der Samen der Liebe, konnte nie zerstört werden. Es heilt alle Wunden und es half, dass mein Herz sich nicht verschlossen hat, wenn es verletzt worden ist. Die Liebe meiner Mutter und der Glaube meines Vaters, dass es eine Macht gibt, die alles in Ordnung bringt, haben mir dieses Gefühl gegeben.

In der albanischen Grundschule erlebte ich zum ersten Mal, dass es Unterschiede zwischen den Menschen gibt, die über Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einer Gruppe entscheiden. Zum ersten Mal fragte ich mich: Bin ich in Ordnung? Ich spürte, dass in den Augen der Anderen an mir etwas nicht stimmte. Ich war nicht so wie sie. Zu Hause wurde ich immer wieder bestätigt: Du bist in Ordnung, so wie du bist.

Das Schlimmste am Krieg ist der Verlust des Urvertrauens. Das hätte mich zerstören können, wenn ich wegen der Schrecken des Krieges mein Herz verschlossen hätte. In der Pubertät erlebte ich starke ethnische Spannungen. Jede Ethnie hatte Recht und die Anderen waren schuldig. Ich hatte immer das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Ich war offen und wollte mit allen befreundet sein. Das ging aber nicht, weil die Welt um mich herum in Mazedonier, Albaner, Serben, Türken, Kroaten, Bosnier usw. zerfallen war. Ich wurde zwar angenommen, aber nur als Leyla, nicht als Kind einer albanisch-türkischen Familie. Mich fanden viele cool, weil ich lustig war und gern tanzte, sang, malte, Bücher las oder Gedichte schrieb. Dieser Teil von mir wurde angenommen, aber nicht der multi-ethnische Teil. „Du bist okay, aber die Albaner sind es nicht“, sagten die mazedonischen Mitschüler/innen. „Du bist cool, aber die Türken sind unmöglich“, sagten die albanischen Schulfreunde. „Du bist offen, aber die Moslems sind so streng“ oder „ Ich mag dich, also glaub bitte wie wir an die Bibel, sonst landest du in der Hölle“. Das verwirrte mich. Was in unserer Familie nie ein Problem gewesen war, wurde von anderen zu einem Problem gemacht, zu meinem Problem. In der Pubertät ist man ja auf der Suche nach sich selbst, das ist schwer genug. Ich suchte zusätzlich nach meiner ethnischen Identität. Wer war ich? Wieso musste ich überhaupt mich einer Gruppe zugehörig fühlen? Auf jeden Fall gehörte ich keiner Gruppe ganz an. Eine Zeit lang identifizierte ich mich mit den Albanern. Der Aufstand der Albaner gegen die Diskriminierung durch die mazedonische Regierung verschärfte meine inneren Konflikte. Dieser ethnische Konflikt verlagerte sich in mich. Das war 1997, da war ich gerade 14 Jahre alt. Gleichzeitig fühlte ich mich in den kommenden Jahren von außen immer mehr bedroht. Die mazedonischen Sicherheitskräfte bewaffneten mazedonische Zivilisten (2001). Was, wenn unsere mazedonischen Nachbarn in unser Haus eindrängen und uns umbrächten? Auf der Straße wurde ich nicht mehr gegrüßt, das tat richtig weh und enttäuschte mich sehr. Feindseligkeit lag in der Luft, Angst auf allen Seiten. Der Krieg rückte immer näher. Am Ende war er noch 24 km (Tetovo) von uns entfernt. Wir wussten nicht, ob er zu uns kommen würde.

Viele flohen. Meine Eltern beschlossen zu bleiben. Meine Mutter hatte noch immer ihre Stelle als Ärztin im Krankenhaus, mein Vater hatte so hart gearbeitet, eine Wohnung gekauft und eine Zahnarztpraxis aufgebaut. Wenn sie fliehen würden, müssten sie alles aufgeben, ihre gesamte materielle Existenzgrundlage. Mein Vater wollte auf jeden Fall bleiben, meine Mutter war hin- und hergerissen. Sie war angstgeladen. Vor allem nachts. Wegen der feindseligen Atmosphäre und der Hilflosigkeit und Schutzlosigkeit in der Nacht. Wenn sie von der Arbeit kam, war sie entspannter. Meine Mutter wurde durch die Arbeit geerdet, mein Vater durch seine Gebete.

Mit 14 drängte ich meine Eltern, mich nach den acht Jahren in der Grundschule auf eine türkische Privatschule nach Skopje gehen zu lassen. Weil ich die Aufnahmeprüfung glänzend bestand, bekam ich ein Stipendium, das die Hälfte des Schulgelds ausmachte. Ich wohnte bei meinen türkischen Großeltern und fühlte mich in dieser ethnisch bunt gemischten Schule sehr wohl. Die Schule war trilingual, das heißt, zwei Fächer wurden jeweils in einer Fremdsprache unterrichtet. Das entsprach meiner Freude an Fremdsprachen und nährte meine Neugier auf andere Kulturen. Rückblickend kann ich sagen, dass dies sicher der schönste Teil dieser Zeit meines Lebens war. Es war einfach schwer, von meinen Eltern getrennt zu sein. Ich vermisste sie sehr. Und es war Kriegszeit.

Nach der Matura (Abitur) wollte ich unbedingt im Ausland studieren. Ich wollte eine neue Sprache lernen, eine neue Kultur kennen lernen und Gleichgesinnte finden. Mit ihnen zusammen wollte ich die Welt retten, eine Welt schaffen, in der es keine Kriege gibt. Ich wollte weg aus dem Spannungsfeld der Kriege und ethnischen Konflikte. Im Grunde suchte ich das Vertrauen, das ich in Mazedonien verloren hatte.

Mein Weg führte mich nach Wien. Dort fand ich einen Studienplatz für Medizin. Das erste halbe Jahr verbrachte ich damit, Deutsch zu lernen. Das Medizinstudium in Deutsch war am Anfang sehr schwierig für mich, mit der Zeit ging es besser. In dieser Zeit lernte ich wunderbare Menschen kennen. Unter anderem Migranten aus anderen Ländern. Sylwia, eine polnische Migrantin, eine der besten MenschInnen, die ich bis jetzt kennenlernen durfte, wurde meine beste Freundin. Es sind tolle Menschen wie sie gewesen, die mir Tag für Tag halfen, mein Vertrauen in die Menschheit wieder zu erlangen. In Wien erlebte ich sechs schöne Jahre jenseits von Kriegen und Konflikten. Es war eine Zeit der Heilung.

Mit dem Ende des Studiums 2009 lief mein Studentenvisum aus. Es war zu dieser Zeit nur österreichischen Staatsbürgern und EU-Bürgern erlaubt, die klinische Ausbildung direkt nach dem Studium zu beginnen. Diese Gesetze wurden während meines Studiums verschärft. Für Nicht-EU-Bürger bedeutete das, nach dem Abschluss des Studiums entweder erneut auszuwandern, z.B. nach Deutschland oder in die Schweiz, die dankend fertig ausgebildete Mediziner aufnahmen, oder eine Anstellung im nicht-klinischen Bereich zu suchen und darauf zu hoffen, dass sich die Gesetze wieder auf Grund des wachsenden Bedarfs an qualifizierten Medizinern änderten, und eine Fortsetzung der Ausbildung im Krankenhaus möglich würde. Dies bedeutete aber ein Verlust an Zeit von unbekannter Dauer und ungewissem Ausgang. Es war eine schwierige Zeit, da ich nicht verstehen konnte, wieso ich aufgehalten wurde, meinen Traum, Menschen zu helfen, zu verwirklichen. Ich verstand und verstehe heute noch nicht diese Ausgrenzung, nur weil ich nicht dort geboren wurde, wo es „richtig“ ist und wodurch es mir gestattet gewesen wäre, meinen Beitrag zu leisten. Das Gefühl, „du bist nicht richtig“ kam wieder. Ich fand aber eine andere Lösung. Da ich auch wissenschaftlich sehr interessiert war und schon während des Studiums im Institut für klinische Neurologie eine Diplomarbeit geschrieben hatte, bekam ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der neurologischen Abteilung eines Krankenhauses eine Anstellung und somit eine Aufenthaltsgenehmigung. Um meine praktische Ausbildung zur Ärztin dennoch absolvieren zu können, wandte ich mich an alle möglichen Stellen, unter anderem an eine Volksanwältin. Diese empfahl mir, mich an einen Volksanwalt zu wenden, der bei einer Fernsehsendung mitwirkte. Und tatsächlich wurde ich in die Sendung des österreichischen Staatsfernsehsenders eingeladen, zusammen mit einem Vertreter der Ärztekammer und einem des Gesundheitsministeriums. Beide verstanden mein Anliegen und versprachen, sich für mich bzw. für die Änderung der Visabestimmungen einzusetzen. In der Zwischenzeit wurde das Einwanderungsgesetz novelliert und ich bekam eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Fast vier Jahre später (2013) konnte ich schließlich mit der praktischen Ausbildung am Krankenhaus beginnen.

Inzwischen spreche ich acht Sprachen: Albanisch, Türkisch, Mazedonisch, Bulgarisch, Serbisch/Bosnisch/Kroatisch, Englisch, Deutsch und Spanisch. Diese Mehrsprachigkeit möchte ich als Ärztin nützen, damit Migranten das Gefühl verlieren „Ich bin hier nicht richtig. Keiner versteht mich.“ Ich möchte eine interkulturelle Ärztin sein, die den Menschen das Gefühl gibt, zugehörig zu sein. Wichtig ist, den Menschen die Angst zu nehmen vor den Fremden, sowohl den Österreichern als auch den Migranten.

Mit meiner Geschichte möchte ich auch speziell Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund beistehen, damit Sie sich bestärkt fühlen und ihre eigene Stimme finden und diese auch zum Ausdruck bringen. Ich und meine Schwester, die auch Ärztin ist und zurzeit in Mazedonien lebt, sind ein Beispiel dafür, wie Menschen generell und Frauen speziell durch Unterstützung und Schaffung von Möglichkeiten auch unter schwierigeren Umständen ihren Weg finden und gehen können. Wir haben es unseren Eltern zu verdanken. Zusätzlich habe ich einfach das große Glück gehabt, einen richtigen Sonnenschein als Schwester zu haben. Somit möchte ich allen Frauen sagen: Lasst nie zu, dass du oder Teile von dir unterdrückt werden, von Etiketten und Vorschriften, die dir sagen wollen, wo du hingehörst. Du bist hier und gehörst hierher, so wie du bist, mit allen deinen Identitäten.

Ich möchte eine Brücke sein zwischen den Kulturen. Ich möchte eine Heilerin sein, die nicht nur den Körper heilt, sondern auch die Wunden des Nicht-Dazugehörens. Durch meine eigene Erfahrung, nicht zugehörig zu sein, glaube ich, heimatlosen und entwurzelten Menschen das Gefühl geben zu können, verstanden und angenommen zu werden. Das ist vielleicht die beste Medizin, die ich geben kann. Wir sind alle Eins, lasst uns auch so leben.

Erzählt von Leyla Elezi, aufgeschrieben von Regina Boger im Juli 2015.

P.S: Leyla´s poetry J

Lingua de dolor

Have lived in difference,

with different words, languages

always a partial access

and partially outsider

never a whole

never comfortable in a language

in a world…

And why be

when there’re so many

and much much

more to see ?

Been leaving

living, loving, hurting

oh, and all the pleasures

melancholy of non-belonging

But the way you didn’t take

all of me in

in that pain I realized

we all belong

and are the same

in love no words are needed

says I

having loved and suffered

in so many tongues.

 

 

 

­­­

Tanztee im Café Fischer

Damals, es war so um 1959/60, war ich ein Backfisch von 16 / 17 Jahren – heute sagt man Teenager dazu – und machte nach dem Abschluss der Mittelschule (heute Realschule) eine Lehre im elterlichen Lebenesmittelgeschäft.

Meine Tage waren mit Arbeit ausgefüllt, denn als Tochter des Hauses war mein Arbeitspensum noch etwas ausgedehnter als das unserer anderen Lehrlinge und Verkäuferinnen. Leider wurden Aktivitäten in meiner Freizeit von meinen Eltern in sehr engen Grenzen gehalten, und Tanzen gehörte in der Regel nicht dazu – dabei tanzte ich sooo gerne!

In unserer damaligen Kreisstadt Clausthal-Zellerfeld gab es im „Café Fischer“ an jedem Sonntag-Nachmittag Tanztee, natürlich mit Kapelle. Da meine Eltern sehr streng waren und abendliches Ausgehen nur zu besonderen Anlässen – und dann auch nur bis 22 Uhr (pünktlich!) – erlaubt wurde, blieb mir nur der Sonntag Nachmittag, um mich von zu Hause nach dem Mittagessen fortstehlen zu können, um im besagten Café zu tanzen. Das tat ich nur sehr selten, und es war jedes Mal ein gewagtes Unterfangen, mit viel Angst und Hetze verbunden, denn einen Besuch bei meiner lieben Tante Anna gab ich meinen Eltern als Alibi an, um das Haus verlassen zu dürfen. Im Laufschritt ging es dann zur Tante, um diese über mein Vorhaben zu informieren, und dann wurde weiter gerannt bis zum Ortsausgang, um dort den einzigen Bus, der nachmittags in die Kreisstadt fuhr, noch zu erreichen.

Ach, die Erleichterung, wenn ich dann im Bus saß, war riesengroß und dazu die Freude auf den Tanztee……  welch ein herrliches Gefühl! 30 Minuten später, der Bus hielt genau gegenüber dem Café auf dem Kronenplatz, hatte ich schon einen Platz in demselben ergattert. Es war dort immer sehr voll, und da sich in Clausthal-Zellerfeld die Bergakademie befindet, an der auch heute noch junge Männer aus aller Herren Länder Bergbau studieren, waren die meisten männlichen Gäste nun mal Studenten.

Es muss im Frühsommer gewesen sein, als ich bei einem dieser wenigen Tanztees, die ich dort besuchen konnte, von einem schlanken, jungen Studenten mit dunklerer Hautfarbe zum Tanz aufgefordert wurde. Wir drehten uns im Takt der Musik und lächelten uns hin und wieder an. Wie ich, war auch er schüchtern, doch er holte mich den ganzen Nachmittag zu jedem Tanz. Darüber freute ich mich, denn er konnte gut tanzen! Er erzählte mir, dass er aus Indien kam –  das machte einen sehr großen Eindruck auf mich, denn Indien war ja so weit weg, eine riesengroße Entfernung, welche aufgrund des damaligen minimalen Flugverkehrs nicht mal so schnell und problemlos überwunden werden konnte wie heute. Nach dem Ende des Tanztees brachte er mich Bus, nicht ohne mich um einen Besuch für den nächsten Sonntag zu bitten. Er schrieb mir seine Adresse auf und ich versprach zu kommen.

Mir gefiel seine Zurückhaltung, seine feine Art und vor allem seine Freundlichkeit. Seinen Namen habe ich schon lange vergessen, und ich weiß auch nicht mehr, wie sein Gesicht aussah, aber ich kann mich noch gut an seine schlanke, zartgliedrige Gestalt – er war nur etwas größer als ich – und vor allem aber an seine sanfte Freundlichkeit erinnern, die mir Vertrauen einflößte. Diese warme Freundlichkeit ist mir bis heute immer noch gegenwärtig – und dabei ich bin nun schon 71 Jahre alt. Ich war nicht in ihn verliebt, aber ich mochte ihn sehr gerne, eben weil er zu mir so wunderbar freundlich war.

Das 20 Minuten zu späte Heimkommen am Abend – nachdem ich bei meiner lieben Tante vorher nachgefragt hatte, ob die Eltern nicht zufällig bei ihr gewesen waren – erklärte ich einfach damit, dass es so schön bei Tante Anna gewesen sei, und ich über reden und spielen ganz die Zeit vergessen hätte.

Den Sonntag darauf wagte ich das Abenteuer – und das war es ja die wenigen Male ja auch immer – erneut. Der indische Student kam mir schon auf halben Wege entgegen, und wir gingen gemeinsam zum Studenten-Wohnheim und dort auf sein Zimmer.

Das klingt gewiss heute sehr leichtsinnig und leichtfertig – mag sein, dass es das auch war – aber ich war unbedarft, arglos und vertrauensvoll und „hinter dem Mond zurück“, was das Wissen vom Verhältnis von Mann zu Frau im Allgemeinen und auch im Besonderen anging. Die meisten Jugendlichen bei uns waren zur damaligen Zeit über nichts, aber auch über gar nichts aufgeklärt! Das Thema war tabu, und im letzten Jahr der Schule bestand unser Aufklärungsunterricht – natürlich getrennt von den Jungen – lediglich in der Erklärung des „Mendelschen Gesetzes“ (weiße, rote und rosafarbene Löwenmäulchen….)

Wir saßen an diesem Nachmittag die meiste Zeit schweigend nebeneinander, und schauten aus dem geöffneten Fenster in das grüne, durch leichten Wind bewegte Blätterwerk eines Baumes, hin und wieder lächelten wir uns an und spürten, dass ein unsichtbares Band der Harmonie uns verband. Wir genossen gemeinsam die Wärme und diese friedvolle Stille, und die meiste Zeit herrschte Schweigen zwischen uns. An das wenige, was zwischen uns gesprochen wurde, kann ich mich nicht erinnern, aber an das kurze, zarte Streicheln seiner schlanken Finger über meinen nackten Unterarm, das ich als angenehm, als liebe Geste, aber nicht als aufdringlich empfand, sehr wohl. Bevor er mich zum Bus brachte, schenkte er mir ein Taschentuch in einer wunderschön blauen Farbe mit großen Karos, deren dünne Linien in zarten Farben gewebt waren.

Viele, viele lang Jahre lag das Taschentuch zwischen dem Stapel anderer Stoff-Taschentücher in der Schublade meiner Wäschekommode,  erst im Elternhaus und später in meinem eigenen Haushalt, aber irgendwann habe ich dieses Tuch dann wohl im Zuge einer Geschenk-Aktion mit weggegeben, denn beim letzten Umzug vor 2 Jahren ist mir sein Fehlen aufgefallen.

Eine längere Zeit nach dieser herz-warmen, bis heute unvergessenen und so berührend unschuldigen Begegnung trafen wir uns im „Café Fischer“ bei einer abendlichen Tanzveranstaltung durch Zufall wieder. Dieses Mal war ich in Begleitung meines Freundes, meines späteren Ehemannes, und überrascht sah ich den mir vertrauten indischen Stundenten am gleichen Tisch sitzen, an dem wir uns niedergelassen hatten. Unsere Begrüßung war voll Freude und unbefangener Herzlichkeit, und nachdem ich die beiden Männer miteinander bekannt gemacht hatte, blieben wir an dem Abend zusammen. Allzu viel haben wir nicht miteinander gesprochen, denn es war laut durch die Musik und das Stimmengewirr, außerdem tanzten wir ja auch immer wieder, aber es herrschte eine angenehme Atmosphäre zwischen uns. Darum nahmen mein Freund und ich gerne die Einladung des liebenswerten Inders zu einem Kaffee in seiner Studentenbude an. Der Weg dahin war nicht weit, denn, inzwischen umgezogen, bewohnte er nun eine gemütlich eingerichtete kleine Mansarde, wo wir miteinander in trauter Runde vor der Heimfahrt (ich musste pünktlich um 24Uhr zu Hause sein) den zubereiteten Kaffee tranken.

Das war ein ganz besonderer Kaffee, wie ich ihn danach nie wieder zu trinken bekam. In sehr kleinen Tässchen serviert, einen Hauch sämig, schmeckte dieser gesüßte Kaffee nach Gewürzen, die ich aber nicht benennen kann. Diesen fremden Geschmack nahm ich mit dem ersten Schlückchen überrascht und mit dem zweiten bereits gerne in mir auf. „So bereitet man also in Indien den Kaffee zu“ – ich bin ganz sicher, dass mir, so wie ich mich kenne, damals genau diese Worte durch den Kopf gingen und genauso sicher bin ich, dass wir über diesen so besonders zubereiteten Kaffee gesprochen haben.

Nach diesem Abend habe ich diesen so besonders freundlichen Inder nie wieder gesehen, doch ich habe ihn bis heute nicht vergessen, denn er war der erste Mensch mit dunklerer Hautfarbe den ich bis dahln in meinem Leben kennengelernt hatte. Irgendwie finde ich es merkwürdig, dass ich mich überhaupt an keine Unterhaltung mit ihm erinnern kann, dafür aber umso mehr an seine warmherzige, gewinnende Art und seine schlanke Gestalt.