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Moblo

 

Schon am Anfang meiner Reise nach Tübingen machte mir der zuckelnde Interregio von Ludwigsburg nach Stuttgart einen Strich durch die Rechnung.  Laut Fahrplan hätte ich 8 Minuten Zeit gehabt, um von einem Bahnsteig zum anderen zu kommen.  Bei meiner Ankunft in Stuttgart war der Zug nach Tübingen abgefahren. Leerer Bahnsteig, nicht mal die Rücklichter des Zugs sahen wir. Wir, ja, ein junger Mann mit asiatischem Aussehen stand genauso ungläubig wie ich auf dem Bahnsteig und starrte  auf die leeren Gleise, auf denen eigentlich der Zug nach Tübingen hätte  stehen müssen.  Je älter ich werde, desto mehr ziehe ich in Betracht, dass ich mich in der Zeit oder am Ort geirrt habe. Um mich zu versichern, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, fragte ich den jungen Mann: “Do you want to go to Tübingen too?“ – „Yes, Tübingen. I will buy another ticket.“ Ich wollte ihm noch sagen, dass er keine neue Fahrkarte brauchte. Aber entweder war ich zu langsam oder er zu schnell, jedenfalls sah ich ihn nur noch von hinten in Richtung Schalterhalle davon eilen. Ich suchte auf dem Aushangfahrplan nach einer Lösung. Der nächste Zug würde erst in einer Stunde fahren, eine andere Verbindung gab es nicht. Ich verfluchte  Stuttgart 21! Seit der Stuttgarter Bahnhof umgebaut wird, um einen schlechteren für 6 oder mehr Milliarden zu bauen, wird man  mit ausfallenden Zügen, Verspätungen und Fahrplanänderungen  traktiert.   Ich würde also zu spät in die Uni-Klinik kommen. „Bitte entschuldigen Sie, dass ich zu spät komme, aber mein Zug hatte Verspätung“ – diesen Satz hatte ich als Schülerin oft genug gesagt, wenn ich mit meiner Freundin Heidi lieber einen Kaffee getrunken hatte, als in den langweiligen Unterricht zur ersten Stunde zu gehen. Ich sollte in der Klinik am Auge operiert werden und deshalb spätestens um 10 Uhr dort sein. Wegen der Bundesbahn würde ich zu spät kommen und müsste den blödesten aller Schülersätze sagen, dessen Klang mich mit Peinlichkeit erfüllte.

Eine viertel Stunde vor Abfahrt des Zuges schlenderte der junge Mann auf den Bahnsteig. Nachdem ich ihm erklärt hatte, dass seine erste Fahrkarte noch gültig sei, überlegte er kurz, ob er die neue zurückgeben wolle. Nachdem er schon einen Zug verpasst hatte, wollte er kein Risiko eingehen und lieber den doppelten Preis bezahlen, als  auch den nächsten zu verpassen.

Im Zug setzte er sich ganz selbstverständlich mir gegenüber. Ich packte mein Buch aus, ließ es aber bald wieder sinken, weil ich nicht unhöflich sein wollte. Ich fühlte  mich in gewisser Weise als Vertreterin der Bundesrepublik Deutschland und hatte somit die Aufgaben einer Gastgeberin zu erfüllen. Also lächelte ich ihm freundlich zu. Nach der Unzuverlässigkeit der Bahn sollte er wenigstens gute Erfahrungen mit der Bevölkerung machen. Er findet die Deutschen sehr freundlich, jedenfalls die in Göppingen waren freundlich und geduldig und haben sich sehr viel Mühe gegeben, ihm seine Wünsche zu erfüllen. Man muss wissen, dass Göppingen auf der Schwäbischen Alb liegt und den Schwaben von der Rauen Alb der Ruf anhaftet, eher ehrlich als freundlich zu sein. Nicht umsonst ist die Silberdistel ihr Symbol.  In wenigen Minuten bestätigt er meine Vorurteile, die ich auf Grund meiner Lektüre in jungen Jahren  gebildet habe. Offenbar ein sehr höflicher Chinese. Besonders gut findet er die Atmosphäre in Deutschland. Nun möchte ich gern mehr von ihm mehr als Höflichkeiten erfahren und erlebe die Kunst der Verschwiegenheit. Er sei Geschäftsmann, gestern war er in Göppingen, heute will er nach Nürtingen. Weshalb er diese Städte besucht, will er nicht preisgeben. Geschäfte eben.  Er interessiert sich für die sozialen Verhältnisse i n Deutschlang: Gibt es Arbeitslose, wovon leben Arbeitslose, wie hoch ist das Arbeitslosengeld, kann man von ihm leben? Wie hoch ist der Durchschnittslohn?  Sein Staunen über meine Auskünfte, die an Präzision gelegentlich zu wünschen übrig lassen,  lässt schließen, dass dies in seinen Augen paradiesische Zustände sein müssen. Ist Göppingen eine Stadt oder ein Dorf? Eine Stadt. Aber wo ist die Grenze? Ich meine mich zu erinnern, dass Gemeinden ab 10 000 Einwohnern sich Stadt nennen dürfen und stelle dies als gesicherte Wahrheit in den Raum. Als Gastgeberin sollte ich Bescheid über mein Land wissen.  Nachdem mein statistisches Wissen erschöpft ist, geht er zu soft facts über: Was könnte er seinen Freunden als Geschenk aus Deutschland mitbringen? Ich erinnere mich an einen Fernsehbeitrag, der die Begeisterung  von Chinesen (oder waren es Japaner?) über deutsche Spezialscheren als beliebtes Souvenir zeigte. Das sind Scheren, mit denen man die Nasen- oder Ohrenhaare schneiden kann. Eine gute Kombination von deutscher Wertarbeit und Kuriositätenkabinett („Stellt euch vor, solche Scheren liegen in jedem deutschen Badezimmer!“) Er winkt entschieden ab. Kuckucksuhren? Nein, die werden inzwischen auch in China hergestellt. Ich erinnere mich, am Titisee in einem Hotel am See  eine rosa Kuckucksuhr aus Plastik gesehen zu haben. Wahrscheinlich war sie made in China. Was ist in seinen Augen typisch deutsch?  Seiner Freundin hat er einen Moblo gekauft. Was das sein soll, verstehe ich wiederum nicht. Er zieht seinen Geldbeutel aus der Tasche. Aha, sage ich, dann zeigt er mit Daumen und Zeigefinger eine Spanne. Moblo! Moblo? Irgendwann dämmert es mir: Montblanc! Ein Füller im Lederetui der Marke  Montblanc! Ist das typisch deutsch? Ist Montblanc überhaupt ein deutsches Unternehmen? Nun, der chinesische Geschäftsmann wird es wissen. Er wird präziser, einen Ball Pencil hat er  gekauft. Für den Moblo hat er 230 Euro hingelegt. Mannomann, der Mann hat Vertrauen in die Menschheit! Nachdem mir ungefähr zehn Kulis von Parker und Lamy und ein Füller abhanden gekommen sind, verwende ich nur noch Wegwerfkulis, die niemand mehr versehentlich einsteckt und die bei mir bleiben, bis sie leer sind.

Ein typisch deutsches Souvenir? Als Schwäbin denke ich natürlich an die heimische Industrie. Porsche und Mercedes scheiden aus, da als Souvenir eindeutig überdimensioniert. Eine Schlagbohrmaschine von Bosch? Was heißt Schlagbohrmaschine auf Englisch? Ich weiß noch nicht einmal, was bohren heißt. Also scheidet auch die Bohrmaschine aus. Ansonsten gibt es im Großraum Stuttgart vor allem Firmen der Autozulieferindustrie, also Kühler, Zündkerzen, Anhängerkupplungen und so weiter.

Weil mir partout kein typisch deutsches Souvenir einfallen will außer dem Schwarzwälder Bollenhut oder einer Kuckucksuhr, wende ich mich Hilfe suchend an das Ehepaar mit den zwei großen Koffern auf der andern Gangseite. Der Mann runzelt die Stirn und sagt nach langem Nachdenken: „Wir kommen gerade aus China. Wir haben Tee und Kleider eingekauft.“ Ich übersetze notdürftig, der chinesische Geschäftsmann hört interessiert zu, fragt aber nicht nach. Macht er vielleicht doch nur Small talk aus Höflichkeit?  Der Chinareisende aus Schwaben hat dann doch eine Idee: „Riesling from Beiden, best white wine of the world.“ Mit „Beiden“ meint er „Baden“. Alle Achtung, ein Schwabe, der einen badischen Wein lobt, so objektiv können Schwaben sein!  „Is Riesling a brand?“ will der junge Geschäftsmann aus dem Land der aufgehenden Sonne wissen. „Brand“ könnte „Marke“ bedeuten. „Wir Chinesen sind Markenfetischisten“, sagte einmal eine junge Chinesin vor einer Fernsehkamera. „Riesling“ ist keine Marke, sondern eine Rebsorte. Aber wie sagt man das auf Englisch? „A sort“, erklärt der Chinareisende jenseits des Gangs. Das versteht mein chinesisches Gegenüber bedauerlicherweise nicht. Ich versuche es mit „a kind of wine“, was er zu verstehen scheint, denn er nickt. Aber was bedeutet Nicken bei Chinesen? – „Wurst wäre auch ein gutes Mitbringsel“, tönt es von der Seite. Souverän übersetze ich „Sausage is a typical german food“, was leider nicht zum Erfolg führt. Vermutlich liegt es an meiner Aussprache. Ich dachte, Chinesen verstünden, was eine „soschits“ ist. Wenn nicht, dann buchstabiere ich halt „sausage“ und mein chinesischer Reisegefährte tippt das Wort in sein Smartphone. „Landjäger“ präzisiert der Mann von nebenan, „die sind haltbar“. Heldenhaft buchstabiere ich kurz vor Nürtingen auch  „Landjäger“ und verabschiede mich erleichtert. Eine freundliche und hilfsbereite Deutsche zu sein, ist ganz schön anstrengend. Ich sollte diese Seite meines Wesens stärker entwickeln. China ist die kommende Weltmacht und es kann nichts schaden, sich mit deren Bevölkerung gut zu stellen. Auf jeden Fall war der junge chinesische Geschäftsmann uns alten Schwaben technologisch und kommunikativ haushoch überlegen. Er hatte mindestens drei Wörterbücher auf seinem Smartphone und schöpfte unser Wissen ab, wenn auch nur kulturelles und statistisches, und gab von sich fast nichts preis. Da ich meiner Gastgeberpflichten nun ledig war, hatte ich wieder kommunikative Kapazitäten frei und fragte die Chinareisenden von nebenan, wie es denn so in China gewesen sei. Toll, alle Züge seien auf hohem technologischem Standard gewesen, pünktlich wie ehemals die schwäbische Eisenbahn, der Service vorbildlich. Kein Vergleich mit der Bundesbahn der letzten Jahre!  Auch sie hatten den früheren Zug nach Tübingen verpasst, weil der Fahrkartenautomat keinen zwanzig-Euro-Schein angenommen hatte. Wir sind uns einig, dass es mit der Bahn bergab geht, seit sie eine AG ist und sich statt an Sicherheit und Qualität am Gewinn orientiert. Wir schämen uns gemeinsam für den Untergang des Abendlandes im Allgemeinen und dem der Bundesbahn im Besonderen, verabschieden uns in Reutlingen und wünschen uns alles Gute.

Nachdem ich in der Augenklinik meine unsägliche Entschuldigung für mein unverschuldetes Zuspätkommen hinter mich gebracht hatte und als Patientin aufgenommen worden war, besuchte uns – wir waren zu viert im Zimmer – eine Dame mit lindgrünem Kittel, die uns ihre Dienste anbot, falls wir nach der OP nichts mehr sähen und uns dennoch in der Stadt bewegen wollten. Mir fielen ihre mandelförmigen Augen und ihr außereuropäischer Akzent auf. Dieser Tag schien im Zeigen der Migranten und Migrantinnen zu stehen.   Ich bat sie, für eine Schwäbin außerordentlich höflich, sie nach ihrem Herkunftsland fragen zu dürfen. „Indonesien“, antwortet sie selbstbewusst. Ich erzähle von meiner Begegnung mit dem chinesischen Geschäftsmann und meinem Unwissen über typisch deutsche Mitbringsel. Als erstes fallen ihr auch Kuckucksuhren ein, danach aber „Holzpüppchen aus Ostdeutschland. Manche stehen auf einer Platte und drehen sich.“ – „Spieluhren aus dem Erzgebirge“, wirft die Patientin vom Fenster erklärend ein. Von Riesling hält sie nichts, da Chinesen vom Wein rot im Gesicht würden. Vielleicht sei dies bei den Jungen heute anders. „Und wie ist es mit deutscher Wurst?“ – „Ja, die ist sehr beliebt. In Indonesien hat man eine Wurstfabrik gebaut. Uns haben die Würstchen von dort nie richtig geschmeckt, weil wir ja die deutsche Wurst kennen. Aber die Indonesier essen sie gern.“ Eine Assistenzärztin ruft mich mit akzentfreiem Deutsch zur Visite zu Prof. Dr. Gelisken. Dieser Name klingt so fremd in meinen Ohren, dass ich ihn sofort wieder vergesse. „Türkisch“, kommentiert die erfahrene Patientin am Fenster. Um ihn nicht wieder zu vergessen, schreibe ich ihn in mein Tagebuch aus Papier, designed by English eccentrics, printed in Korea. Ich fühle den Puls der Zeit.

Zu Hause recherchiere ich die Besitzverhältnisse von Montblanc. Ein ursprünglich deutsches Unternehmen wurde in den 1977 von der Dunhill-Gruppe aufgekauft und gehört seit 1990 zu der Schweizer Richmont-Gruppe. Firmensitz ist nach wie vor Hamburg. Dank Wikipedia erfahre ich auch, dass Montblanc nicht nur Schreibgeräte herstellt, sondern auch Lederwaren, Uhren und Parfüm im Luxussegment. Kein Wunder, dass ich so lange nicht auf den Trichter gekommen bin. In Luxussegmenten des Konsums kenne ich mich nicht aus, außer die Waren würden Baden-Württemberg hergestellt.

Was empfehle ich nun das nächste Mal einem chinesischen Geschäftsmann, falls er mich nach einem typisch deutschen Souvenir fragt? Nach langem Nachdenken fällt mir doch noch etwas ein: Modelleisenbahnen der Fa. Märklin für die Männer und Gewürzmühlen, Ölsprüher oder Salatbesteck für die Frauen von WMF. Praktisch, aus Edelstahl, gutes Design, passt ins Handgepäck. Damit hätte ich noch einen Beitrag zur Wirtschaftsförderung der Schwäbischen Alb geleistet und die deutsch-chinesischen Beziehungen gestärkt. Und den Untergang des Abendlandes ein wenig aufgehalten. Schwaben  und – das möchte ich hinzufügen – Schwäbinnen sind bekannt für ihre Tüchtigkeit, Bescheidenheit und ihren Weitblick.

Nachtrag:

Als ich einer Freundin diese Geschichte erzählte, sagte sie spontan: Gummibärchen! Mein Mann nimmt immer viele Tüten Gummibärchen mit nach China. Die gibt es dort nicht zu kaufen. Der größte Hit war allerdings ein Teddybär, der jodeln kann. Den habe ich übrigens in Österreich gekauft. Also, Firma Steiff aus Giengen an der Brenz, hier gibt es was zu tun!

Copyrigt Regina Boger 2013

 

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