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In Ludwigsburg haben meine Füße Halt gefunden

 

Das Leben hat aus mir einen Tausendsassa gemacht. Ich habe sechs Sprachen angenommen, 32 Tätigkeiten ausgeübt, wurde unschuldig verurteilt und habe zwei Kinder großgezogen. All das hat mich reif werden lassen. Angefangen hat das Ganze in Ostpreußen.

clip_image002[4]Ich wurde 1936 in Ostpreußen, Regierungsbezirk Königsberg, geboren. Meine Eltern waren Landwirte in Vierzighuben, Kreis Preußisch Eylau. Auf einem Bauernhof gibt es viel zu lernen: bei der Ernte helfen, Holz ins Haus tragen, Wasser vom Brunnen holen, Gänse hüten. Der Truthahn lief immer hinter mir her, wenn ich einen roten Rock anhatte. Dann kroch ich in die Hundehütte, um mich vor ihm zu schützen. Meine Eltern konnten mir nicht helfen, denn sie waren auf dem Feld. Und Nachbarn gab es auch nicht, unser Hof lag außerhalb des Dorfes am Waldrand. Mit sechs Jahren habe ich stricken gelernt. Mama spann die Wolle. Sie sagte: Stricken brauchst du für die Schule. Mama war die beste. Sie brachte mir alles bei, was ich fürs Leben brauchte wie Löcher in Socken stopfen oder aus alten Kleidern neue machen. Das war im Winter, im Sommer halfen wir bei der Ernte.clip_image004[4]

Meinen Bruder Siegfried, zwei Jahre älter als ich, musste ich morgens in die Schule bringen, da er sich alleine nicht traute. In der Schule musste ich eine Stunde warten, bis er sich beruhigt hatte, dann tippelte ich alleine nach Hause. Das ging zwei Jahre lang, dann kam der Krieg zu uns.

Ich hatte vier Geschwister. Erich, Frieda und Gerhard waren aus der ersten Ehe meines Vaters. Ihre Mutter starb bei der Geburt. Einige Jahre später lernte mein Vater seine zweite Frau – meine Mutter – auf dem Pferdemarkt kennen. Siegfried war ihr erstes gemeinsames Kind, zwei Jahre später kam ich auf die Welt. Meine Stiefgeschwister waren zu der Zeit schon erwachsen. Die Jungs waren im Krieg. Erich war in Russland, Gerhard in Italien. Frida war schon in Lübeck verheiratet. Ihre Jungs sind so alt wie ich.

Flucht und Rückkehr

1943 flohen meine Eltern mit dem Pferdewagen über das Frische Haff, da die Rote Armee den Landweg nach Westen abgeschnitten hatte. Das Haff war zugefroren, so kalt war es. Über die Weichsel nach Stargard in Westpreußen. Vater hing an seinem Hof, alte Leute hängen an ihren Sachen. Und so gingen wir im Frühjahr 1944 die ganze Strecke wieder zurück, aber zu Fuß. Das hieß im Straßengraben schlafen, damit uns von den Russen keiner sieht. Als wir an der Weichsel standen, packte mich mein Vater an der Hand und wir rannten über die Pionierbrücke über die Weichsel. Er hatte nur einen Gedanken: zurück nach Hause. Zu Hause angekommen, war nichts mehr da. Unser Hof war abgebrannt. Wir gingen ins Dorf und taten uns mit anderen Rückkehrern zusammen. Da waren noch andere so schlau wie unser Vater. Zum Glück stand noch die Post, aber die Poststelle war verwaist. Mit anderen zusammen bewohnten wir nun das Postgebäude. Wir ernährten uns von den Vorräten der Geflohenen und dem, was wir im Wald und auf den Feldern fanden.

Mamas Verwundung

Am ersten Mai 1944 wurde Mama von einem russischen Partisanen verwundet. Mama hatte eine große Wunde im Gesicht und am Arm. Wir dachten, sie sei tot, weil sie so viel Blut verloren hatte und legten sie in eine Kiste. Da nahm mich ein russischer Soldat an die Hand, ich musste mit. Jetzt schlägt mein Herz bis zum Hals, vor Angst. Der Soldat gab mir Kekse und Milch für meine Mama und zeigte mir, wie ich Mama füttern musste, da sie den Mund wegen der Schussverletzung nicht bewegen konnte. Ich pflegte sie und es wurde alles wieder gut. Mein Bruder Siegfried bekam Scharlach und der russische Soldat half uns wieder. Wir gaben Siegfried eine Brühe aus Kuheuter und Kuhfüßen und er wurde wieder gesund.

Mühlhausen 1944

Vater kam mit Diphterie ins Königsberger Krankenhaus. Und mich nahm man mit Verdacht auf Diphterie gleich mit. Ich wurde gesund, aber Vater starb nach kurzer Zeit. Was nun? Ich wurde auf einen Pferdewagen verfrachtet und nach Mühlhausen gebracht. Mama wartete mit Bruder Siegfried im Straßengraben und rief meinen Namen. Wir drei blieben zusammen und suchten uns eine Bleibe. Wir fanden sie im ehemaligen Pfarrhaus. Unter dem Dach war noch etwas frei, wenn es auch im Winter sehr kalt war. Wir sammelten Zeitungen und stopften sie unter die Dachziegel.

Wir Drei mussten für den Russen Disteln aus den Äckern ziehen, damit es eine gute Ernte gibt. Die Kirche war der Speicher. Zu essen gab es wenig. Mama kochte Brennesselsuppe mit Melde und Sauerampfer. Danach durchsuchten wir die Abfalltonne der Russen. Mama kochte Kartoffelschalen, drehte sie durch den Wolf und machte daraus Plinsen. So war es!

Ausreise

Der Russe ließ Mütter und Kinder ausreisen. Die Männer mussten als Arbeitskräfte dableiben, nur die Rentner, Mütter und Kinder durften ausreisen. Wir mussten Ausreise-Anträge stellen. Ihre Genehmigung dauerte bis 1947. Solange mussten wir auf dem Feld arbeiten. Wir wurden in einen Viehwaggon gesteckt. In einer Ecke war das Klo, in einer lagen die Leichen, in den restlichen zwei Ecken waren wir Menschen. Als der Zug durch Polen fuhr, wurden die Leichen aus dem Waggon geworfen.

In Coswig/Anhalt fanden wir 1948 eine Unterkunft in Baracke drei. Wir wurden entlaust und eingepudert. Es stank grauenhaft. In dieser Baracke lebten wir ein paar Wochen, bis wir weitergeschickt wurden. Auf einer Liste standen die Namen aller Flüchtlinge und die Orte, zu denen sie geschickt wurden. Wir Drei kamen nach Radebeul, Altserkowitz 2, zu dem Ehepaar Wendrocks. Ein Zimmer und zwei Betten für drei Personen. Besser als der Straßengraben.

Schule in Sachsen-Anhalt

Mit zwölf Jahren ging es zum ersten Mal in die Schule. Wegen meines Alters kam ich in die zweite Klasse. Ich musste Hochdeutsch lernen, was ich nicht konnte. Wir sprachen ja Plattdeutsch zu Hause. Darum war ich in der Schule als Flüchtling nicht beliebt. Sächsisch war auch noch zu lernen. Aber irgendwie habe ich alles ertragen. Meine Mutter hatte mir die Sütterlin – Schrift beigebracht, aber die war in Sachsen nicht bekannt. Ich musste die lateinische Schrift lernen. Zum Glück hatte mir meine Mutter das Einmaleins beigebracht. Sonst wäre ich verloren gewesen. Ich konnte ja was, aber das haben sie nicht gebraucht.

clip_image006Mama hatte Wasser bis zum Herzen. Sie konnte nicht mehr laufen. Deswegen fuhr ich sie mit dem Handwagen. Schließlich kam sie ins Krankenhaus. Es wurden fünf Jahre daraus. Ich war allein. Ich musste beim Bauern Schumann für ein Mittagessen arbeiten. Nach dem Unterricht ging ich zum Bauernhof, wusch die Teller und deckte den Tisch, bis die Bauern vom Feld kamen. Bruder Siegfried musste auch bei Schumann arbeiten, er half im Stall und auf dem Feld.

Mit 14 Jahren wurde ich konfirmiert. Die anderen Kinder in meinem Alter feierten die Jugendweihe. Meine Mutter legte Wert darauf, dass ich konfirmiert wurde. Die Kirche war leer und dunkel und ich war ganz allein mit dem Pfarrer in der Kirche. Mutter lag im Krankenhaus und Siegfried arbeitete beim Bauern. Ich hatte keinen Konfirmationsunterricht und wusste gar nicht, was ich auf die Fragen des Pfarrers antworten sollte.

1950 kam ich von der dritten Klasse in die hauswirtschaftliche Berufsschule. Wir hatten einen Tag Schule und sechs Tage arbeitete ich im Hotel. 1953 schloss ich die Berufsschule ab.

Ich fand eine Freundin, Gisela Schmieder, somit hatte ich Anschluss gefunden. Sie war Vollwaise und wohnte bei ihrer Tante Hanni und ihrem Onkel Ewald. Mit ihrer Tochter Rita war ich schon in der zweiten und dritten Klasse befreundet. Gisela hatte einen Motorradführerschein. Wir rasten zusammen durch die Felder. So gehen die Wege im Leben.

Aus beruflichen Gründen musste ich zum Gesundheitsamt. Der Doktor war alt und verwechselte meine Röntgenbilder mit denen von anderen. Deshalb kam ich im Krankenhaus in die Quarantäne. Der Doktor von Mama bemerkte die Verwechslung und holte mich heraus. Ich war gesund.

Beruf in der DDR

Im Bahnhofshotel Radebeul 1 fing ich als Zimmermädchen an. Aber das Hotel wurde zum volkseigenen Betrieb und ich hatte keine Ahnung von der Partei (SED). So kam ich in den Haushalt von Doktor Bublitz. Dr. Bublitz arbeitete im Krankenhaus in Dresden. Wenn er nicht zu Hause war, musste ich das Telefon bedienen, Adressen aufschreiben für die Hausbesuche bei den Patienten. Aber wie? Ich konnte nicht alle Wörter schreiben und da malte ich halt. Wenn ein Patient in der Lindenstraße wohnte, habe ich Linden gemalt. Dann war für mich die Sache klar. Der Doktor lachte und jedem war geholfen.

Der Anruf

Es kam der Anruf. Das war 1953, während der Arbeit. Mama ist gestorben im Krankenhaus. Jetzt bin ich allein. Mein Halt ist weg. Ich weiß nicht, wie alles abgelaufen ist. Die Beerdigung wurde vom Sozialamt durchgeführt. Siegfried musste während der Beerdigung arbeiten. Tante Hanni war aber dabei. Ich hatte mein Zimmer noch bei den Wendrocks, aber mein zu Hause war jetzt bei Tante Hanni und ihrer Nichte Gisela, meine Freizeit verbrachte ich bei ihnen.

Bruder Gerhard wohnte in Ludwigsburg-Eglosheim, Banzhafstr.1. Nach dem Tod meiner Mutter schickte er mir eine Einladung. Da ich Vollwaise war, durfte ich in den Westen einreisen, in den goldenen Westen, wo man mit goldenen Löffeln isst. Aber mir wurde dieser Zahn gleich gezogen. Den goldenen Löffel gab es nicht.

1954 – Datum überschrittenclip_image008

Aus der DDR bin ich mit einem Handtäschchen ausgereist, mehr nahm ich nicht mit. Ich hatte nichts und in den goldenen Westen nimmt man keine Lumpen mit. Ich wollte meine Verwandten kennen lernen, die in Norddeutschland wohnten. Gerhard fuhr mich mit dem Motorrad nach Lübeck zu Schwester Frida. Von dort aus zu Tante Anna und Onkel Rudolf, Mamas Geschwistern, nach Stade ins Alte Land. Aber keiner hat sich gefreut. Ich wurde gefragt: Was willst du? Wir haben keinen Platz! Dabei hatten wir noch nicht einmal gefragt, ob wir dableiben durften. Das war bitter, aber ich musste es schlucken.

Bruder Erich hatte nach dem Krieg in eine Landwirtschaft eingeheiratet. Wir halfen ihm bei der Ernte. Sein Schwiegervater war in einer Sekte. Er schlug seine Töchter, das waren alles gesetzte Frauen, um ihnen den Teufel auszutreiben. Er schlug mit einer Kordel auf sie ein. Wie die geschrien haben, mein Gott war das fürchterlich! Da geh‘ ich nicht rein, sagte ich mir. Mir treibt keiner den Teufel aus. Mir reichte schon der Krieg. Gerhard sagte dann: Komm, fahren wir nach Hause. Wir fuhren also wieder zurück nach Ludwigsburg. Unterwegs verloren wir den Auspuff seines Motorrads, die nächste Werkstatt war ja schon da und so kamen wir wohlbehalten zu Hause an.

Der Besuch bei meinen Verwandten hatte länger gedauert als geplant und so überschritt ich das Datum, an dem ich hätte in die DDR zurückkehren müssen. Ich blieb im Westen, vor lauter Angst, ich würde in der DDR bestraft.

Im goldenen Westen

Ich wohnte bei Gerhard und seiner Frau Gisela. Bei Salamander in Kornwestheim fand ich Arbeit. Aber wie komme ich ohne Geld von Ludwigsburg nach Kornwestheim? Es blieb nur: laufen – sieben Kilometer hin und sieben Kilometer zurück, drei Stunden Fußmarsch am Tag. Das habe ich acht Tage geschafft, dann war ich geschafft. Und den Lohn musste ich meiner Schwägerin geben. Als ich nichts mehr verdiente, warf sie mich raus. In ihren Augen war ich ein Fresser zu viel. Sie nahm mir meine Handtasche weg, die Handtasche meiner Mutter, das Wenige, das ich hatte. Nun hatte ich nur noch meine Papiere, sie waren das Einzige, was ich noch hatte.

Ich setzte mich mit meinem Federbett auf eine Mauer am Bahnhof und heulte in die Federn. Eine junge Frau und ein junger Mann sprachen mich an, das waren Christa und ihr Cousin Axel. Ich erzählte ihnen mein Unglück. Vor lauter Heulen konnte ich gar nicht sprechen. Christa nahm mich mit nach Eglosheim. Sie hatte ein Zimmer bei ihren Eltern. Ihre Mutter kam aus der DDR und hatte somit Verständnis dafür, dass Christa mich mitgenommen hatte. In ihrem Zimmer richtete Christa ein Matratzenlager auf dem Boden. Darauf schliefen wir. Christa, Axel und ich unternahmen viel. So lernte ich also Axel kennen. Er wohnte auch in der Banzhafstraße in Eglosheim.

Christas Mutter nähte Lampenschirme in Heimarbeit. Das machte ich dann auch und verdiente dadurch meinen Lebensunterhalt. Wir saßen am Tisch und sangen Lieder, während wir nähten. So machte die Arbeit Spaß und wir schaukelten uns gegenseitig hoch, wer am meisten Schirme nähte. Pro Lampenschirm bekam ich eine Mark. Wenn es gut lief, nähte ich an einem Tag acht Lampenschirme.

Hausmädchen in einer Villa

Eine Nachbarin putzte bei Dr.Dr. Scharfnagel, Apotheker im Wilhelmsbau. Von ihr erfuhr ich, dass er ein Hausmädchen suchte. Bei ihm hatte ich Kost und Logis und bekam 80 DM im Monat. Ich fühlte mich wie im Paradies. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich ein eigenes Zimmer, ein richtiges Bett für mich allein. Das Zimmer war mit weißen Möbeln eingerichtet. Von seinen zwei Töchtern, die in meinem Alter waren, lernte ich Hochdeutsch. Die Eine, Sybille, brachte mir das Alphabet bei und zeigte mir zum Beispiel, wie man ein Wort im Lexikon findet, wie man Landkarten liest. Sie gab mir etwas von dem Unterricht, den ich in der Schule versäumt hatte.

Am Anfang ging alles gut. Aber dann geschah mir ein Missgeschick. Ich putzte den Schrank im Frühstückszimmer. Auf dem Schrank stand die Büste des Erbonkels von Herrn Dr.Dr. Scharfnagel, im Schrank eine offene Vase. Diese Vase fiel um und ein Haufen Asche fiel auf den Boden. Was sollte ich machen? Ich nahm Kehrwisch und Schaufel, fegte die Asche zusammen und leerte sie in den Mülleimer. Da kam Frau Scharfnagel dazu und fing an zu schreien – die Vase war keine Vase, sondern eine Urne und die Asche die Überreste des Onkels! So was gibt’s doch nicht! Wer bewahrt denn die Asche eines Menschen in einer Blumenvase auf! Bis dahin hatte ich noch nie etwas von einer Urne gehört. Wochenlang grauste es mir, wenn ich im Frühstückszimmer eindecken musste. Für mich war das wie auf dem Friedhof, auf dem die Geister umgingen.

Wenn die Scharfnagels Gäste hatten, das waren meist betuchte Leute, steckten diese mir ab und zu Trinkgeld zu, weil sie sich von mir gut bedient fühlten. Als Dr.Dr. Scharfnagel das merkte, musste ich ihm mein Trinkgeld geben. Das gab es noch nicht einmal in der DDR, dass man das Trinkgeld abgeben musste! Ich bin doch nicht blöd, dachte ich und kündigte. Danach wohnte ich wieder bei meinem Bruder und seiner Frau. Nun war ich ihr Kindermädchen, weil beide arbeiteten

1956 Erste Heirat

Und nun geht es ganz schnell: 1956 Heirat mit Axel, im gleichen Jahr wird meine Tochter Andrea geboren. Wir leben zu dritt in einem Zimmer im Finkenweg. Als Axel eines Tages besoffen nach Hause kam und das Zimmer vollkotzte, warf uns die Vermieterin raus. Deswegen zogen wir zur Schwiegermutter in die Hindenburgstraße. Helene, Axels Mutter,clip_image010 akzeptierte mich nie als Schwiegertochter. Axel hätte eine Frau mit Geld und Haus heiraten sollen. Ich war für sie das DDR-Mädchen, das nichts hatte. Helene bestimmte alles. Ich war mit ihr verheiratet, nicht mit Axel. Meine Schwiegermutter arbeitete bei der Bundeswehr.

Am Feierabend kommandierte sie zu Hause weiter. Axel machte nicht muh und nicht mäh. Ich dachte, ich habe einen Deppen vor mir. Wieder musste ich mein Geld abgeben. Wir wohnten in einer Wohnung der Bundeswehr. Da sie keine Miete bezahlt hatte, kam der Gerichtsvollzieher und wir mussten ausziehen (1958). Helene fand für uns eine Wohnung in der Solitude Allee. Axel war ein rechter Lahmarsch, er arbeitete nur, wenn er wollte. Da dachte ich: „Geh doch zu deiner Mutter!“ und warf ihn aus der Wohnung. Das war 1960, ein Jahr später wurden wir geschieden.

Wenn Helene ihren Sohn zurücknehmen musste, wollte sie auch ihre Enkelin haben. So ging der Streit ums Kind los. Eine Situation macht das deutlich. Zu viert standen wir auf dem Karlsplatz. Helene zog am Kopf von Andrea, Axel an den Füßen. Ich stand daneben, sagte und tat nichts. Das verblüffte die Beiden so, dass sie das Kind losließen. Ich nützte die Situation, nahm mein Kind und ging nach Hause.

Aber Helene ließ mich nicht vom Haken. Sie zeigte mich beim Jugendamt an. Sie behauptete unter anderem, ich hätte das Kind ins Ausland entführt und das Kind sei ungepflegt. Dabei hatte ich Andrea von Kopf bis Fuß eingestrickt. Das Jugendamt schrieb mir Briefe. Ich öffnete sie nicht, denn dieses Deutsch verstand ich nicht, antwortete deshalb auch nicht und alles verlief im Sand. Auch diese Runde habe ich gemeistert.

1965 Der erste Preis – Frau mit Talent

Mehrere Firmen riefen Amateur-Schneiderinnen zu einem Wettbewerb auf. Die Firma Operpaur lud die Teilnehmerinnen in den Ratskeller ein, um ihre Modelle vorzuführen. Ich gewann mit meinem Tageskleid „Tanja“ den ersten Preis. Nun habe ich gut lachen. Helene sah mein Foto in der Ludwigsburger Kreiszeitung. Sie dachte, ich würde mit meinen Kostümen Geld verdienen und das wollte sie haben. Aber ich bekam kein Geld dafür. Eines Tages steht sie vor der Tür und schreit nach Geld. Ich raste aus und jage sie davon.

Die nächste Modenschau des „Neuen Schnitt“ findet in Baden Baden statt. Ich bin dazu eingeladen. Dieses Mal bekomme ich keinen Preis, weil nur die Abendkleider einen Preis bekommen. Ich hatte aber ein Tageskleid genäht.

Helene ließ mich und Andrea nicht in Ruhe. Ich arbeitete als Platzanweiserin im Bali-Kino. Helene oder ihre Mutter Sophie fingen Andrea ab, wenn diese aus dem Kindergarten und später aus der Schule kam. Andrea gefiel das, denn Helene und Sophie verwöhnten sie mit Spielzeug und Kleidern und ließen sie alles machen, was sie wollte. Sie redeten vor Andrea schlecht über mich. Helene wollte das Kind besitzen, um Liebe ging es ihr bestimmt nicht. Als Andrea zehn Jahre alt war, wollte sie lieber bei der Oma wohnen. Nun gut, sagte ich und ließ sie zur Oma ziehen. Jetzt war ich allein. clip_image012

Heirat Nr. zwei: Mit Sack und Pack in die Türkei

Mein Geld verdiente ich weiterhin als Platzanweiserin im Bali-Kino. An der Kasse saß Frau Haas, eine gelernte Schneiderin. Ihr Mann war Filmvorführer und deswegen hatten sie die Wohnung über dem Kino. Während der Vorstellungen brachte sie mir die Tricks der Schneiderei bei, wie man paspeliert, Kragen und Zwickel näht. Tarot Karten lernte ich durch Ellen kennen, eine Kollegin. Sie brachte eines Tages die Tarot Karten mit. Ich habe sofort den Sinn der Karten verstanden, ohne dass ich etwas über sie gelernt hatte. Die Karten sprechen ja. Die Farbe, dieclip_image014 Zahl, der Platz, wo sie liegen sagen alles.

Im Kino lernte ich auch Firat Erdok, den Türken, kennen. Er hatte mein Foto in der Zeitung gesehen. Als ich Kinoplakate aufhängen musste, half er mir und lud mich mit seinem Auto zu einer Stadtrundfahrt ein. Kurz danach hatte ich Urlaub und wir fuhren mit dem Auto in die Türkei. Ich wusste nicht, wo die Türkei liegt. Firat erklärte mir alles und zeigte mir die Stadt Istanbul. Diese Stadt war ein Märchen für mich. Alles, was sehenswert ist, habe ich gesehen. Firats Familie war sehr freundlich und hat mich verwöhnt, wie ich noch nie im Leben verwöhnt worden war. Ich kam mir vor wie im Schlaraffenland. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich fühlte mich so richtig wohl, so zu Hause. Ich war so beeindruckt von dieser Stadt, dass ich mein altes Leben vergessen habe.

Nach dem Urlaub fand ich bei Bleyle eine Stelle als Zuschneiderin. Die Stoffreste konnten wir billig kaufen. Ich nahm so viel wie möglich Stoff mit nach Hause. Diese Stoffe waren von guter Qualität, sie fielen schön, beulten nicht aus und waren leicht zu waschen.

Nach dem Urlaub in Istanbul blieben Firat und ich zusammen. Sein Vater arbeitete bei Jäger als Busfahrer, Firat war nur zu Besuch bei ihm. Eines Tages kam der Einberufungsbefehl zum türkischen Militär. Firat wollte, dass ich mit in die Türkei gehe. 1966 heiraten wir. Helene sagte mir, ich würde dem Sultan als Tänzerin verkauft. Na, das sind doch tolle Aussichten, oder? Ein bisschen naiv ist manchmal ganz nützlich, also stellte ich mich dumm. Ich suchte den Sultan, aber damit war ich viele Jahre zu spät dran. Da ich alles so lustig verpackte, wenn ich etwas nicht wusste oder konnte, gab es immer was zuclip_image016 lachen.

Unsere Fahrt nach Istanbul wurde an der bulgarisch-türkischen Grenze richtig aufregend. Ich fuhr mit dem Mercedes, Firat mit dem VW-Bus, in dem mein ganzer Haushalt war, vom Schlafzimmer bis zum Bügeleisen. Ich wollte ja für immer in der Türkei bleiben. An der bulgarisch-türkischen Grenze mussten wir durch den Zoll. Der Bus gab an der Grenze den Geist auf. Die Polizei schob den Bus auf einen Lastwagen und fuhr damit nach Istanbul zum Zoll. Wie aufregend für mich!

Während Firat seinen Militärdienst ableistete, wohnte ich bei meiner Schwiegermutter in Florya, einem Vorort von Istanbul. Ich versorgte die kranke Frau, deswegen ging das gut. Die Nachbarinnen interessierten sich für das deutsche Kaffeekränzchen und ich guckte zu, wie sie das türkische machten. Damenkränzchen einmal türkisch, einmal deutsch. Nach langer Zeit war ich zufrieden. In der Türkei wurde ich genommen, wie ich bin – freundlich und gut gelaunt. Dass ich so wenig Schulbildung hatte, war dort kein Thema. Türkisch lernte ich zwischen Tür und Angel.

Die Schwiegermutter schickte mich auch zum Einkaufen, das konnte ich nach kurzer Zeit alleine. Sie sagte mir, was ich einkaufen sollte. Ich schrieb die Wörter auf, wie ich sie hörte. Was ich nicht ausdrücken konnte, zeichnete ich. Hat immer prima geklappt. Firats Mutter war Analphabetin. Wenn Briefe von ihrem Mann aus Ludwigsburg kamen, las ich sie ihr vor. Sie verbesserte dann meine Aussprache. Verstanden habe ich nicht, was in den Briefen stand.

Das ganze Dorf besuchte mich. Nun weiß jeder, wer ich bin. Ich war fleißig und nähte Kleider, Mini-Mode war zu der Zeit modern. Ich spannte eine Wäscheleine quer durch das Wohnzimmer und hängte daran meine Kleider auf, die ich verkaufen wollte. Vor allem junge Frauen, die bei Banken und in Verwaltungen arbeiteten, waren begeistert von meinen Kleidern. Die Kleider waren aus den Bleyle-Stoffen genäht, die ich aus Ludwigsburg mitgenommen hatte. Bei mir war immer was los. Der Kinderwagen, den mir meine Freundin Sonja aus Ludwigsburg geschickt hatte, war eine Sensation. In Istanbul kannte man so etwas nicht. Wenn ich den Kinderwagen durch die Straßen schob, gingen überall die Fenster auf.

Zurück nach Ludwigsburg

Firat leistete seinen Wehrdienst in der Türkei ab und ich brachte 1967 unseren Sohn Volkan zur Welt. Nun wollte Firat wieder nach Ludwigsburg, weil er in der Türkei eine Strafe hätte absitzen müssen. Das hatte etwas mit dem Militär zu tun, was genau, wollte er mir nicht sagen. Ich weiß es bis heute nicht. Firats Onkel beanspruchte meine Möbel und meinen Hausrat. Du kannst das ja in Deutschland wieder kaufen, sagte er. Sogar meinen Wintermantel mit dem Pelzkragen nahm er mir weg. Hätte ich ihn nur mitgenommen! An Silvester 1969 fuhren wir zurück nach Deutschland. Es war bitterkalt. Wir hatten keine Winterkleidung, auch nicht für das Kind. Sogar den Kinderwagen hat der Onkel verkauft. Volkan saß zwischen meinen Beinen, zugedeckt mit einer Jacke. Wir sind beinahe erfroren.

Firat hatte viel vor, er wollte Ludwigsburg erobern. Auf, auf zu neuen Taten und ich sollte den Sack zuhalten, was nicht möglich war. Wo gehobelt wird, da fallen Späne – bei mir waren es Klötze.

Am Anfang hatten wir in Ludwigsburg keine Wohnung. Firats Vater hatte ein Dachzimmer in der Stuttgarter Straße. Er machte Nachtdienst, damit wir nachts in seinem Bett schlafen konnten. Tagsüber schlief er in seinem Bett und wir zogen durch die Kaufhäuser, um es warm zu haben. Das ging drei Monate so.

Geschäftsfrauclip_image018

Wir hatten vor, in Ludwigsburg ein türkisches Lokal zu eröffnen. Ich hatte zuvor nicht gewusst, was da auf mich zukommen würde. Behördengänge, Vorschriften, Finanzamt, Krankenkasse, Ausländeramt, IHK. All das habe ich für die Selbständigkeit gelernt. Schließlich eröffneten wir 1969 in Ludwigsburg das erste türkische Lokal, die Neue Sonne in der Seestraße. Wir hatten von einem Automatenaufsteller einen Kredit bekommen, mit dem wir die Kneipe eröffnen konnte. Die Vermieterin war froh, dass wir das Lokal übernehmen wollten. Die Einrichtung war den deutschen Wirten zu alt, wir waren damit zufrieden. Heute frage ich mich, wie ich das alles geschafft habe.

Die Neue Sonne wurde zur Heimat für türkische Gastarbeiter. Hier gab es türkischen Tee, türkisches Essen und natürlich war es auch türkisch eingerichtet. Am Anfang waren vor allem Busfahrer unsere Gäste und die Mädchen vom Straßenstrich. Firats Gastfreundschaft zog viele Gäste an. Er war wegen seiner Freundlichkeit, Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft sehr beliebt. Mit der Zeit erweiterten wir unsere Speisekarte um deutsches Bier und Pommes frites und Würstchen. Kurz und bündig: Pommes frites, Bier und Geld auf den Tisch! So ging das.

Im selben Haus hatten wir ein Zimmer. Ein Jahr später, das war 1970, machten wir den Gasthof Römerhügel auf, dort hatten wir zwei Zimmer, Bad und Küche. Firat gab die Neue Sonne auf, weil unsere Bedienung Marlies sich mit einem Türken eingelassen hatte, der die Neue Sonne übernehmen wollte.

1970 kam auch unser Sohn Kerem auf die Welt. Firat lebte seine negativen Seiten mit allem aus, was sich bot. Alle Bedienungen mussten ausprobiert werden. Zuerst Marlies, dann Marlene und am Schluss Inge. Nach dem Gasthof Römerhügel machte er den Rauchfang auf. Im Rauchfang fing er an zu saufen. Er schmiss eine Lokalrunde nach der anderen. Die Gäste waren begeistert. Er wollte neue Kneipen aufziehen und dann verkaufen. 13 Geschäfte sind es insgesamt geworden. Er war sehr geschickt darin, Lokale einzurichten, er hatte einen guten Geschmack und war auch ein begabter Koch. Seine Gerichte schmeckten am besten, sogar seine Curry Wurst war die beste in ganz Ludwigsburg. Dann war bei mir das Fass voll. Kerem brauchte mich, die Bedienungen machten Theater, weil sie sich in Firat verliebt hatten und mit ihm zusammen sein wollten.

Eine sehr spezielle Arbeitsteilung

Wir hatten eine sehr spezielle Arbeitsteilung: Firat war für die Einnahmen zuständig, ich für die Ausgaben. Er ließ sich von mir nichts sagen. Wenn ich sagte, so geht’s nicht, du musst dich an die Vorschriften halten, bedrohte er mich. Mir waren die Kinder wichtiger als Firat und das Geld. Also ließ ich ihn machen, was er wollte. Und die Schulden wuchsen und wuchsen.clip_image020

In Heilbronn hatten wir eine Discothek, in der ich arbeitete. Ich kam oft erst früh am Morgen nach Hause. Gewohnt haben wir im Marstallcenter in Ludwigsburg. Die Kinder mussten alleine zurechtkommen. Ich war nur zwischen Tür und Angel zu erreichen. Als wir die Disco in Heilbronn aufgaben, eröffneten wir das Ambassodor in Freiberg. Zur gleichen Zeit hatten wir den Club Firat im Täle. Firat war in seinem Club und ich im Ambassador. Der Club Firat war türkisch eingerichtet. Da gab es Sängerinnen und Tänzerinnen – das Lokal war immer voll. Hier gab es türkische Musik, die es sonst nirgends gegeben hat. Auf dem Höhepunkt ihrer Feiern schmissen die Gäste die Gläser an die Wand und schossen mitclip_image022 Pistolen, aber scharf. Mir war das egal. Wenn sie mich treffen, treffen sie mich halt, dachte ich.

Die Arbeit in der Diskothek Ambassodor wurde für mich zu viel. Ich brauchte dringend Entlastung. Deswclip_image024egen wandte ich mich ans Arbeitsamt. Das schickte uns Inge. Ich stellte sie als Bedienung im Ambassador ein. Wir verstanden uns am Anfang gut. Aber dann verliebte sie sich in Firat.

Nun war Firats Vergnügen grenzenlos. Baden Baden war sein Ziel. Er vernachlässigt die Geschäfte und ging lieber ins Casino. Dort verspielte er eine Menge Geld. Er nahm einfach die Kasse mit den Einnahmen und fuhr damit direkt nach Baden Baden ins Casino.

Inge liebte Firat, sie wollte ihn um jeden Preis. Auch mit ihr fuhr er in die Türkei und zeigte ihr, wie schön das Land ist. Nun wollte sie meine Stelle einnehmen und Geschäftsfrau werden.

Sie drohte damit, sich das Leben zu nehmen, wenn Firat nicht zu ihr kommt. Nur langsam, sage ich mir, denk an deine zwei Kinder. Ich, die betrogene Ehefrau, tröste Inge: Du kannst alles haben, wenn du alles unterschreibst für die Geschäfte. Inge war einverstanden. Sie hoffte, dass Firat sie heiraten würde und sie meinen Platz einnehmen könnte. Ich meldete die Konzession für das Ambassodor ab. Inge beantragte sie und bekam sie auch. Und so habe ich Firat mit seinen ganzen Schulden an die liebe Inge verkauft.

Trennung von Firat

Firat lachte mich aus. Wie dämlich bist du? sagte er. Er hatte nicht verstanden, dass ich reagierte. Bei den Affären mit den Bedienungen davor hatte ich geschwiegen. Bei Marlene war ich ruhig geblieben, bei Marlies auch und nun plötzlich reagierte ich. 1979 ließ ich mich von ihm scheiden.

Firat verkaufte das Ambassador und ging mit einem Koffer voller Geld ins Casino nach Baden Baden. Er hat alles verloren. Aber er fand wieder einen Ausweg. Mit seiner Überredungsgabe fand er einen Investor, um ein Speiserestaurant, das Weiße Rössle, aufzumachen. Inge musste dafür unterschreiben, da sie die Konzession hatte. Firat hatte noch immer ein Touristenvisum und mit dem bekam er keine Konzession in Deutschland. Die beiden führten etwa ein Jahr das Rössle am Holzmarkt.

Dann stellte sich heraus, dass es ein Bumerang war, der ihn traf. Er hatte einen Autounfall und Inge sollte bei Gericht einen Meineid für ihn schwören. Inge machte das dann doch nicht und so musste Firat acht Monate auf dem Hohen Asperg sitzen. Und die große Liebe war dahin. Firat wurde ausgewiesen. Er hatte ja nur ein Touristenvisum. Ich brachte ihn sogar noch mit Rosemarie, einer Freundin, an die österreichische Grenze.

Firats Rache

Firat entführte unsere beiden Söhne in die Türkei (1979). Die Verwandten in der Türkei wollten die Kinder nicht haben und die Jungs wollten nicht in der Türkei bleiben. Ich musste in die Schule, um die Kinder abzumelden. Auf dem Ausländeramt bekam ich den Rat, einen deutschen Pass für die Kinder zu beantragen. Das machte ich auch, danach ging es mir besser. Ich blieb ganz ruhig und wartete ab. Es dauerte nicht lange und die Kinder waren wieder da. Die Freude war groß. Ich musste aus der teuren Wohnung im Hochhaus ausziehen. Da kein Geld mehr da war, besorgte ich einen Tütenumzug mit Volkans Klasse. Ich packte mein Hab und Gut in Tüten und die Schulkameraden von Volkan trugen sie in unsere neue Wohnung. Kerem strich die Zimmer alle pink an – es war modern in der Schorndorfer Straße 107 in Ludwigsburg. So wurde Kerem Maler von Beruf. Volkan lernte Maurer. Und heute habe ich zwei Handwerker im Haus.

Firat machte in der Türkei Geschäfte mit Immobilien. Er fing aber wieder mit Glücksspielen an und kam auf keinen grünen Zweig. Ich sorgte dafür, dass seine Kinder Kontakt mit ihm hatten. Sie besuchten ihn ab und zu in der Türkei. Volkan konnte am besten mit ihm umgehen. Er setzte durch, was er wollte und Firat parierte.

Firat litt unter Leberzirrhose und schließlich starb er daran. Er starb im Schlaf und hatte damit einen guten Tod.

 

Single Mama

Beatrice hatte ich im Leonberger Krankenhaus kennen gelernt, als ich noch im Firat verheiratet gewesen war. Ich besuchte eine kranke Kollegin, die dort in einem Mehrbettzimmer lag. Wir unterhielten uns angeregt und Beatrice hörte zu. Sie fand mich so interessant, dass sie mich ansprach. Später haben wir uns zusammengetan. Sie wollte etwas erleben und deshalb kam sie öfter in den Club Firat, für den ich die Konzession hatte. Sie war von Firat sehr angetan, von seiner Liebenswürdigkeit und seiner Gastfreundschaft. Sie fühlte sich unter Türken sauwohl, die Gäste waren immer gut drauf. Sie wurde meine Freundin. Nach der Scheidung meinte sie, ich bräuchte einen Mann, der mich unterstützt. Sie suchte in der Ludwigsburger Kreiszeitung die Bekanntschaftsanzeigen aus, die sie für geeignet hielt. Dann brachte sie mir bei, wie man auf Anzeigen schreibt. Gesagt, getan.

Hier ist eine meiner Antworten auf ein Inserat:clip_image026

Sehr geehrter Inserent, gestatten, ich möchte ausgetretene Pfade verlassen und stürze mich Hals über Kopf in ein Erfolg versprechendes Terrain. Dabei bin ich auch noch mutig. Ihre besondere Chance ist ein Anruf.

Mit den besten Grüßen, Margot aus Ludwigsburg

Mir machte es Spaß, auf Anzeigen zu schreiben. Mit ein paar Männern habe ich mich getroffen, aber keiner hat mir gefallen. Es nichts dabei herausgekommen. Wir sind auch zu solchen Treffen zu zweit gegangen. Beatrice war etwa zehn Jahre älter als ich, als die Jüngere hatte ich mehr Chancen als sie. Aber ich bin ihr treu geblieben. Wir haben uns einladen lassen und dann sagten wir „Tschüss Ade“.

Eine Pension mit einer Partnerin 1993

Lore kam in mein Leben. Auch sie lernte ich im Krankenhaus kennen. Ich ermutigte sie, einen Beruf zu lernen und zwar Hotelfachfrau. Nach ihrer Ausbildung konnte sie in der Schweiz arbeiten. 1993 machten wir uns zusammen selbständig – wir eröffneten eine Pension in Erdmannhausen. Wir hatten vier Zimmer. Aber Lore hatte mehr Interesse an den Männern als am Geschäft. Sie legte sich schon mal ins Bett eines unserer Zimmer, wenn ihr ein Gast gefiel. Ich dachte, ihre Mannstollheit würde sich im Lauf der Zeit legen. Aber da täuschte ich mich.

Es dauerte nicht lange und wir kauften in Steimel, im Westerwald, eine Pension. Das wurde zu meiner Meisterprüfung mit Lore. Sie entpuppte sich als Feindin, wie sich später zeigte. Ich sollte einen Alterssitz in diesem Anwesen bekommen. Lore und Volkan kauften das Anwesen, sie nahmen dafür einen Kredit bei der Bank auf. Lore war die Geschäftsführerin der GmbH und diese war die Pächterin der Pension. Die Pension lief gut. Wir hatten genug Einnahmen, um die Pacht bezahlen zu können. Unsere Gäste kamen aus Frankfurt, aber auch aus Russland und Finnland. Sie schwärmten für meine Plinsen, die ich meiner Mutter nachgemacht habe.

Wir hatten ein schönes Anwesen und genug Gäste. Es hätte also alles gut sein können. Doch Lore bezahlte die Pacht nicht an die Bank, sondern unterschlug das Geld. Das Geld trug sie in die Spielbank nach Wiesbaden. Wir sahen sie dort einmal mit ihrem Steuerberater. Er kam wegen Betrug ins Gefängnis. Wir mussten darüber lachen, das erinnerte mich doch irgendwie an Erdok. Mit einem Teil unserer Einnahmen kaufte sie Zuckeraktien, doch das Unternehmen ging Pleite und unser Geld war weg.

Das größte Problem, neben ihrer Liebe zur Spielbank, war ihre große Liebe zu einem Polizisten. Der Polizist war verheiratet und hatte andere Pläne als Lore. Er wollte das Anwesen und Lore wollte den Polizisten. Weil die Pacht nicht bezahlt wurde, ließ die Bank das Anwesen versteigern. Der Polizist gab mir die Schuld an der Zahlungsunfähigkeit, ich hätte gepfändete Gegenstände entwendet. Und so kam ich ohne Anzeige vor Gericht. Es waren aber laut Unterlagen meine persönlichen Sachen, die der Polizist mit seinen Kollegen entwendet hatte. Wer ist schon so dumm und klagt gegen einen Beamten? Ich. Der Polizist benutzte die Bank gegen mich und so musste er bei der Versteigerung 40 000 DM weniger bezahlen, als die Pension wert war. Volkan musste diese 40 000 DM Schulden übernehmen, da bei Lore nichts mehr zu holen war. Lore unterschrieb eine Bürgschaft über 300 000 DM für den Polizisten, obwohl sie selbst kein Geld hatte.

Und ich war wieder in Ludwigsburg, Schorndorfer Str. 107. In fünf Gerichtsverhandlungen habe ich 17 Anwälte beschäftigt. Und keiner hat verstanden. Polizist – nein danke! Das Urteil wurde in Koblenz auf dem Pissoir ausgehandelt. Gegen 10 Zeugen, vorwiegend Beamte, hatte ich keine Chance. Meine Strafe: ein Jahr im Altersheim arbeiten für die Entwendung gepfändeter Gegenstände. Ich muss es noch einmal sagen: Ich wurde dafür verurteilt, dass ich meine persönlichen Sachen an mich genommen hatte, die mir der Polizist weggenommen hatte.

Den Sozialdienst leistete ich im Altersheim auf der Karlshöhe ab. Drei Monate war ich fleißig, dann wurde ich krank. Ich bekam drei Bypässe und wurde von der Staatsanwaltschaft vom Sozialdienst befreit. Das Thema war damit zu Ende. Aber die Bank wollte die 40 000 DM von Volkan. In diesem Fall kämpfte ich, denn hier ging es um mein Kind. Ich habe alles in Bewegung gesetzt und es geschafft, dass er die 40 000 DM nicht bezahlen musste. Lore und der Polizist mussten sie bezahlen.

Lore habe ich telepathisch viele Briefe mit Comics verpackt geschickt. Ich wusste immer, was als Nächstes passieren wird. Wirkt Wunder und lachen kann man auch darüber. Unsere Gedanken sind ein großes Gut. Mit Ausdauer angewendet, kommt auch was Brauchbares raus.

Zehn Jahre hat der Polizist an diesem Anwesen gebaut, zehn Jahre habe ich diesen Kerl mit seinen polnischen Schwarzarbeitern verfolgt. Er bezahlte sie nur mit Essen und Trinken. Aber für die Übernachtung in seinen Zimmern sollten sie bezahlen. Ich habe ihn beim Finanz- und beim Ausländeramt angezeigt. Er musste den Laden zumachen. Ich habe meine negativen Gedanken, meinen Ärger, meine Verbitterung und meine Wut losgelassen. Und nun geht die Ehe zwischen dem Polizisten und Lore auch entzwei. Nachdem der Polizist das Anwesen hatte, nahm er sich eine neue Freundin. Ihre große Liebe hat Lore im Alkohol ertränkt. Am Ende ist sie in der Klinik gelandet. Sie hinterlässt zwei Kinder.

Was soll ich nun sagen? Nicht Ja und nicht Nein. Jeder von uns dreien wollte es besser wissen. Am Ende ist alles in die Binsen gegangen.

Umschulung

Beatrice empfahl mir, eine Umschulung über das Arbeitsamt zu machen. Es ging um Bürotechnik. Ich bekam einen internationalen Schülerausweis. Darauf stand: „student“. Was war ich stolz! Ich eine Studentin! Und der Weg ging geradeaus ins Rathaus von Gerlingen. Dort musste ich nur mit Zahlen umgehen und das konnte ich.

Mein Meisterwerk 1985clip_image028

Meine Tochter Andrea hatte keinen Job und hing rum. In der Zeitung fand ich eine Anzeige des Staatstheaters in Stuttgart: Büroangestellte/Sachbearbeiterin gesucht. Ich machte Andrea auf die Anzeige aufmerksam. Sie bewarb sich und bekam die Stelle. Von Andrea erfuhr ich, dass das Theater für das Stück „Wintermärchen“ eine extra Schneiderei aufgemacht hatte und noch Schneiderinnen gebraucht wurden. Ich bewarb mich und wurde genommen. Meine Aufgabe war es, ein Vogelkostüm nach einer Tarot Karte zu gestalten. Dazu musste ich hunderte Stoffstücke ausschneiden und annähen. Ich dachte praktisch und stanzte die Stofffetzen aus, das ging ja viel schneller, als wenn ich alle einzeln ausgeschnitten hätte. Das Vogelkostüm wurde so gut, dass es später im Theater ausgestellt wurde. Leider wurde das Stück abgesetzt, bevor es aufgeführt wurde und die Schneiderei wurde zugemacht und ich verlor meine Arbeit.

Arbeitsplätze

In den folgenden Jahren verdiente ich meinen Unterhalt als Amway-Verkäuferin, Verkäuferin und Strickerin in der Wollstube, Bedienung in der Gaststätte Salamander, als Leiterin der Kantine des Tennisclubs, als Frühstücksmamsell im Goldenen Pflug, als Kassiererin im Asperger Freibad, als Empfangsdame bei einem ägyptischen Heilpraktiker. Insgesamt hatte ich 32 Arbeitsplätze in meinem Leben.

In Riga bei Sarmit

Beatrice lud mich nach Riga ein, es war noch unter russischer Besatzung. Beatrice brauchte mich als Begleitung, weil sie nicht mehr so gut gehen konnte. Wir wohnten bei Sarmit, der Cousine von Beatrice, in Jurmala, direkt an der Ostsee. Dort besuchte ich das Hotel, das vor dem Krieg dem Bruder meines Vaters gehört hatte, den ich nie kennen gelernt hatte. Wem das Hotel inzwischen gehört, weiß ich nicht. Ich schrieb mich in das Hausbuch ein. Ich hatte niemanden, den ich fragen konnte, wie es meinem Onkel ergangen ist. Ich nahm eine Handvoll Erde und roch wieder den Geruch, den ich aus meiner Kindheit kannte. Es war das Gefühl von Heimat. Damit hatte ich auch dieses Kapitel abgeschlossen.

Reise in die DDR nach zwanzig Jahren

Noch vor der Wende, in den siebziger Jahren, besuchte ich Bruder Siegfried, Tante Hanni, Gisela und Rita. Siegfried hatte mich eingeladen, sonst hätte ich ja gar nicht kommen können. Die anderen wussten von meinem Besuch nichts und so stand ich eines Tages einfach im Garten. Alle erkannten mich noch, ich hatte mich nicht verändert. Alle jammern, im HO –Laden kann man nichts ohne Westmark kaufen. Als ich wieder zu Hause war, schickte ich der Rita Gäste aus dem Westen mit Westmark. Nach der Wende baute Rita eine Pension auf ihr Land. Das war meine Idee und sie hat sie umgesetzt. Diese Pension hat sie immer noch.

Religion

Ich habe einen Glauben, ich glaube an die Natur. Es gibt etwas Höheres und das ist die Natur. Gottes Kleid ist die Natur. Es gibt doch keinen Menschen als Gott. Ich kann beten, ich kann singen, ich gehe auch in die Kirche. Beten ist ja, die Gedanken ordnen.

Resümee

Das ungeprüfte Leben ist nicht wert, gelebt zu werden. Ich prüfe, was ich gemacht habe. Kann ich mich nur beschweren? Eigentlich nicht. Ich habe ja immer das Beste draus gemacht. Wenn ich im Luxus gelebt hätte, wäre das ja alles nicht passiert und ich hätte nicht das gelernt, was ich gelernt habe. Das Leben läuft wie eine Uhr ab. Zwischen Geburt und Ableben muss der Mensch seine innere Leere füllen. Wenn ich Kummer habe, will ich darüber sprechen, aber nicht getröstet werden. Den Eimer umkippen und dann geht es wieder weiter. Jedes tröstende Wort ist wie ein Schwert.

Am 28.Februar 2016 feiere ich mit meinen Söhnen und meiner Enkelin Aylin meinen 80sten Geburtstag. Dann kann ich sagen, mein Leben war es wert, gelebt zu werden. Gut und Böse und was ist dazwischen? Ein reines Gewissen. Ein unreines Gewissen plagt den Menschen, bis er krank ist oder im Alkohol versinkt, so wie Lore. Ich habe Telepathie mit Comics verpackt, um all das zu verkraften. Wenn ich zwei Tage an jemanden denke, dann ruft derjenige an. Ich tu da nichts dazu, das ist einfach so.

Mein Symbol ist das Segelboot. „Vorwärts mit Zuversicht“ mein Motto. Aber ohne Hilfe geht es nicht. Man kommt nicht ans Ziel, wenn der Leuchtturm fehlt. Das Meer ist groß, der Wind ist stark, die Wellen brechen über das Boot. Man kann sich noch retten, auch wenn das Segel zerfetzt ist, aber man kommt nass wie eine Ratte ans Land. Ich bin mit Verlusten gestrandet und habe alles beendet. Ich habe den Flaschengeist losgelassen. Wenn ich den Geist aus der Flasche lasse, dann kann der Kummer entweichen und er drückt mich nicht mehr. Ich halte nichts mehr fest.

Nach einem handschriftlichen Manuskript und Erzählung von Margot Erdok. Bearbeitet und ergänzt von Regina Boger 2015/2016.

Fotos: Stina McNicholas

Ein Artikel aus der Stuttgarter Zeitung ohne Datum:

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…eine interkulturelle Ärztin, die nicht nur den Körper heilen möchte, sondern auch die Wunden des Nicht-Dazugehörens …

Die Geschichte meiner Familie ist mit der Geschichte Mazedoniens und den Balkankonflikten eng verbunden. Wobei meine Eltern und deren Familien ein Kunststück fertig brachten, das ein Vorbild an friedlicher Koexistenz verschiedener Religionen und Ethnien in Jugoslawien hätte sein können – wenn es die politischen Akteure gewollt hätten oder wenn sie dazu fähig gewesen wären.

Am besten fange ich mit meinem Großvater an, dem Vater meiner Mutter: Angehöriger der türkischen Minderheit in Mazedonien, Übersetzer, Schriftsteller, Lehrer, Direktor einer Schule hauptsächlich in Skopje lebend, der Hauptstadt Mazedoniens. In einer Tageszeitung schrieb er regelmäßig eine Kolumne. Er war Sozialist und glaubte an die Ideale Freiheit, Gleichheit, Solidarität. Und natürlich war er auch ein Anhänger Titos. Auch wenn die Minderheiten in Jugoslawien nicht wirklich gleichberechtigt waren, so ging es ihnen jedenfalls deutlich besser als nach dem Zerfall Jugoslawiens, meinte mein türkischer Großvater. Ich kann das nicht beurteilen, weil ich 1983 auf die Welt kam, 3 Jahre nach Titos Tod.

Mein Großvater nahm seine sozialistischen Ideale ernst und verwirklichte sie auch in der Familie. Das Prinzip der Gleichheit galt selbstverständlich auch für seine Töchter. Sie durften studieren, da Männer und Frauen in seinen Augen gleichberechtigt waren, obwohl das damals auch in einem sozialistischen Staat nicht selbstverständlich war. Beide studierten Medizin. Als meine Mutter sich an der Universität in einen praktizierenden, gläubigen albanischen Studenten der Zahnmedizin verliebte, hatte sie die Freiheit, ihn zu heiraten, obwohl mein Großvater selbst eher ein säkularer Moslem war und Religion keine große Rolle in seinem Leben spielte.

Mein Vater stammt aus einer traditionellen albanischen Familie, die  im Dorf lebte, in der Nähe von Gostivar. Es war eine einfache Familie, die sich von der Landwirtschaft ernährte. Mein Vater war der einzige in der Familie, der studieren konnte. Als Angehöriger der albanischen Minderheit wurde er leider viel diskriminiert.

Die albanische Minderheit war ärmer und hatte weniger Bildungschancen als die mazedonische Mehrheit. Mein Vater sprach zu Hause albanisch und in der Schule oder am Markt, wo er oft verkaufen musste, mazedonisch. Vor und nach dem Unterricht half er seinen Eltern und Geschwistern immer bei der Feld- und Hausarbeit. Er lebte dadurch in zwei unterschiedlichen Welten. In der mazedonischen Welt galt seine albanische Familie als weniger wert als die mazedonischen Familien, was er verständlicherweise als ungerecht empfand. Doch er hatte einen Traum: Er wollte unbedingt studieren. Er musste sich in vielen Bereichen viel mehr als seine Kollegen anstrengen, konnte aber  durch Intelligenz und seine hohe Leistungsbereitschaft sein Ziel erreichen- er wurde Zahnarzt.  Meine Eltern lernten sich an der Universität in Skopje kennen. Sie waren acht Jahre zusammen, als sie heirateten. Nach dem Studium zogen sie nach Ohrid, in der Hoffnung dort gute Jobs zu bekommen. Für meine Mutter wäre es kein Problem gewesen, eine Anstellung zu finden, sie war zu dem Zeitpunkt jedoch schwanger. Für meinen Vater war es nicht möglich, einen Job zu finden. Als Angehöriger einer Minderheit standen die Chancen schlechter als der, die zur Mehrheit gehörten. In Ohrid waren Albaner in der Minderheit, es gab ethnische Spannungen zwischen der mazedonischen Mehrheit und der albanischen Minderheit.

Meine Eltern hielten diese Spannungen nur paar Monate aus, dann zogen sie nach Gostivar. Genauer gesagt, wir zogen nach Gostivar, denn wir waren inzwischen eine Familie geworden. 1983 kam ich auf die Welt und meine Schwester 1985. In Gostivar gibt es eine der größten albanischen Gemeinde Mazedoniens, sie stellt zwei Drittel der Einwohner dar. Sowohl mein Vater als auch meine Mutter fanden dort Arbeit in ihren Berufen. Meine Mutter arbeitete im Krankenhaus, mein Vater baute seine Praxis als Zahnarzt auf. Nun war das Leben für meine Mutter am Anfang schwierig. Zum einen, weil sie nicht albanisch sprach, zum anderen, weil ihr die traditionellere Kultur der albanischen Mehrheit fremd war. Sie fühlte sich als Frau in dieser traditionell geprägten Kultur nicht gleichberechtigt. Außerdem war sie zwar eine Muslimin, aber eher säkular orientiert. Sie feierte alle muslimischen Feste wie viele europäische Christen Ostern und Weihnachten feiern. Sie glaubt an die Liebe, das ist für sie die Essenz der Religion. Sie wollte nie ein Kopftuch tragen und das damals in der traditionellen Gesellschaft, in der das Kopftuch zur Kleidung der Mehrheit der Frauen gehörte. Als emanzipierte Frau war sie in dieser Gesellschaft eine Exotin, z.B. war sie eine der sehr wenigen Frauen in Gostivar, die einen Führerschein hatte und mit dem Auto durch die Stadt fuhr. Obwohl sie so anders war als die Schwestern meines Vaters, schlossen diese sie gleich ins Herz. Meine Mutter war und ist wegen ihrer Bildung, ihrer beruflichen Kompetenz und ihrer Herzlichkeit eine Autorität in der Familie meines Vaters. In allen wichtigen Fragen wird sie zu Rate gezogen. Mein Vater befolgt als gläubiger Moslem die moslemischen Regeln wie die fünf Gebete am Tag, verlangte dies weder früher noch verlangt er es heute von seiner Frau und seinen Töchtern. Er lebte mir die friedliche Koexistenz verschiedener Kulturen vor. Er sprach immer über seinen Glauben und was er für ihn persönlich bedeutete. Wir dürften für uns selbst denken, sollten vor allem neugierig sein und viel lernen, sowie immer helfen und einfach lieben können. Meine Eltern verband die Liebe über alle ethnischen und sozialen Grenzen und Unterschiede hinweg. In dieser Liebe fühlte ich mich immer aufgehoben und geborgen. Das ist die Mitgift meiner Eltern für mein Leben. Es ist mein größter Schatz.

In dieser Familie fühlte ich mich geliebt und beschützt. Ich fühlte mich willkommen und hatte immer das Gefühl, von meinen Eltern gewollt zu sein, richtig zu sein, so wie ich bin. Ich hatte das Gefühl, ein geliebtes Kind zu sein, geliebt von meinen Eltern und der Welt. Dieses Licht, der Samen der Liebe, konnte nie zerstört werden. Es heilt alle Wunden und es half, dass mein Herz sich nicht verschlossen hat, wenn es verletzt worden ist. Die Liebe meiner Mutter und der Glaube meines Vaters, dass es eine Macht gibt, die alles in Ordnung bringt, haben mir dieses Gefühl gegeben.

In der albanischen Grundschule erlebte ich zum ersten Mal, dass es Unterschiede zwischen den Menschen gibt, die über Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einer Gruppe entscheiden. Zum ersten Mal fragte ich mich: Bin ich in Ordnung? Ich spürte, dass in den Augen der Anderen an mir etwas nicht stimmte. Ich war nicht so wie sie. Zu Hause wurde ich immer wieder bestätigt: Du bist in Ordnung, so wie du bist.

Das Schlimmste am Krieg ist der Verlust des Urvertrauens. Das hätte mich zerstören können, wenn ich wegen der Schrecken des Krieges mein Herz verschlossen hätte. In der Pubertät erlebte ich starke ethnische Spannungen. Jede Ethnie hatte Recht und die Anderen waren schuldig. Ich hatte immer das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Ich war offen und wollte mit allen befreundet sein. Das ging aber nicht, weil die Welt um mich herum in Mazedonier, Albaner, Serben, Türken, Kroaten, Bosnier usw. zerfallen war. Ich wurde zwar angenommen, aber nur als Leyla, nicht als Kind einer albanisch-türkischen Familie. Mich fanden viele cool, weil ich lustig war und gern tanzte, sang, malte, Bücher las oder Gedichte schrieb. Dieser Teil von mir wurde angenommen, aber nicht der multi-ethnische Teil. „Du bist okay, aber die Albaner sind es nicht“, sagten die mazedonischen Mitschüler/innen. „Du bist cool, aber die Türken sind unmöglich“, sagten die albanischen Schulfreunde. „Du bist offen, aber die Moslems sind so streng“ oder „ Ich mag dich, also glaub bitte wie wir an die Bibel, sonst landest du in der Hölle“. Das verwirrte mich. Was in unserer Familie nie ein Problem gewesen war, wurde von anderen zu einem Problem gemacht, zu meinem Problem. In der Pubertät ist man ja auf der Suche nach sich selbst, das ist schwer genug. Ich suchte zusätzlich nach meiner ethnischen Identität. Wer war ich? Wieso musste ich überhaupt mich einer Gruppe zugehörig fühlen? Auf jeden Fall gehörte ich keiner Gruppe ganz an. Eine Zeit lang identifizierte ich mich mit den Albanern. Der Aufstand der Albaner gegen die Diskriminierung durch die mazedonische Regierung verschärfte meine inneren Konflikte. Dieser ethnische Konflikt verlagerte sich in mich. Das war 1997, da war ich gerade 14 Jahre alt. Gleichzeitig fühlte ich mich in den kommenden Jahren von außen immer mehr bedroht. Die mazedonischen Sicherheitskräfte bewaffneten mazedonische Zivilisten (2001). Was, wenn unsere mazedonischen Nachbarn in unser Haus eindrängen und uns umbrächten? Auf der Straße wurde ich nicht mehr gegrüßt, das tat richtig weh und enttäuschte mich sehr. Feindseligkeit lag in der Luft, Angst auf allen Seiten. Der Krieg rückte immer näher. Am Ende war er noch 24 km (Tetovo) von uns entfernt. Wir wussten nicht, ob er zu uns kommen würde.

Viele flohen. Meine Eltern beschlossen zu bleiben. Meine Mutter hatte noch immer ihre Stelle als Ärztin im Krankenhaus, mein Vater hatte so hart gearbeitet, eine Wohnung gekauft und eine Zahnarztpraxis aufgebaut. Wenn sie fliehen würden, müssten sie alles aufgeben, ihre gesamte materielle Existenzgrundlage. Mein Vater wollte auf jeden Fall bleiben, meine Mutter war hin- und hergerissen. Sie war angstgeladen. Vor allem nachts. Wegen der feindseligen Atmosphäre und der Hilflosigkeit und Schutzlosigkeit in der Nacht. Wenn sie von der Arbeit kam, war sie entspannter. Meine Mutter wurde durch die Arbeit geerdet, mein Vater durch seine Gebete.

Mit 14 drängte ich meine Eltern, mich nach den acht Jahren in der Grundschule auf eine türkische Privatschule nach Skopje gehen zu lassen. Weil ich die Aufnahmeprüfung glänzend bestand, bekam ich ein Stipendium, das die Hälfte des Schulgelds ausmachte. Ich wohnte bei meinen türkischen Großeltern und fühlte mich in dieser ethnisch bunt gemischten Schule sehr wohl. Die Schule war trilingual, das heißt, zwei Fächer wurden jeweils in einer Fremdsprache unterrichtet. Das entsprach meiner Freude an Fremdsprachen und nährte meine Neugier auf andere Kulturen. Rückblickend kann ich sagen, dass dies sicher der schönste Teil dieser Zeit meines Lebens war. Es war einfach schwer, von meinen Eltern getrennt zu sein. Ich vermisste sie sehr. Und es war Kriegszeit.

Nach der Matura (Abitur) wollte ich unbedingt im Ausland studieren. Ich wollte eine neue Sprache lernen, eine neue Kultur kennen lernen und Gleichgesinnte finden. Mit ihnen zusammen wollte ich die Welt retten, eine Welt schaffen, in der es keine Kriege gibt. Ich wollte weg aus dem Spannungsfeld der Kriege und ethnischen Konflikte. Im Grunde suchte ich das Vertrauen, das ich in Mazedonien verloren hatte.

Mein Weg führte mich nach Wien. Dort fand ich einen Studienplatz für Medizin. Das erste halbe Jahr verbrachte ich damit, Deutsch zu lernen. Das Medizinstudium in Deutsch war am Anfang sehr schwierig für mich, mit der Zeit ging es besser. In dieser Zeit lernte ich wunderbare Menschen kennen. Unter anderem Migranten aus anderen Ländern. Sylwia, eine polnische Migrantin, eine der besten MenschInnen, die ich bis jetzt kennenlernen durfte, wurde meine beste Freundin. Es sind tolle Menschen wie sie gewesen, die mir Tag für Tag halfen, mein Vertrauen in die Menschheit wieder zu erlangen. In Wien erlebte ich sechs schöne Jahre jenseits von Kriegen und Konflikten. Es war eine Zeit der Heilung.

Mit dem Ende des Studiums 2009 lief mein Studentenvisum aus. Es war zu dieser Zeit nur österreichischen Staatsbürgern und EU-Bürgern erlaubt, die klinische Ausbildung direkt nach dem Studium zu beginnen. Diese Gesetze wurden während meines Studiums verschärft. Für Nicht-EU-Bürger bedeutete das, nach dem Abschluss des Studiums entweder erneut auszuwandern, z.B. nach Deutschland oder in die Schweiz, die dankend fertig ausgebildete Mediziner aufnahmen, oder eine Anstellung im nicht-klinischen Bereich zu suchen und darauf zu hoffen, dass sich die Gesetze wieder auf Grund des wachsenden Bedarfs an qualifizierten Medizinern änderten, und eine Fortsetzung der Ausbildung im Krankenhaus möglich würde. Dies bedeutete aber ein Verlust an Zeit von unbekannter Dauer und ungewissem Ausgang. Es war eine schwierige Zeit, da ich nicht verstehen konnte, wieso ich aufgehalten wurde, meinen Traum, Menschen zu helfen, zu verwirklichen. Ich verstand und verstehe heute noch nicht diese Ausgrenzung, nur weil ich nicht dort geboren wurde, wo es „richtig“ ist und wodurch es mir gestattet gewesen wäre, meinen Beitrag zu leisten. Das Gefühl, „du bist nicht richtig“ kam wieder. Ich fand aber eine andere Lösung. Da ich auch wissenschaftlich sehr interessiert war und schon während des Studiums im Institut für klinische Neurologie eine Diplomarbeit geschrieben hatte, bekam ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der neurologischen Abteilung eines Krankenhauses eine Anstellung und somit eine Aufenthaltsgenehmigung. Um meine praktische Ausbildung zur Ärztin dennoch absolvieren zu können, wandte ich mich an alle möglichen Stellen, unter anderem an eine Volksanwältin. Diese empfahl mir, mich an einen Volksanwalt zu wenden, der bei einer Fernsehsendung mitwirkte. Und tatsächlich wurde ich in die Sendung des österreichischen Staatsfernsehsenders eingeladen, zusammen mit einem Vertreter der Ärztekammer und einem des Gesundheitsministeriums. Beide verstanden mein Anliegen und versprachen, sich für mich bzw. für die Änderung der Visabestimmungen einzusetzen. In der Zwischenzeit wurde das Einwanderungsgesetz novelliert und ich bekam eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Fast vier Jahre später (2013) konnte ich schließlich mit der praktischen Ausbildung am Krankenhaus beginnen.

Inzwischen spreche ich acht Sprachen: Albanisch, Türkisch, Mazedonisch, Bulgarisch, Serbisch/Bosnisch/Kroatisch, Englisch, Deutsch und Spanisch. Diese Mehrsprachigkeit möchte ich als Ärztin nützen, damit Migranten das Gefühl verlieren „Ich bin hier nicht richtig. Keiner versteht mich.“ Ich möchte eine interkulturelle Ärztin sein, die den Menschen das Gefühl gibt, zugehörig zu sein. Wichtig ist, den Menschen die Angst zu nehmen vor den Fremden, sowohl den Österreichern als auch den Migranten.

Mit meiner Geschichte möchte ich auch speziell Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund beistehen, damit Sie sich bestärkt fühlen und ihre eigene Stimme finden und diese auch zum Ausdruck bringen. Ich und meine Schwester, die auch Ärztin ist und zurzeit in Mazedonien lebt, sind ein Beispiel dafür, wie Menschen generell und Frauen speziell durch Unterstützung und Schaffung von Möglichkeiten auch unter schwierigeren Umständen ihren Weg finden und gehen können. Wir haben es unseren Eltern zu verdanken. Zusätzlich habe ich einfach das große Glück gehabt, einen richtigen Sonnenschein als Schwester zu haben. Somit möchte ich allen Frauen sagen: Lasst nie zu, dass du oder Teile von dir unterdrückt werden, von Etiketten und Vorschriften, die dir sagen wollen, wo du hingehörst. Du bist hier und gehörst hierher, so wie du bist, mit allen deinen Identitäten.

Ich möchte eine Brücke sein zwischen den Kulturen. Ich möchte eine Heilerin sein, die nicht nur den Körper heilt, sondern auch die Wunden des Nicht-Dazugehörens. Durch meine eigene Erfahrung, nicht zugehörig zu sein, glaube ich, heimatlosen und entwurzelten Menschen das Gefühl geben zu können, verstanden und angenommen zu werden. Das ist vielleicht die beste Medizin, die ich geben kann. Wir sind alle Eins, lasst uns auch so leben.

Erzählt von Leyla Elezi, aufgeschrieben von Regina Boger im Juli 2015.

P.S: Leyla´s poetry J

Lingua de dolor

Have lived in difference,

with different words, languages

always a partial access

and partially outsider

never a whole

never comfortable in a language

in a world…

And why be

when there’re so many

and much much

more to see ?

Been leaving

living, loving, hurting

oh, and all the pleasures

melancholy of non-belonging

But the way you didn’t take

all of me in

in that pain I realized

we all belong

and are the same

in love no words are needed

says I

having loved and suffered

in so many tongues.

 

 

 

­­­

Träume, die nie vergehen

 
Vor langer, langer Zeit sind wir uns begegnet.
War es Fügung, war es Schicksal?
Du und ich, zwei völlig verschiedene Menschen, aus zwei verschiedenen Welten.
Du ein Mann aus Indien, schon 40 Jahre, weltgewandt und erfahren.
Ich, ein junges Mädchen, gerade aus der ,,Kleinstadt“ nach München gezogen.
Total unerfahren, was das Leben und auch was das männliche Geschlecht betrifft. War noch ein unschuldiges Mädchen.
Bin von zu Hause fort, ohne schon volljährig zu sein. Nur meine Mutti wusste von meinen Plänen.
Mein Vater war viel zu streng, um mir die Erlaubnis dafür zu geben.
Alles, was sie mir zum Abschied mitgegeben hatte, war: „Mach mir keine Schande“. Aufgeklärt war ich nicht.
 
Und nun war ich hier in München. Ganz allein mit meinem Köfferchen in der Hand im Wohnheim.
 
Du warst im Männerwohnheim, ich im Frauenwohnheim, beide Heime waren miteinander verbunden durch gemeinschaftliche Fernsehräume,
Clubräume und Sporträume. Beide arbeiteten wir bei „Agfa“. Du als Ingenieur, ich als Fotografin. Beide gingen wir auch in die Kantine zum Mittagessen.
Da sah ich dich das erste Mal.
 
Zuerst nur von hinten. Mir fiel dein Gang auf, sehr edel und stolz, hoch aufgerichtet. Dein wunderschönes, welliges, schwarzes Haar.
Wie von einem inneren Zwang wollte ich am liebsten durch dein Haar streichen.
 
Was war los mit mir?
Du, ein mir unbekannter Mann, dein Gesicht hatte ich noch nicht gesehen und ich war wie elektrisiert?
Ich setzte mich an meinen Platz und fing zu essen an. Da fiel mir das Besteck auf einmal aus der Hand
und ich blickte eine Bank vor mir in zwei dunkle, leidenschaftliche Augen. Wie ein Blitz durchfuhr es mich, ich war wie hypnotisiert.
Bin aufgestanden und schnell weggerannt.
 
Den ganzen Tag hatten mich deine Augen verfolgt, wie im Trance. War wie ferngesteuert und es hat mich am Abend in den Fernsehraum gezogen.
Nach kurzer Zeit ging die Türe auf und ich wusste, du warst es.
Ich drehte mich nicht um, wusste aber, du kommst von hinten auf mich zu.
Und du setztest dich zu mir. Fragtest mich, ob ich mit dir Tischtennis spielen wollte. Und ich wollte.
 
Du spieltest wie ein Gott. Deine Bewegungen waren so elegant und du warst so flink, ich hatte keine Chance gegen dich.
Aber es hat sehr viel Spaß gemacht. Das war unser erstes Kennenlernen.
 
Wir wurden ein Liebespaar, obwohl ich wusste, du musst nach einem halben Jahr wieder zurück in deine Heimat.
Du warst verheiratet, hattest eine kleine Tochter. Du hast mich angezogen wie ein Magnet.
Ich hatte auch eine große Wirkung auf dich. Wir konnten nicht voneinander lassen.
 
Im Wohnheim waren Zärtlichkeiten total verboten. Wurde man dabei erwischt, musste man seine Koffer packen.
Wir fanden aber immer ein Eckchen, wo wir ungestört uns umarmen, streicheln und schmusen konnten.
Da versanken wir ineinander, vergaßen Raum und Zeit.
 
Für mich war das alles so etwas Großes. Ich glaubte ständig, zu träumen.
Du warst einfach mein Traummann. Du warst ein sehr edler Mensch aus der obersten Klasse, ein Brahmane.
Sehr klug, deine indische Philosophie war immer: Körper, Geist und Seele im Einklang zu halten.
Ich nahm alles auf wie ein Schwamm, lernte viel von dir.
 
Du hattest eine enorme Ausstrahlung. Ich konnte mich nicht genug sattsehen an dir.
Du warst mein Doktor Schiwago, hattest viel Ähnlichkeit mit Omar Sharif.
Welch ein Profil! Saß ich neben dir, sah ich dich immer wieder fasziniert von der Seite her an.
 
Wir trafen uns jeden Tag dreimal am Tag. Am Morgen sah ich dir vom Fenster aus zu, wie du zur Arbeit gingst. Ich war immer etwas später dran.
Du winktest mir zu und das war für mich ein wunderbarer Einstieg in den Tag.
 
Am Abend trafen wir uns dann nach der Arbeit.
Mein Herz klopfte jedes Mal so laut, dass ich dachte, es zerspringt.
Mein Gesicht glühte, ich war einfach nur noch Wachs in deinen Händen.
Deine Hände waren sehr zärtlich, sehr liebevoll.
Du fordertest nie etwas, was ich nicht hätte auch wollen.
Wir liebten uns, aber gingen nicht bis zum Letzten.
Die Worte meiner Mutter waren mir immer ein Hindernis.
 
Einmal war ich doch so weit,
konnte vor Sehnsucht nach dir mich nicht mehr halten.
Wir waren schon im Aufzug zu mir in mein Zimmer im 6. Stock.
Es war ein Wagnis, wären wir erwischt worden,
wären wir aus dem Heim geflogen.
Ich bekam Angst und schickte dich wieder fort.
Du warst zwar sehr enttäuscht, machtest mir aber keine Vorwürfe.
Blieb zurück mit wild pochendem Herzen.
 
Du warst der Mann, der mich so verzauberte,
aber zu dem letzten Schritt war ich nicht bereit.
Du drängtest mich zu nichts, obwohl ich schon spürte, es fiel dir nicht leicht.
Du warst ein Mann, der soviel Liebe in sich trug, der so viel Liebe ausstrahlte.
Wenn du mich ansahst, wurde mir schon ganz schwindelig vor Glückseligkeit.
 
Du warst meine erste große Liebe, ich werde dich nie vergessen.
Als du wieder zurückflogst nach Indien, dachte ich, die Welt stürzt ein.
Dachte, ich könne das nicht überleben.
 
Nun, ich lebe immer noch.
Habe dir ein Plätzchen in meinem Herzen gelassen.
 
Du warst ein wunderbarer Mann und Mensch.
Wirkst auch weiterhin auf mein Leben.
Die Liebe zu Indien zog wie ein roter Faden durch mein Leben.
Ich habe versucht, dich über Internet vor ein paar Jahren zu suchen.
Wollte dich so gerne noch einmal sehen.
Dir noch einmal in die Augen sehen,
als Frau und nicht mehr als unschuldiges Mädchen.
Doch die Spur führte nach Amerika und dann verwischte sie sich.
 
Ob du noch lebst?
In meiner Erinnerung sehe ich dich noch so klar vor mir,
du warst meine erste große Liebe.
 
©gida

Das sagte ich aber nicht

Die Fahrt zog sich hin. Eigentlich wollten wir Urlaub am Bodensee machen. Da es in Strömen regnete, beschlossen meine Eltern, dahin zu fahren, wo es warm und trocken war: nach Italien. Wie immer herrschte dicke Luft im Auto. Mein Vater saß am Steuer, meine Mutter hatte die Autokarte auf dem Schoß und sagte ihm, wie er fahren sollte. Zum Einen vergaß er ihre Anweisungen, zum Anderen glaubte er ihnen nicht und so stritten sie die meiste Zeit miteinander. Mein großer Bruder vertiefte sich in den Sprachführer, mein kleiner spielte mit seinen Autos. Ich betrachtete die Landschaft und träumte vor mich hin. Die Berge gefielen mir. Ich stellte mir vor, wie es wäre, an ihnen hoch zu klettern und so immer wieder neue Räume und Aussichten zu entdecken. Auf diese Art nach Italien zu kommen, wäre langwierig gewesen, das war klar und so fand ich mich mit der Autofahrt mit meiner Familie ab.
Wir fuhren über den Brenner, in den 60er Jahren gab es noch keine Autobahn. Der Verkehr auf der Straße entlang der Etsch war dicht und mein Vater bekam seine üblichen Wutanfälle über die Schleicher und Versager in den Autos vor ihm. Um die Schlappschwänze vor sich los zu werden, machte er riskante Überholmanöver auf der engen kurvenreichen Straße mit reichlich Gegenverkehr. Er war schließlich der einzig gute Autofahrer auf der Welt und wusste, wie man im Gebirge fährt, selbst mit Anhänger und Segelboot auf dem Dach. Im zweiten Weltkrieg hatte er als Krad-Melder zwischen den Fronten reichlich Erfahrung mit gefährlichen Situationen gesammelt. Diese Expertise hatte er uns allen voraus, was niemand in Frage stellte. Dass er damals allein auf dem Motorrad saß und nur sein Leben riskierte, jetzt aber auch das seiner Familie, schien er nicht zu berücksichtigen. Das sagte ich aber nicht. Mich entsetzte der Anblick eines toten Mannes in einem zerquetschten Auto, dessen gebräunter Arm mit einer goldenen Uhr am Handgelenk aus dem Seitenfenster hing. Meinen Vater nicht, oder höchstens zwei Minuten.
Jedes Mal, wenn das Hinweisschild „Bolzano“ am Straßenrand auftauchte, bekamen wir eine Geschichtslektion. Der richtige Name von Bolzano war nämlich Bozen. Südtirol war früher deutsch gewesen, eigentlich österreichisch, aber nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich hatte es zu uns gehört. Die italienischen Charakterlumpen, die zu Beginn des Krieges auf unserer Seite gekämpft hatten, schlugen sich gegen Ende des Krieges, als die gemeinsame Sache verloren schien, auf die Seite der Feinde, das war ungefähr die halbe Welt, und deshalb verloren wir den Krieg und somit auch Südtirol. Nach dem Krieg pumpten die charakterlosen italienischen Regierungen zigtausende charakterlose Italiener nach Südtirol, um den Widerstand der Südtiroler gegen die italienische Fremdherrschaft zu brechen. Zum Glück gab es aufrechte südtiroler Widerstandskämpfer, die Bomber, die Anschläge auf italienische Einrichtungen verübten, um ihre Heimat gegen die italienische Überfremdung zu verteidigen. „Heirate nie einen Italiener“, sagte meine Mutter, „das sind Verräter, auf die kann man sich nicht verlassen. Da wäre mir ein Franzose schon lieber, die Franzosen waren zwar unsere Erzfeinde, aber immerhin haben sie Charakter.“ Mich beruhigte, dass mein französischer Brieffreund nicht unter das Verdikt „Charakterloser Verräter“ fiel.
Entgegen meinen Befürchtungen kamen wir heil in Bozen an. Wir bedauerten, dass diese schöne deutsche Stadt nun von den charakterlosen Italienern beherrscht wurde, was man deutlich an den fauligen Tomaten am Straßenrand und der Sprache in den Straßen hören konnte. Vielmehr meine Eltern bedauerten es. Mir gefiel diese klangvolle Sprache. Zu Hause stellte ich mich gern ans Fenster, wenn italienische Gastarbeiter an unserem Haus vorbei gingen und sich lautstark unterhielten. Das sagte ich aber nicht.
Dem Drama des Zeltaufbaus auf dem Campingplatz von Jessolo – mein Vater gab mit hoch rotem Kopf die Kommandos, meine Mutter war beleidigt und musste Zeltstangen halten, meine Brüder und ich ebenso, damit mein Vater den Überblick über die Zeltkonstruktion behielt – schaute eine englische Familie interessiert, aber dennoch diskret zu. Nachdem das Gestänge des Zelts stand und die Zeltplanen befestigt werden mussten – das war Männersache – bekam ich wegen der Hitze einen Schwächeanfall, das hatte schon am Bodensee funktioniert, und durfte mich ins Wasser verziehen. Ich konnte es nicht fassen, das Meer war noch größer als der Bodensee, das Wasser war wärmer und es hatte Wellen. Wellen, welche die peinlichen Vorurteile meiner Eltern mitsamt ihren Erinnerungen an das Dritte Reich, den Zweiten Weltkrieg und ihren Ehekrieg von mir abspülten.
Mein älterer Bruder und ich lernten in der Schule Englisch. Wir brannten darauf, zum ersten Mal in unserem Leben mit echten Engländern Englisch zu sprechen. Die Gelegenheit bot sich, als die englischen Kinder an den Strand kamen. Wir gingen auf sie zu und sagten in unserem besten Englisch „Hello!“ – „Heil Hitler“ antworteten sie ungerührt und rissen den rechten Arm zum Hitlergruß hoch, bevor wir noch „how are you“ hinterher setzen konnten und gingen an uns vorbei. „Seht ihr“, polterte mein Vater empört, „so wirkt sich die Kollektivschuldthese der Alliierten noch 20 Jahre nach dem Krieg aus!“ Dass er Mitglied der NSDAP (freiwillig) und der Waffen-SS (unfreiwillig) gewesen war, schien ihm nicht aufzufallen. Mir schon.
Ich sann auf Rache, weil die englischen Kinder mir Hitler vorgehalten hatten, für den ich nichts konnte, weil ich nach dem Krieg geboren worden war und weil sie mich keines Blickes gewürdigt hatten. Wenn ich sie das nächste Mal sähe, würde ich „Heil Profumo“ zu ihnen sagen, nahm ich mir vor. Profumo war nämlich ein englischer Minister, der zurücktreten musste, weil er mit Christine Keeler, einem Callgirl, ein Verhältnis gehabt hatte. Diese wiederum hatte noch ein Verhältnis mit einem sowjetischen Agenten gehabt. Die Fotos hatte ich in einer Illustrierten gesehen, die meine Mutter las, wenn sie zu Hause war. Wenn mir die Engländer Hitler vorhielten, würde ich ihnen ihren verlotterten Minister Profumo vorhalten. Doch daraus wurde nichts. Die Engländer machten einen weiten Bogen um uns und wir hatten keine Gelegenheit mehr, unsere Englischkenntnisse anzubringen, geschweige denn, „Heil Profumo“ zu sagen.
An Deutsche kann ich mich nicht erinnern, obwohl der Campingplatz von ihnen gewimmelt haben musste. Meine Eltern hielten Abstand zu ihnen, weil die meisten von ihnen abends in das Bierzelt strömten, wo es deutsches Bier, deutsche Würstel und Blasmusik gab. Dieser Art der Volksbelustigung, meine Eltern fanden sie primitiv und pöbelhaft, blieben sie auch in Deutschland fern.
Blieben also noch die Italiener. Die Verständigung gestaltete sich allerdings schwierig, weil die Italiener in der Regel nicht Deutsch und wir nicht Italienisch sprachen. Dennoch lotste mich ein kleiner italienischer Junge zu einem der Wellenbrecher. Ich konnte mir nicht vorstellen, was er von mir wollte, ging aber dennoch aus Neugier und Höflichkeit mit. Er schien ein paar Jahre jünger zu sein als ich, eindeutig noch ein Kind, zählte also nicht zu meiner Liga. Er war sehr hübsch, hatte schwarze Locken, einen schön geschwungenen Mund und große braune Augen. Er redete unablässig auf mich ein. Ich verstand kein Wort, nickte aber verständnisvoll mit dem Kopf. Das einzige Wort, das ich aus seinem Wortschwall heraushörte, war „domani“. Im Italienisch-Sprachführer fand ich unter „domani“ morgen. Vermutlich wollte er sich morgen wieder mit mir treffen. Aber wozu? Unser Gespräch war doch recht einseitig und unergiebig gewesen.
Am nächsten Nachmittag warf ich pflichtschuldig und auch etwas neugierig einen Blick auf die Stelle, wo ich mit dem Jungen gesessen hatte. Er war nicht zu sehen. Nur der lustige junge Verkäufer aus der Bäckerei saß da. Meine Brüder waren von ihm begeistert, weil er etwas Deutsch radebrechte, mit ihnen Witze machte und ihnen ab und zu einen Lutscher schenkte. Meine Eltern fanden ihn auch erfrischend und sympathisch – als Bäckereiverkäufer. Aber sicher nicht als Verehrer ihrer Tochter. Mit ihm war ich also verabredet. Mir wurde etwas mulmig zu Mute. Und jetzt sollte ich mit ihm auf den Steinen des Wellenbrechers sitzen, weithin sichtbar? Was, wenn er versuchen würde, den Arm um mich zu legen und mich zu küssen? Italiener waren heißblütig und draufgängerisch, das wusste ich aus den Illustrierten meiner Mutter. Was, wenn mich meine Eltern mit ihm zusammen sähen? Dann würde aus dem charmanten Bäckereiverkäufer im Handumdrehen ein gewissenloser italienischer Charakterlump. Ab da hätte ich wahrscheinlich nur noch unter Aufsicht meiner Eltern das Zelt verlassen dürfen. Ich drehte wieder ab, bevor er mich gesehen hatte. Ich warf mich wieder in die Wellen und spülte meine Gewissensnöte, meine Verwirrung und meine Sehnsüchte von mir ab, so weit es eben ging.
Unser Kontakt mit der italienischen Küche blieb begrenzt. Meine Mutter hatte einen gut gefüllten Weidenkoffer mit Konserven und Nudeln mitgenommen. Wohl, weil das preiswert und weil der fremden Küche nicht zu trauen war. Außerdem wollten wir im Urlaub nicht auf die Nudeln unseres Dorfbäckers verzichten. Die italienischen Teigwaren enthielten bekanntermaßen keine Eier und so etwas konnte einfach nicht gut sein. Einmal in der Woche gab es zu Hause Quark mit Pellkartoffeln. Diese Gewohnheit sollte auch in Italien beibehalten werden. Im Supermarkt von Jessolo suchte meine Mutter nach Quark, fand aber keinen, jedenfalls nichts, auf dem „Quark“ stand. Mein älterer Bruder hatte dieses Wort im Lateinunterricht bedauerlicherweise nicht gelernt und fand es auch nicht im Sprachführer. Schließlich fanden wir im Kühlregal doch etwas, das ähnlich wie Quark aussah, „Burrosa“ stand auf dem Etikett. Burrosa kommt sicher von Burro, das heißt Butter auf Italienisch, warf mein älterer Bruder fachmännisch ein. Also kauften wir ein Kilo Burrosa. Auf dem Campingplatz mühte sich meine Mutter ab, aus Burrosa Tomatenquark zu machen. Es gelang ihr nicht. Nach einem Löffel Burrosa streckten meine Brüder die Hälse, ich nach dem zweiten. Mein Vater hielt nach der eisernen Regel „Gegessen wird, was auf den Tisch kommt“ und um die elterliche Autorität zu wahren, drei Löffel durch, meine Mutter fünf. Sie war schließlich für das Essen verantwortlich. Endlich sprach mein Vater den erlösenden Satz: „Essen wir doch lieber Butter zu den Kartoffeln!“ Etwas Italienisches gab es dann aber doch noch. Ausnahmsweise durften wir zum Nachtisch italienisches Weißbrot mit Nutella essen, das wir im Supermarkt entdeckt hatten.
Burrosa fand sein Ende im Mülleimer und behielt sein Geheimnis für sich. Für immer. Wer auch immer aus unserer Familie später eine Italienerin nach der richtigen Zubereitung von Burrosa fragte, erntete nur Stirnrunzeln und fragende Blicke. „Burrosa? Noch nie gehört, geschweige denn gegessen.“ Im Laufe der Zeit erschien es uns, als ob eine Geisterhand ein einziges Kilo Burrosa in das Kühlregal des Supermarkts von Jessolo gelegt hätte, um uns etwas Fremdes für immer fremd bleiben zu lassen.
Mein kleiner Bruder gesellte sich einer Gruppe junger Italiener zu, die am Strand Fische grillten. Der Bäckereiverkäufer war auch dabei. Ich hielt Abstand. Mein kleiner Bruder kam mit etwas Gelbem in der Hand zurück, das aussah wie eine Grießschnitte. Den Fisch hatte er schon gegessen, aber von der Grießschnitte ließ er uns kosten. „Das ist Hollanda“, sagte er in weltgewandtem Ton. Mein durch den Krieg weit gereister Vater wusste es besser. „Das ist Polenta“, lachte er, „und ist aus Maisgrieß.“ Der Bäckereiverkäufer wedelte mit einem Fisch in meine Richtung. Ich schaute weg, voll Scham, dass ich ihn versetzt hatte, noch keine richtigen Busen hatte, nicht Italienisch konnte außer von eins bis zehn zählen und „quanto costa“. Das hatte ich von meinem Großvater gelernt, der im Ersten Weltkrieg auch weit herumgekommen war. Mit diesen geringen Sprachkenntnissen konnte ich jedenfalls keine Unterhaltung führen und alles Andere, was heißblütige Italiener auf Lager hatten, war mir nicht geheuer.
Einmal machten wir einen Ausflug nach Venedig. Wir Kinder durften natürlich auf dem Markusplatz keine Tauben füttern. Diesen Touristennepp lehnten meine Eltern ab. Und ich wollte nicht mit Tauben posieren, deren Futter andere bezahlt hatten, damit mein Vater ein Foto machen konnte. Er ließ von diesem Vorhaben ab und wandte sich einem anderen zu. Er wollte unbedingt zur Seufzerbrücke. Als erfahrener Wanderer zog er den Stadtplan hervor und setzte sich an die Spitze der Familie. Wir trotteten hinterher. Ich als Letzte. Ich achtete darauf, einen Sicherheitsabstand zu meiner Familie zu halten, um nicht als Deutsche erkannt zu werden. Ich wollte lieber für eine Italienerin gehalten werden. Das sagte ich aber nicht.
Nach einer halben Stunde hatten wir uns heillos verlaufen. Mein Vater sah von seinem Nationalstolz ab und ließ sich herab, einen Italiener nach der Ponte dei Sosperi zu fragen. Er wies in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Mein Vater glaubte ihm nicht, auch einem Zweiten und Dritten nicht. Die Venezianer kannten sich nicht einmal in ihrer eigenen Stadt aus! Den Stadtplan fest in der Hand, hielt er an der eingeschlagenen Richtung fest. Nach einer weiteren halben Stunde kamen wir zu einer imposanten Brücke. „Seht ihr, da ist sie“, sagte mein Vater stolz, „man darf sich nie von der Meinung anderer Leute von seinem Weg abbringen lassen!“ – „Hier steht Ponte di Rialto!“, sagte ich, „heißt Rialto auf Italienisch Seufzer?“ Mein Vater sagte nichts und vertiefte sich erneut in den Stadtplan. Wir umringten ihn. Ein Venezianer mit Deutschkenntnissen bot uns seine Hilfe an. Er zeigte uns auf dem Stadtplan sowohl die Ponte di Rialto als auch die Ponte dei Sosperi und den Weg von hier nach dort. Mein Vater bedankte sich. Er konnte auch höflich sein.
Eigentlich hatten wir genug von den engen Gassen und der Mittagshitze. Aber da mein Vater nun den Weg wusste, musste er auch gegangen werden. Meine Brüder meckerten, meine Mutter war beleidigt. Ich sagte nichts, hielt Abstand und tat, als ob ich nicht dazu gehörte.
Zwar hatten wir in zwei Wochen in Italien nicht herausgefunden, was sich hinter dem Wort „Pizza“ auf den Tafeln vor den Restaurants verbarg, aber der Italienurlaub beeinflusste doch nachhaltig den Speisezettel zu Hause. Im Supermarkt der nächsten Stadt entdeckten wir Ravioli in der Dose und Miracoli, das sind Spaghetti mit extra verpacktem Tomatenmark und einer Kräutermischung. Wir Kinder bestanden darauf, dass unsere Mutter Miracoli, Ravioli und Nutella einkaufte. Gegen einige Kinder, was bei uns selten der Fall war, konnte sich unsere Mutter nicht durchsetzen, zumal unser Vater dieses Mal nicht die deutsche Fahne hoch hielt, sondern zustimmte, indem er nicht dagegen war. Auch er war vom Nutella-, Ravioli- und Miracoli-Fieber infiziert, gab es aber nicht zu. Jedenfalls nicht offen.
Das sagte ich aber nicht.

Copyright Regina Boger 2014

Regina

 

Manche gehen zum Friseur und lassen sich die Haare kurz schneiden oder färben, wenn sie in einer Krise sind. Das machen vor allem Frauen. Andere betrinken sich, das machen vor allem Männer. Wieder andere legen ein Gelübde ab, irgendetwas nie wieder zu tun oder ab sofort etwas immer zu tun, das machen meist auch wieder Frauen. Wieder andere geben sich einen  neuen Namen. Das machen sowohl Frauen als auch Männer. Dass man sich selbst einen neuen Namen geben kann, erfuhr ich erst mit 33 Jahren. Bis dahin hatte ich meinen Namen für unabänderlich gehalten. Weiterlesen

Warum ich eure Geschichten lesen will

Ich war Teilnehmerin einer Schreibwerkstatt für Migranten und war mir sicher, ich würde dort nur meinesgleichen treffen. Einige hier geboren, andere dazugekommen, Familienzusammenführung, Hoffnungen von Gastarbeitern, Kinder der zweiten oder dritten Generation und alle mit einem Namen, den man buchstabieren musste, weil sie nicht Michael Schmitz hießen.

Koffer

Clara Diercks / pixelio.de

Und so ging es auch zunächst durch die Reihen, Ricardo aus Italien, Janez aus Slowenien, Emine aus der Türkei, bis…ja, bis plötzlich Böhmen fiel. Und Schlesien. Und ich begriff, dass da lauter Deutsche vor mir saßen. Was hatten die schon zu erzählen! Ich bin hier die Migrantin, der Flüchtling, dachte ich, ich will einmal das Vorrecht auf etwas haben. Heimweh, Sehnsucht, Zerrissenheit, Flucht, Verwirrung, Entfremdung, das ist mein Element! Die Deutschen, das sind die anderen, die sitzen nicht in Migrantenkursen sondern da draußen am längeren Hebel. Lehrer, Freunde, Schulkameraden, immer ein deutsches Gegenüber, sehr nett sogar, aber keiner von ihnen weiß von meinem Doppelleben. Dachte ich. Bis eine der älteren Damen anfing zu erzählen. Sie war frisiert und fein geschminkt und ihr Akzent lag mir quer in den Ohren, weil sie kein Schwäbisch sprach – und doch war sie Deutsche.

Sie erzählte von diesem Tag, als man sie auf diesen Wagen karrt und sie gerade noch ihre Puppe greifen kann. Sie muss furchtbar pinkeln, traut sich aber nicht, weil man zum Pinkeln nicht anhalten darf und es nur einen Eimer in einer Ecke gibt, der fürchterlich riecht. Sie ist sechs Jahre alt und kann vor den Augen der vielen Erwachsenen, die neben ihr noch auf der Ladefläche sitzen, nicht pinkeln. Sie hat Heimweh zurück und Angst nach vorn und dazwischen blickt sie verwirrt um sich.

Das reicht, denke ich. Ich habe ein schlechtes Gewissen und schrumpfe ein bisschen in meiner Demut. Und dann überkommt mich das Gefühl, diesem Mädchen die Hand zu geben. Ich hatte geirrt und hatte doch Recht. Ich war meinesgleichen begegnet.

Die Dame kam kein zweites Mal in die Werkstatt. Unsere Mentorin sagte, dass es für manche doch zu schmerzhaft geworden sei, von sich zu erzählen.

Seitdem bin ich süchtig nach dem Stückchen Selbst, das ich in den Geschichten anderer finde. Seitdem will ich nur noch meine Hand weggeben.

 

Von Mondkälbern und Buchstaben

„KIND MUSS GEHEN SCHULE, JA?! SONST POLIZEI, JA?!“ ist im Ausländeramtsdeutsch der Ausdruck für Schulpflicht. Frei übersetzt, versteht sich. Für uns sind die kriegsbedingten Ferien dadurch erst einmal vorbei, was meiner Schwester ziemlich die Laune verdirbt. Verständlich, denn sie hatte eine Lehrerin, die eine kommunistische Rachegöttin war. Mit Feuer und Blitz in der einen und Marx und Engels in der anderen Hand ließ diese rothaarige Furie tagaus tagein drei Dutzend Erstklässler erzittern. Ich hingegen hatte die Schule in guter Erinnerung, war ich doch seit jeher ein Günstling meiner Rachegöttin gewesen.

Wir inspizieren also erst einmal unsere neue Gebieterin und konstatieren, dass wir das neue Regime mögen. Das lästige Aufstehen beim Antwortgeben scheint passé zu sein, so auch das Bild unseres gütigen aber strengen Landesvaters in Militäruniform. Dafür lächeln die hellen, wachen Augen der Frau Wamsler. Ihre Farbe wird mir mit den Jahren entfallen, ich möchte aber glauben, dass sie hyazinthblau waren. Meine Schwester ist begeistert, hier gibt es Linkshänder, sagt sie, und Linkshänderscheren. Wie ein verlorenes Familienmitglied gesellt sie sich ihren Genossen in der Bastelecke hinzu. Unsere Begeisterung wird uns jedoch nicht davor schützen, mindestens einmal am Tag wie zwei Mondkälber zu schauen. Zum Beispiel, als uns unsere Nebensitzerin voller Stolz eröffnet, dass hier wohl nur mit 26 Buchstaben operiert wird. Mit 26 Buchstaben statt wie bisher 30! KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERAWir stellen uns vor, wie im Laufe eines Sparkurses der zentralistischen Regierung Deutschlands vier Buchstaben kurzerhand wegrationalisiert werden, mit dem Ergebnis, dass sie hier kein „lj“ haben! Wie sollen wir ohne „lj“ so wichtige Dinge wie „ljubav“ oder „ljuljačka“1 zum Ausdruck bringen? Und ich ärgere mich immer noch ob des unnützen Wissens, welches uns unser Regime aufgebürdet hat. Dreißig Buchstaben des lateinischen und dreißig des kyrillischen Alphabets in kommunistischer Demut gelernt und knapp zwei Drittel davon unbrauchbar. So wie neulich, als Frau Wamsler das scharfe ß vorstellt. Meine Schwester schlägt „scharf“ im Wörterbuch nach und wähnt daraufhin hinter dem Buchstaben ein mörderisches Instrument. Ich frage mich einen Nachmittag lang, ob es zum scharfen vielleicht auch ein stumpfes oder ein süßes oder vielleicht salziges ß gibt. Das Regime hatte uns ja nur die phonetischen Kategorien „hart“ und „weich“ beigebracht. Die Unterscheidung von Buchstaben nach Matratzenstärke erwies sich also eindeutig als rückständig. Oder das Zeh-Kah-Inzident. An dem Tag lernen wir das Wort „Jacke“. Frau Wamsler fügt vielsagend „mit Zeh-Kah“ hinzu. Sie hat zu jedem Buchstaben ein Gesicht parat, also legt sie ihres zum Zeh-Kah passend in Falten. Mit neun Jahren beherrschen meine Schwester und ich zwei Schriftsysteme, aber wir wissen ums Verrecken nicht, wer oder was ein Zeh-Kah ist. Dafür ist der Rest der Klasse in fiebriger Aufregung, alle lächeln und nicken sich zu, die Wiedersehensfreude ist groß. Zeh-Kah scheint wohl ein alter Freund zu sein. Zeh-Kah, Zeh-Kah, raunt es durch die Reihen und Frau Wamsler zwinkert geheimnisvoll. Ist Zeh-Kah am Ende gar ein Gott, dem diese Klasse huldigt? Meine Schwester und ich schauen dümmlich, beschließen aber, dem Mysterium am selben Nachmittag durch intensives Studium den Garaus zu machen. Und was soll ich sagen, Zeh-Kah ist nichts anderes als ein C und ein K. Unmittelbar nacheinander. Als am nächsten Morgen das Wort „Mücke“ an der Tafel steht, stimmen wir fröhlich in den Chor der Zeh-Kah-Jünger ein.

Wir werden diese Klasse nach drei Wochen verlassen, um in eine richtige Schulklasse zu gehen. Geändert hat sich seitdem am Kern der Sache aber nichts. An einem Tag geblökt, am nächsten jauchzend frohlockt.

 

 

1 kroatisch für „Liebe“ und „Kinderschaukel“