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… ein ägyptischer Kanadier, der in der Schweiz lebt

Manchmal ist es schwer, die Meinungen vieler Schweizer über Ausländer zu ertragen, vor allem wenn man Ausländer ist. Das Merkwürdige ist, dass mir diese Vorurteile vor allem in den Massenmedien begegnen und überhaupt nicht von meinen Nachbarn oder Arbeitskollegen. Mit denen komme ich gut aus, mit manchen bin ich sogar befreundet. Wobei ich sagen muss, dass meine Freunde in der Regel auch Migranten oder Migrantinnen sind. Ja, auch die Zugewanderten bleiben unter sich. Um auf die Konflikte zwischen Schweizern und Ausländern zurückzukommen: Ich stimme der Beschreibung des Problems zu, aber nicht der Lösung, die von den Populisten vorgeschlagen wird. Sie beklagen zu Recht, dass viele Ausländer die Sprache nicht sprechen und sich nicht an die schweizerischen Sitten anpassen. Aber ihre Lösung halte ich für falsch, eine Wand zu den Migranten aufzubauen. Und gar keine Lösung sind die Ausländer-raus-Parolen. Wenn alle Ausländer die Schweiz verlassen würden, brächen das Wirtschaftsleben und der Gesundheitssektor zusammen. Ich bin für einen Dialog zwischen den Migranten und den Schweizern, um gemeinsam eine Lösung für die Probleme zu finden. Ich verstehe zum Beispiel, dass sich Schweizer gekränkt fühlen, wenn Ihr Dialekt von Deutschen belächelt wird. Die Schweizer fühlen sich dann den Deutschen unterlegen und reagieren mit Wut und Ablehnung auf die Arroganz von manchen Deutschen.

Ich wohne seit vielen Jahren in der Schweiz, fühle mich aber nicht als Schweizer, sondern als ägyptischer Kanadier, der in der Schweiz lebt. Die Schweiz betrachte ich aber als mein zu Hause. Deswegen habe ich auch die Schweizer Staatsbürgerschaft beantragt. Den ersten Test habe ich schon bestanden. Ich kann mich gut anpassen und ich habe schnell die Sprache gelernt, weil ich weiß, dass dies die Voraussetzung für die Integration in ein fremdes Land ist.

Meine Eltern haben mir ihre Migrationserfahrung mitgegeben. Sie sind in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts von Ägypten nach Kanada eingewandert. Sie sind nicht aus Not emigriert, sondern weil sie in den USA und Kanada attraktive berufliche Angebote bekamen. Die USA suchten in dieser Zeit Wissenschaftler und gut ausgebildete Fachkräfte. Mein Vater ist promovierter Biologe und bekam an der Harvard-Universität in Cambridge eine Professur. Meine Mutter ist promovierte Romanistin. Auch sie bekam eine Stelle an der Universität. Die beiden lernten sich übrigens beim Studium in Madrid kennen. Weil ihnen in Kanada bessere Arbeitsbedingungen angeboten wurden, nahmen sie diese an und ließen sich in Halifax und dann Ottawa nieder. Dort wurden meine Schwester und ich auch geboren, sie 1967 und ich 1970.

Meine Eltern stammen aus gebildeten Kairoer Familien und so war es selbstverständlich, dass auch meine Schwester und ich studieren konnten. Meine Schwester wurde Bau-Ingenieurin und ich Informatiker. Äußerlich verlief meine Integration problemlos. Meine Eltern sprachen mit uns Kindern Arabisch. Arabisch ist also meine erste Sprache. Ich kann mich allerdings nicht an die Zeit erinnern, in der ich Arabisch gesprochen habe. Denn ich empfinde Englisch als meine Muttersprache. Noch heute sprechen meine Eltern miteinander und mit uns Arabisch, wir Kinder antworten jedoch auf Englisch. Ich kann nicht besonders gut Arabisch. Das schmerzt meine Eltern etwas, weil es uns auf gewisse Weise trennt. Ich bin in eine Welt hinein geboren, die sie gewählt haben. Der ägyptische Teil in mir wurde durch meine Eltern vermittelt, der kanadische Teil vom Kindergarten, der Schule, meinen Freunden und Freundinnen und der Universität. Ich wurde sowohl von der westlichen Lebensweise geprägt als auch von der ägyptischen meiner Eltern.

Die spirituelle Suche

Mit 17 begegnete ich in Kairo einer Gruppe von Sufis. Ihre glühende Liebe zu Gott beeindruckte mich so, dass ich mich entschloss, mich dem Islam zuzuwenden. Ich engagierte mich in der Moschee, leitete Jugendgruppen und war überhaupt ein aktiver Teil der muslimischen Gemeinde. Mit 24 machte ich an der Kaaba in Mekka eine tiefgreifende Erfahrung, die mich in eine tiefe Krise stürzte. Mein Herz öffnete sich, ich fühlte mich von Liebe durchflutet und gleichzeitig fühlte ich mich wie ein Heuchler. Gott hatte mir diese große Liebe geschenkt und ich wusste gleichzeitig, dass ich nicht nach den strengen moslemischen Regeln leben konnte. Dies war ein großer Konflikt, der dazu führte, dass ich mich vom Islam abwandte. Ich konnte diese Regeln nicht offenen Herzens befolgen. Sie zu befolgen, hätte bedeutet, mich zu verleugnen. Lange suchte ich nach Alternativen und wurde ungläubig.

Meine spirituelle Suche war aber noch nicht zu Ende. Meine Sehnsucht führte mich nach Großbritannien, wo ich eine einjährige Ausbildung in „Mysticism and Religious Experience“ (Mystik und religiöse Erfahrung) machte. Durch diese Ausbildung lernte ich die großen Weltreligionen sowie einen offenen und esoterischen Islam kennen. Am meisten ziehen mich der Buddhismus und der Sufismus an, ohne jedoch in irgendeinen Orden eingeweiht zu sein. Ich glaube an die Einheit von allem; letztlich hat jede Religion eigene Namen, um dasselbe zu beschreiben.

Mein Beruf führte mich nach Deutschland und dort habe ich Deutsch gelernt. In Deutschland lernte ich auch meine Frau kennen und wir heirateten. Meine spirituelle Suche führte mich zu den Schriften C.G. Jungs und schließlich zum C.G.Jung Institut nach Zürich. Ich suchte einen Job in Zürich, um am C.G. Jung Institut als Gasthörer seine Analytische Psychologie zu studieren. Durch Jung bekam ich wieder einen Zugang zur Spiritualität, einer Spiritualität, bei der ich mich nicht verleugnen musste. 2003 gründete ich meine eigene Firma und damit hatte ich entschieden, in der Schweiz zu bleiben.

Vier Kulturen in einer Familie

Meine Frau und ich trennten uns. Sie zog mit unserem Sohn zurück nach Deutschland. Deswegen verbringe ich jedes zweite Wochenende in Deutschland bei meinem Sohn. Mit meinem Sohn spreche ich Englisch und bestehe darauf, dass er mir auf Englisch antwortet. Mit seiner Mutter spricht er Deutsch. Deutsch ist seine Muttersprache und Englisch seine Vatersprache. Das Verhalten von Ägyptern und Schweizern ist sehr unterschiedlich. Die Schweizer tragen in der Öffentlichkeit gegenüber Fremden eine strenge, fast abweisende Maske. Wenn man sich einmal kennt, sind sie sehr herzlich. In Ägypten dagegen kann man keine 10 Minuten auf der Straße sein, ohne in ein Gespräch verwickelt zu werden. Wenn man z.B. mit dem Taxi fährt, fragt einem der Taxifahrer ganz selbstverständlich, woher man kommt, wie man lebt, ob man verheiratet ist, wie viele Kinder man hat, wie es den Eltern geht. Ägypter sind sehr gemeinschaftsorientiert und familienbezogen, sie stellen sofort eine Beziehung her. Die Männer verhalten sich Frauen gegenüber sehr ritterlich. Zwischen den Polen Schweiz und Ägypten liegt Kanada. Die Menschen dort sind kontaktfreudiger und kommunikativer als in der Schweiz, aber sie lassen einem auch in Ruhe, wenn man nicht gleich seine Familiengeschichte erzählen will.

In Zürich fühle ich mich sehr wohl. In dem Haus, in dem ich wohne, lebt eine bunt gemischte Gesellschaft zusammen: Schweizer und Migranten aus aller Herren Länder kommen gut miteinander aus. Einzig die Fremdenfeindlichkeit und die Angst vor Muslimen, die von den Massenmedien geschürt werden, stören mich. Sie entsprechen nicht der Züricher Realität. Die meisten Menschen sind viel offener als die populistischen Journalisten und Parteifunktionäre.

Erzählt von Tariq, aufgeschrieben von Regina Boger im Juli 2015.

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Das sagte ich aber nicht

Die Fahrt zog sich hin. Eigentlich wollten wir Urlaub am Bodensee machen. Da es in Strömen regnete, beschlossen meine Eltern, dahin zu fahren, wo es warm und trocken war: nach Italien. Wie immer herrschte dicke Luft im Auto. Mein Vater saß am Steuer, meine Mutter hatte die Autokarte auf dem Schoß und sagte ihm, wie er fahren sollte. Zum Einen vergaß er ihre Anweisungen, zum Anderen glaubte er ihnen nicht und so stritten sie die meiste Zeit miteinander. Mein großer Bruder vertiefte sich in den Sprachführer, mein kleiner spielte mit seinen Autos. Ich betrachtete die Landschaft und träumte vor mich hin. Die Berge gefielen mir. Ich stellte mir vor, wie es wäre, an ihnen hoch zu klettern und so immer wieder neue Räume und Aussichten zu entdecken. Auf diese Art nach Italien zu kommen, wäre langwierig gewesen, das war klar und so fand ich mich mit der Autofahrt mit meiner Familie ab.
Wir fuhren über den Brenner, in den 60er Jahren gab es noch keine Autobahn. Der Verkehr auf der Straße entlang der Etsch war dicht und mein Vater bekam seine üblichen Wutanfälle über die Schleicher und Versager in den Autos vor ihm. Um die Schlappschwänze vor sich los zu werden, machte er riskante Überholmanöver auf der engen kurvenreichen Straße mit reichlich Gegenverkehr. Er war schließlich der einzig gute Autofahrer auf der Welt und wusste, wie man im Gebirge fährt, selbst mit Anhänger und Segelboot auf dem Dach. Im zweiten Weltkrieg hatte er als Krad-Melder zwischen den Fronten reichlich Erfahrung mit gefährlichen Situationen gesammelt. Diese Expertise hatte er uns allen voraus, was niemand in Frage stellte. Dass er damals allein auf dem Motorrad saß und nur sein Leben riskierte, jetzt aber auch das seiner Familie, schien er nicht zu berücksichtigen. Das sagte ich aber nicht. Mich entsetzte der Anblick eines toten Mannes in einem zerquetschten Auto, dessen gebräunter Arm mit einer goldenen Uhr am Handgelenk aus dem Seitenfenster hing. Meinen Vater nicht, oder höchstens zwei Minuten.
Jedes Mal, wenn das Hinweisschild „Bolzano“ am Straßenrand auftauchte, bekamen wir eine Geschichtslektion. Der richtige Name von Bolzano war nämlich Bozen. Südtirol war früher deutsch gewesen, eigentlich österreichisch, aber nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich hatte es zu uns gehört. Die italienischen Charakterlumpen, die zu Beginn des Krieges auf unserer Seite gekämpft hatten, schlugen sich gegen Ende des Krieges, als die gemeinsame Sache verloren schien, auf die Seite der Feinde, das war ungefähr die halbe Welt, und deshalb verloren wir den Krieg und somit auch Südtirol. Nach dem Krieg pumpten die charakterlosen italienischen Regierungen zigtausende charakterlose Italiener nach Südtirol, um den Widerstand der Südtiroler gegen die italienische Fremdherrschaft zu brechen. Zum Glück gab es aufrechte südtiroler Widerstandskämpfer, die Bomber, die Anschläge auf italienische Einrichtungen verübten, um ihre Heimat gegen die italienische Überfremdung zu verteidigen. „Heirate nie einen Italiener“, sagte meine Mutter, „das sind Verräter, auf die kann man sich nicht verlassen. Da wäre mir ein Franzose schon lieber, die Franzosen waren zwar unsere Erzfeinde, aber immerhin haben sie Charakter.“ Mich beruhigte, dass mein französischer Brieffreund nicht unter das Verdikt „Charakterloser Verräter“ fiel.
Entgegen meinen Befürchtungen kamen wir heil in Bozen an. Wir bedauerten, dass diese schöne deutsche Stadt nun von den charakterlosen Italienern beherrscht wurde, was man deutlich an den fauligen Tomaten am Straßenrand und der Sprache in den Straßen hören konnte. Vielmehr meine Eltern bedauerten es. Mir gefiel diese klangvolle Sprache. Zu Hause stellte ich mich gern ans Fenster, wenn italienische Gastarbeiter an unserem Haus vorbei gingen und sich lautstark unterhielten. Das sagte ich aber nicht.
Dem Drama des Zeltaufbaus auf dem Campingplatz von Jessolo – mein Vater gab mit hoch rotem Kopf die Kommandos, meine Mutter war beleidigt und musste Zeltstangen halten, meine Brüder und ich ebenso, damit mein Vater den Überblick über die Zeltkonstruktion behielt – schaute eine englische Familie interessiert, aber dennoch diskret zu. Nachdem das Gestänge des Zelts stand und die Zeltplanen befestigt werden mussten – das war Männersache – bekam ich wegen der Hitze einen Schwächeanfall, das hatte schon am Bodensee funktioniert, und durfte mich ins Wasser verziehen. Ich konnte es nicht fassen, das Meer war noch größer als der Bodensee, das Wasser war wärmer und es hatte Wellen. Wellen, welche die peinlichen Vorurteile meiner Eltern mitsamt ihren Erinnerungen an das Dritte Reich, den Zweiten Weltkrieg und ihren Ehekrieg von mir abspülten.
Mein älterer Bruder und ich lernten in der Schule Englisch. Wir brannten darauf, zum ersten Mal in unserem Leben mit echten Engländern Englisch zu sprechen. Die Gelegenheit bot sich, als die englischen Kinder an den Strand kamen. Wir gingen auf sie zu und sagten in unserem besten Englisch „Hello!“ – „Heil Hitler“ antworteten sie ungerührt und rissen den rechten Arm zum Hitlergruß hoch, bevor wir noch „how are you“ hinterher setzen konnten und gingen an uns vorbei. „Seht ihr“, polterte mein Vater empört, „so wirkt sich die Kollektivschuldthese der Alliierten noch 20 Jahre nach dem Krieg aus!“ Dass er Mitglied der NSDAP (freiwillig) und der Waffen-SS (unfreiwillig) gewesen war, schien ihm nicht aufzufallen. Mir schon.
Ich sann auf Rache, weil die englischen Kinder mir Hitler vorgehalten hatten, für den ich nichts konnte, weil ich nach dem Krieg geboren worden war und weil sie mich keines Blickes gewürdigt hatten. Wenn ich sie das nächste Mal sähe, würde ich „Heil Profumo“ zu ihnen sagen, nahm ich mir vor. Profumo war nämlich ein englischer Minister, der zurücktreten musste, weil er mit Christine Keeler, einem Callgirl, ein Verhältnis gehabt hatte. Diese wiederum hatte noch ein Verhältnis mit einem sowjetischen Agenten gehabt. Die Fotos hatte ich in einer Illustrierten gesehen, die meine Mutter las, wenn sie zu Hause war. Wenn mir die Engländer Hitler vorhielten, würde ich ihnen ihren verlotterten Minister Profumo vorhalten. Doch daraus wurde nichts. Die Engländer machten einen weiten Bogen um uns und wir hatten keine Gelegenheit mehr, unsere Englischkenntnisse anzubringen, geschweige denn, „Heil Profumo“ zu sagen.
An Deutsche kann ich mich nicht erinnern, obwohl der Campingplatz von ihnen gewimmelt haben musste. Meine Eltern hielten Abstand zu ihnen, weil die meisten von ihnen abends in das Bierzelt strömten, wo es deutsches Bier, deutsche Würstel und Blasmusik gab. Dieser Art der Volksbelustigung, meine Eltern fanden sie primitiv und pöbelhaft, blieben sie auch in Deutschland fern.
Blieben also noch die Italiener. Die Verständigung gestaltete sich allerdings schwierig, weil die Italiener in der Regel nicht Deutsch und wir nicht Italienisch sprachen. Dennoch lotste mich ein kleiner italienischer Junge zu einem der Wellenbrecher. Ich konnte mir nicht vorstellen, was er von mir wollte, ging aber dennoch aus Neugier und Höflichkeit mit. Er schien ein paar Jahre jünger zu sein als ich, eindeutig noch ein Kind, zählte also nicht zu meiner Liga. Er war sehr hübsch, hatte schwarze Locken, einen schön geschwungenen Mund und große braune Augen. Er redete unablässig auf mich ein. Ich verstand kein Wort, nickte aber verständnisvoll mit dem Kopf. Das einzige Wort, das ich aus seinem Wortschwall heraushörte, war „domani“. Im Italienisch-Sprachführer fand ich unter „domani“ morgen. Vermutlich wollte er sich morgen wieder mit mir treffen. Aber wozu? Unser Gespräch war doch recht einseitig und unergiebig gewesen.
Am nächsten Nachmittag warf ich pflichtschuldig und auch etwas neugierig einen Blick auf die Stelle, wo ich mit dem Jungen gesessen hatte. Er war nicht zu sehen. Nur der lustige junge Verkäufer aus der Bäckerei saß da. Meine Brüder waren von ihm begeistert, weil er etwas Deutsch radebrechte, mit ihnen Witze machte und ihnen ab und zu einen Lutscher schenkte. Meine Eltern fanden ihn auch erfrischend und sympathisch – als Bäckereiverkäufer. Aber sicher nicht als Verehrer ihrer Tochter. Mit ihm war ich also verabredet. Mir wurde etwas mulmig zu Mute. Und jetzt sollte ich mit ihm auf den Steinen des Wellenbrechers sitzen, weithin sichtbar? Was, wenn er versuchen würde, den Arm um mich zu legen und mich zu küssen? Italiener waren heißblütig und draufgängerisch, das wusste ich aus den Illustrierten meiner Mutter. Was, wenn mich meine Eltern mit ihm zusammen sähen? Dann würde aus dem charmanten Bäckereiverkäufer im Handumdrehen ein gewissenloser italienischer Charakterlump. Ab da hätte ich wahrscheinlich nur noch unter Aufsicht meiner Eltern das Zelt verlassen dürfen. Ich drehte wieder ab, bevor er mich gesehen hatte. Ich warf mich wieder in die Wellen und spülte meine Gewissensnöte, meine Verwirrung und meine Sehnsüchte von mir ab, so weit es eben ging.
Unser Kontakt mit der italienischen Küche blieb begrenzt. Meine Mutter hatte einen gut gefüllten Weidenkoffer mit Konserven und Nudeln mitgenommen. Wohl, weil das preiswert und weil der fremden Küche nicht zu trauen war. Außerdem wollten wir im Urlaub nicht auf die Nudeln unseres Dorfbäckers verzichten. Die italienischen Teigwaren enthielten bekanntermaßen keine Eier und so etwas konnte einfach nicht gut sein. Einmal in der Woche gab es zu Hause Quark mit Pellkartoffeln. Diese Gewohnheit sollte auch in Italien beibehalten werden. Im Supermarkt von Jessolo suchte meine Mutter nach Quark, fand aber keinen, jedenfalls nichts, auf dem „Quark“ stand. Mein älterer Bruder hatte dieses Wort im Lateinunterricht bedauerlicherweise nicht gelernt und fand es auch nicht im Sprachführer. Schließlich fanden wir im Kühlregal doch etwas, das ähnlich wie Quark aussah, „Burrosa“ stand auf dem Etikett. Burrosa kommt sicher von Burro, das heißt Butter auf Italienisch, warf mein älterer Bruder fachmännisch ein. Also kauften wir ein Kilo Burrosa. Auf dem Campingplatz mühte sich meine Mutter ab, aus Burrosa Tomatenquark zu machen. Es gelang ihr nicht. Nach einem Löffel Burrosa streckten meine Brüder die Hälse, ich nach dem zweiten. Mein Vater hielt nach der eisernen Regel „Gegessen wird, was auf den Tisch kommt“ und um die elterliche Autorität zu wahren, drei Löffel durch, meine Mutter fünf. Sie war schließlich für das Essen verantwortlich. Endlich sprach mein Vater den erlösenden Satz: „Essen wir doch lieber Butter zu den Kartoffeln!“ Etwas Italienisches gab es dann aber doch noch. Ausnahmsweise durften wir zum Nachtisch italienisches Weißbrot mit Nutella essen, das wir im Supermarkt entdeckt hatten.
Burrosa fand sein Ende im Mülleimer und behielt sein Geheimnis für sich. Für immer. Wer auch immer aus unserer Familie später eine Italienerin nach der richtigen Zubereitung von Burrosa fragte, erntete nur Stirnrunzeln und fragende Blicke. „Burrosa? Noch nie gehört, geschweige denn gegessen.“ Im Laufe der Zeit erschien es uns, als ob eine Geisterhand ein einziges Kilo Burrosa in das Kühlregal des Supermarkts von Jessolo gelegt hätte, um uns etwas Fremdes für immer fremd bleiben zu lassen.
Mein kleiner Bruder gesellte sich einer Gruppe junger Italiener zu, die am Strand Fische grillten. Der Bäckereiverkäufer war auch dabei. Ich hielt Abstand. Mein kleiner Bruder kam mit etwas Gelbem in der Hand zurück, das aussah wie eine Grießschnitte. Den Fisch hatte er schon gegessen, aber von der Grießschnitte ließ er uns kosten. „Das ist Hollanda“, sagte er in weltgewandtem Ton. Mein durch den Krieg weit gereister Vater wusste es besser. „Das ist Polenta“, lachte er, „und ist aus Maisgrieß.“ Der Bäckereiverkäufer wedelte mit einem Fisch in meine Richtung. Ich schaute weg, voll Scham, dass ich ihn versetzt hatte, noch keine richtigen Busen hatte, nicht Italienisch konnte außer von eins bis zehn zählen und „quanto costa“. Das hatte ich von meinem Großvater gelernt, der im Ersten Weltkrieg auch weit herumgekommen war. Mit diesen geringen Sprachkenntnissen konnte ich jedenfalls keine Unterhaltung führen und alles Andere, was heißblütige Italiener auf Lager hatten, war mir nicht geheuer.
Einmal machten wir einen Ausflug nach Venedig. Wir Kinder durften natürlich auf dem Markusplatz keine Tauben füttern. Diesen Touristennepp lehnten meine Eltern ab. Und ich wollte nicht mit Tauben posieren, deren Futter andere bezahlt hatten, damit mein Vater ein Foto machen konnte. Er ließ von diesem Vorhaben ab und wandte sich einem anderen zu. Er wollte unbedingt zur Seufzerbrücke. Als erfahrener Wanderer zog er den Stadtplan hervor und setzte sich an die Spitze der Familie. Wir trotteten hinterher. Ich als Letzte. Ich achtete darauf, einen Sicherheitsabstand zu meiner Familie zu halten, um nicht als Deutsche erkannt zu werden. Ich wollte lieber für eine Italienerin gehalten werden. Das sagte ich aber nicht.
Nach einer halben Stunde hatten wir uns heillos verlaufen. Mein Vater sah von seinem Nationalstolz ab und ließ sich herab, einen Italiener nach der Ponte dei Sosperi zu fragen. Er wies in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Mein Vater glaubte ihm nicht, auch einem Zweiten und Dritten nicht. Die Venezianer kannten sich nicht einmal in ihrer eigenen Stadt aus! Den Stadtplan fest in der Hand, hielt er an der eingeschlagenen Richtung fest. Nach einer weiteren halben Stunde kamen wir zu einer imposanten Brücke. „Seht ihr, da ist sie“, sagte mein Vater stolz, „man darf sich nie von der Meinung anderer Leute von seinem Weg abbringen lassen!“ – „Hier steht Ponte di Rialto!“, sagte ich, „heißt Rialto auf Italienisch Seufzer?“ Mein Vater sagte nichts und vertiefte sich erneut in den Stadtplan. Wir umringten ihn. Ein Venezianer mit Deutschkenntnissen bot uns seine Hilfe an. Er zeigte uns auf dem Stadtplan sowohl die Ponte di Rialto als auch die Ponte dei Sosperi und den Weg von hier nach dort. Mein Vater bedankte sich. Er konnte auch höflich sein.
Eigentlich hatten wir genug von den engen Gassen und der Mittagshitze. Aber da mein Vater nun den Weg wusste, musste er auch gegangen werden. Meine Brüder meckerten, meine Mutter war beleidigt. Ich sagte nichts, hielt Abstand und tat, als ob ich nicht dazu gehörte.
Zwar hatten wir in zwei Wochen in Italien nicht herausgefunden, was sich hinter dem Wort „Pizza“ auf den Tafeln vor den Restaurants verbarg, aber der Italienurlaub beeinflusste doch nachhaltig den Speisezettel zu Hause. Im Supermarkt der nächsten Stadt entdeckten wir Ravioli in der Dose und Miracoli, das sind Spaghetti mit extra verpacktem Tomatenmark und einer Kräutermischung. Wir Kinder bestanden darauf, dass unsere Mutter Miracoli, Ravioli und Nutella einkaufte. Gegen einige Kinder, was bei uns selten der Fall war, konnte sich unsere Mutter nicht durchsetzen, zumal unser Vater dieses Mal nicht die deutsche Fahne hoch hielt, sondern zustimmte, indem er nicht dagegen war. Auch er war vom Nutella-, Ravioli- und Miracoli-Fieber infiziert, gab es aber nicht zu. Jedenfalls nicht offen.
Das sagte ich aber nicht.

Copyright Regina Boger 2014

VERA – Die Bedeutung meines Namens

Autorin dieses Beitrags ist Vera Nkenyi Ayemle. Sie war so freundlich und hat uns diesen Text für die „Tee-Zeremonie“ überlassen.

Mein Name ist Vera Nkenyi Ayemle. Und mein Vorname Vera, der angeblich deutsche Wurzeln hat,  bedeutet in etwa Wahrheit. Zu meinem Vornamen kam ich durch folgende Geschichte:  Weiterlesen

Eine ganz normale, aber beachtenswerte Frau

Wer nicht lesen möchte, lehnt sich im Sessel zurück und hört sich die Geschichte an – viel Spaß: Eine ganz normale Frau2

Immer wieder bin ich froh, dass ich nicht im oder während des Krieges geboren wurde. Oft muss ich darüber nachdenken, wie es  mir wohl ergangen wäre. All die schrecklichen Ereignisse, das Kriegsgeschehen, das Leid, die Trauer, die Ungewissheit, der Hunger. Ich hatte – sozusagen- etwas Glück, ich kam erst einige Jahre nach Beendigung des Krieges auf die Welt. Weiterlesen

Das Familienrennen

Als meine Großmutter mit 16 heiratete, geheiratet wurde, sich heiraten ließ, war das schon Wochen zuvor eine gemachte Sache. Mein Großvater hatte wohl bei einem Volksfest ihre Hand berührt. Die Äcker lagen günstig beieinander. Meine Mutter ließ sich 12 Jahre länger Zeit und es hatte zwar was mit Händchen halten, aber nichts mehr mit Landwirtschaftsökonomie zu tun. Weiterlesen