Tag Archives: Humor

Regina

 

Manche gehen zum Friseur und lassen sich die Haare kurz schneiden oder färben, wenn sie in einer Krise sind. Das machen vor allem Frauen. Andere betrinken sich, das machen vor allem Männer. Wieder andere legen ein Gelübde ab, irgendetwas nie wieder zu tun oder ab sofort etwas immer zu tun, das machen meist auch wieder Frauen. Wieder andere geben sich einen  neuen Namen. Das machen sowohl Frauen als auch Männer. Dass man sich selbst einen neuen Namen geben kann, erfuhr ich erst mit 33 Jahren. Bis dahin hatte ich meinen Namen für unabänderlich gehalten. Continue reading

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Wie deutsch bin ich? Der ultimative Selbsttest

Was hätte ich mir an jahrelangen Identitätskrisen nur sparen können, hätte ich schon damals einen Test belegen können, der mir sagt, wie deutsch ich eigentlich wirklich bin. Jetzt ist es soweit: ein überaus seriöser und ganz und gar nicht übetriebener Test untersucht nämlich genau das. Kriterien: meine Einstellung zu Recycling, zu Rauchern in Nichtraucherkneipen, zu Apfelsaftschorle und Klugscheißertum.

Erstens: ich habe was gegen nicht schäumende Apfelsaftschorle. Ich mag sie schön schaumig, mit prickelndem Weiß als Oberhaut und ich mag es, wenn im Glas kleine Bläschen von unten nach oben steigen. Ich mag sie kalt, frisch, und am liebsten mag ich Apfelsaftschorle, wenn sie nach Radler schmeckt.

Ich habe einen Doktor in Englisch. Nur meine Bescheidenheit hindert mich daran, es jedem unter die Nase zu reiben, der nicht einmal ansatzweise an Titeln interessiert ist. Wenn mich also jemand fragt, ob ich Englisch spreche, sage ich „a little bit“ um den anderen nicht bloßzustellen. Könnte ja sein, dass ich noch einen Grammatikfehler aus der 7. Klasse nicht korrigiert habe und mit mir herumtrage wie einen jahrelang verschleppten Husten.

Ich mag Ordnung. Unordnung macht mich wuschig. Ich mag einheitliche Schriftgröße, Farbe, Ansatz und Format. Ich mag Unterpunkte wie a), b) und c) und Menschen, die meinen Ordnungssinn haben, sind mir besonders sympathisch. Ich bin auch von einer Universallogik überzeugt. Meinungen anderer Menschen, die nicht mit meinen konform gehen, sind daher in sich widersprüchlich und unlogisch.

Ich hyperventiliere, wenn andere nicht ordnungsgemäß recyclen. Wenn ich mir unsicher bin, in welche Tonne ein Stück Stoff oder benetztes Papier gehört, schlage ich bei Google nach. Es ist mir egal, dass der ganze Müll später noch einmal in dieselbe Tonne kommt und noch einmal aussortiert wird. Recycling gibt mir das Gefühl, dass die Welt in Ordnung ist und ich zu dieser Ordnung beitragen kann, siehe meine Sensibilität für Ordnungssinn.

Ich habe was gegen Raucher in Nichtraucherkneipen. Vielleicht habe ich mich zu undeutlich ausgedrückt: Rauchen in Nichtraucherkneipen sehe ich als offenen Angriff auf meine nackte Existenz. Raucher haben gelbe Finger und dass sie kleine Kinder essen, ist bekannt.

Ich bin eine rechthaberische Klugscheißerin. Wenn ich andere in ihrem gefährlichem Halbwissen erwische, mache ich Affront mit Wissen, dass ich mir selbstverständlich aus seriösen Quellen wie BILD, Wikipedia oder „Frau im Spiegel“ angeignet habe.

GermanTestDer Test, den ich nach bestem Wissen und Gewissen ausgefüllt habe, belegt, dass ich zu 80% deutsch bin, also im Durchschnitt über 16% deutscher (gibt es dieses Wort überhaupt?) als der durschnittliche Alltagsdeutsche. Ich bin so deutsch wie das Pfand, die Apfelsaftschorle und Menschen, die andere Menschen wegen geringer Vergehen am liebsten lynchen würden. Ich würde sagen, meine Integration ist gelungen. 🙂

http://www.thegermanquiz.com/

 

 

Auf dem Markt

Auf dem Markt, auf dem kleinen Obst- und Gemüsemarkt in der schwäbischen Provinz zeigt sich, wer integriert ist. Sonst ist da nicht viel los, außer dass sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen. Aber wenn sich die Marktleute rund um das Gmünder Münster postieren, um ihre Waren anzubieten, dann ist was los, dann ist immer ein großes Trara. Dann kann man nicht nur einen Kopfsalat oder ein Suppenhuhn kaufen, man kann direkt am Mann vor Ort erproben, wie weit die eigene Integration fortgeschritten ist. Continue reading

Von Mondkälbern und Buchstaben

„KIND MUSS GEHEN SCHULE, JA?! SONST POLIZEI, JA?!“ ist im Ausländeramtsdeutsch der Ausdruck für Schulpflicht. Frei übersetzt, versteht sich. Für uns sind die kriegsbedingten Ferien dadurch erst einmal vorbei, was meiner Schwester ziemlich die Laune verdirbt. Verständlich, denn sie hatte eine Lehrerin, die eine kommunistische Rachegöttin war. Mit Feuer und Blitz in der einen und Marx und Engels in der anderen Hand ließ diese rothaarige Furie tagaus tagein drei Dutzend Erstklässler erzittern. Ich hingegen hatte die Schule in guter Erinnerung, war ich doch seit jeher ein Günstling meiner Rachegöttin gewesen.

Wir inspizieren also erst einmal unsere neue Gebieterin und konstatieren, dass wir das neue Regime mögen. Das lästige Aufstehen beim Antwortgeben scheint passé zu sein, so auch das Bild unseres gütigen aber strengen Landesvaters in Militäruniform. Dafür lächeln die hellen, wachen Augen der Frau Wamsler. Ihre Farbe wird mir mit den Jahren entfallen, ich möchte aber glauben, dass sie hyazinthblau waren. Meine Schwester ist begeistert, hier gibt es Linkshänder, sagt sie, und Linkshänderscheren. Wie ein verlorenes Familienmitglied gesellt sie sich ihren Genossen in der Bastelecke hinzu. Unsere Begeisterung wird uns jedoch nicht davor schützen, mindestens einmal am Tag wie zwei Mondkälber zu schauen. Zum Beispiel, als uns unsere Nebensitzerin voller Stolz eröffnet, dass hier wohl nur mit 26 Buchstaben operiert wird. Mit 26 Buchstaben statt wie bisher 30! KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERAWir stellen uns vor, wie im Laufe eines Sparkurses der zentralistischen Regierung Deutschlands vier Buchstaben kurzerhand wegrationalisiert werden, mit dem Ergebnis, dass sie hier kein „lj“ haben! Wie sollen wir ohne „lj“ so wichtige Dinge wie „ljubav“ oder „ljuljačka“1 zum Ausdruck bringen? Und ich ärgere mich immer noch ob des unnützen Wissens, welches uns unser Regime aufgebürdet hat. Dreißig Buchstaben des lateinischen und dreißig des kyrillischen Alphabets in kommunistischer Demut gelernt und knapp zwei Drittel davon unbrauchbar. So wie neulich, als Frau Wamsler das scharfe ß vorstellt. Meine Schwester schlägt „scharf“ im Wörterbuch nach und wähnt daraufhin hinter dem Buchstaben ein mörderisches Instrument. Ich frage mich einen Nachmittag lang, ob es zum scharfen vielleicht auch ein stumpfes oder ein süßes oder vielleicht salziges ß gibt. Das Regime hatte uns ja nur die phonetischen Kategorien „hart“ und „weich“ beigebracht. Die Unterscheidung von Buchstaben nach Matratzenstärke erwies sich also eindeutig als rückständig. Oder das Zeh-Kah-Inzident. An dem Tag lernen wir das Wort „Jacke“. Frau Wamsler fügt vielsagend „mit Zeh-Kah“ hinzu. Sie hat zu jedem Buchstaben ein Gesicht parat, also legt sie ihres zum Zeh-Kah passend in Falten. Mit neun Jahren beherrschen meine Schwester und ich zwei Schriftsysteme, aber wir wissen ums Verrecken nicht, wer oder was ein Zeh-Kah ist. Dafür ist der Rest der Klasse in fiebriger Aufregung, alle lächeln und nicken sich zu, die Wiedersehensfreude ist groß. Zeh-Kah scheint wohl ein alter Freund zu sein. Zeh-Kah, Zeh-Kah, raunt es durch die Reihen und Frau Wamsler zwinkert geheimnisvoll. Ist Zeh-Kah am Ende gar ein Gott, dem diese Klasse huldigt? Meine Schwester und ich schauen dümmlich, beschließen aber, dem Mysterium am selben Nachmittag durch intensives Studium den Garaus zu machen. Und was soll ich sagen, Zeh-Kah ist nichts anderes als ein C und ein K. Unmittelbar nacheinander. Als am nächsten Morgen das Wort „Mücke“ an der Tafel steht, stimmen wir fröhlich in den Chor der Zeh-Kah-Jünger ein.

Wir werden diese Klasse nach drei Wochen verlassen, um in eine richtige Schulklasse zu gehen. Geändert hat sich seitdem am Kern der Sache aber nichts. An einem Tag geblökt, am nächsten jauchzend frohlockt.

 

 

1 kroatisch für „Liebe“ und „Kinderschaukel“

Das Familienrennen

Als meine Großmutter mit 16 heiratete, geheiratet wurde, sich heiraten ließ, war das schon Wochen zuvor eine gemachte Sache. Mein Großvater hatte wohl bei einem Volksfest ihre Hand berührt. Die Äcker lagen günstig beieinander. Meine Mutter ließ sich 12 Jahre länger Zeit und es hatte zwar was mit Händchen halten, aber nichts mehr mit Landwirtschaftsökonomie zu tun. Continue reading