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… ein ägyptischer Kanadier, der in der Schweiz lebt

Manchmal ist es schwer, die Meinungen vieler Schweizer über Ausländer zu ertragen, vor allem wenn man Ausländer ist. Das Merkwürdige ist, dass mir diese Vorurteile vor allem in den Massenmedien begegnen und überhaupt nicht von meinen Nachbarn oder Arbeitskollegen. Mit denen komme ich gut aus, mit manchen bin ich sogar befreundet. Wobei ich sagen muss, dass meine Freunde in der Regel auch Migranten oder Migrantinnen sind. Ja, auch die Zugewanderten bleiben unter sich. Um auf die Konflikte zwischen Schweizern und Ausländern zurückzukommen: Ich stimme der Beschreibung des Problems zu, aber nicht der Lösung, die von den Populisten vorgeschlagen wird. Sie beklagen zu Recht, dass viele Ausländer die Sprache nicht sprechen und sich nicht an die schweizerischen Sitten anpassen. Aber ihre Lösung halte ich für falsch, eine Wand zu den Migranten aufzubauen. Und gar keine Lösung sind die Ausländer-raus-Parolen. Wenn alle Ausländer die Schweiz verlassen würden, brächen das Wirtschaftsleben und der Gesundheitssektor zusammen. Ich bin für einen Dialog zwischen den Migranten und den Schweizern, um gemeinsam eine Lösung für die Probleme zu finden. Ich verstehe zum Beispiel, dass sich Schweizer gekränkt fühlen, wenn Ihr Dialekt von Deutschen belächelt wird. Die Schweizer fühlen sich dann den Deutschen unterlegen und reagieren mit Wut und Ablehnung auf die Arroganz von manchen Deutschen.

Ich wohne seit vielen Jahren in der Schweiz, fühle mich aber nicht als Schweizer, sondern als ägyptischer Kanadier, der in der Schweiz lebt. Die Schweiz betrachte ich aber als mein zu Hause. Deswegen habe ich auch die Schweizer Staatsbürgerschaft beantragt. Den ersten Test habe ich schon bestanden. Ich kann mich gut anpassen und ich habe schnell die Sprache gelernt, weil ich weiß, dass dies die Voraussetzung für die Integration in ein fremdes Land ist.

Meine Eltern haben mir ihre Migrationserfahrung mitgegeben. Sie sind in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts von Ägypten nach Kanada eingewandert. Sie sind nicht aus Not emigriert, sondern weil sie in den USA und Kanada attraktive berufliche Angebote bekamen. Die USA suchten in dieser Zeit Wissenschaftler und gut ausgebildete Fachkräfte. Mein Vater ist promovierter Biologe und bekam an der Harvard-Universität in Cambridge eine Professur. Meine Mutter ist promovierte Romanistin. Auch sie bekam eine Stelle an der Universität. Die beiden lernten sich übrigens beim Studium in Madrid kennen. Weil ihnen in Kanada bessere Arbeitsbedingungen angeboten wurden, nahmen sie diese an und ließen sich in Halifax und dann Ottawa nieder. Dort wurden meine Schwester und ich auch geboren, sie 1967 und ich 1970.

Meine Eltern stammen aus gebildeten Kairoer Familien und so war es selbstverständlich, dass auch meine Schwester und ich studieren konnten. Meine Schwester wurde Bau-Ingenieurin und ich Informatiker. Äußerlich verlief meine Integration problemlos. Meine Eltern sprachen mit uns Kindern Arabisch. Arabisch ist also meine erste Sprache. Ich kann mich allerdings nicht an die Zeit erinnern, in der ich Arabisch gesprochen habe. Denn ich empfinde Englisch als meine Muttersprache. Noch heute sprechen meine Eltern miteinander und mit uns Arabisch, wir Kinder antworten jedoch auf Englisch. Ich kann nicht besonders gut Arabisch. Das schmerzt meine Eltern etwas, weil es uns auf gewisse Weise trennt. Ich bin in eine Welt hinein geboren, die sie gewählt haben. Der ägyptische Teil in mir wurde durch meine Eltern vermittelt, der kanadische Teil vom Kindergarten, der Schule, meinen Freunden und Freundinnen und der Universität. Ich wurde sowohl von der westlichen Lebensweise geprägt als auch von der ägyptischen meiner Eltern.

Die spirituelle Suche

Mit 17 begegnete ich in Kairo einer Gruppe von Sufis. Ihre glühende Liebe zu Gott beeindruckte mich so, dass ich mich entschloss, mich dem Islam zuzuwenden. Ich engagierte mich in der Moschee, leitete Jugendgruppen und war überhaupt ein aktiver Teil der muslimischen Gemeinde. Mit 24 machte ich an der Kaaba in Mekka eine tiefgreifende Erfahrung, die mich in eine tiefe Krise stürzte. Mein Herz öffnete sich, ich fühlte mich von Liebe durchflutet und gleichzeitig fühlte ich mich wie ein Heuchler. Gott hatte mir diese große Liebe geschenkt und ich wusste gleichzeitig, dass ich nicht nach den strengen moslemischen Regeln leben konnte. Dies war ein großer Konflikt, der dazu führte, dass ich mich vom Islam abwandte. Ich konnte diese Regeln nicht offenen Herzens befolgen. Sie zu befolgen, hätte bedeutet, mich zu verleugnen. Lange suchte ich nach Alternativen und wurde ungläubig.

Meine spirituelle Suche war aber noch nicht zu Ende. Meine Sehnsucht führte mich nach Großbritannien, wo ich eine einjährige Ausbildung in „Mysticism and Religious Experience“ (Mystik und religiöse Erfahrung) machte. Durch diese Ausbildung lernte ich die großen Weltreligionen sowie einen offenen und esoterischen Islam kennen. Am meisten ziehen mich der Buddhismus und der Sufismus an, ohne jedoch in irgendeinen Orden eingeweiht zu sein. Ich glaube an die Einheit von allem; letztlich hat jede Religion eigene Namen, um dasselbe zu beschreiben.

Mein Beruf führte mich nach Deutschland und dort habe ich Deutsch gelernt. In Deutschland lernte ich auch meine Frau kennen und wir heirateten. Meine spirituelle Suche führte mich zu den Schriften C.G. Jungs und schließlich zum C.G.Jung Institut nach Zürich. Ich suchte einen Job in Zürich, um am C.G. Jung Institut als Gasthörer seine Analytische Psychologie zu studieren. Durch Jung bekam ich wieder einen Zugang zur Spiritualität, einer Spiritualität, bei der ich mich nicht verleugnen musste. 2003 gründete ich meine eigene Firma und damit hatte ich entschieden, in der Schweiz zu bleiben.

Vier Kulturen in einer Familie

Meine Frau und ich trennten uns. Sie zog mit unserem Sohn zurück nach Deutschland. Deswegen verbringe ich jedes zweite Wochenende in Deutschland bei meinem Sohn. Mit meinem Sohn spreche ich Englisch und bestehe darauf, dass er mir auf Englisch antwortet. Mit seiner Mutter spricht er Deutsch. Deutsch ist seine Muttersprache und Englisch seine Vatersprache. Das Verhalten von Ägyptern und Schweizern ist sehr unterschiedlich. Die Schweizer tragen in der Öffentlichkeit gegenüber Fremden eine strenge, fast abweisende Maske. Wenn man sich einmal kennt, sind sie sehr herzlich. In Ägypten dagegen kann man keine 10 Minuten auf der Straße sein, ohne in ein Gespräch verwickelt zu werden. Wenn man z.B. mit dem Taxi fährt, fragt einem der Taxifahrer ganz selbstverständlich, woher man kommt, wie man lebt, ob man verheiratet ist, wie viele Kinder man hat, wie es den Eltern geht. Ägypter sind sehr gemeinschaftsorientiert und familienbezogen, sie stellen sofort eine Beziehung her. Die Männer verhalten sich Frauen gegenüber sehr ritterlich. Zwischen den Polen Schweiz und Ägypten liegt Kanada. Die Menschen dort sind kontaktfreudiger und kommunikativer als in der Schweiz, aber sie lassen einem auch in Ruhe, wenn man nicht gleich seine Familiengeschichte erzählen will.

In Zürich fühle ich mich sehr wohl. In dem Haus, in dem ich wohne, lebt eine bunt gemischte Gesellschaft zusammen: Schweizer und Migranten aus aller Herren Länder kommen gut miteinander aus. Einzig die Fremdenfeindlichkeit und die Angst vor Muslimen, die von den Massenmedien geschürt werden, stören mich. Sie entsprechen nicht der Züricher Realität. Die meisten Menschen sind viel offener als die populistischen Journalisten und Parteifunktionäre.

Erzählt von Tariq, aufgeschrieben von Regina Boger im Juli 2015.

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Wie deutsch bin ich? Der ultimative Selbsttest

Was hätte ich mir an jahrelangen Identitätskrisen nur sparen können, hätte ich schon damals einen Test belegen können, der mir sagt, wie deutsch ich eigentlich wirklich bin. Jetzt ist es soweit: ein überaus seriöser und ganz und gar nicht übetriebener Test untersucht nämlich genau das. Kriterien: meine Einstellung zu Recycling, zu Rauchern in Nichtraucherkneipen, zu Apfelsaftschorle und Klugscheißertum.

Erstens: ich habe was gegen nicht schäumende Apfelsaftschorle. Ich mag sie schön schaumig, mit prickelndem Weiß als Oberhaut und ich mag es, wenn im Glas kleine Bläschen von unten nach oben steigen. Ich mag sie kalt, frisch, und am liebsten mag ich Apfelsaftschorle, wenn sie nach Radler schmeckt.

Ich habe einen Doktor in Englisch. Nur meine Bescheidenheit hindert mich daran, es jedem unter die Nase zu reiben, der nicht einmal ansatzweise an Titeln interessiert ist. Wenn mich also jemand fragt, ob ich Englisch spreche, sage ich „a little bit“ um den anderen nicht bloßzustellen. Könnte ja sein, dass ich noch einen Grammatikfehler aus der 7. Klasse nicht korrigiert habe und mit mir herumtrage wie einen jahrelang verschleppten Husten.

Ich mag Ordnung. Unordnung macht mich wuschig. Ich mag einheitliche Schriftgröße, Farbe, Ansatz und Format. Ich mag Unterpunkte wie a), b) und c) und Menschen, die meinen Ordnungssinn haben, sind mir besonders sympathisch. Ich bin auch von einer Universallogik überzeugt. Meinungen anderer Menschen, die nicht mit meinen konform gehen, sind daher in sich widersprüchlich und unlogisch.

Ich hyperventiliere, wenn andere nicht ordnungsgemäß recyclen. Wenn ich mir unsicher bin, in welche Tonne ein Stück Stoff oder benetztes Papier gehört, schlage ich bei Google nach. Es ist mir egal, dass der ganze Müll später noch einmal in dieselbe Tonne kommt und noch einmal aussortiert wird. Recycling gibt mir das Gefühl, dass die Welt in Ordnung ist und ich zu dieser Ordnung beitragen kann, siehe meine Sensibilität für Ordnungssinn.

Ich habe was gegen Raucher in Nichtraucherkneipen. Vielleicht habe ich mich zu undeutlich ausgedrückt: Rauchen in Nichtraucherkneipen sehe ich als offenen Angriff auf meine nackte Existenz. Raucher haben gelbe Finger und dass sie kleine Kinder essen, ist bekannt.

Ich bin eine rechthaberische Klugscheißerin. Wenn ich andere in ihrem gefährlichem Halbwissen erwische, mache ich Affront mit Wissen, dass ich mir selbstverständlich aus seriösen Quellen wie BILD, Wikipedia oder „Frau im Spiegel“ angeignet habe.

GermanTestDer Test, den ich nach bestem Wissen und Gewissen ausgefüllt habe, belegt, dass ich zu 80% deutsch bin, also im Durchschnitt über 16% deutscher (gibt es dieses Wort überhaupt?) als der durschnittliche Alltagsdeutsche. Ich bin so deutsch wie das Pfand, die Apfelsaftschorle und Menschen, die andere Menschen wegen geringer Vergehen am liebsten lynchen würden. Ich würde sagen, meine Integration ist gelungen. 🙂

http://www.thegermanquiz.com/

 

 

Auf dem Markt

Auf dem Markt, auf dem kleinen Obst- und Gemüsemarkt in der schwäbischen Provinz zeigt sich, wer integriert ist. Sonst ist da nicht viel los, außer dass sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen. Aber wenn sich die Marktleute rund um das Gmünder Münster postieren, um ihre Waren anzubieten, dann ist was los, dann ist immer ein großes Trara. Dann kann man nicht nur einen Kopfsalat oder ein Suppenhuhn kaufen, man kann direkt am Mann vor Ort erproben, wie weit die eigene Integration fortgeschritten ist. Weiterlesen

Wie eine Tasse Tee eine ganze Nation bewegte

Liebe Tee-Trinker,

heute gibt es mal keine Geschichte von mir. Stattdessen berichte ich mit Freude über ein Projekt, das für sich selbst spricht und zeigt, was miteinander Tee trinken wirklich bewirken kann. Außerdem hat es mich sehr an uns erinnert ;-). Die Kampagne findet in Norwegen statt und hat bewirkt, dass die muslimische Gemeinde und einheimische Norweger aufeinander zugegangen sind.

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Das Seepferdchenabzeichen-Dilemma

 „Hast du das Seepferdchen-Abzeichen? Ohne Seepferdchen-Abzeichen darfst du nicht ins tiefe Becken!“ Als ich mein erstes Bewerbungsgespräch für deutsche Schwimmbecken über 25 Meter Länge und 3,80 Meter Tiefe führte, war ich neuneinhalb. Ich wusste natürlich, was Seepferdchen waren. Im sozialistischen Kinderlexikon „1000 Mal warum – 1000 Mal darum“ hatte ich ein Bild von Seepferdchen gesehen. Weiterlesen

Das Familienrennen

Als meine Großmutter mit 16 heiratete, geheiratet wurde, sich heiraten ließ, war das schon Wochen zuvor eine gemachte Sache. Mein Großvater hatte wohl bei einem Volksfest ihre Hand berührt. Die Äcker lagen günstig beieinander. Meine Mutter ließ sich 12 Jahre länger Zeit und es hatte zwar was mit Händchen halten, aber nichts mehr mit Landwirtschaftsökonomie zu tun. Weiterlesen