Schlagwort-Archive: interkulturell

In Ludwigsburg haben meine Füße Halt gefunden

 

Das Leben hat aus mir einen Tausendsassa gemacht. Ich habe sechs Sprachen angenommen, 32 Tätigkeiten ausgeübt, wurde unschuldig verurteilt und habe zwei Kinder großgezogen. All das hat mich reif werden lassen. Angefangen hat das Ganze in Ostpreußen.

clip_image002[4]Ich wurde 1936 in Ostpreußen, Regierungsbezirk Königsberg, geboren. Meine Eltern waren Landwirte in Vierzighuben, Kreis Preußisch Eylau. Auf einem Bauernhof gibt es viel zu lernen: bei der Ernte helfen, Holz ins Haus tragen, Wasser vom Brunnen holen, Gänse hüten. Der Truthahn lief immer hinter mir her, wenn ich einen roten Rock anhatte. Dann kroch ich in die Hundehütte, um mich vor ihm zu schützen. Meine Eltern konnten mir nicht helfen, denn sie waren auf dem Feld. Und Nachbarn gab es auch nicht, unser Hof lag außerhalb des Dorfes am Waldrand. Mit sechs Jahren habe ich stricken gelernt. Mama spann die Wolle. Sie sagte: Stricken brauchst du für die Schule. Mama war die beste. Sie brachte mir alles bei, was ich fürs Leben brauchte wie Löcher in Socken stopfen oder aus alten Kleidern neue machen. Das war im Winter, im Sommer halfen wir bei der Ernte.clip_image004[4]

Meinen Bruder Siegfried, zwei Jahre älter als ich, musste ich morgens in die Schule bringen, da er sich alleine nicht traute. In der Schule musste ich eine Stunde warten, bis er sich beruhigt hatte, dann tippelte ich alleine nach Hause. Das ging zwei Jahre lang, dann kam der Krieg zu uns.

Ich hatte vier Geschwister. Erich, Frieda und Gerhard waren aus der ersten Ehe meines Vaters. Ihre Mutter starb bei der Geburt. Einige Jahre später lernte mein Vater seine zweite Frau – meine Mutter – auf dem Pferdemarkt kennen. Siegfried war ihr erstes gemeinsames Kind, zwei Jahre später kam ich auf die Welt. Meine Stiefgeschwister waren zu der Zeit schon erwachsen. Die Jungs waren im Krieg. Erich war in Russland, Gerhard in Italien. Frida war schon in Lübeck verheiratet. Ihre Jungs sind so alt wie ich.

Flucht und Rückkehr

1943 flohen meine Eltern mit dem Pferdewagen über das Frische Haff, da die Rote Armee den Landweg nach Westen abgeschnitten hatte. Das Haff war zugefroren, so kalt war es. Über die Weichsel nach Stargard in Westpreußen. Vater hing an seinem Hof, alte Leute hängen an ihren Sachen. Und so gingen wir im Frühjahr 1944 die ganze Strecke wieder zurück, aber zu Fuß. Das hieß im Straßengraben schlafen, damit uns von den Russen keiner sieht. Als wir an der Weichsel standen, packte mich mein Vater an der Hand und wir rannten über die Pionierbrücke über die Weichsel. Er hatte nur einen Gedanken: zurück nach Hause. Zu Hause angekommen, war nichts mehr da. Unser Hof war abgebrannt. Wir gingen ins Dorf und taten uns mit anderen Rückkehrern zusammen. Da waren noch andere so schlau wie unser Vater. Zum Glück stand noch die Post, aber die Poststelle war verwaist. Mit anderen zusammen bewohnten wir nun das Postgebäude. Wir ernährten uns von den Vorräten der Geflohenen und dem, was wir im Wald und auf den Feldern fanden.

Mamas Verwundung

Am ersten Mai 1944 wurde Mama von einem russischen Partisanen verwundet. Mama hatte eine große Wunde im Gesicht und am Arm. Wir dachten, sie sei tot, weil sie so viel Blut verloren hatte und legten sie in eine Kiste. Da nahm mich ein russischer Soldat an die Hand, ich musste mit. Jetzt schlägt mein Herz bis zum Hals, vor Angst. Der Soldat gab mir Kekse und Milch für meine Mama und zeigte mir, wie ich Mama füttern musste, da sie den Mund wegen der Schussverletzung nicht bewegen konnte. Ich pflegte sie und es wurde alles wieder gut. Mein Bruder Siegfried bekam Scharlach und der russische Soldat half uns wieder. Wir gaben Siegfried eine Brühe aus Kuheuter und Kuhfüßen und er wurde wieder gesund.

Mühlhausen 1944

Vater kam mit Diphterie ins Königsberger Krankenhaus. Und mich nahm man mit Verdacht auf Diphterie gleich mit. Ich wurde gesund, aber Vater starb nach kurzer Zeit. Was nun? Ich wurde auf einen Pferdewagen verfrachtet und nach Mühlhausen gebracht. Mama wartete mit Bruder Siegfried im Straßengraben und rief meinen Namen. Wir drei blieben zusammen und suchten uns eine Bleibe. Wir fanden sie im ehemaligen Pfarrhaus. Unter dem Dach war noch etwas frei, wenn es auch im Winter sehr kalt war. Wir sammelten Zeitungen und stopften sie unter die Dachziegel.

Wir Drei mussten für den Russen Disteln aus den Äckern ziehen, damit es eine gute Ernte gibt. Die Kirche war der Speicher. Zu essen gab es wenig. Mama kochte Brennesselsuppe mit Melde und Sauerampfer. Danach durchsuchten wir die Abfalltonne der Russen. Mama kochte Kartoffelschalen, drehte sie durch den Wolf und machte daraus Plinsen. So war es!

Ausreise

Der Russe ließ Mütter und Kinder ausreisen. Die Männer mussten als Arbeitskräfte dableiben, nur die Rentner, Mütter und Kinder durften ausreisen. Wir mussten Ausreise-Anträge stellen. Ihre Genehmigung dauerte bis 1947. Solange mussten wir auf dem Feld arbeiten. Wir wurden in einen Viehwaggon gesteckt. In einer Ecke war das Klo, in einer lagen die Leichen, in den restlichen zwei Ecken waren wir Menschen. Als der Zug durch Polen fuhr, wurden die Leichen aus dem Waggon geworfen.

In Coswig/Anhalt fanden wir 1948 eine Unterkunft in Baracke drei. Wir wurden entlaust und eingepudert. Es stank grauenhaft. In dieser Baracke lebten wir ein paar Wochen, bis wir weitergeschickt wurden. Auf einer Liste standen die Namen aller Flüchtlinge und die Orte, zu denen sie geschickt wurden. Wir Drei kamen nach Radebeul, Altserkowitz 2, zu dem Ehepaar Wendrocks. Ein Zimmer und zwei Betten für drei Personen. Besser als der Straßengraben.

Schule in Sachsen-Anhalt

Mit zwölf Jahren ging es zum ersten Mal in die Schule. Wegen meines Alters kam ich in die zweite Klasse. Ich musste Hochdeutsch lernen, was ich nicht konnte. Wir sprachen ja Plattdeutsch zu Hause. Darum war ich in der Schule als Flüchtling nicht beliebt. Sächsisch war auch noch zu lernen. Aber irgendwie habe ich alles ertragen. Meine Mutter hatte mir die Sütterlin – Schrift beigebracht, aber die war in Sachsen nicht bekannt. Ich musste die lateinische Schrift lernen. Zum Glück hatte mir meine Mutter das Einmaleins beigebracht. Sonst wäre ich verloren gewesen. Ich konnte ja was, aber das haben sie nicht gebraucht.

clip_image006Mama hatte Wasser bis zum Herzen. Sie konnte nicht mehr laufen. Deswegen fuhr ich sie mit dem Handwagen. Schließlich kam sie ins Krankenhaus. Es wurden fünf Jahre daraus. Ich war allein. Ich musste beim Bauern Schumann für ein Mittagessen arbeiten. Nach dem Unterricht ging ich zum Bauernhof, wusch die Teller und deckte den Tisch, bis die Bauern vom Feld kamen. Bruder Siegfried musste auch bei Schumann arbeiten, er half im Stall und auf dem Feld.

Mit 14 Jahren wurde ich konfirmiert. Die anderen Kinder in meinem Alter feierten die Jugendweihe. Meine Mutter legte Wert darauf, dass ich konfirmiert wurde. Die Kirche war leer und dunkel und ich war ganz allein mit dem Pfarrer in der Kirche. Mutter lag im Krankenhaus und Siegfried arbeitete beim Bauern. Ich hatte keinen Konfirmationsunterricht und wusste gar nicht, was ich auf die Fragen des Pfarrers antworten sollte.

1950 kam ich von der dritten Klasse in die hauswirtschaftliche Berufsschule. Wir hatten einen Tag Schule und sechs Tage arbeitete ich im Hotel. 1953 schloss ich die Berufsschule ab.

Ich fand eine Freundin, Gisela Schmieder, somit hatte ich Anschluss gefunden. Sie war Vollwaise und wohnte bei ihrer Tante Hanni und ihrem Onkel Ewald. Mit ihrer Tochter Rita war ich schon in der zweiten und dritten Klasse befreundet. Gisela hatte einen Motorradführerschein. Wir rasten zusammen durch die Felder. So gehen die Wege im Leben.

Aus beruflichen Gründen musste ich zum Gesundheitsamt. Der Doktor war alt und verwechselte meine Röntgenbilder mit denen von anderen. Deshalb kam ich im Krankenhaus in die Quarantäne. Der Doktor von Mama bemerkte die Verwechslung und holte mich heraus. Ich war gesund.

Beruf in der DDR

Im Bahnhofshotel Radebeul 1 fing ich als Zimmermädchen an. Aber das Hotel wurde zum volkseigenen Betrieb und ich hatte keine Ahnung von der Partei (SED). So kam ich in den Haushalt von Doktor Bublitz. Dr. Bublitz arbeitete im Krankenhaus in Dresden. Wenn er nicht zu Hause war, musste ich das Telefon bedienen, Adressen aufschreiben für die Hausbesuche bei den Patienten. Aber wie? Ich konnte nicht alle Wörter schreiben und da malte ich halt. Wenn ein Patient in der Lindenstraße wohnte, habe ich Linden gemalt. Dann war für mich die Sache klar. Der Doktor lachte und jedem war geholfen.

Der Anruf

Es kam der Anruf. Das war 1953, während der Arbeit. Mama ist gestorben im Krankenhaus. Jetzt bin ich allein. Mein Halt ist weg. Ich weiß nicht, wie alles abgelaufen ist. Die Beerdigung wurde vom Sozialamt durchgeführt. Siegfried musste während der Beerdigung arbeiten. Tante Hanni war aber dabei. Ich hatte mein Zimmer noch bei den Wendrocks, aber mein zu Hause war jetzt bei Tante Hanni und ihrer Nichte Gisela, meine Freizeit verbrachte ich bei ihnen.

Bruder Gerhard wohnte in Ludwigsburg-Eglosheim, Banzhafstr.1. Nach dem Tod meiner Mutter schickte er mir eine Einladung. Da ich Vollwaise war, durfte ich in den Westen einreisen, in den goldenen Westen, wo man mit goldenen Löffeln isst. Aber mir wurde dieser Zahn gleich gezogen. Den goldenen Löffel gab es nicht.

1954 – Datum überschrittenclip_image008

Aus der DDR bin ich mit einem Handtäschchen ausgereist, mehr nahm ich nicht mit. Ich hatte nichts und in den goldenen Westen nimmt man keine Lumpen mit. Ich wollte meine Verwandten kennen lernen, die in Norddeutschland wohnten. Gerhard fuhr mich mit dem Motorrad nach Lübeck zu Schwester Frida. Von dort aus zu Tante Anna und Onkel Rudolf, Mamas Geschwistern, nach Stade ins Alte Land. Aber keiner hat sich gefreut. Ich wurde gefragt: Was willst du? Wir haben keinen Platz! Dabei hatten wir noch nicht einmal gefragt, ob wir dableiben durften. Das war bitter, aber ich musste es schlucken.

Bruder Erich hatte nach dem Krieg in eine Landwirtschaft eingeheiratet. Wir halfen ihm bei der Ernte. Sein Schwiegervater war in einer Sekte. Er schlug seine Töchter, das waren alles gesetzte Frauen, um ihnen den Teufel auszutreiben. Er schlug mit einer Kordel auf sie ein. Wie die geschrien haben, mein Gott war das fürchterlich! Da geh‘ ich nicht rein, sagte ich mir. Mir treibt keiner den Teufel aus. Mir reichte schon der Krieg. Gerhard sagte dann: Komm, fahren wir nach Hause. Wir fuhren also wieder zurück nach Ludwigsburg. Unterwegs verloren wir den Auspuff seines Motorrads, die nächste Werkstatt war ja schon da und so kamen wir wohlbehalten zu Hause an.

Der Besuch bei meinen Verwandten hatte länger gedauert als geplant und so überschritt ich das Datum, an dem ich hätte in die DDR zurückkehren müssen. Ich blieb im Westen, vor lauter Angst, ich würde in der DDR bestraft.

Im goldenen Westen

Ich wohnte bei Gerhard und seiner Frau Gisela. Bei Salamander in Kornwestheim fand ich Arbeit. Aber wie komme ich ohne Geld von Ludwigsburg nach Kornwestheim? Es blieb nur: laufen – sieben Kilometer hin und sieben Kilometer zurück, drei Stunden Fußmarsch am Tag. Das habe ich acht Tage geschafft, dann war ich geschafft. Und den Lohn musste ich meiner Schwägerin geben. Als ich nichts mehr verdiente, warf sie mich raus. In ihren Augen war ich ein Fresser zu viel. Sie nahm mir meine Handtasche weg, die Handtasche meiner Mutter, das Wenige, das ich hatte. Nun hatte ich nur noch meine Papiere, sie waren das Einzige, was ich noch hatte.

Ich setzte mich mit meinem Federbett auf eine Mauer am Bahnhof und heulte in die Federn. Eine junge Frau und ein junger Mann sprachen mich an, das waren Christa und ihr Cousin Axel. Ich erzählte ihnen mein Unglück. Vor lauter Heulen konnte ich gar nicht sprechen. Christa nahm mich mit nach Eglosheim. Sie hatte ein Zimmer bei ihren Eltern. Ihre Mutter kam aus der DDR und hatte somit Verständnis dafür, dass Christa mich mitgenommen hatte. In ihrem Zimmer richtete Christa ein Matratzenlager auf dem Boden. Darauf schliefen wir. Christa, Axel und ich unternahmen viel. So lernte ich also Axel kennen. Er wohnte auch in der Banzhafstraße in Eglosheim.

Christas Mutter nähte Lampenschirme in Heimarbeit. Das machte ich dann auch und verdiente dadurch meinen Lebensunterhalt. Wir saßen am Tisch und sangen Lieder, während wir nähten. So machte die Arbeit Spaß und wir schaukelten uns gegenseitig hoch, wer am meisten Schirme nähte. Pro Lampenschirm bekam ich eine Mark. Wenn es gut lief, nähte ich an einem Tag acht Lampenschirme.

Hausmädchen in einer Villa

Eine Nachbarin putzte bei Dr.Dr. Scharfnagel, Apotheker im Wilhelmsbau. Von ihr erfuhr ich, dass er ein Hausmädchen suchte. Bei ihm hatte ich Kost und Logis und bekam 80 DM im Monat. Ich fühlte mich wie im Paradies. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich ein eigenes Zimmer, ein richtiges Bett für mich allein. Das Zimmer war mit weißen Möbeln eingerichtet. Von seinen zwei Töchtern, die in meinem Alter waren, lernte ich Hochdeutsch. Die Eine, Sybille, brachte mir das Alphabet bei und zeigte mir zum Beispiel, wie man ein Wort im Lexikon findet, wie man Landkarten liest. Sie gab mir etwas von dem Unterricht, den ich in der Schule versäumt hatte.

Am Anfang ging alles gut. Aber dann geschah mir ein Missgeschick. Ich putzte den Schrank im Frühstückszimmer. Auf dem Schrank stand die Büste des Erbonkels von Herrn Dr.Dr. Scharfnagel, im Schrank eine offene Vase. Diese Vase fiel um und ein Haufen Asche fiel auf den Boden. Was sollte ich machen? Ich nahm Kehrwisch und Schaufel, fegte die Asche zusammen und leerte sie in den Mülleimer. Da kam Frau Scharfnagel dazu und fing an zu schreien – die Vase war keine Vase, sondern eine Urne und die Asche die Überreste des Onkels! So was gibt’s doch nicht! Wer bewahrt denn die Asche eines Menschen in einer Blumenvase auf! Bis dahin hatte ich noch nie etwas von einer Urne gehört. Wochenlang grauste es mir, wenn ich im Frühstückszimmer eindecken musste. Für mich war das wie auf dem Friedhof, auf dem die Geister umgingen.

Wenn die Scharfnagels Gäste hatten, das waren meist betuchte Leute, steckten diese mir ab und zu Trinkgeld zu, weil sie sich von mir gut bedient fühlten. Als Dr.Dr. Scharfnagel das merkte, musste ich ihm mein Trinkgeld geben. Das gab es noch nicht einmal in der DDR, dass man das Trinkgeld abgeben musste! Ich bin doch nicht blöd, dachte ich und kündigte. Danach wohnte ich wieder bei meinem Bruder und seiner Frau. Nun war ich ihr Kindermädchen, weil beide arbeiteten

1956 Erste Heirat

Und nun geht es ganz schnell: 1956 Heirat mit Axel, im gleichen Jahr wird meine Tochter Andrea geboren. Wir leben zu dritt in einem Zimmer im Finkenweg. Als Axel eines Tages besoffen nach Hause kam und das Zimmer vollkotzte, warf uns die Vermieterin raus. Deswegen zogen wir zur Schwiegermutter in die Hindenburgstraße. Helene, Axels Mutter,clip_image010 akzeptierte mich nie als Schwiegertochter. Axel hätte eine Frau mit Geld und Haus heiraten sollen. Ich war für sie das DDR-Mädchen, das nichts hatte. Helene bestimmte alles. Ich war mit ihr verheiratet, nicht mit Axel. Meine Schwiegermutter arbeitete bei der Bundeswehr.

Am Feierabend kommandierte sie zu Hause weiter. Axel machte nicht muh und nicht mäh. Ich dachte, ich habe einen Deppen vor mir. Wieder musste ich mein Geld abgeben. Wir wohnten in einer Wohnung der Bundeswehr. Da sie keine Miete bezahlt hatte, kam der Gerichtsvollzieher und wir mussten ausziehen (1958). Helene fand für uns eine Wohnung in der Solitude Allee. Axel war ein rechter Lahmarsch, er arbeitete nur, wenn er wollte. Da dachte ich: „Geh doch zu deiner Mutter!“ und warf ihn aus der Wohnung. Das war 1960, ein Jahr später wurden wir geschieden.

Wenn Helene ihren Sohn zurücknehmen musste, wollte sie auch ihre Enkelin haben. So ging der Streit ums Kind los. Eine Situation macht das deutlich. Zu viert standen wir auf dem Karlsplatz. Helene zog am Kopf von Andrea, Axel an den Füßen. Ich stand daneben, sagte und tat nichts. Das verblüffte die Beiden so, dass sie das Kind losließen. Ich nützte die Situation, nahm mein Kind und ging nach Hause.

Aber Helene ließ mich nicht vom Haken. Sie zeigte mich beim Jugendamt an. Sie behauptete unter anderem, ich hätte das Kind ins Ausland entführt und das Kind sei ungepflegt. Dabei hatte ich Andrea von Kopf bis Fuß eingestrickt. Das Jugendamt schrieb mir Briefe. Ich öffnete sie nicht, denn dieses Deutsch verstand ich nicht, antwortete deshalb auch nicht und alles verlief im Sand. Auch diese Runde habe ich gemeistert.

1965 Der erste Preis – Frau mit Talent

Mehrere Firmen riefen Amateur-Schneiderinnen zu einem Wettbewerb auf. Die Firma Operpaur lud die Teilnehmerinnen in den Ratskeller ein, um ihre Modelle vorzuführen. Ich gewann mit meinem Tageskleid „Tanja“ den ersten Preis. Nun habe ich gut lachen. Helene sah mein Foto in der Ludwigsburger Kreiszeitung. Sie dachte, ich würde mit meinen Kostümen Geld verdienen und das wollte sie haben. Aber ich bekam kein Geld dafür. Eines Tages steht sie vor der Tür und schreit nach Geld. Ich raste aus und jage sie davon.

Die nächste Modenschau des „Neuen Schnitt“ findet in Baden Baden statt. Ich bin dazu eingeladen. Dieses Mal bekomme ich keinen Preis, weil nur die Abendkleider einen Preis bekommen. Ich hatte aber ein Tageskleid genäht.

Helene ließ mich und Andrea nicht in Ruhe. Ich arbeitete als Platzanweiserin im Bali-Kino. Helene oder ihre Mutter Sophie fingen Andrea ab, wenn diese aus dem Kindergarten und später aus der Schule kam. Andrea gefiel das, denn Helene und Sophie verwöhnten sie mit Spielzeug und Kleidern und ließen sie alles machen, was sie wollte. Sie redeten vor Andrea schlecht über mich. Helene wollte das Kind besitzen, um Liebe ging es ihr bestimmt nicht. Als Andrea zehn Jahre alt war, wollte sie lieber bei der Oma wohnen. Nun gut, sagte ich und ließ sie zur Oma ziehen. Jetzt war ich allein. clip_image012

Heirat Nr. zwei: Mit Sack und Pack in die Türkei

Mein Geld verdiente ich weiterhin als Platzanweiserin im Bali-Kino. An der Kasse saß Frau Haas, eine gelernte Schneiderin. Ihr Mann war Filmvorführer und deswegen hatten sie die Wohnung über dem Kino. Während der Vorstellungen brachte sie mir die Tricks der Schneiderei bei, wie man paspeliert, Kragen und Zwickel näht. Tarot Karten lernte ich durch Ellen kennen, eine Kollegin. Sie brachte eines Tages die Tarot Karten mit. Ich habe sofort den Sinn der Karten verstanden, ohne dass ich etwas über sie gelernt hatte. Die Karten sprechen ja. Die Farbe, dieclip_image014 Zahl, der Platz, wo sie liegen sagen alles.

Im Kino lernte ich auch Firat Erdok, den Türken, kennen. Er hatte mein Foto in der Zeitung gesehen. Als ich Kinoplakate aufhängen musste, half er mir und lud mich mit seinem Auto zu einer Stadtrundfahrt ein. Kurz danach hatte ich Urlaub und wir fuhren mit dem Auto in die Türkei. Ich wusste nicht, wo die Türkei liegt. Firat erklärte mir alles und zeigte mir die Stadt Istanbul. Diese Stadt war ein Märchen für mich. Alles, was sehenswert ist, habe ich gesehen. Firats Familie war sehr freundlich und hat mich verwöhnt, wie ich noch nie im Leben verwöhnt worden war. Ich kam mir vor wie im Schlaraffenland. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich fühlte mich so richtig wohl, so zu Hause. Ich war so beeindruckt von dieser Stadt, dass ich mein altes Leben vergessen habe.

Nach dem Urlaub fand ich bei Bleyle eine Stelle als Zuschneiderin. Die Stoffreste konnten wir billig kaufen. Ich nahm so viel wie möglich Stoff mit nach Hause. Diese Stoffe waren von guter Qualität, sie fielen schön, beulten nicht aus und waren leicht zu waschen.

Nach dem Urlaub in Istanbul blieben Firat und ich zusammen. Sein Vater arbeitete bei Jäger als Busfahrer, Firat war nur zu Besuch bei ihm. Eines Tages kam der Einberufungsbefehl zum türkischen Militär. Firat wollte, dass ich mit in die Türkei gehe. 1966 heiraten wir. Helene sagte mir, ich würde dem Sultan als Tänzerin verkauft. Na, das sind doch tolle Aussichten, oder? Ein bisschen naiv ist manchmal ganz nützlich, also stellte ich mich dumm. Ich suchte den Sultan, aber damit war ich viele Jahre zu spät dran. Da ich alles so lustig verpackte, wenn ich etwas nicht wusste oder konnte, gab es immer was zuclip_image016 lachen.

Unsere Fahrt nach Istanbul wurde an der bulgarisch-türkischen Grenze richtig aufregend. Ich fuhr mit dem Mercedes, Firat mit dem VW-Bus, in dem mein ganzer Haushalt war, vom Schlafzimmer bis zum Bügeleisen. Ich wollte ja für immer in der Türkei bleiben. An der bulgarisch-türkischen Grenze mussten wir durch den Zoll. Der Bus gab an der Grenze den Geist auf. Die Polizei schob den Bus auf einen Lastwagen und fuhr damit nach Istanbul zum Zoll. Wie aufregend für mich!

Während Firat seinen Militärdienst ableistete, wohnte ich bei meiner Schwiegermutter in Florya, einem Vorort von Istanbul. Ich versorgte die kranke Frau, deswegen ging das gut. Die Nachbarinnen interessierten sich für das deutsche Kaffeekränzchen und ich guckte zu, wie sie das türkische machten. Damenkränzchen einmal türkisch, einmal deutsch. Nach langer Zeit war ich zufrieden. In der Türkei wurde ich genommen, wie ich bin – freundlich und gut gelaunt. Dass ich so wenig Schulbildung hatte, war dort kein Thema. Türkisch lernte ich zwischen Tür und Angel.

Die Schwiegermutter schickte mich auch zum Einkaufen, das konnte ich nach kurzer Zeit alleine. Sie sagte mir, was ich einkaufen sollte. Ich schrieb die Wörter auf, wie ich sie hörte. Was ich nicht ausdrücken konnte, zeichnete ich. Hat immer prima geklappt. Firats Mutter war Analphabetin. Wenn Briefe von ihrem Mann aus Ludwigsburg kamen, las ich sie ihr vor. Sie verbesserte dann meine Aussprache. Verstanden habe ich nicht, was in den Briefen stand.

Das ganze Dorf besuchte mich. Nun weiß jeder, wer ich bin. Ich war fleißig und nähte Kleider, Mini-Mode war zu der Zeit modern. Ich spannte eine Wäscheleine quer durch das Wohnzimmer und hängte daran meine Kleider auf, die ich verkaufen wollte. Vor allem junge Frauen, die bei Banken und in Verwaltungen arbeiteten, waren begeistert von meinen Kleidern. Die Kleider waren aus den Bleyle-Stoffen genäht, die ich aus Ludwigsburg mitgenommen hatte. Bei mir war immer was los. Der Kinderwagen, den mir meine Freundin Sonja aus Ludwigsburg geschickt hatte, war eine Sensation. In Istanbul kannte man so etwas nicht. Wenn ich den Kinderwagen durch die Straßen schob, gingen überall die Fenster auf.

Zurück nach Ludwigsburg

Firat leistete seinen Wehrdienst in der Türkei ab und ich brachte 1967 unseren Sohn Volkan zur Welt. Nun wollte Firat wieder nach Ludwigsburg, weil er in der Türkei eine Strafe hätte absitzen müssen. Das hatte etwas mit dem Militär zu tun, was genau, wollte er mir nicht sagen. Ich weiß es bis heute nicht. Firats Onkel beanspruchte meine Möbel und meinen Hausrat. Du kannst das ja in Deutschland wieder kaufen, sagte er. Sogar meinen Wintermantel mit dem Pelzkragen nahm er mir weg. Hätte ich ihn nur mitgenommen! An Silvester 1969 fuhren wir zurück nach Deutschland. Es war bitterkalt. Wir hatten keine Winterkleidung, auch nicht für das Kind. Sogar den Kinderwagen hat der Onkel verkauft. Volkan saß zwischen meinen Beinen, zugedeckt mit einer Jacke. Wir sind beinahe erfroren.

Firat hatte viel vor, er wollte Ludwigsburg erobern. Auf, auf zu neuen Taten und ich sollte den Sack zuhalten, was nicht möglich war. Wo gehobelt wird, da fallen Späne – bei mir waren es Klötze.

Am Anfang hatten wir in Ludwigsburg keine Wohnung. Firats Vater hatte ein Dachzimmer in der Stuttgarter Straße. Er machte Nachtdienst, damit wir nachts in seinem Bett schlafen konnten. Tagsüber schlief er in seinem Bett und wir zogen durch die Kaufhäuser, um es warm zu haben. Das ging drei Monate so.

Geschäftsfrauclip_image018

Wir hatten vor, in Ludwigsburg ein türkisches Lokal zu eröffnen. Ich hatte zuvor nicht gewusst, was da auf mich zukommen würde. Behördengänge, Vorschriften, Finanzamt, Krankenkasse, Ausländeramt, IHK. All das habe ich für die Selbständigkeit gelernt. Schließlich eröffneten wir 1969 in Ludwigsburg das erste türkische Lokal, die Neue Sonne in der Seestraße. Wir hatten von einem Automatenaufsteller einen Kredit bekommen, mit dem wir die Kneipe eröffnen konnte. Die Vermieterin war froh, dass wir das Lokal übernehmen wollten. Die Einrichtung war den deutschen Wirten zu alt, wir waren damit zufrieden. Heute frage ich mich, wie ich das alles geschafft habe.

Die Neue Sonne wurde zur Heimat für türkische Gastarbeiter. Hier gab es türkischen Tee, türkisches Essen und natürlich war es auch türkisch eingerichtet. Am Anfang waren vor allem Busfahrer unsere Gäste und die Mädchen vom Straßenstrich. Firats Gastfreundschaft zog viele Gäste an. Er war wegen seiner Freundlichkeit, Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft sehr beliebt. Mit der Zeit erweiterten wir unsere Speisekarte um deutsches Bier und Pommes frites und Würstchen. Kurz und bündig: Pommes frites, Bier und Geld auf den Tisch! So ging das.

Im selben Haus hatten wir ein Zimmer. Ein Jahr später, das war 1970, machten wir den Gasthof Römerhügel auf, dort hatten wir zwei Zimmer, Bad und Küche. Firat gab die Neue Sonne auf, weil unsere Bedienung Marlies sich mit einem Türken eingelassen hatte, der die Neue Sonne übernehmen wollte.

1970 kam auch unser Sohn Kerem auf die Welt. Firat lebte seine negativen Seiten mit allem aus, was sich bot. Alle Bedienungen mussten ausprobiert werden. Zuerst Marlies, dann Marlene und am Schluss Inge. Nach dem Gasthof Römerhügel machte er den Rauchfang auf. Im Rauchfang fing er an zu saufen. Er schmiss eine Lokalrunde nach der anderen. Die Gäste waren begeistert. Er wollte neue Kneipen aufziehen und dann verkaufen. 13 Geschäfte sind es insgesamt geworden. Er war sehr geschickt darin, Lokale einzurichten, er hatte einen guten Geschmack und war auch ein begabter Koch. Seine Gerichte schmeckten am besten, sogar seine Curry Wurst war die beste in ganz Ludwigsburg. Dann war bei mir das Fass voll. Kerem brauchte mich, die Bedienungen machten Theater, weil sie sich in Firat verliebt hatten und mit ihm zusammen sein wollten.

Eine sehr spezielle Arbeitsteilung

Wir hatten eine sehr spezielle Arbeitsteilung: Firat war für die Einnahmen zuständig, ich für die Ausgaben. Er ließ sich von mir nichts sagen. Wenn ich sagte, so geht’s nicht, du musst dich an die Vorschriften halten, bedrohte er mich. Mir waren die Kinder wichtiger als Firat und das Geld. Also ließ ich ihn machen, was er wollte. Und die Schulden wuchsen und wuchsen.clip_image020

In Heilbronn hatten wir eine Discothek, in der ich arbeitete. Ich kam oft erst früh am Morgen nach Hause. Gewohnt haben wir im Marstallcenter in Ludwigsburg. Die Kinder mussten alleine zurechtkommen. Ich war nur zwischen Tür und Angel zu erreichen. Als wir die Disco in Heilbronn aufgaben, eröffneten wir das Ambassodor in Freiberg. Zur gleichen Zeit hatten wir den Club Firat im Täle. Firat war in seinem Club und ich im Ambassador. Der Club Firat war türkisch eingerichtet. Da gab es Sängerinnen und Tänzerinnen – das Lokal war immer voll. Hier gab es türkische Musik, die es sonst nirgends gegeben hat. Auf dem Höhepunkt ihrer Feiern schmissen die Gäste die Gläser an die Wand und schossen mitclip_image022 Pistolen, aber scharf. Mir war das egal. Wenn sie mich treffen, treffen sie mich halt, dachte ich.

Die Arbeit in der Diskothek Ambassodor wurde für mich zu viel. Ich brauchte dringend Entlastung. Deswclip_image024egen wandte ich mich ans Arbeitsamt. Das schickte uns Inge. Ich stellte sie als Bedienung im Ambassador ein. Wir verstanden uns am Anfang gut. Aber dann verliebte sie sich in Firat.

Nun war Firats Vergnügen grenzenlos. Baden Baden war sein Ziel. Er vernachlässigt die Geschäfte und ging lieber ins Casino. Dort verspielte er eine Menge Geld. Er nahm einfach die Kasse mit den Einnahmen und fuhr damit direkt nach Baden Baden ins Casino.

Inge liebte Firat, sie wollte ihn um jeden Preis. Auch mit ihr fuhr er in die Türkei und zeigte ihr, wie schön das Land ist. Nun wollte sie meine Stelle einnehmen und Geschäftsfrau werden.

Sie drohte damit, sich das Leben zu nehmen, wenn Firat nicht zu ihr kommt. Nur langsam, sage ich mir, denk an deine zwei Kinder. Ich, die betrogene Ehefrau, tröste Inge: Du kannst alles haben, wenn du alles unterschreibst für die Geschäfte. Inge war einverstanden. Sie hoffte, dass Firat sie heiraten würde und sie meinen Platz einnehmen könnte. Ich meldete die Konzession für das Ambassodor ab. Inge beantragte sie und bekam sie auch. Und so habe ich Firat mit seinen ganzen Schulden an die liebe Inge verkauft.

Trennung von Firat

Firat lachte mich aus. Wie dämlich bist du? sagte er. Er hatte nicht verstanden, dass ich reagierte. Bei den Affären mit den Bedienungen davor hatte ich geschwiegen. Bei Marlene war ich ruhig geblieben, bei Marlies auch und nun plötzlich reagierte ich. 1979 ließ ich mich von ihm scheiden.

Firat verkaufte das Ambassador und ging mit einem Koffer voller Geld ins Casino nach Baden Baden. Er hat alles verloren. Aber er fand wieder einen Ausweg. Mit seiner Überredungsgabe fand er einen Investor, um ein Speiserestaurant, das Weiße Rössle, aufzumachen. Inge musste dafür unterschreiben, da sie die Konzession hatte. Firat hatte noch immer ein Touristenvisum und mit dem bekam er keine Konzession in Deutschland. Die beiden führten etwa ein Jahr das Rössle am Holzmarkt.

Dann stellte sich heraus, dass es ein Bumerang war, der ihn traf. Er hatte einen Autounfall und Inge sollte bei Gericht einen Meineid für ihn schwören. Inge machte das dann doch nicht und so musste Firat acht Monate auf dem Hohen Asperg sitzen. Und die große Liebe war dahin. Firat wurde ausgewiesen. Er hatte ja nur ein Touristenvisum. Ich brachte ihn sogar noch mit Rosemarie, einer Freundin, an die österreichische Grenze.

Firats Rache

Firat entführte unsere beiden Söhne in die Türkei (1979). Die Verwandten in der Türkei wollten die Kinder nicht haben und die Jungs wollten nicht in der Türkei bleiben. Ich musste in die Schule, um die Kinder abzumelden. Auf dem Ausländeramt bekam ich den Rat, einen deutschen Pass für die Kinder zu beantragen. Das machte ich auch, danach ging es mir besser. Ich blieb ganz ruhig und wartete ab. Es dauerte nicht lange und die Kinder waren wieder da. Die Freude war groß. Ich musste aus der teuren Wohnung im Hochhaus ausziehen. Da kein Geld mehr da war, besorgte ich einen Tütenumzug mit Volkans Klasse. Ich packte mein Hab und Gut in Tüten und die Schulkameraden von Volkan trugen sie in unsere neue Wohnung. Kerem strich die Zimmer alle pink an – es war modern in der Schorndorfer Straße 107 in Ludwigsburg. So wurde Kerem Maler von Beruf. Volkan lernte Maurer. Und heute habe ich zwei Handwerker im Haus.

Firat machte in der Türkei Geschäfte mit Immobilien. Er fing aber wieder mit Glücksspielen an und kam auf keinen grünen Zweig. Ich sorgte dafür, dass seine Kinder Kontakt mit ihm hatten. Sie besuchten ihn ab und zu in der Türkei. Volkan konnte am besten mit ihm umgehen. Er setzte durch, was er wollte und Firat parierte.

Firat litt unter Leberzirrhose und schließlich starb er daran. Er starb im Schlaf und hatte damit einen guten Tod.

 

Single Mama

Beatrice hatte ich im Leonberger Krankenhaus kennen gelernt, als ich noch im Firat verheiratet gewesen war. Ich besuchte eine kranke Kollegin, die dort in einem Mehrbettzimmer lag. Wir unterhielten uns angeregt und Beatrice hörte zu. Sie fand mich so interessant, dass sie mich ansprach. Später haben wir uns zusammengetan. Sie wollte etwas erleben und deshalb kam sie öfter in den Club Firat, für den ich die Konzession hatte. Sie war von Firat sehr angetan, von seiner Liebenswürdigkeit und seiner Gastfreundschaft. Sie fühlte sich unter Türken sauwohl, die Gäste waren immer gut drauf. Sie wurde meine Freundin. Nach der Scheidung meinte sie, ich bräuchte einen Mann, der mich unterstützt. Sie suchte in der Ludwigsburger Kreiszeitung die Bekanntschaftsanzeigen aus, die sie für geeignet hielt. Dann brachte sie mir bei, wie man auf Anzeigen schreibt. Gesagt, getan.

Hier ist eine meiner Antworten auf ein Inserat:clip_image026

Sehr geehrter Inserent, gestatten, ich möchte ausgetretene Pfade verlassen und stürze mich Hals über Kopf in ein Erfolg versprechendes Terrain. Dabei bin ich auch noch mutig. Ihre besondere Chance ist ein Anruf.

Mit den besten Grüßen, Margot aus Ludwigsburg

Mir machte es Spaß, auf Anzeigen zu schreiben. Mit ein paar Männern habe ich mich getroffen, aber keiner hat mir gefallen. Es nichts dabei herausgekommen. Wir sind auch zu solchen Treffen zu zweit gegangen. Beatrice war etwa zehn Jahre älter als ich, als die Jüngere hatte ich mehr Chancen als sie. Aber ich bin ihr treu geblieben. Wir haben uns einladen lassen und dann sagten wir „Tschüss Ade“.

Eine Pension mit einer Partnerin 1993

Lore kam in mein Leben. Auch sie lernte ich im Krankenhaus kennen. Ich ermutigte sie, einen Beruf zu lernen und zwar Hotelfachfrau. Nach ihrer Ausbildung konnte sie in der Schweiz arbeiten. 1993 machten wir uns zusammen selbständig – wir eröffneten eine Pension in Erdmannhausen. Wir hatten vier Zimmer. Aber Lore hatte mehr Interesse an den Männern als am Geschäft. Sie legte sich schon mal ins Bett eines unserer Zimmer, wenn ihr ein Gast gefiel. Ich dachte, ihre Mannstollheit würde sich im Lauf der Zeit legen. Aber da täuschte ich mich.

Es dauerte nicht lange und wir kauften in Steimel, im Westerwald, eine Pension. Das wurde zu meiner Meisterprüfung mit Lore. Sie entpuppte sich als Feindin, wie sich später zeigte. Ich sollte einen Alterssitz in diesem Anwesen bekommen. Lore und Volkan kauften das Anwesen, sie nahmen dafür einen Kredit bei der Bank auf. Lore war die Geschäftsführerin der GmbH und diese war die Pächterin der Pension. Die Pension lief gut. Wir hatten genug Einnahmen, um die Pacht bezahlen zu können. Unsere Gäste kamen aus Frankfurt, aber auch aus Russland und Finnland. Sie schwärmten für meine Plinsen, die ich meiner Mutter nachgemacht habe.

Wir hatten ein schönes Anwesen und genug Gäste. Es hätte also alles gut sein können. Doch Lore bezahlte die Pacht nicht an die Bank, sondern unterschlug das Geld. Das Geld trug sie in die Spielbank nach Wiesbaden. Wir sahen sie dort einmal mit ihrem Steuerberater. Er kam wegen Betrug ins Gefängnis. Wir mussten darüber lachen, das erinnerte mich doch irgendwie an Erdok. Mit einem Teil unserer Einnahmen kaufte sie Zuckeraktien, doch das Unternehmen ging Pleite und unser Geld war weg.

Das größte Problem, neben ihrer Liebe zur Spielbank, war ihre große Liebe zu einem Polizisten. Der Polizist war verheiratet und hatte andere Pläne als Lore. Er wollte das Anwesen und Lore wollte den Polizisten. Weil die Pacht nicht bezahlt wurde, ließ die Bank das Anwesen versteigern. Der Polizist gab mir die Schuld an der Zahlungsunfähigkeit, ich hätte gepfändete Gegenstände entwendet. Und so kam ich ohne Anzeige vor Gericht. Es waren aber laut Unterlagen meine persönlichen Sachen, die der Polizist mit seinen Kollegen entwendet hatte. Wer ist schon so dumm und klagt gegen einen Beamten? Ich. Der Polizist benutzte die Bank gegen mich und so musste er bei der Versteigerung 40 000 DM weniger bezahlen, als die Pension wert war. Volkan musste diese 40 000 DM Schulden übernehmen, da bei Lore nichts mehr zu holen war. Lore unterschrieb eine Bürgschaft über 300 000 DM für den Polizisten, obwohl sie selbst kein Geld hatte.

Und ich war wieder in Ludwigsburg, Schorndorfer Str. 107. In fünf Gerichtsverhandlungen habe ich 17 Anwälte beschäftigt. Und keiner hat verstanden. Polizist – nein danke! Das Urteil wurde in Koblenz auf dem Pissoir ausgehandelt. Gegen 10 Zeugen, vorwiegend Beamte, hatte ich keine Chance. Meine Strafe: ein Jahr im Altersheim arbeiten für die Entwendung gepfändeter Gegenstände. Ich muss es noch einmal sagen: Ich wurde dafür verurteilt, dass ich meine persönlichen Sachen an mich genommen hatte, die mir der Polizist weggenommen hatte.

Den Sozialdienst leistete ich im Altersheim auf der Karlshöhe ab. Drei Monate war ich fleißig, dann wurde ich krank. Ich bekam drei Bypässe und wurde von der Staatsanwaltschaft vom Sozialdienst befreit. Das Thema war damit zu Ende. Aber die Bank wollte die 40 000 DM von Volkan. In diesem Fall kämpfte ich, denn hier ging es um mein Kind. Ich habe alles in Bewegung gesetzt und es geschafft, dass er die 40 000 DM nicht bezahlen musste. Lore und der Polizist mussten sie bezahlen.

Lore habe ich telepathisch viele Briefe mit Comics verpackt geschickt. Ich wusste immer, was als Nächstes passieren wird. Wirkt Wunder und lachen kann man auch darüber. Unsere Gedanken sind ein großes Gut. Mit Ausdauer angewendet, kommt auch was Brauchbares raus.

Zehn Jahre hat der Polizist an diesem Anwesen gebaut, zehn Jahre habe ich diesen Kerl mit seinen polnischen Schwarzarbeitern verfolgt. Er bezahlte sie nur mit Essen und Trinken. Aber für die Übernachtung in seinen Zimmern sollten sie bezahlen. Ich habe ihn beim Finanz- und beim Ausländeramt angezeigt. Er musste den Laden zumachen. Ich habe meine negativen Gedanken, meinen Ärger, meine Verbitterung und meine Wut losgelassen. Und nun geht die Ehe zwischen dem Polizisten und Lore auch entzwei. Nachdem der Polizist das Anwesen hatte, nahm er sich eine neue Freundin. Ihre große Liebe hat Lore im Alkohol ertränkt. Am Ende ist sie in der Klinik gelandet. Sie hinterlässt zwei Kinder.

Was soll ich nun sagen? Nicht Ja und nicht Nein. Jeder von uns dreien wollte es besser wissen. Am Ende ist alles in die Binsen gegangen.

Umschulung

Beatrice empfahl mir, eine Umschulung über das Arbeitsamt zu machen. Es ging um Bürotechnik. Ich bekam einen internationalen Schülerausweis. Darauf stand: „student“. Was war ich stolz! Ich eine Studentin! Und der Weg ging geradeaus ins Rathaus von Gerlingen. Dort musste ich nur mit Zahlen umgehen und das konnte ich.

Mein Meisterwerk 1985clip_image028

Meine Tochter Andrea hatte keinen Job und hing rum. In der Zeitung fand ich eine Anzeige des Staatstheaters in Stuttgart: Büroangestellte/Sachbearbeiterin gesucht. Ich machte Andrea auf die Anzeige aufmerksam. Sie bewarb sich und bekam die Stelle. Von Andrea erfuhr ich, dass das Theater für das Stück „Wintermärchen“ eine extra Schneiderei aufgemacht hatte und noch Schneiderinnen gebraucht wurden. Ich bewarb mich und wurde genommen. Meine Aufgabe war es, ein Vogelkostüm nach einer Tarot Karte zu gestalten. Dazu musste ich hunderte Stoffstücke ausschneiden und annähen. Ich dachte praktisch und stanzte die Stofffetzen aus, das ging ja viel schneller, als wenn ich alle einzeln ausgeschnitten hätte. Das Vogelkostüm wurde so gut, dass es später im Theater ausgestellt wurde. Leider wurde das Stück abgesetzt, bevor es aufgeführt wurde und die Schneiderei wurde zugemacht und ich verlor meine Arbeit.

Arbeitsplätze

In den folgenden Jahren verdiente ich meinen Unterhalt als Amway-Verkäuferin, Verkäuferin und Strickerin in der Wollstube, Bedienung in der Gaststätte Salamander, als Leiterin der Kantine des Tennisclubs, als Frühstücksmamsell im Goldenen Pflug, als Kassiererin im Asperger Freibad, als Empfangsdame bei einem ägyptischen Heilpraktiker. Insgesamt hatte ich 32 Arbeitsplätze in meinem Leben.

In Riga bei Sarmit

Beatrice lud mich nach Riga ein, es war noch unter russischer Besatzung. Beatrice brauchte mich als Begleitung, weil sie nicht mehr so gut gehen konnte. Wir wohnten bei Sarmit, der Cousine von Beatrice, in Jurmala, direkt an der Ostsee. Dort besuchte ich das Hotel, das vor dem Krieg dem Bruder meines Vaters gehört hatte, den ich nie kennen gelernt hatte. Wem das Hotel inzwischen gehört, weiß ich nicht. Ich schrieb mich in das Hausbuch ein. Ich hatte niemanden, den ich fragen konnte, wie es meinem Onkel ergangen ist. Ich nahm eine Handvoll Erde und roch wieder den Geruch, den ich aus meiner Kindheit kannte. Es war das Gefühl von Heimat. Damit hatte ich auch dieses Kapitel abgeschlossen.

Reise in die DDR nach zwanzig Jahren

Noch vor der Wende, in den siebziger Jahren, besuchte ich Bruder Siegfried, Tante Hanni, Gisela und Rita. Siegfried hatte mich eingeladen, sonst hätte ich ja gar nicht kommen können. Die anderen wussten von meinem Besuch nichts und so stand ich eines Tages einfach im Garten. Alle erkannten mich noch, ich hatte mich nicht verändert. Alle jammern, im HO –Laden kann man nichts ohne Westmark kaufen. Als ich wieder zu Hause war, schickte ich der Rita Gäste aus dem Westen mit Westmark. Nach der Wende baute Rita eine Pension auf ihr Land. Das war meine Idee und sie hat sie umgesetzt. Diese Pension hat sie immer noch.

Religion

Ich habe einen Glauben, ich glaube an die Natur. Es gibt etwas Höheres und das ist die Natur. Gottes Kleid ist die Natur. Es gibt doch keinen Menschen als Gott. Ich kann beten, ich kann singen, ich gehe auch in die Kirche. Beten ist ja, die Gedanken ordnen.

Resümee

Das ungeprüfte Leben ist nicht wert, gelebt zu werden. Ich prüfe, was ich gemacht habe. Kann ich mich nur beschweren? Eigentlich nicht. Ich habe ja immer das Beste draus gemacht. Wenn ich im Luxus gelebt hätte, wäre das ja alles nicht passiert und ich hätte nicht das gelernt, was ich gelernt habe. Das Leben läuft wie eine Uhr ab. Zwischen Geburt und Ableben muss der Mensch seine innere Leere füllen. Wenn ich Kummer habe, will ich darüber sprechen, aber nicht getröstet werden. Den Eimer umkippen und dann geht es wieder weiter. Jedes tröstende Wort ist wie ein Schwert.

Am 28.Februar 2016 feiere ich mit meinen Söhnen und meiner Enkelin Aylin meinen 80sten Geburtstag. Dann kann ich sagen, mein Leben war es wert, gelebt zu werden. Gut und Böse und was ist dazwischen? Ein reines Gewissen. Ein unreines Gewissen plagt den Menschen, bis er krank ist oder im Alkohol versinkt, so wie Lore. Ich habe Telepathie mit Comics verpackt, um all das zu verkraften. Wenn ich zwei Tage an jemanden denke, dann ruft derjenige an. Ich tu da nichts dazu, das ist einfach so.

Mein Symbol ist das Segelboot. „Vorwärts mit Zuversicht“ mein Motto. Aber ohne Hilfe geht es nicht. Man kommt nicht ans Ziel, wenn der Leuchtturm fehlt. Das Meer ist groß, der Wind ist stark, die Wellen brechen über das Boot. Man kann sich noch retten, auch wenn das Segel zerfetzt ist, aber man kommt nass wie eine Ratte ans Land. Ich bin mit Verlusten gestrandet und habe alles beendet. Ich habe den Flaschengeist losgelassen. Wenn ich den Geist aus der Flasche lasse, dann kann der Kummer entweichen und er drückt mich nicht mehr. Ich halte nichts mehr fest.

Nach einem handschriftlichen Manuskript und Erzählung von Margot Erdok. Bearbeitet und ergänzt von Regina Boger 2015/2016.

Fotos: Stina McNicholas

Ein Artikel aus der Stuttgarter Zeitung ohne Datum:

clip_image030

Advertisements

Jeder hat das Recht auf seine Sichtweise

Bildung 

Das Handwerk ist für mich ein Mittel zur Persönlichkeitsbildung. Hier lernt man, die Welt zu verstehen, den Umgang mit Menschen, mit Fehlern und mit Niederlagen. Ich arbeite gern mit dem Körper, ich verstehe die Dinge, indem ich mit ihnen arbeite. Das humanistische Gymnasium war also nichts für mich. Am meisten habe ich Latein und Griechisch gehasst, interessiert haben mich Biologie und Geschichte. Mit 17 habe ich eine Urschrei-Therapie gemacht. Nach einem halben Jahr hatte ich alle Wut auf meine Eltern aus mir herausgeschrieben, auch die auf die Gesellschaft, die mich eingeengt hat. Nach dem Abitur in Stuttgart habe ich viel studiert, aber nichts hat mir gefallen. Ich habe auf dem Bau gearbeitet und dann in einer Schreinerei in Bernhausen. Viel habe ich durch meinen Meister gelernt und viel habe ich mir selbst beigebracht. Durch den Umgang mit Holz habe ich die Materie schätzen gelernt.

Sehnsucht

Mich hat es immer in die Welt gezogen. Es war die Sehnsucht nach der Welt und die Sehnsucht nach Erkenntnis, die von den Universitäten nicht befriedigt wurde. Im Grunde war es die Sehnsucht nach der Verbindung mit dem Göttlichen. Im Westen hört sich das arm an. Zum Glück habe ich früh einen spirituellen Meister gefunden, Bhagwan. Ihm bin ich 10 Jahre lang bis zu seinem Tod gefolgt. Nachdem ich den Spirit entdeckt hatte, hat sich alles andere darum gruppiert. 1981 nahm ich Sannyas, das bedeutet Einweihung. Ich wurde ein Sannyasin, ein Schüler Bhagwans. Als er sich Osho nannte und nach Oregon zog, folgte ich ihm auf die Ranch. Dort arbeitete ich drei Monate unentgeltlich, bezahlte aber für Unterkunft und Verpflegung. Das war eine ziemlich teure Angelegenheit. Solange die Kommune in Oregon war, besuchte ich sie regelmäßig. Als Osho zurück nach Poona ging, flog ich dorthin. Während dieser Jahre habe ich in einer Kommune in Stuttgart gewohnt. Dort habe ich viel über Macht und Machtmissbrauch gelernt. Selbst wenn man Macht nicht sucht, sondern sie einem gegeben wird, besteht die Versuchung, Macht zu missbrauchen. Die Osho-Community war ein riesiges Experiment, um zu untersuchen, was geschieht, wenn Frauen Machtpositionen einnehmen. Ich vermute, dass Osho dachte, es gäbe keinen Krieg, wenn Frauen an der Macht wären. Dies hat sich nicht bewahrheitet. Ich habe entschieden, mich nicht in Machtkämpfen mit anderen aufzureiben, sondern meinen Weg alleine zu gehen. Für mich standen Freiheit und Bewusstseinsentwicklung im Vordergrund. Anfang der achtziger Jahre  habe ich an der Disco „Zorba the Buddha“ mitgebaut, die 1984 eröffnet wurde. Wir wollten damit einen Ort schaffen, an dem man zugleich feiern und meditieren kann.

Suche

Lange habe ich nach einem Platz gesucht, an dem ich meine Sehnsucht nach dem Göttlichen mit meinem Beruf verbinden könnte. Ich bin mit  dem Motorrad in abgelegene Gegenden der Welt gefahren, nach England, Schottland, Alaska und Südamerika. Schließlich fand ich diesen Platz in Neuseeland. Mich begeisterte die kraftvolle Natur. Das ist wie der Schwarzwald mit exotischen Bäumen direkt am Meer. In Deutschland ist der Wald still. In Neuseeland ist der Wald wild und sehr energetisch. Dort habe ich gefunden, was ich immer suchte. Ich setze mich auf einen Stein,  öffne mich in das Kosmische und habe eine Verbindung zu Gott. So einfach ist das dort. Um herauszufinden, ob ich in Neuseeland leben und arbeiten kann, habe ich eine Zeitlang in einem Futon-Betten-Laden gearbeitet. Die Besitzer habe ich bei den Sannyasins kennen gelernt. Die Arbeit in dem Bettenladen war relaxed genug, um mir vorstellen zu können, in Neuseeland zu leben. Erst einmal bin ich zurück nach Deutschland, genauere gesagt nach Bernhausen bei Stuttgart und habe meine Tätigkeit dort intensiviert, um genug Geld zu verdienen, um mir eine Existenz in Neuseeland aufbauen zu können. Eine Zeitlang habe ich sowohl in Neuseeland als auch in Deutschland gelebt. Als ich genug Geld verdient hatte, um mir ein Haus, eine Werkstatt und ein Stück Land außerhalb von Auckland kaufen zu können, ließ ich meine Maschinen und meinen Haushalt nach Neuseeland verschiffen. Das war 1987, da war ich 26 Jahre alt. Meine Partnerin ist mit ausgewandert. Sie hatte Heimweh und flog ziemlich oft nach Hause. Irgendwann blieb sie in Deutschland, weil sie in Neuseeland einfach nicht glücklich geworden ist. Sie konnte sich mit der neuseeländischen Kultur nicht anfreunden.

Es ist schwierig, seine Wurzeln auszureißen und sich woanders wieder zu verwurzeln. Am Anfang neigt man dazu, seine alte Heimat zu glorifizieren. An Deutschland liebe ich die alten Städtchen, ich schaufle mich mit Brezeln voll und esse Pfifferlinge. In Neuseeland gibt es diese superspezielle Natur, das Meer direkt vor mir und diesen Wahnsinnsblick in den energiegeladenen Wald.

Leben in Neuseeland

In Neuseeland ist wichtig, was du kannst, nicht welche Zertifikate du hast. Zuerst muss man banale Jobs machen, simple Tätigkeiten. Diese sind die Voraussetzung für anspruchsvollere Arbeiten. Ich habe inzwischen eine Firma für individuelle Kücheneinrichtungen aus Massivholzmöbeln aufgebaut. Ich entwerfe und baue die Möbel selbst. Für mich ist es die größte Freude, wenn ich Kunden dabei helfe herauszufinden, was sie wirklich wollen. Ich stimme mich auf das Paar ein, meistens kommen Paare zu mir, die eine neue Küche wollen, und eruiere ihre Bedürfnisse. Danach sind sie froher als zuvor.

Neuseeland ist eine Pioniercommunity. Es gibt fast keine Werbung, man empfiehlt sich gegenseitig. Ich schicke neue Kunden zu alten, damit sie sehen können, was ich schon gemacht habe. Mit diesem Verfahren sind alle einverstanden. Meine Firma lebt von Empfehlungen. Ich liebe es, wenn die Dinge strukturiert sind und funktionieren. Die Neuseeländer sind da entspannter. Ihre Haltung ist eher „Wird schon in Ordnung sein.“ Einerseits war es  gut für mich, das zu lernen, andererseits treibt es mich manchmal in den Wahnsinn. Ich habe Tricks entwickelt, um mit der neuseeländischen Mentalität zurechtzukommen. Ich sage nie, wann ich etwas haben will und baue von vornherein einen Zeitpuffer ein. Ist ein Handwerker unzuverlässig, drücke ich meine Unzufriedenheit in einer homöopathischen Dosis aus, sonst kommt besagter Handwerker nie wieder. In Auckland gibt es z.B. vier Elektriker. Wenn ich es mir mit einem verscherze, kann ich nur auf drei zurückgreifen. Und in so einer Community spricht sich alles schnell rum. Ich habe geradezu eine Kunstform entwickelt, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu tun und zu sagen. Nur weil jemand anders ist als du, hast du noch lange nicht das Recht zu sagen, dass du Recht hast. Diese Lässigkeit gibt mir die Freiheit, flexibel zu sein. Meine Kundschaft ist geradezu beglückt, wenn ich rechtzeitig Bescheid gebe, wenn ich einen Termin nicht halten kann. In Neuseeland geht man mit Verpflichtungen entspannt um. Ich kann drei Monate Urlaub machen, ohne meine Kunden zu verlieren. Meine zwei Mitarbeiter habe ich für ein Viertel Jahr, die Zeit meiner Europareise, in anderen Betrieben untergebracht. Hier geht man mit Zeit, Verbindlichkeit und Pünktlichkeit großzügiger um als in Deutschland.

Einwanderer und Neuseeländer

Die meisten meiner Freunde sind Europäer. Die Einwanderer bilden eine eigene Gruppe. In Neuseeland fehlt eine alte Kultur, diese alte Kultur bringen die Einwanderer mit. Mit Einwanderern komme ich schneller in tiefschürfende Gespräche als mit Neuseeländern. Diese sind unverbindlicher, sie legen sich nicht gern fest. Es gibt viele Sekten, da viele aus Glaubensgründen, vor allem aus Großbritannien, eingewandert sind. Diese Sekten bleiben während ihrer Feiertage in ihren Communitys. Man redet nicht über religiöse Fragen und Unterschiede. Die Neuseeländer haben die politische Korrektheit bis zur Perfektion entwickelt.

Niemand hat Recht, weil er eine andere Sichtweise hat. Jeder hat das Recht auf seine Sichtweise. Diese Devise entspricht mir, weil sie mir die Freiheit gibt, das zu tun, was ich will und mich zwingt, mich mit Andersartigkeit auseinanderzusetzen. Zu hören, wie andere die Dinge betrachten, bereichert mich. Keine Sichtweise ist besser oder schlechter als eine andere, sie ist einfach nur anders. Das gefällt mir und führt mir meine eigenen begrenzten Vorstellungen über Richtig und Falsch vor Augen.

Ich bin deutscher Staatsbürger. Das gibt mir die Sicherheit, im Notfall nach Deutschlang zurückkehren zu können. In Neuseeland bin ich resident, das bedeutet eine lebenslange Aufenthaltsgenehmigung, verbunden mit dem Wahlrecht. Wenn etwas schief geht, z.B. wenn die Umwelt verschmutzt wird, fühle ich mich als Neuseeländer, verantwortlich für den Schutz dieser einzigartigen Natur. Ich werde nie ein Neuseeländer sein, weil die einfach anders sind. Ich werde als Einwanderer immer ein Fremder bleiben, auch wenn ich viele Kontakte zu Neuseeländern habe. Das ist mir klar, aber ich leide nicht darunter.

Deutschland und Neuseeland

An Deutschland fällt mir auf, dass es noch keine gute Einwanderungspolitik gibt. Deutschland müsste eine Einwanderungskultur schaffen, eine Zone, in der sich Einwanderer integrieren können. In Neuseeland kann die erste Einwanderergeneration ihre Kultur nicht beibehalten, weil ihre Kinder sie zwingen, sich mit der neuen Kultur auseinanderzusetzen. Zeit und Toleranz sind alles. Fremdenfeindliche Politiker werden ziemlich schnell kalt gestellt. Die Politik muss dafür sorgen, dass sich die Alteingesessenen und die Einwanderer kennen lernen. Freudig überrascht hat mich, dass viel Interkulturelles passiert. Das Crossover der Kulturen gefällt mir. Dies ist ein gutes Bollwerk gegen das braune Zeugs.

Meine spirituelle Suche führte mich zum Tanz der Derwische und zum Zikr der Sufis. Der Zikr ist ein bewegtes Gebet, das einen daran erinnert, dass man den göttlichen Funken in sich trägt, eben die Verbindung zum Göttlichen wieder ins Bewusstsein holt. Es geht aber nicht nur darum, dass sich die Einzelnen mit dem Göttlichen verbinden, sondern dass sie diese Verbindung auch in die Beziehungen zu den Menschen untereinander tragen. Kontakt, Toleranz, Kommunikation, Begegnung und Freiheit sind die wichtigsten Elemente des Zusammenlebens.

Erzählt von Martin (Pseudonym) im Juli 2015, aufgeschrieben von Regina Boger.

 

 

 

 

 

… ein ägyptischer Kanadier, der in der Schweiz lebt

Manchmal ist es schwer, die Meinungen vieler Schweizer über Ausländer zu ertragen, vor allem wenn man Ausländer ist. Das Merkwürdige ist, dass mir diese Vorurteile vor allem in den Massenmedien begegnen und überhaupt nicht von meinen Nachbarn oder Arbeitskollegen. Mit denen komme ich gut aus, mit manchen bin ich sogar befreundet. Wobei ich sagen muss, dass meine Freunde in der Regel auch Migranten oder Migrantinnen sind. Ja, auch die Zugewanderten bleiben unter sich. Um auf die Konflikte zwischen Schweizern und Ausländern zurückzukommen: Ich stimme der Beschreibung des Problems zu, aber nicht der Lösung, die von den Populisten vorgeschlagen wird. Sie beklagen zu Recht, dass viele Ausländer die Sprache nicht sprechen und sich nicht an die schweizerischen Sitten anpassen. Aber ihre Lösung halte ich für falsch, eine Wand zu den Migranten aufzubauen. Und gar keine Lösung sind die Ausländer-raus-Parolen. Wenn alle Ausländer die Schweiz verlassen würden, brächen das Wirtschaftsleben und der Gesundheitssektor zusammen. Ich bin für einen Dialog zwischen den Migranten und den Schweizern, um gemeinsam eine Lösung für die Probleme zu finden. Ich verstehe zum Beispiel, dass sich Schweizer gekränkt fühlen, wenn Ihr Dialekt von Deutschen belächelt wird. Die Schweizer fühlen sich dann den Deutschen unterlegen und reagieren mit Wut und Ablehnung auf die Arroganz von manchen Deutschen.

Ich wohne seit vielen Jahren in der Schweiz, fühle mich aber nicht als Schweizer, sondern als ägyptischer Kanadier, der in der Schweiz lebt. Die Schweiz betrachte ich aber als mein zu Hause. Deswegen habe ich auch die Schweizer Staatsbürgerschaft beantragt. Den ersten Test habe ich schon bestanden. Ich kann mich gut anpassen und ich habe schnell die Sprache gelernt, weil ich weiß, dass dies die Voraussetzung für die Integration in ein fremdes Land ist.

Meine Eltern haben mir ihre Migrationserfahrung mitgegeben. Sie sind in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts von Ägypten nach Kanada eingewandert. Sie sind nicht aus Not emigriert, sondern weil sie in den USA und Kanada attraktive berufliche Angebote bekamen. Die USA suchten in dieser Zeit Wissenschaftler und gut ausgebildete Fachkräfte. Mein Vater ist promovierter Biologe und bekam an der Harvard-Universität in Cambridge eine Professur. Meine Mutter ist promovierte Romanistin. Auch sie bekam eine Stelle an der Universität. Die beiden lernten sich übrigens beim Studium in Madrid kennen. Weil ihnen in Kanada bessere Arbeitsbedingungen angeboten wurden, nahmen sie diese an und ließen sich in Halifax und dann Ottawa nieder. Dort wurden meine Schwester und ich auch geboren, sie 1967 und ich 1970.

Meine Eltern stammen aus gebildeten Kairoer Familien und so war es selbstverständlich, dass auch meine Schwester und ich studieren konnten. Meine Schwester wurde Bau-Ingenieurin und ich Informatiker. Äußerlich verlief meine Integration problemlos. Meine Eltern sprachen mit uns Kindern Arabisch. Arabisch ist also meine erste Sprache. Ich kann mich allerdings nicht an die Zeit erinnern, in der ich Arabisch gesprochen habe. Denn ich empfinde Englisch als meine Muttersprache. Noch heute sprechen meine Eltern miteinander und mit uns Arabisch, wir Kinder antworten jedoch auf Englisch. Ich kann nicht besonders gut Arabisch. Das schmerzt meine Eltern etwas, weil es uns auf gewisse Weise trennt. Ich bin in eine Welt hinein geboren, die sie gewählt haben. Der ägyptische Teil in mir wurde durch meine Eltern vermittelt, der kanadische Teil vom Kindergarten, der Schule, meinen Freunden und Freundinnen und der Universität. Ich wurde sowohl von der westlichen Lebensweise geprägt als auch von der ägyptischen meiner Eltern.

Die spirituelle Suche

Mit 17 begegnete ich in Kairo einer Gruppe von Sufis. Ihre glühende Liebe zu Gott beeindruckte mich so, dass ich mich entschloss, mich dem Islam zuzuwenden. Ich engagierte mich in der Moschee, leitete Jugendgruppen und war überhaupt ein aktiver Teil der muslimischen Gemeinde. Mit 24 machte ich an der Kaaba in Mekka eine tiefgreifende Erfahrung, die mich in eine tiefe Krise stürzte. Mein Herz öffnete sich, ich fühlte mich von Liebe durchflutet und gleichzeitig fühlte ich mich wie ein Heuchler. Gott hatte mir diese große Liebe geschenkt und ich wusste gleichzeitig, dass ich nicht nach den strengen moslemischen Regeln leben konnte. Dies war ein großer Konflikt, der dazu führte, dass ich mich vom Islam abwandte. Ich konnte diese Regeln nicht offenen Herzens befolgen. Sie zu befolgen, hätte bedeutet, mich zu verleugnen. Lange suchte ich nach Alternativen und wurde ungläubig.

Meine spirituelle Suche war aber noch nicht zu Ende. Meine Sehnsucht führte mich nach Großbritannien, wo ich eine einjährige Ausbildung in „Mysticism and Religious Experience“ (Mystik und religiöse Erfahrung) machte. Durch diese Ausbildung lernte ich die großen Weltreligionen sowie einen offenen und esoterischen Islam kennen. Am meisten ziehen mich der Buddhismus und der Sufismus an, ohne jedoch in irgendeinen Orden eingeweiht zu sein. Ich glaube an die Einheit von allem; letztlich hat jede Religion eigene Namen, um dasselbe zu beschreiben.

Mein Beruf führte mich nach Deutschland und dort habe ich Deutsch gelernt. In Deutschland lernte ich auch meine Frau kennen und wir heirateten. Meine spirituelle Suche führte mich zu den Schriften C.G. Jungs und schließlich zum C.G.Jung Institut nach Zürich. Ich suchte einen Job in Zürich, um am C.G. Jung Institut als Gasthörer seine Analytische Psychologie zu studieren. Durch Jung bekam ich wieder einen Zugang zur Spiritualität, einer Spiritualität, bei der ich mich nicht verleugnen musste. 2003 gründete ich meine eigene Firma und damit hatte ich entschieden, in der Schweiz zu bleiben.

Vier Kulturen in einer Familie

Meine Frau und ich trennten uns. Sie zog mit unserem Sohn zurück nach Deutschland. Deswegen verbringe ich jedes zweite Wochenende in Deutschland bei meinem Sohn. Mit meinem Sohn spreche ich Englisch und bestehe darauf, dass er mir auf Englisch antwortet. Mit seiner Mutter spricht er Deutsch. Deutsch ist seine Muttersprache und Englisch seine Vatersprache. Das Verhalten von Ägyptern und Schweizern ist sehr unterschiedlich. Die Schweizer tragen in der Öffentlichkeit gegenüber Fremden eine strenge, fast abweisende Maske. Wenn man sich einmal kennt, sind sie sehr herzlich. In Ägypten dagegen kann man keine 10 Minuten auf der Straße sein, ohne in ein Gespräch verwickelt zu werden. Wenn man z.B. mit dem Taxi fährt, fragt einem der Taxifahrer ganz selbstverständlich, woher man kommt, wie man lebt, ob man verheiratet ist, wie viele Kinder man hat, wie es den Eltern geht. Ägypter sind sehr gemeinschaftsorientiert und familienbezogen, sie stellen sofort eine Beziehung her. Die Männer verhalten sich Frauen gegenüber sehr ritterlich. Zwischen den Polen Schweiz und Ägypten liegt Kanada. Die Menschen dort sind kontaktfreudiger und kommunikativer als in der Schweiz, aber sie lassen einem auch in Ruhe, wenn man nicht gleich seine Familiengeschichte erzählen will.

In Zürich fühle ich mich sehr wohl. In dem Haus, in dem ich wohne, lebt eine bunt gemischte Gesellschaft zusammen: Schweizer und Migranten aus aller Herren Länder kommen gut miteinander aus. Einzig die Fremdenfeindlichkeit und die Angst vor Muslimen, die von den Massenmedien geschürt werden, stören mich. Sie entsprechen nicht der Züricher Realität. Die meisten Menschen sind viel offener als die populistischen Journalisten und Parteifunktionäre.

Erzählt von Tariq, aufgeschrieben von Regina Boger im Juli 2015.

…eine interkulturelle Ärztin, die nicht nur den Körper heilen möchte, sondern auch die Wunden des Nicht-Dazugehörens …

Die Geschichte meiner Familie ist mit der Geschichte Mazedoniens und den Balkankonflikten eng verbunden. Wobei meine Eltern und deren Familien ein Kunststück fertig brachten, das ein Vorbild an friedlicher Koexistenz verschiedener Religionen und Ethnien in Jugoslawien hätte sein können – wenn es die politischen Akteure gewollt hätten oder wenn sie dazu fähig gewesen wären.

Am besten fange ich mit meinem Großvater an, dem Vater meiner Mutter: Angehöriger der türkischen Minderheit in Mazedonien, Übersetzer, Schriftsteller, Lehrer, Direktor einer Schule hauptsächlich in Skopje lebend, der Hauptstadt Mazedoniens. In einer Tageszeitung schrieb er regelmäßig eine Kolumne. Er war Sozialist und glaubte an die Ideale Freiheit, Gleichheit, Solidarität. Und natürlich war er auch ein Anhänger Titos. Auch wenn die Minderheiten in Jugoslawien nicht wirklich gleichberechtigt waren, so ging es ihnen jedenfalls deutlich besser als nach dem Zerfall Jugoslawiens, meinte mein türkischer Großvater. Ich kann das nicht beurteilen, weil ich 1983 auf die Welt kam, 3 Jahre nach Titos Tod.

Mein Großvater nahm seine sozialistischen Ideale ernst und verwirklichte sie auch in der Familie. Das Prinzip der Gleichheit galt selbstverständlich auch für seine Töchter. Sie durften studieren, da Männer und Frauen in seinen Augen gleichberechtigt waren, obwohl das damals auch in einem sozialistischen Staat nicht selbstverständlich war. Beide studierten Medizin. Als meine Mutter sich an der Universität in einen praktizierenden, gläubigen albanischen Studenten der Zahnmedizin verliebte, hatte sie die Freiheit, ihn zu heiraten, obwohl mein Großvater selbst eher ein säkularer Moslem war und Religion keine große Rolle in seinem Leben spielte.

Mein Vater stammt aus einer traditionellen albanischen Familie, die  im Dorf lebte, in der Nähe von Gostivar. Es war eine einfache Familie, die sich von der Landwirtschaft ernährte. Mein Vater war der einzige in der Familie, der studieren konnte. Als Angehöriger der albanischen Minderheit wurde er leider viel diskriminiert.

Die albanische Minderheit war ärmer und hatte weniger Bildungschancen als die mazedonische Mehrheit. Mein Vater sprach zu Hause albanisch und in der Schule oder am Markt, wo er oft verkaufen musste, mazedonisch. Vor und nach dem Unterricht half er seinen Eltern und Geschwistern immer bei der Feld- und Hausarbeit. Er lebte dadurch in zwei unterschiedlichen Welten. In der mazedonischen Welt galt seine albanische Familie als weniger wert als die mazedonischen Familien, was er verständlicherweise als ungerecht empfand. Doch er hatte einen Traum: Er wollte unbedingt studieren. Er musste sich in vielen Bereichen viel mehr als seine Kollegen anstrengen, konnte aber  durch Intelligenz und seine hohe Leistungsbereitschaft sein Ziel erreichen- er wurde Zahnarzt.  Meine Eltern lernten sich an der Universität in Skopje kennen. Sie waren acht Jahre zusammen, als sie heirateten. Nach dem Studium zogen sie nach Ohrid, in der Hoffnung dort gute Jobs zu bekommen. Für meine Mutter wäre es kein Problem gewesen, eine Anstellung zu finden, sie war zu dem Zeitpunkt jedoch schwanger. Für meinen Vater war es nicht möglich, einen Job zu finden. Als Angehöriger einer Minderheit standen die Chancen schlechter als der, die zur Mehrheit gehörten. In Ohrid waren Albaner in der Minderheit, es gab ethnische Spannungen zwischen der mazedonischen Mehrheit und der albanischen Minderheit.

Meine Eltern hielten diese Spannungen nur paar Monate aus, dann zogen sie nach Gostivar. Genauer gesagt, wir zogen nach Gostivar, denn wir waren inzwischen eine Familie geworden. 1983 kam ich auf die Welt und meine Schwester 1985. In Gostivar gibt es eine der größten albanischen Gemeinde Mazedoniens, sie stellt zwei Drittel der Einwohner dar. Sowohl mein Vater als auch meine Mutter fanden dort Arbeit in ihren Berufen. Meine Mutter arbeitete im Krankenhaus, mein Vater baute seine Praxis als Zahnarzt auf. Nun war das Leben für meine Mutter am Anfang schwierig. Zum einen, weil sie nicht albanisch sprach, zum anderen, weil ihr die traditionellere Kultur der albanischen Mehrheit fremd war. Sie fühlte sich als Frau in dieser traditionell geprägten Kultur nicht gleichberechtigt. Außerdem war sie zwar eine Muslimin, aber eher säkular orientiert. Sie feierte alle muslimischen Feste wie viele europäische Christen Ostern und Weihnachten feiern. Sie glaubt an die Liebe, das ist für sie die Essenz der Religion. Sie wollte nie ein Kopftuch tragen und das damals in der traditionellen Gesellschaft, in der das Kopftuch zur Kleidung der Mehrheit der Frauen gehörte. Als emanzipierte Frau war sie in dieser Gesellschaft eine Exotin, z.B. war sie eine der sehr wenigen Frauen in Gostivar, die einen Führerschein hatte und mit dem Auto durch die Stadt fuhr. Obwohl sie so anders war als die Schwestern meines Vaters, schlossen diese sie gleich ins Herz. Meine Mutter war und ist wegen ihrer Bildung, ihrer beruflichen Kompetenz und ihrer Herzlichkeit eine Autorität in der Familie meines Vaters. In allen wichtigen Fragen wird sie zu Rate gezogen. Mein Vater befolgt als gläubiger Moslem die moslemischen Regeln wie die fünf Gebete am Tag, verlangte dies weder früher noch verlangt er es heute von seiner Frau und seinen Töchtern. Er lebte mir die friedliche Koexistenz verschiedener Kulturen vor. Er sprach immer über seinen Glauben und was er für ihn persönlich bedeutete. Wir dürften für uns selbst denken, sollten vor allem neugierig sein und viel lernen, sowie immer helfen und einfach lieben können. Meine Eltern verband die Liebe über alle ethnischen und sozialen Grenzen und Unterschiede hinweg. In dieser Liebe fühlte ich mich immer aufgehoben und geborgen. Das ist die Mitgift meiner Eltern für mein Leben. Es ist mein größter Schatz.

In dieser Familie fühlte ich mich geliebt und beschützt. Ich fühlte mich willkommen und hatte immer das Gefühl, von meinen Eltern gewollt zu sein, richtig zu sein, so wie ich bin. Ich hatte das Gefühl, ein geliebtes Kind zu sein, geliebt von meinen Eltern und der Welt. Dieses Licht, der Samen der Liebe, konnte nie zerstört werden. Es heilt alle Wunden und es half, dass mein Herz sich nicht verschlossen hat, wenn es verletzt worden ist. Die Liebe meiner Mutter und der Glaube meines Vaters, dass es eine Macht gibt, die alles in Ordnung bringt, haben mir dieses Gefühl gegeben.

In der albanischen Grundschule erlebte ich zum ersten Mal, dass es Unterschiede zwischen den Menschen gibt, die über Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einer Gruppe entscheiden. Zum ersten Mal fragte ich mich: Bin ich in Ordnung? Ich spürte, dass in den Augen der Anderen an mir etwas nicht stimmte. Ich war nicht so wie sie. Zu Hause wurde ich immer wieder bestätigt: Du bist in Ordnung, so wie du bist.

Das Schlimmste am Krieg ist der Verlust des Urvertrauens. Das hätte mich zerstören können, wenn ich wegen der Schrecken des Krieges mein Herz verschlossen hätte. In der Pubertät erlebte ich starke ethnische Spannungen. Jede Ethnie hatte Recht und die Anderen waren schuldig. Ich hatte immer das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Ich war offen und wollte mit allen befreundet sein. Das ging aber nicht, weil die Welt um mich herum in Mazedonier, Albaner, Serben, Türken, Kroaten, Bosnier usw. zerfallen war. Ich wurde zwar angenommen, aber nur als Leyla, nicht als Kind einer albanisch-türkischen Familie. Mich fanden viele cool, weil ich lustig war und gern tanzte, sang, malte, Bücher las oder Gedichte schrieb. Dieser Teil von mir wurde angenommen, aber nicht der multi-ethnische Teil. „Du bist okay, aber die Albaner sind es nicht“, sagten die mazedonischen Mitschüler/innen. „Du bist cool, aber die Türken sind unmöglich“, sagten die albanischen Schulfreunde. „Du bist offen, aber die Moslems sind so streng“ oder „ Ich mag dich, also glaub bitte wie wir an die Bibel, sonst landest du in der Hölle“. Das verwirrte mich. Was in unserer Familie nie ein Problem gewesen war, wurde von anderen zu einem Problem gemacht, zu meinem Problem. In der Pubertät ist man ja auf der Suche nach sich selbst, das ist schwer genug. Ich suchte zusätzlich nach meiner ethnischen Identität. Wer war ich? Wieso musste ich überhaupt mich einer Gruppe zugehörig fühlen? Auf jeden Fall gehörte ich keiner Gruppe ganz an. Eine Zeit lang identifizierte ich mich mit den Albanern. Der Aufstand der Albaner gegen die Diskriminierung durch die mazedonische Regierung verschärfte meine inneren Konflikte. Dieser ethnische Konflikt verlagerte sich in mich. Das war 1997, da war ich gerade 14 Jahre alt. Gleichzeitig fühlte ich mich in den kommenden Jahren von außen immer mehr bedroht. Die mazedonischen Sicherheitskräfte bewaffneten mazedonische Zivilisten (2001). Was, wenn unsere mazedonischen Nachbarn in unser Haus eindrängen und uns umbrächten? Auf der Straße wurde ich nicht mehr gegrüßt, das tat richtig weh und enttäuschte mich sehr. Feindseligkeit lag in der Luft, Angst auf allen Seiten. Der Krieg rückte immer näher. Am Ende war er noch 24 km (Tetovo) von uns entfernt. Wir wussten nicht, ob er zu uns kommen würde.

Viele flohen. Meine Eltern beschlossen zu bleiben. Meine Mutter hatte noch immer ihre Stelle als Ärztin im Krankenhaus, mein Vater hatte so hart gearbeitet, eine Wohnung gekauft und eine Zahnarztpraxis aufgebaut. Wenn sie fliehen würden, müssten sie alles aufgeben, ihre gesamte materielle Existenzgrundlage. Mein Vater wollte auf jeden Fall bleiben, meine Mutter war hin- und hergerissen. Sie war angstgeladen. Vor allem nachts. Wegen der feindseligen Atmosphäre und der Hilflosigkeit und Schutzlosigkeit in der Nacht. Wenn sie von der Arbeit kam, war sie entspannter. Meine Mutter wurde durch die Arbeit geerdet, mein Vater durch seine Gebete.

Mit 14 drängte ich meine Eltern, mich nach den acht Jahren in der Grundschule auf eine türkische Privatschule nach Skopje gehen zu lassen. Weil ich die Aufnahmeprüfung glänzend bestand, bekam ich ein Stipendium, das die Hälfte des Schulgelds ausmachte. Ich wohnte bei meinen türkischen Großeltern und fühlte mich in dieser ethnisch bunt gemischten Schule sehr wohl. Die Schule war trilingual, das heißt, zwei Fächer wurden jeweils in einer Fremdsprache unterrichtet. Das entsprach meiner Freude an Fremdsprachen und nährte meine Neugier auf andere Kulturen. Rückblickend kann ich sagen, dass dies sicher der schönste Teil dieser Zeit meines Lebens war. Es war einfach schwer, von meinen Eltern getrennt zu sein. Ich vermisste sie sehr. Und es war Kriegszeit.

Nach der Matura (Abitur) wollte ich unbedingt im Ausland studieren. Ich wollte eine neue Sprache lernen, eine neue Kultur kennen lernen und Gleichgesinnte finden. Mit ihnen zusammen wollte ich die Welt retten, eine Welt schaffen, in der es keine Kriege gibt. Ich wollte weg aus dem Spannungsfeld der Kriege und ethnischen Konflikte. Im Grunde suchte ich das Vertrauen, das ich in Mazedonien verloren hatte.

Mein Weg führte mich nach Wien. Dort fand ich einen Studienplatz für Medizin. Das erste halbe Jahr verbrachte ich damit, Deutsch zu lernen. Das Medizinstudium in Deutsch war am Anfang sehr schwierig für mich, mit der Zeit ging es besser. In dieser Zeit lernte ich wunderbare Menschen kennen. Unter anderem Migranten aus anderen Ländern. Sylwia, eine polnische Migrantin, eine der besten MenschInnen, die ich bis jetzt kennenlernen durfte, wurde meine beste Freundin. Es sind tolle Menschen wie sie gewesen, die mir Tag für Tag halfen, mein Vertrauen in die Menschheit wieder zu erlangen. In Wien erlebte ich sechs schöne Jahre jenseits von Kriegen und Konflikten. Es war eine Zeit der Heilung.

Mit dem Ende des Studiums 2009 lief mein Studentenvisum aus. Es war zu dieser Zeit nur österreichischen Staatsbürgern und EU-Bürgern erlaubt, die klinische Ausbildung direkt nach dem Studium zu beginnen. Diese Gesetze wurden während meines Studiums verschärft. Für Nicht-EU-Bürger bedeutete das, nach dem Abschluss des Studiums entweder erneut auszuwandern, z.B. nach Deutschland oder in die Schweiz, die dankend fertig ausgebildete Mediziner aufnahmen, oder eine Anstellung im nicht-klinischen Bereich zu suchen und darauf zu hoffen, dass sich die Gesetze wieder auf Grund des wachsenden Bedarfs an qualifizierten Medizinern änderten, und eine Fortsetzung der Ausbildung im Krankenhaus möglich würde. Dies bedeutete aber ein Verlust an Zeit von unbekannter Dauer und ungewissem Ausgang. Es war eine schwierige Zeit, da ich nicht verstehen konnte, wieso ich aufgehalten wurde, meinen Traum, Menschen zu helfen, zu verwirklichen. Ich verstand und verstehe heute noch nicht diese Ausgrenzung, nur weil ich nicht dort geboren wurde, wo es „richtig“ ist und wodurch es mir gestattet gewesen wäre, meinen Beitrag zu leisten. Das Gefühl, „du bist nicht richtig“ kam wieder. Ich fand aber eine andere Lösung. Da ich auch wissenschaftlich sehr interessiert war und schon während des Studiums im Institut für klinische Neurologie eine Diplomarbeit geschrieben hatte, bekam ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der neurologischen Abteilung eines Krankenhauses eine Anstellung und somit eine Aufenthaltsgenehmigung. Um meine praktische Ausbildung zur Ärztin dennoch absolvieren zu können, wandte ich mich an alle möglichen Stellen, unter anderem an eine Volksanwältin. Diese empfahl mir, mich an einen Volksanwalt zu wenden, der bei einer Fernsehsendung mitwirkte. Und tatsächlich wurde ich in die Sendung des österreichischen Staatsfernsehsenders eingeladen, zusammen mit einem Vertreter der Ärztekammer und einem des Gesundheitsministeriums. Beide verstanden mein Anliegen und versprachen, sich für mich bzw. für die Änderung der Visabestimmungen einzusetzen. In der Zwischenzeit wurde das Einwanderungsgesetz novelliert und ich bekam eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Fast vier Jahre später (2013) konnte ich schließlich mit der praktischen Ausbildung am Krankenhaus beginnen.

Inzwischen spreche ich acht Sprachen: Albanisch, Türkisch, Mazedonisch, Bulgarisch, Serbisch/Bosnisch/Kroatisch, Englisch, Deutsch und Spanisch. Diese Mehrsprachigkeit möchte ich als Ärztin nützen, damit Migranten das Gefühl verlieren „Ich bin hier nicht richtig. Keiner versteht mich.“ Ich möchte eine interkulturelle Ärztin sein, die den Menschen das Gefühl gibt, zugehörig zu sein. Wichtig ist, den Menschen die Angst zu nehmen vor den Fremden, sowohl den Österreichern als auch den Migranten.

Mit meiner Geschichte möchte ich auch speziell Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund beistehen, damit Sie sich bestärkt fühlen und ihre eigene Stimme finden und diese auch zum Ausdruck bringen. Ich und meine Schwester, die auch Ärztin ist und zurzeit in Mazedonien lebt, sind ein Beispiel dafür, wie Menschen generell und Frauen speziell durch Unterstützung und Schaffung von Möglichkeiten auch unter schwierigeren Umständen ihren Weg finden und gehen können. Wir haben es unseren Eltern zu verdanken. Zusätzlich habe ich einfach das große Glück gehabt, einen richtigen Sonnenschein als Schwester zu haben. Somit möchte ich allen Frauen sagen: Lasst nie zu, dass du oder Teile von dir unterdrückt werden, von Etiketten und Vorschriften, die dir sagen wollen, wo du hingehörst. Du bist hier und gehörst hierher, so wie du bist, mit allen deinen Identitäten.

Ich möchte eine Brücke sein zwischen den Kulturen. Ich möchte eine Heilerin sein, die nicht nur den Körper heilt, sondern auch die Wunden des Nicht-Dazugehörens. Durch meine eigene Erfahrung, nicht zugehörig zu sein, glaube ich, heimatlosen und entwurzelten Menschen das Gefühl geben zu können, verstanden und angenommen zu werden. Das ist vielleicht die beste Medizin, die ich geben kann. Wir sind alle Eins, lasst uns auch so leben.

Erzählt von Leyla Elezi, aufgeschrieben von Regina Boger im Juli 2015.

P.S: Leyla´s poetry J

Lingua de dolor

Have lived in difference,

with different words, languages

always a partial access

and partially outsider

never a whole

never comfortable in a language

in a world…

And why be

when there’re so many

and much much

more to see ?

Been leaving

living, loving, hurting

oh, and all the pleasures

melancholy of non-belonging

But the way you didn’t take

all of me in

in that pain I realized

we all belong

and are the same

in love no words are needed

says I

having loved and suffered

in so many tongues.

 

 

 

­­­

Moblo

 

Schon am Anfang meiner Reise nach Tübingen machte mir der zuckelnde Interregio von Ludwigsburg nach Stuttgart einen Strich durch die Rechnung.  Laut Fahrplan hätte ich 8 Minuten Zeit gehabt, um von einem Bahnsteig zum anderen zu kommen.  Bei meiner Ankunft in Stuttgart war der Zug nach Tübingen abgefahren. Leerer Bahnsteig, nicht mal die Rücklichter des Zugs sahen wir. Wir, ja, ein junger Mann mit asiatischem Aussehen stand genauso ungläubig wie ich auf dem Bahnsteig und starrte  auf die leeren Gleise, auf denen eigentlich der Zug nach Tübingen hätte  stehen müssen.  Je älter ich werde, desto mehr ziehe ich in Betracht, dass ich mich in der Zeit oder am Ort geirrt habe. Um mich zu versichern, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, fragte ich den jungen Mann: “Do you want to go to Tübingen too?“ – „Yes, Tübingen. I will buy another ticket.“ Ich wollte ihm noch sagen, dass er keine neue Fahrkarte brauchte. Aber entweder war ich zu langsam oder er zu schnell, jedenfalls sah ich ihn nur noch von hinten in Richtung Schalterhalle davon eilen. Ich suchte auf dem Aushangfahrplan nach einer Lösung. Der nächste Zug würde erst in einer Stunde fahren, eine andere Verbindung gab es nicht. Ich verfluchte  Stuttgart 21! Seit der Stuttgarter Bahnhof umgebaut wird, um einen schlechteren für 6 oder mehr Milliarden zu bauen, wird man  mit ausfallenden Zügen, Verspätungen und Fahrplanänderungen  traktiert.   Ich würde also zu spät in die Uni-Klinik kommen. „Bitte entschuldigen Sie, dass ich zu spät komme, aber mein Zug hatte Verspätung“ – diesen Satz hatte ich als Schülerin oft genug gesagt, wenn ich mit meiner Freundin Heidi lieber einen Kaffee getrunken hatte, als in den langweiligen Unterricht zur ersten Stunde zu gehen. Ich sollte in der Klinik am Auge operiert werden und deshalb spätestens um 10 Uhr dort sein. Wegen der Bundesbahn würde ich zu spät kommen und müsste den blödesten aller Schülersätze sagen, dessen Klang mich mit Peinlichkeit erfüllte.

Eine viertel Stunde vor Abfahrt des Zuges schlenderte der junge Mann auf den Bahnsteig. Nachdem ich ihm erklärt hatte, dass seine erste Fahrkarte noch gültig sei, überlegte er kurz, ob er die neue zurückgeben wolle. Nachdem er schon einen Zug verpasst hatte, wollte er kein Risiko eingehen und lieber den doppelten Preis bezahlen, als  auch den nächsten zu verpassen.

Im Zug setzte er sich ganz selbstverständlich mir gegenüber. Ich packte mein Buch aus, ließ es aber bald wieder sinken, weil ich nicht unhöflich sein wollte. Ich fühlte  mich in gewisser Weise als Vertreterin der Bundesrepublik Deutschland und hatte somit die Aufgaben einer Gastgeberin zu erfüllen. Also lächelte ich ihm freundlich zu. Nach der Unzuverlässigkeit der Bahn sollte er wenigstens gute Erfahrungen mit der Bevölkerung machen. Er findet die Deutschen sehr freundlich, jedenfalls die in Göppingen waren freundlich und geduldig und haben sich sehr viel Mühe gegeben, ihm seine Wünsche zu erfüllen. Man muss wissen, dass Göppingen auf der Schwäbischen Alb liegt und den Schwaben von der Rauen Alb der Ruf anhaftet, eher ehrlich als freundlich zu sein. Nicht umsonst ist die Silberdistel ihr Symbol.  In wenigen Minuten bestätigt er meine Vorurteile, die ich auf Grund meiner Lektüre in jungen Jahren  gebildet habe. Offenbar ein sehr höflicher Chinese. Besonders gut findet er die Atmosphäre in Deutschland. Nun möchte ich gern mehr von ihm mehr als Höflichkeiten erfahren und erlebe die Kunst der Verschwiegenheit. Er sei Geschäftsmann, gestern war er in Göppingen, heute will er nach Nürtingen. Weshalb er diese Städte besucht, will er nicht preisgeben. Geschäfte eben.  Er interessiert sich für die sozialen Verhältnisse i n Deutschlang: Gibt es Arbeitslose, wovon leben Arbeitslose, wie hoch ist das Arbeitslosengeld, kann man von ihm leben? Wie hoch ist der Durchschnittslohn?  Sein Staunen über meine Auskünfte, die an Präzision gelegentlich zu wünschen übrig lassen,  lässt schließen, dass dies in seinen Augen paradiesische Zustände sein müssen. Ist Göppingen eine Stadt oder ein Dorf? Eine Stadt. Aber wo ist die Grenze? Ich meine mich zu erinnern, dass Gemeinden ab 10 000 Einwohnern sich Stadt nennen dürfen und stelle dies als gesicherte Wahrheit in den Raum. Als Gastgeberin sollte ich Bescheid über mein Land wissen.  Nachdem mein statistisches Wissen erschöpft ist, geht er zu soft facts über: Was könnte er seinen Freunden als Geschenk aus Deutschland mitbringen? Ich erinnere mich an einen Fernsehbeitrag, der die Begeisterung  von Chinesen (oder waren es Japaner?) über deutsche Spezialscheren als beliebtes Souvenir zeigte. Das sind Scheren, mit denen man die Nasen- oder Ohrenhaare schneiden kann. Eine gute Kombination von deutscher Wertarbeit und Kuriositätenkabinett („Stellt euch vor, solche Scheren liegen in jedem deutschen Badezimmer!“) Er winkt entschieden ab. Kuckucksuhren? Nein, die werden inzwischen auch in China hergestellt. Ich erinnere mich, am Titisee in einem Hotel am See  eine rosa Kuckucksuhr aus Plastik gesehen zu haben. Wahrscheinlich war sie made in China. Was ist in seinen Augen typisch deutsch?  Seiner Freundin hat er einen Moblo gekauft. Was das sein soll, verstehe ich wiederum nicht. Er zieht seinen Geldbeutel aus der Tasche. Aha, sage ich, dann zeigt er mit Daumen und Zeigefinger eine Spanne. Moblo! Moblo? Irgendwann dämmert es mir: Montblanc! Ein Füller im Lederetui der Marke  Montblanc! Ist das typisch deutsch? Ist Montblanc überhaupt ein deutsches Unternehmen? Nun, der chinesische Geschäftsmann wird es wissen. Er wird präziser, einen Ball Pencil hat er  gekauft. Für den Moblo hat er 230 Euro hingelegt. Mannomann, der Mann hat Vertrauen in die Menschheit! Nachdem mir ungefähr zehn Kulis von Parker und Lamy und ein Füller abhanden gekommen sind, verwende ich nur noch Wegwerfkulis, die niemand mehr versehentlich einsteckt und die bei mir bleiben, bis sie leer sind.

Ein typisch deutsches Souvenir? Als Schwäbin denke ich natürlich an die heimische Industrie. Porsche und Mercedes scheiden aus, da als Souvenir eindeutig überdimensioniert. Eine Schlagbohrmaschine von Bosch? Was heißt Schlagbohrmaschine auf Englisch? Ich weiß noch nicht einmal, was bohren heißt. Also scheidet auch die Bohrmaschine aus. Ansonsten gibt es im Großraum Stuttgart vor allem Firmen der Autozulieferindustrie, also Kühler, Zündkerzen, Anhängerkupplungen und so weiter.

Weil mir partout kein typisch deutsches Souvenir einfallen will außer dem Schwarzwälder Bollenhut oder einer Kuckucksuhr, wende ich mich Hilfe suchend an das Ehepaar mit den zwei großen Koffern auf der andern Gangseite. Der Mann runzelt die Stirn und sagt nach langem Nachdenken: „Wir kommen gerade aus China. Wir haben Tee und Kleider eingekauft.“ Ich übersetze notdürftig, der chinesische Geschäftsmann hört interessiert zu, fragt aber nicht nach. Macht er vielleicht doch nur Small talk aus Höflichkeit?  Der Chinareisende aus Schwaben hat dann doch eine Idee: „Riesling from Beiden, best white wine of the world.“ Mit „Beiden“ meint er „Baden“. Alle Achtung, ein Schwabe, der einen badischen Wein lobt, so objektiv können Schwaben sein!  „Is Riesling a brand?“ will der junge Geschäftsmann aus dem Land der aufgehenden Sonne wissen. „Brand“ könnte „Marke“ bedeuten. „Wir Chinesen sind Markenfetischisten“, sagte einmal eine junge Chinesin vor einer Fernsehkamera. „Riesling“ ist keine Marke, sondern eine Rebsorte. Aber wie sagt man das auf Englisch? „A sort“, erklärt der Chinareisende jenseits des Gangs. Das versteht mein chinesisches Gegenüber bedauerlicherweise nicht. Ich versuche es mit „a kind of wine“, was er zu verstehen scheint, denn er nickt. Aber was bedeutet Nicken bei Chinesen? – „Wurst wäre auch ein gutes Mitbringsel“, tönt es von der Seite. Souverän übersetze ich „Sausage is a typical german food“, was leider nicht zum Erfolg führt. Vermutlich liegt es an meiner Aussprache. Ich dachte, Chinesen verstünden, was eine „soschits“ ist. Wenn nicht, dann buchstabiere ich halt „sausage“ und mein chinesischer Reisegefährte tippt das Wort in sein Smartphone. „Landjäger“ präzisiert der Mann von nebenan, „die sind haltbar“. Heldenhaft buchstabiere ich kurz vor Nürtingen auch  „Landjäger“ und verabschiede mich erleichtert. Eine freundliche und hilfsbereite Deutsche zu sein, ist ganz schön anstrengend. Ich sollte diese Seite meines Wesens stärker entwickeln. China ist die kommende Weltmacht und es kann nichts schaden, sich mit deren Bevölkerung gut zu stellen. Auf jeden Fall war der junge chinesische Geschäftsmann uns alten Schwaben technologisch und kommunikativ haushoch überlegen. Er hatte mindestens drei Wörterbücher auf seinem Smartphone und schöpfte unser Wissen ab, wenn auch nur kulturelles und statistisches, und gab von sich fast nichts preis. Da ich meiner Gastgeberpflichten nun ledig war, hatte ich wieder kommunikative Kapazitäten frei und fragte die Chinareisenden von nebenan, wie es denn so in China gewesen sei. Toll, alle Züge seien auf hohem technologischem Standard gewesen, pünktlich wie ehemals die schwäbische Eisenbahn, der Service vorbildlich. Kein Vergleich mit der Bundesbahn der letzten Jahre!  Auch sie hatten den früheren Zug nach Tübingen verpasst, weil der Fahrkartenautomat keinen zwanzig-Euro-Schein angenommen hatte. Wir sind uns einig, dass es mit der Bahn bergab geht, seit sie eine AG ist und sich statt an Sicherheit und Qualität am Gewinn orientiert. Wir schämen uns gemeinsam für den Untergang des Abendlandes im Allgemeinen und dem der Bundesbahn im Besonderen, verabschieden uns in Reutlingen und wünschen uns alles Gute.

Nachdem ich in der Augenklinik meine unsägliche Entschuldigung für mein unverschuldetes Zuspätkommen hinter mich gebracht hatte und als Patientin aufgenommen worden war, besuchte uns – wir waren zu viert im Zimmer – eine Dame mit lindgrünem Kittel, die uns ihre Dienste anbot, falls wir nach der OP nichts mehr sähen und uns dennoch in der Stadt bewegen wollten. Mir fielen ihre mandelförmigen Augen und ihr außereuropäischer Akzent auf. Dieser Tag schien im Zeigen der Migranten und Migrantinnen zu stehen.   Ich bat sie, für eine Schwäbin außerordentlich höflich, sie nach ihrem Herkunftsland fragen zu dürfen. „Indonesien“, antwortet sie selbstbewusst. Ich erzähle von meiner Begegnung mit dem chinesischen Geschäftsmann und meinem Unwissen über typisch deutsche Mitbringsel. Als erstes fallen ihr auch Kuckucksuhren ein, danach aber „Holzpüppchen aus Ostdeutschland. Manche stehen auf einer Platte und drehen sich.“ – „Spieluhren aus dem Erzgebirge“, wirft die Patientin vom Fenster erklärend ein. Von Riesling hält sie nichts, da Chinesen vom Wein rot im Gesicht würden. Vielleicht sei dies bei den Jungen heute anders. „Und wie ist es mit deutscher Wurst?“ – „Ja, die ist sehr beliebt. In Indonesien hat man eine Wurstfabrik gebaut. Uns haben die Würstchen von dort nie richtig geschmeckt, weil wir ja die deutsche Wurst kennen. Aber die Indonesier essen sie gern.“ Eine Assistenzärztin ruft mich mit akzentfreiem Deutsch zur Visite zu Prof. Dr. Gelisken. Dieser Name klingt so fremd in meinen Ohren, dass ich ihn sofort wieder vergesse. „Türkisch“, kommentiert die erfahrene Patientin am Fenster. Um ihn nicht wieder zu vergessen, schreibe ich ihn in mein Tagebuch aus Papier, designed by English eccentrics, printed in Korea. Ich fühle den Puls der Zeit.

Zu Hause recherchiere ich die Besitzverhältnisse von Montblanc. Ein ursprünglich deutsches Unternehmen wurde in den 1977 von der Dunhill-Gruppe aufgekauft und gehört seit 1990 zu der Schweizer Richmont-Gruppe. Firmensitz ist nach wie vor Hamburg. Dank Wikipedia erfahre ich auch, dass Montblanc nicht nur Schreibgeräte herstellt, sondern auch Lederwaren, Uhren und Parfüm im Luxussegment. Kein Wunder, dass ich so lange nicht auf den Trichter gekommen bin. In Luxussegmenten des Konsums kenne ich mich nicht aus, außer die Waren würden Baden-Württemberg hergestellt.

Was empfehle ich nun das nächste Mal einem chinesischen Geschäftsmann, falls er mich nach einem typisch deutschen Souvenir fragt? Nach langem Nachdenken fällt mir doch noch etwas ein: Modelleisenbahnen der Fa. Märklin für die Männer und Gewürzmühlen, Ölsprüher oder Salatbesteck für die Frauen von WMF. Praktisch, aus Edelstahl, gutes Design, passt ins Handgepäck. Damit hätte ich noch einen Beitrag zur Wirtschaftsförderung der Schwäbischen Alb geleistet und die deutsch-chinesischen Beziehungen gestärkt. Und den Untergang des Abendlandes ein wenig aufgehalten. Schwaben  und – das möchte ich hinzufügen – Schwäbinnen sind bekannt für ihre Tüchtigkeit, Bescheidenheit und ihren Weitblick.

Nachtrag:

Als ich einer Freundin diese Geschichte erzählte, sagte sie spontan: Gummibärchen! Mein Mann nimmt immer viele Tüten Gummibärchen mit nach China. Die gibt es dort nicht zu kaufen. Der größte Hit war allerdings ein Teddybär, der jodeln kann. Den habe ich übrigens in Österreich gekauft. Also, Firma Steiff aus Giengen an der Brenz, hier gibt es was zu tun!

Copyrigt Regina Boger 2013

 

Wie deutsch bin ich? Der ultimative Selbsttest

Was hätte ich mir an jahrelangen Identitätskrisen nur sparen können, hätte ich schon damals einen Test belegen können, der mir sagt, wie deutsch ich eigentlich wirklich bin. Jetzt ist es soweit: ein überaus seriöser und ganz und gar nicht übetriebener Test untersucht nämlich genau das. Kriterien: meine Einstellung zu Recycling, zu Rauchern in Nichtraucherkneipen, zu Apfelsaftschorle und Klugscheißertum.

Erstens: ich habe was gegen nicht schäumende Apfelsaftschorle. Ich mag sie schön schaumig, mit prickelndem Weiß als Oberhaut und ich mag es, wenn im Glas kleine Bläschen von unten nach oben steigen. Ich mag sie kalt, frisch, und am liebsten mag ich Apfelsaftschorle, wenn sie nach Radler schmeckt.

Ich habe einen Doktor in Englisch. Nur meine Bescheidenheit hindert mich daran, es jedem unter die Nase zu reiben, der nicht einmal ansatzweise an Titeln interessiert ist. Wenn mich also jemand fragt, ob ich Englisch spreche, sage ich „a little bit“ um den anderen nicht bloßzustellen. Könnte ja sein, dass ich noch einen Grammatikfehler aus der 7. Klasse nicht korrigiert habe und mit mir herumtrage wie einen jahrelang verschleppten Husten.

Ich mag Ordnung. Unordnung macht mich wuschig. Ich mag einheitliche Schriftgröße, Farbe, Ansatz und Format. Ich mag Unterpunkte wie a), b) und c) und Menschen, die meinen Ordnungssinn haben, sind mir besonders sympathisch. Ich bin auch von einer Universallogik überzeugt. Meinungen anderer Menschen, die nicht mit meinen konform gehen, sind daher in sich widersprüchlich und unlogisch.

Ich hyperventiliere, wenn andere nicht ordnungsgemäß recyclen. Wenn ich mir unsicher bin, in welche Tonne ein Stück Stoff oder benetztes Papier gehört, schlage ich bei Google nach. Es ist mir egal, dass der ganze Müll später noch einmal in dieselbe Tonne kommt und noch einmal aussortiert wird. Recycling gibt mir das Gefühl, dass die Welt in Ordnung ist und ich zu dieser Ordnung beitragen kann, siehe meine Sensibilität für Ordnungssinn.

Ich habe was gegen Raucher in Nichtraucherkneipen. Vielleicht habe ich mich zu undeutlich ausgedrückt: Rauchen in Nichtraucherkneipen sehe ich als offenen Angriff auf meine nackte Existenz. Raucher haben gelbe Finger und dass sie kleine Kinder essen, ist bekannt.

Ich bin eine rechthaberische Klugscheißerin. Wenn ich andere in ihrem gefährlichem Halbwissen erwische, mache ich Affront mit Wissen, dass ich mir selbstverständlich aus seriösen Quellen wie BILD, Wikipedia oder „Frau im Spiegel“ angeignet habe.

GermanTestDer Test, den ich nach bestem Wissen und Gewissen ausgefüllt habe, belegt, dass ich zu 80% deutsch bin, also im Durchschnitt über 16% deutscher (gibt es dieses Wort überhaupt?) als der durschnittliche Alltagsdeutsche. Ich bin so deutsch wie das Pfand, die Apfelsaftschorle und Menschen, die andere Menschen wegen geringer Vergehen am liebsten lynchen würden. Ich würde sagen, meine Integration ist gelungen. 🙂

http://www.thegermanquiz.com/

 

 

Auf dem Markt

Auf dem Markt, auf dem kleinen Obst- und Gemüsemarkt in der schwäbischen Provinz zeigt sich, wer integriert ist. Sonst ist da nicht viel los, außer dass sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen. Aber wenn sich die Marktleute rund um das Gmünder Münster postieren, um ihre Waren anzubieten, dann ist was los, dann ist immer ein großes Trara. Dann kann man nicht nur einen Kopfsalat oder ein Suppenhuhn kaufen, man kann direkt am Mann vor Ort erproben, wie weit die eigene Integration fortgeschritten ist. Weiterlesen