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In Ludwigsburg haben meine Füße Halt gefunden

 

Das Leben hat aus mir einen Tausendsassa gemacht. Ich habe sechs Sprachen angenommen, 32 Tätigkeiten ausgeübt, wurde unschuldig verurteilt und habe zwei Kinder großgezogen. All das hat mich reif werden lassen. Angefangen hat das Ganze in Ostpreußen.

clip_image002[4]Ich wurde 1936 in Ostpreußen, Regierungsbezirk Königsberg, geboren. Meine Eltern waren Landwirte in Vierzighuben, Kreis Preußisch Eylau. Auf einem Bauernhof gibt es viel zu lernen: bei der Ernte helfen, Holz ins Haus tragen, Wasser vom Brunnen holen, Gänse hüten. Der Truthahn lief immer hinter mir her, wenn ich einen roten Rock anhatte. Dann kroch ich in die Hundehütte, um mich vor ihm zu schützen. Meine Eltern konnten mir nicht helfen, denn sie waren auf dem Feld. Und Nachbarn gab es auch nicht, unser Hof lag außerhalb des Dorfes am Waldrand. Mit sechs Jahren habe ich stricken gelernt. Mama spann die Wolle. Sie sagte: Stricken brauchst du für die Schule. Mama war die beste. Sie brachte mir alles bei, was ich fürs Leben brauchte wie Löcher in Socken stopfen oder aus alten Kleidern neue machen. Das war im Winter, im Sommer halfen wir bei der Ernte.clip_image004[4]

Meinen Bruder Siegfried, zwei Jahre älter als ich, musste ich morgens in die Schule bringen, da er sich alleine nicht traute. In der Schule musste ich eine Stunde warten, bis er sich beruhigt hatte, dann tippelte ich alleine nach Hause. Das ging zwei Jahre lang, dann kam der Krieg zu uns.

Ich hatte vier Geschwister. Erich, Frieda und Gerhard waren aus der ersten Ehe meines Vaters. Ihre Mutter starb bei der Geburt. Einige Jahre später lernte mein Vater seine zweite Frau – meine Mutter – auf dem Pferdemarkt kennen. Siegfried war ihr erstes gemeinsames Kind, zwei Jahre später kam ich auf die Welt. Meine Stiefgeschwister waren zu der Zeit schon erwachsen. Die Jungs waren im Krieg. Erich war in Russland, Gerhard in Italien. Frida war schon in Lübeck verheiratet. Ihre Jungs sind so alt wie ich.

Flucht und Rückkehr

1943 flohen meine Eltern mit dem Pferdewagen über das Frische Haff, da die Rote Armee den Landweg nach Westen abgeschnitten hatte. Das Haff war zugefroren, so kalt war es. Über die Weichsel nach Stargard in Westpreußen. Vater hing an seinem Hof, alte Leute hängen an ihren Sachen. Und so gingen wir im Frühjahr 1944 die ganze Strecke wieder zurück, aber zu Fuß. Das hieß im Straßengraben schlafen, damit uns von den Russen keiner sieht. Als wir an der Weichsel standen, packte mich mein Vater an der Hand und wir rannten über die Pionierbrücke über die Weichsel. Er hatte nur einen Gedanken: zurück nach Hause. Zu Hause angekommen, war nichts mehr da. Unser Hof war abgebrannt. Wir gingen ins Dorf und taten uns mit anderen Rückkehrern zusammen. Da waren noch andere so schlau wie unser Vater. Zum Glück stand noch die Post, aber die Poststelle war verwaist. Mit anderen zusammen bewohnten wir nun das Postgebäude. Wir ernährten uns von den Vorräten der Geflohenen und dem, was wir im Wald und auf den Feldern fanden.

Mamas Verwundung

Am ersten Mai 1944 wurde Mama von einem russischen Partisanen verwundet. Mama hatte eine große Wunde im Gesicht und am Arm. Wir dachten, sie sei tot, weil sie so viel Blut verloren hatte und legten sie in eine Kiste. Da nahm mich ein russischer Soldat an die Hand, ich musste mit. Jetzt schlägt mein Herz bis zum Hals, vor Angst. Der Soldat gab mir Kekse und Milch für meine Mama und zeigte mir, wie ich Mama füttern musste, da sie den Mund wegen der Schussverletzung nicht bewegen konnte. Ich pflegte sie und es wurde alles wieder gut. Mein Bruder Siegfried bekam Scharlach und der russische Soldat half uns wieder. Wir gaben Siegfried eine Brühe aus Kuheuter und Kuhfüßen und er wurde wieder gesund.

Mühlhausen 1944

Vater kam mit Diphterie ins Königsberger Krankenhaus. Und mich nahm man mit Verdacht auf Diphterie gleich mit. Ich wurde gesund, aber Vater starb nach kurzer Zeit. Was nun? Ich wurde auf einen Pferdewagen verfrachtet und nach Mühlhausen gebracht. Mama wartete mit Bruder Siegfried im Straßengraben und rief meinen Namen. Wir drei blieben zusammen und suchten uns eine Bleibe. Wir fanden sie im ehemaligen Pfarrhaus. Unter dem Dach war noch etwas frei, wenn es auch im Winter sehr kalt war. Wir sammelten Zeitungen und stopften sie unter die Dachziegel.

Wir Drei mussten für den Russen Disteln aus den Äckern ziehen, damit es eine gute Ernte gibt. Die Kirche war der Speicher. Zu essen gab es wenig. Mama kochte Brennesselsuppe mit Melde und Sauerampfer. Danach durchsuchten wir die Abfalltonne der Russen. Mama kochte Kartoffelschalen, drehte sie durch den Wolf und machte daraus Plinsen. So war es!

Ausreise

Der Russe ließ Mütter und Kinder ausreisen. Die Männer mussten als Arbeitskräfte dableiben, nur die Rentner, Mütter und Kinder durften ausreisen. Wir mussten Ausreise-Anträge stellen. Ihre Genehmigung dauerte bis 1947. Solange mussten wir auf dem Feld arbeiten. Wir wurden in einen Viehwaggon gesteckt. In einer Ecke war das Klo, in einer lagen die Leichen, in den restlichen zwei Ecken waren wir Menschen. Als der Zug durch Polen fuhr, wurden die Leichen aus dem Waggon geworfen.

In Coswig/Anhalt fanden wir 1948 eine Unterkunft in Baracke drei. Wir wurden entlaust und eingepudert. Es stank grauenhaft. In dieser Baracke lebten wir ein paar Wochen, bis wir weitergeschickt wurden. Auf einer Liste standen die Namen aller Flüchtlinge und die Orte, zu denen sie geschickt wurden. Wir Drei kamen nach Radebeul, Altserkowitz 2, zu dem Ehepaar Wendrocks. Ein Zimmer und zwei Betten für drei Personen. Besser als der Straßengraben.

Schule in Sachsen-Anhalt

Mit zwölf Jahren ging es zum ersten Mal in die Schule. Wegen meines Alters kam ich in die zweite Klasse. Ich musste Hochdeutsch lernen, was ich nicht konnte. Wir sprachen ja Plattdeutsch zu Hause. Darum war ich in der Schule als Flüchtling nicht beliebt. Sächsisch war auch noch zu lernen. Aber irgendwie habe ich alles ertragen. Meine Mutter hatte mir die Sütterlin – Schrift beigebracht, aber die war in Sachsen nicht bekannt. Ich musste die lateinische Schrift lernen. Zum Glück hatte mir meine Mutter das Einmaleins beigebracht. Sonst wäre ich verloren gewesen. Ich konnte ja was, aber das haben sie nicht gebraucht.

clip_image006Mama hatte Wasser bis zum Herzen. Sie konnte nicht mehr laufen. Deswegen fuhr ich sie mit dem Handwagen. Schließlich kam sie ins Krankenhaus. Es wurden fünf Jahre daraus. Ich war allein. Ich musste beim Bauern Schumann für ein Mittagessen arbeiten. Nach dem Unterricht ging ich zum Bauernhof, wusch die Teller und deckte den Tisch, bis die Bauern vom Feld kamen. Bruder Siegfried musste auch bei Schumann arbeiten, er half im Stall und auf dem Feld.

Mit 14 Jahren wurde ich konfirmiert. Die anderen Kinder in meinem Alter feierten die Jugendweihe. Meine Mutter legte Wert darauf, dass ich konfirmiert wurde. Die Kirche war leer und dunkel und ich war ganz allein mit dem Pfarrer in der Kirche. Mutter lag im Krankenhaus und Siegfried arbeitete beim Bauern. Ich hatte keinen Konfirmationsunterricht und wusste gar nicht, was ich auf die Fragen des Pfarrers antworten sollte.

1950 kam ich von der dritten Klasse in die hauswirtschaftliche Berufsschule. Wir hatten einen Tag Schule und sechs Tage arbeitete ich im Hotel. 1953 schloss ich die Berufsschule ab.

Ich fand eine Freundin, Gisela Schmieder, somit hatte ich Anschluss gefunden. Sie war Vollwaise und wohnte bei ihrer Tante Hanni und ihrem Onkel Ewald. Mit ihrer Tochter Rita war ich schon in der zweiten und dritten Klasse befreundet. Gisela hatte einen Motorradführerschein. Wir rasten zusammen durch die Felder. So gehen die Wege im Leben.

Aus beruflichen Gründen musste ich zum Gesundheitsamt. Der Doktor war alt und verwechselte meine Röntgenbilder mit denen von anderen. Deshalb kam ich im Krankenhaus in die Quarantäne. Der Doktor von Mama bemerkte die Verwechslung und holte mich heraus. Ich war gesund.

Beruf in der DDR

Im Bahnhofshotel Radebeul 1 fing ich als Zimmermädchen an. Aber das Hotel wurde zum volkseigenen Betrieb und ich hatte keine Ahnung von der Partei (SED). So kam ich in den Haushalt von Doktor Bublitz. Dr. Bublitz arbeitete im Krankenhaus in Dresden. Wenn er nicht zu Hause war, musste ich das Telefon bedienen, Adressen aufschreiben für die Hausbesuche bei den Patienten. Aber wie? Ich konnte nicht alle Wörter schreiben und da malte ich halt. Wenn ein Patient in der Lindenstraße wohnte, habe ich Linden gemalt. Dann war für mich die Sache klar. Der Doktor lachte und jedem war geholfen.

Der Anruf

Es kam der Anruf. Das war 1953, während der Arbeit. Mama ist gestorben im Krankenhaus. Jetzt bin ich allein. Mein Halt ist weg. Ich weiß nicht, wie alles abgelaufen ist. Die Beerdigung wurde vom Sozialamt durchgeführt. Siegfried musste während der Beerdigung arbeiten. Tante Hanni war aber dabei. Ich hatte mein Zimmer noch bei den Wendrocks, aber mein zu Hause war jetzt bei Tante Hanni und ihrer Nichte Gisela, meine Freizeit verbrachte ich bei ihnen.

Bruder Gerhard wohnte in Ludwigsburg-Eglosheim, Banzhafstr.1. Nach dem Tod meiner Mutter schickte er mir eine Einladung. Da ich Vollwaise war, durfte ich in den Westen einreisen, in den goldenen Westen, wo man mit goldenen Löffeln isst. Aber mir wurde dieser Zahn gleich gezogen. Den goldenen Löffel gab es nicht.

1954 – Datum überschrittenclip_image008

Aus der DDR bin ich mit einem Handtäschchen ausgereist, mehr nahm ich nicht mit. Ich hatte nichts und in den goldenen Westen nimmt man keine Lumpen mit. Ich wollte meine Verwandten kennen lernen, die in Norddeutschland wohnten. Gerhard fuhr mich mit dem Motorrad nach Lübeck zu Schwester Frida. Von dort aus zu Tante Anna und Onkel Rudolf, Mamas Geschwistern, nach Stade ins Alte Land. Aber keiner hat sich gefreut. Ich wurde gefragt: Was willst du? Wir haben keinen Platz! Dabei hatten wir noch nicht einmal gefragt, ob wir dableiben durften. Das war bitter, aber ich musste es schlucken.

Bruder Erich hatte nach dem Krieg in eine Landwirtschaft eingeheiratet. Wir halfen ihm bei der Ernte. Sein Schwiegervater war in einer Sekte. Er schlug seine Töchter, das waren alles gesetzte Frauen, um ihnen den Teufel auszutreiben. Er schlug mit einer Kordel auf sie ein. Wie die geschrien haben, mein Gott war das fürchterlich! Da geh‘ ich nicht rein, sagte ich mir. Mir treibt keiner den Teufel aus. Mir reichte schon der Krieg. Gerhard sagte dann: Komm, fahren wir nach Hause. Wir fuhren also wieder zurück nach Ludwigsburg. Unterwegs verloren wir den Auspuff seines Motorrads, die nächste Werkstatt war ja schon da und so kamen wir wohlbehalten zu Hause an.

Der Besuch bei meinen Verwandten hatte länger gedauert als geplant und so überschritt ich das Datum, an dem ich hätte in die DDR zurückkehren müssen. Ich blieb im Westen, vor lauter Angst, ich würde in der DDR bestraft.

Im goldenen Westen

Ich wohnte bei Gerhard und seiner Frau Gisela. Bei Salamander in Kornwestheim fand ich Arbeit. Aber wie komme ich ohne Geld von Ludwigsburg nach Kornwestheim? Es blieb nur: laufen – sieben Kilometer hin und sieben Kilometer zurück, drei Stunden Fußmarsch am Tag. Das habe ich acht Tage geschafft, dann war ich geschafft. Und den Lohn musste ich meiner Schwägerin geben. Als ich nichts mehr verdiente, warf sie mich raus. In ihren Augen war ich ein Fresser zu viel. Sie nahm mir meine Handtasche weg, die Handtasche meiner Mutter, das Wenige, das ich hatte. Nun hatte ich nur noch meine Papiere, sie waren das Einzige, was ich noch hatte.

Ich setzte mich mit meinem Federbett auf eine Mauer am Bahnhof und heulte in die Federn. Eine junge Frau und ein junger Mann sprachen mich an, das waren Christa und ihr Cousin Axel. Ich erzählte ihnen mein Unglück. Vor lauter Heulen konnte ich gar nicht sprechen. Christa nahm mich mit nach Eglosheim. Sie hatte ein Zimmer bei ihren Eltern. Ihre Mutter kam aus der DDR und hatte somit Verständnis dafür, dass Christa mich mitgenommen hatte. In ihrem Zimmer richtete Christa ein Matratzenlager auf dem Boden. Darauf schliefen wir. Christa, Axel und ich unternahmen viel. So lernte ich also Axel kennen. Er wohnte auch in der Banzhafstraße in Eglosheim.

Christas Mutter nähte Lampenschirme in Heimarbeit. Das machte ich dann auch und verdiente dadurch meinen Lebensunterhalt. Wir saßen am Tisch und sangen Lieder, während wir nähten. So machte die Arbeit Spaß und wir schaukelten uns gegenseitig hoch, wer am meisten Schirme nähte. Pro Lampenschirm bekam ich eine Mark. Wenn es gut lief, nähte ich an einem Tag acht Lampenschirme.

Hausmädchen in einer Villa

Eine Nachbarin putzte bei Dr.Dr. Scharfnagel, Apotheker im Wilhelmsbau. Von ihr erfuhr ich, dass er ein Hausmädchen suchte. Bei ihm hatte ich Kost und Logis und bekam 80 DM im Monat. Ich fühlte mich wie im Paradies. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich ein eigenes Zimmer, ein richtiges Bett für mich allein. Das Zimmer war mit weißen Möbeln eingerichtet. Von seinen zwei Töchtern, die in meinem Alter waren, lernte ich Hochdeutsch. Die Eine, Sybille, brachte mir das Alphabet bei und zeigte mir zum Beispiel, wie man ein Wort im Lexikon findet, wie man Landkarten liest. Sie gab mir etwas von dem Unterricht, den ich in der Schule versäumt hatte.

Am Anfang ging alles gut. Aber dann geschah mir ein Missgeschick. Ich putzte den Schrank im Frühstückszimmer. Auf dem Schrank stand die Büste des Erbonkels von Herrn Dr.Dr. Scharfnagel, im Schrank eine offene Vase. Diese Vase fiel um und ein Haufen Asche fiel auf den Boden. Was sollte ich machen? Ich nahm Kehrwisch und Schaufel, fegte die Asche zusammen und leerte sie in den Mülleimer. Da kam Frau Scharfnagel dazu und fing an zu schreien – die Vase war keine Vase, sondern eine Urne und die Asche die Überreste des Onkels! So was gibt’s doch nicht! Wer bewahrt denn die Asche eines Menschen in einer Blumenvase auf! Bis dahin hatte ich noch nie etwas von einer Urne gehört. Wochenlang grauste es mir, wenn ich im Frühstückszimmer eindecken musste. Für mich war das wie auf dem Friedhof, auf dem die Geister umgingen.

Wenn die Scharfnagels Gäste hatten, das waren meist betuchte Leute, steckten diese mir ab und zu Trinkgeld zu, weil sie sich von mir gut bedient fühlten. Als Dr.Dr. Scharfnagel das merkte, musste ich ihm mein Trinkgeld geben. Das gab es noch nicht einmal in der DDR, dass man das Trinkgeld abgeben musste! Ich bin doch nicht blöd, dachte ich und kündigte. Danach wohnte ich wieder bei meinem Bruder und seiner Frau. Nun war ich ihr Kindermädchen, weil beide arbeiteten

1956 Erste Heirat

Und nun geht es ganz schnell: 1956 Heirat mit Axel, im gleichen Jahr wird meine Tochter Andrea geboren. Wir leben zu dritt in einem Zimmer im Finkenweg. Als Axel eines Tages besoffen nach Hause kam und das Zimmer vollkotzte, warf uns die Vermieterin raus. Deswegen zogen wir zur Schwiegermutter in die Hindenburgstraße. Helene, Axels Mutter,clip_image010 akzeptierte mich nie als Schwiegertochter. Axel hätte eine Frau mit Geld und Haus heiraten sollen. Ich war für sie das DDR-Mädchen, das nichts hatte. Helene bestimmte alles. Ich war mit ihr verheiratet, nicht mit Axel. Meine Schwiegermutter arbeitete bei der Bundeswehr.

Am Feierabend kommandierte sie zu Hause weiter. Axel machte nicht muh und nicht mäh. Ich dachte, ich habe einen Deppen vor mir. Wieder musste ich mein Geld abgeben. Wir wohnten in einer Wohnung der Bundeswehr. Da sie keine Miete bezahlt hatte, kam der Gerichtsvollzieher und wir mussten ausziehen (1958). Helene fand für uns eine Wohnung in der Solitude Allee. Axel war ein rechter Lahmarsch, er arbeitete nur, wenn er wollte. Da dachte ich: „Geh doch zu deiner Mutter!“ und warf ihn aus der Wohnung. Das war 1960, ein Jahr später wurden wir geschieden.

Wenn Helene ihren Sohn zurücknehmen musste, wollte sie auch ihre Enkelin haben. So ging der Streit ums Kind los. Eine Situation macht das deutlich. Zu viert standen wir auf dem Karlsplatz. Helene zog am Kopf von Andrea, Axel an den Füßen. Ich stand daneben, sagte und tat nichts. Das verblüffte die Beiden so, dass sie das Kind losließen. Ich nützte die Situation, nahm mein Kind und ging nach Hause.

Aber Helene ließ mich nicht vom Haken. Sie zeigte mich beim Jugendamt an. Sie behauptete unter anderem, ich hätte das Kind ins Ausland entführt und das Kind sei ungepflegt. Dabei hatte ich Andrea von Kopf bis Fuß eingestrickt. Das Jugendamt schrieb mir Briefe. Ich öffnete sie nicht, denn dieses Deutsch verstand ich nicht, antwortete deshalb auch nicht und alles verlief im Sand. Auch diese Runde habe ich gemeistert.

1965 Der erste Preis – Frau mit Talent

Mehrere Firmen riefen Amateur-Schneiderinnen zu einem Wettbewerb auf. Die Firma Operpaur lud die Teilnehmerinnen in den Ratskeller ein, um ihre Modelle vorzuführen. Ich gewann mit meinem Tageskleid „Tanja“ den ersten Preis. Nun habe ich gut lachen. Helene sah mein Foto in der Ludwigsburger Kreiszeitung. Sie dachte, ich würde mit meinen Kostümen Geld verdienen und das wollte sie haben. Aber ich bekam kein Geld dafür. Eines Tages steht sie vor der Tür und schreit nach Geld. Ich raste aus und jage sie davon.

Die nächste Modenschau des „Neuen Schnitt“ findet in Baden Baden statt. Ich bin dazu eingeladen. Dieses Mal bekomme ich keinen Preis, weil nur die Abendkleider einen Preis bekommen. Ich hatte aber ein Tageskleid genäht.

Helene ließ mich und Andrea nicht in Ruhe. Ich arbeitete als Platzanweiserin im Bali-Kino. Helene oder ihre Mutter Sophie fingen Andrea ab, wenn diese aus dem Kindergarten und später aus der Schule kam. Andrea gefiel das, denn Helene und Sophie verwöhnten sie mit Spielzeug und Kleidern und ließen sie alles machen, was sie wollte. Sie redeten vor Andrea schlecht über mich. Helene wollte das Kind besitzen, um Liebe ging es ihr bestimmt nicht. Als Andrea zehn Jahre alt war, wollte sie lieber bei der Oma wohnen. Nun gut, sagte ich und ließ sie zur Oma ziehen. Jetzt war ich allein. clip_image012

Heirat Nr. zwei: Mit Sack und Pack in die Türkei

Mein Geld verdiente ich weiterhin als Platzanweiserin im Bali-Kino. An der Kasse saß Frau Haas, eine gelernte Schneiderin. Ihr Mann war Filmvorführer und deswegen hatten sie die Wohnung über dem Kino. Während der Vorstellungen brachte sie mir die Tricks der Schneiderei bei, wie man paspeliert, Kragen und Zwickel näht. Tarot Karten lernte ich durch Ellen kennen, eine Kollegin. Sie brachte eines Tages die Tarot Karten mit. Ich habe sofort den Sinn der Karten verstanden, ohne dass ich etwas über sie gelernt hatte. Die Karten sprechen ja. Die Farbe, dieclip_image014 Zahl, der Platz, wo sie liegen sagen alles.

Im Kino lernte ich auch Firat Erdok, den Türken, kennen. Er hatte mein Foto in der Zeitung gesehen. Als ich Kinoplakate aufhängen musste, half er mir und lud mich mit seinem Auto zu einer Stadtrundfahrt ein. Kurz danach hatte ich Urlaub und wir fuhren mit dem Auto in die Türkei. Ich wusste nicht, wo die Türkei liegt. Firat erklärte mir alles und zeigte mir die Stadt Istanbul. Diese Stadt war ein Märchen für mich. Alles, was sehenswert ist, habe ich gesehen. Firats Familie war sehr freundlich und hat mich verwöhnt, wie ich noch nie im Leben verwöhnt worden war. Ich kam mir vor wie im Schlaraffenland. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich fühlte mich so richtig wohl, so zu Hause. Ich war so beeindruckt von dieser Stadt, dass ich mein altes Leben vergessen habe.

Nach dem Urlaub fand ich bei Bleyle eine Stelle als Zuschneiderin. Die Stoffreste konnten wir billig kaufen. Ich nahm so viel wie möglich Stoff mit nach Hause. Diese Stoffe waren von guter Qualität, sie fielen schön, beulten nicht aus und waren leicht zu waschen.

Nach dem Urlaub in Istanbul blieben Firat und ich zusammen. Sein Vater arbeitete bei Jäger als Busfahrer, Firat war nur zu Besuch bei ihm. Eines Tages kam der Einberufungsbefehl zum türkischen Militär. Firat wollte, dass ich mit in die Türkei gehe. 1966 heiraten wir. Helene sagte mir, ich würde dem Sultan als Tänzerin verkauft. Na, das sind doch tolle Aussichten, oder? Ein bisschen naiv ist manchmal ganz nützlich, also stellte ich mich dumm. Ich suchte den Sultan, aber damit war ich viele Jahre zu spät dran. Da ich alles so lustig verpackte, wenn ich etwas nicht wusste oder konnte, gab es immer was zuclip_image016 lachen.

Unsere Fahrt nach Istanbul wurde an der bulgarisch-türkischen Grenze richtig aufregend. Ich fuhr mit dem Mercedes, Firat mit dem VW-Bus, in dem mein ganzer Haushalt war, vom Schlafzimmer bis zum Bügeleisen. Ich wollte ja für immer in der Türkei bleiben. An der bulgarisch-türkischen Grenze mussten wir durch den Zoll. Der Bus gab an der Grenze den Geist auf. Die Polizei schob den Bus auf einen Lastwagen und fuhr damit nach Istanbul zum Zoll. Wie aufregend für mich!

Während Firat seinen Militärdienst ableistete, wohnte ich bei meiner Schwiegermutter in Florya, einem Vorort von Istanbul. Ich versorgte die kranke Frau, deswegen ging das gut. Die Nachbarinnen interessierten sich für das deutsche Kaffeekränzchen und ich guckte zu, wie sie das türkische machten. Damenkränzchen einmal türkisch, einmal deutsch. Nach langer Zeit war ich zufrieden. In der Türkei wurde ich genommen, wie ich bin – freundlich und gut gelaunt. Dass ich so wenig Schulbildung hatte, war dort kein Thema. Türkisch lernte ich zwischen Tür und Angel.

Die Schwiegermutter schickte mich auch zum Einkaufen, das konnte ich nach kurzer Zeit alleine. Sie sagte mir, was ich einkaufen sollte. Ich schrieb die Wörter auf, wie ich sie hörte. Was ich nicht ausdrücken konnte, zeichnete ich. Hat immer prima geklappt. Firats Mutter war Analphabetin. Wenn Briefe von ihrem Mann aus Ludwigsburg kamen, las ich sie ihr vor. Sie verbesserte dann meine Aussprache. Verstanden habe ich nicht, was in den Briefen stand.

Das ganze Dorf besuchte mich. Nun weiß jeder, wer ich bin. Ich war fleißig und nähte Kleider, Mini-Mode war zu der Zeit modern. Ich spannte eine Wäscheleine quer durch das Wohnzimmer und hängte daran meine Kleider auf, die ich verkaufen wollte. Vor allem junge Frauen, die bei Banken und in Verwaltungen arbeiteten, waren begeistert von meinen Kleidern. Die Kleider waren aus den Bleyle-Stoffen genäht, die ich aus Ludwigsburg mitgenommen hatte. Bei mir war immer was los. Der Kinderwagen, den mir meine Freundin Sonja aus Ludwigsburg geschickt hatte, war eine Sensation. In Istanbul kannte man so etwas nicht. Wenn ich den Kinderwagen durch die Straßen schob, gingen überall die Fenster auf.

Zurück nach Ludwigsburg

Firat leistete seinen Wehrdienst in der Türkei ab und ich brachte 1967 unseren Sohn Volkan zur Welt. Nun wollte Firat wieder nach Ludwigsburg, weil er in der Türkei eine Strafe hätte absitzen müssen. Das hatte etwas mit dem Militär zu tun, was genau, wollte er mir nicht sagen. Ich weiß es bis heute nicht. Firats Onkel beanspruchte meine Möbel und meinen Hausrat. Du kannst das ja in Deutschland wieder kaufen, sagte er. Sogar meinen Wintermantel mit dem Pelzkragen nahm er mir weg. Hätte ich ihn nur mitgenommen! An Silvester 1969 fuhren wir zurück nach Deutschland. Es war bitterkalt. Wir hatten keine Winterkleidung, auch nicht für das Kind. Sogar den Kinderwagen hat der Onkel verkauft. Volkan saß zwischen meinen Beinen, zugedeckt mit einer Jacke. Wir sind beinahe erfroren.

Firat hatte viel vor, er wollte Ludwigsburg erobern. Auf, auf zu neuen Taten und ich sollte den Sack zuhalten, was nicht möglich war. Wo gehobelt wird, da fallen Späne – bei mir waren es Klötze.

Am Anfang hatten wir in Ludwigsburg keine Wohnung. Firats Vater hatte ein Dachzimmer in der Stuttgarter Straße. Er machte Nachtdienst, damit wir nachts in seinem Bett schlafen konnten. Tagsüber schlief er in seinem Bett und wir zogen durch die Kaufhäuser, um es warm zu haben. Das ging drei Monate so.

Geschäftsfrauclip_image018

Wir hatten vor, in Ludwigsburg ein türkisches Lokal zu eröffnen. Ich hatte zuvor nicht gewusst, was da auf mich zukommen würde. Behördengänge, Vorschriften, Finanzamt, Krankenkasse, Ausländeramt, IHK. All das habe ich für die Selbständigkeit gelernt. Schließlich eröffneten wir 1969 in Ludwigsburg das erste türkische Lokal, die Neue Sonne in der Seestraße. Wir hatten von einem Automatenaufsteller einen Kredit bekommen, mit dem wir die Kneipe eröffnen konnte. Die Vermieterin war froh, dass wir das Lokal übernehmen wollten. Die Einrichtung war den deutschen Wirten zu alt, wir waren damit zufrieden. Heute frage ich mich, wie ich das alles geschafft habe.

Die Neue Sonne wurde zur Heimat für türkische Gastarbeiter. Hier gab es türkischen Tee, türkisches Essen und natürlich war es auch türkisch eingerichtet. Am Anfang waren vor allem Busfahrer unsere Gäste und die Mädchen vom Straßenstrich. Firats Gastfreundschaft zog viele Gäste an. Er war wegen seiner Freundlichkeit, Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft sehr beliebt. Mit der Zeit erweiterten wir unsere Speisekarte um deutsches Bier und Pommes frites und Würstchen. Kurz und bündig: Pommes frites, Bier und Geld auf den Tisch! So ging das.

Im selben Haus hatten wir ein Zimmer. Ein Jahr später, das war 1970, machten wir den Gasthof Römerhügel auf, dort hatten wir zwei Zimmer, Bad und Küche. Firat gab die Neue Sonne auf, weil unsere Bedienung Marlies sich mit einem Türken eingelassen hatte, der die Neue Sonne übernehmen wollte.

1970 kam auch unser Sohn Kerem auf die Welt. Firat lebte seine negativen Seiten mit allem aus, was sich bot. Alle Bedienungen mussten ausprobiert werden. Zuerst Marlies, dann Marlene und am Schluss Inge. Nach dem Gasthof Römerhügel machte er den Rauchfang auf. Im Rauchfang fing er an zu saufen. Er schmiss eine Lokalrunde nach der anderen. Die Gäste waren begeistert. Er wollte neue Kneipen aufziehen und dann verkaufen. 13 Geschäfte sind es insgesamt geworden. Er war sehr geschickt darin, Lokale einzurichten, er hatte einen guten Geschmack und war auch ein begabter Koch. Seine Gerichte schmeckten am besten, sogar seine Curry Wurst war die beste in ganz Ludwigsburg. Dann war bei mir das Fass voll. Kerem brauchte mich, die Bedienungen machten Theater, weil sie sich in Firat verliebt hatten und mit ihm zusammen sein wollten.

Eine sehr spezielle Arbeitsteilung

Wir hatten eine sehr spezielle Arbeitsteilung: Firat war für die Einnahmen zuständig, ich für die Ausgaben. Er ließ sich von mir nichts sagen. Wenn ich sagte, so geht’s nicht, du musst dich an die Vorschriften halten, bedrohte er mich. Mir waren die Kinder wichtiger als Firat und das Geld. Also ließ ich ihn machen, was er wollte. Und die Schulden wuchsen und wuchsen.clip_image020

In Heilbronn hatten wir eine Discothek, in der ich arbeitete. Ich kam oft erst früh am Morgen nach Hause. Gewohnt haben wir im Marstallcenter in Ludwigsburg. Die Kinder mussten alleine zurechtkommen. Ich war nur zwischen Tür und Angel zu erreichen. Als wir die Disco in Heilbronn aufgaben, eröffneten wir das Ambassodor in Freiberg. Zur gleichen Zeit hatten wir den Club Firat im Täle. Firat war in seinem Club und ich im Ambassador. Der Club Firat war türkisch eingerichtet. Da gab es Sängerinnen und Tänzerinnen – das Lokal war immer voll. Hier gab es türkische Musik, die es sonst nirgends gegeben hat. Auf dem Höhepunkt ihrer Feiern schmissen die Gäste die Gläser an die Wand und schossen mitclip_image022 Pistolen, aber scharf. Mir war das egal. Wenn sie mich treffen, treffen sie mich halt, dachte ich.

Die Arbeit in der Diskothek Ambassodor wurde für mich zu viel. Ich brauchte dringend Entlastung. Deswclip_image024egen wandte ich mich ans Arbeitsamt. Das schickte uns Inge. Ich stellte sie als Bedienung im Ambassador ein. Wir verstanden uns am Anfang gut. Aber dann verliebte sie sich in Firat.

Nun war Firats Vergnügen grenzenlos. Baden Baden war sein Ziel. Er vernachlässigt die Geschäfte und ging lieber ins Casino. Dort verspielte er eine Menge Geld. Er nahm einfach die Kasse mit den Einnahmen und fuhr damit direkt nach Baden Baden ins Casino.

Inge liebte Firat, sie wollte ihn um jeden Preis. Auch mit ihr fuhr er in die Türkei und zeigte ihr, wie schön das Land ist. Nun wollte sie meine Stelle einnehmen und Geschäftsfrau werden.

Sie drohte damit, sich das Leben zu nehmen, wenn Firat nicht zu ihr kommt. Nur langsam, sage ich mir, denk an deine zwei Kinder. Ich, die betrogene Ehefrau, tröste Inge: Du kannst alles haben, wenn du alles unterschreibst für die Geschäfte. Inge war einverstanden. Sie hoffte, dass Firat sie heiraten würde und sie meinen Platz einnehmen könnte. Ich meldete die Konzession für das Ambassodor ab. Inge beantragte sie und bekam sie auch. Und so habe ich Firat mit seinen ganzen Schulden an die liebe Inge verkauft.

Trennung von Firat

Firat lachte mich aus. Wie dämlich bist du? sagte er. Er hatte nicht verstanden, dass ich reagierte. Bei den Affären mit den Bedienungen davor hatte ich geschwiegen. Bei Marlene war ich ruhig geblieben, bei Marlies auch und nun plötzlich reagierte ich. 1979 ließ ich mich von ihm scheiden.

Firat verkaufte das Ambassador und ging mit einem Koffer voller Geld ins Casino nach Baden Baden. Er hat alles verloren. Aber er fand wieder einen Ausweg. Mit seiner Überredungsgabe fand er einen Investor, um ein Speiserestaurant, das Weiße Rössle, aufzumachen. Inge musste dafür unterschreiben, da sie die Konzession hatte. Firat hatte noch immer ein Touristenvisum und mit dem bekam er keine Konzession in Deutschland. Die beiden führten etwa ein Jahr das Rössle am Holzmarkt.

Dann stellte sich heraus, dass es ein Bumerang war, der ihn traf. Er hatte einen Autounfall und Inge sollte bei Gericht einen Meineid für ihn schwören. Inge machte das dann doch nicht und so musste Firat acht Monate auf dem Hohen Asperg sitzen. Und die große Liebe war dahin. Firat wurde ausgewiesen. Er hatte ja nur ein Touristenvisum. Ich brachte ihn sogar noch mit Rosemarie, einer Freundin, an die österreichische Grenze.

Firats Rache

Firat entführte unsere beiden Söhne in die Türkei (1979). Die Verwandten in der Türkei wollten die Kinder nicht haben und die Jungs wollten nicht in der Türkei bleiben. Ich musste in die Schule, um die Kinder abzumelden. Auf dem Ausländeramt bekam ich den Rat, einen deutschen Pass für die Kinder zu beantragen. Das machte ich auch, danach ging es mir besser. Ich blieb ganz ruhig und wartete ab. Es dauerte nicht lange und die Kinder waren wieder da. Die Freude war groß. Ich musste aus der teuren Wohnung im Hochhaus ausziehen. Da kein Geld mehr da war, besorgte ich einen Tütenumzug mit Volkans Klasse. Ich packte mein Hab und Gut in Tüten und die Schulkameraden von Volkan trugen sie in unsere neue Wohnung. Kerem strich die Zimmer alle pink an – es war modern in der Schorndorfer Straße 107 in Ludwigsburg. So wurde Kerem Maler von Beruf. Volkan lernte Maurer. Und heute habe ich zwei Handwerker im Haus.

Firat machte in der Türkei Geschäfte mit Immobilien. Er fing aber wieder mit Glücksspielen an und kam auf keinen grünen Zweig. Ich sorgte dafür, dass seine Kinder Kontakt mit ihm hatten. Sie besuchten ihn ab und zu in der Türkei. Volkan konnte am besten mit ihm umgehen. Er setzte durch, was er wollte und Firat parierte.

Firat litt unter Leberzirrhose und schließlich starb er daran. Er starb im Schlaf und hatte damit einen guten Tod.

 

Single Mama

Beatrice hatte ich im Leonberger Krankenhaus kennen gelernt, als ich noch im Firat verheiratet gewesen war. Ich besuchte eine kranke Kollegin, die dort in einem Mehrbettzimmer lag. Wir unterhielten uns angeregt und Beatrice hörte zu. Sie fand mich so interessant, dass sie mich ansprach. Später haben wir uns zusammengetan. Sie wollte etwas erleben und deshalb kam sie öfter in den Club Firat, für den ich die Konzession hatte. Sie war von Firat sehr angetan, von seiner Liebenswürdigkeit und seiner Gastfreundschaft. Sie fühlte sich unter Türken sauwohl, die Gäste waren immer gut drauf. Sie wurde meine Freundin. Nach der Scheidung meinte sie, ich bräuchte einen Mann, der mich unterstützt. Sie suchte in der Ludwigsburger Kreiszeitung die Bekanntschaftsanzeigen aus, die sie für geeignet hielt. Dann brachte sie mir bei, wie man auf Anzeigen schreibt. Gesagt, getan.

Hier ist eine meiner Antworten auf ein Inserat:clip_image026

Sehr geehrter Inserent, gestatten, ich möchte ausgetretene Pfade verlassen und stürze mich Hals über Kopf in ein Erfolg versprechendes Terrain. Dabei bin ich auch noch mutig. Ihre besondere Chance ist ein Anruf.

Mit den besten Grüßen, Margot aus Ludwigsburg

Mir machte es Spaß, auf Anzeigen zu schreiben. Mit ein paar Männern habe ich mich getroffen, aber keiner hat mir gefallen. Es nichts dabei herausgekommen. Wir sind auch zu solchen Treffen zu zweit gegangen. Beatrice war etwa zehn Jahre älter als ich, als die Jüngere hatte ich mehr Chancen als sie. Aber ich bin ihr treu geblieben. Wir haben uns einladen lassen und dann sagten wir „Tschüss Ade“.

Eine Pension mit einer Partnerin 1993

Lore kam in mein Leben. Auch sie lernte ich im Krankenhaus kennen. Ich ermutigte sie, einen Beruf zu lernen und zwar Hotelfachfrau. Nach ihrer Ausbildung konnte sie in der Schweiz arbeiten. 1993 machten wir uns zusammen selbständig – wir eröffneten eine Pension in Erdmannhausen. Wir hatten vier Zimmer. Aber Lore hatte mehr Interesse an den Männern als am Geschäft. Sie legte sich schon mal ins Bett eines unserer Zimmer, wenn ihr ein Gast gefiel. Ich dachte, ihre Mannstollheit würde sich im Lauf der Zeit legen. Aber da täuschte ich mich.

Es dauerte nicht lange und wir kauften in Steimel, im Westerwald, eine Pension. Das wurde zu meiner Meisterprüfung mit Lore. Sie entpuppte sich als Feindin, wie sich später zeigte. Ich sollte einen Alterssitz in diesem Anwesen bekommen. Lore und Volkan kauften das Anwesen, sie nahmen dafür einen Kredit bei der Bank auf. Lore war die Geschäftsführerin der GmbH und diese war die Pächterin der Pension. Die Pension lief gut. Wir hatten genug Einnahmen, um die Pacht bezahlen zu können. Unsere Gäste kamen aus Frankfurt, aber auch aus Russland und Finnland. Sie schwärmten für meine Plinsen, die ich meiner Mutter nachgemacht habe.

Wir hatten ein schönes Anwesen und genug Gäste. Es hätte also alles gut sein können. Doch Lore bezahlte die Pacht nicht an die Bank, sondern unterschlug das Geld. Das Geld trug sie in die Spielbank nach Wiesbaden. Wir sahen sie dort einmal mit ihrem Steuerberater. Er kam wegen Betrug ins Gefängnis. Wir mussten darüber lachen, das erinnerte mich doch irgendwie an Erdok. Mit einem Teil unserer Einnahmen kaufte sie Zuckeraktien, doch das Unternehmen ging Pleite und unser Geld war weg.

Das größte Problem, neben ihrer Liebe zur Spielbank, war ihre große Liebe zu einem Polizisten. Der Polizist war verheiratet und hatte andere Pläne als Lore. Er wollte das Anwesen und Lore wollte den Polizisten. Weil die Pacht nicht bezahlt wurde, ließ die Bank das Anwesen versteigern. Der Polizist gab mir die Schuld an der Zahlungsunfähigkeit, ich hätte gepfändete Gegenstände entwendet. Und so kam ich ohne Anzeige vor Gericht. Es waren aber laut Unterlagen meine persönlichen Sachen, die der Polizist mit seinen Kollegen entwendet hatte. Wer ist schon so dumm und klagt gegen einen Beamten? Ich. Der Polizist benutzte die Bank gegen mich und so musste er bei der Versteigerung 40 000 DM weniger bezahlen, als die Pension wert war. Volkan musste diese 40 000 DM Schulden übernehmen, da bei Lore nichts mehr zu holen war. Lore unterschrieb eine Bürgschaft über 300 000 DM für den Polizisten, obwohl sie selbst kein Geld hatte.

Und ich war wieder in Ludwigsburg, Schorndorfer Str. 107. In fünf Gerichtsverhandlungen habe ich 17 Anwälte beschäftigt. Und keiner hat verstanden. Polizist – nein danke! Das Urteil wurde in Koblenz auf dem Pissoir ausgehandelt. Gegen 10 Zeugen, vorwiegend Beamte, hatte ich keine Chance. Meine Strafe: ein Jahr im Altersheim arbeiten für die Entwendung gepfändeter Gegenstände. Ich muss es noch einmal sagen: Ich wurde dafür verurteilt, dass ich meine persönlichen Sachen an mich genommen hatte, die mir der Polizist weggenommen hatte.

Den Sozialdienst leistete ich im Altersheim auf der Karlshöhe ab. Drei Monate war ich fleißig, dann wurde ich krank. Ich bekam drei Bypässe und wurde von der Staatsanwaltschaft vom Sozialdienst befreit. Das Thema war damit zu Ende. Aber die Bank wollte die 40 000 DM von Volkan. In diesem Fall kämpfte ich, denn hier ging es um mein Kind. Ich habe alles in Bewegung gesetzt und es geschafft, dass er die 40 000 DM nicht bezahlen musste. Lore und der Polizist mussten sie bezahlen.

Lore habe ich telepathisch viele Briefe mit Comics verpackt geschickt. Ich wusste immer, was als Nächstes passieren wird. Wirkt Wunder und lachen kann man auch darüber. Unsere Gedanken sind ein großes Gut. Mit Ausdauer angewendet, kommt auch was Brauchbares raus.

Zehn Jahre hat der Polizist an diesem Anwesen gebaut, zehn Jahre habe ich diesen Kerl mit seinen polnischen Schwarzarbeitern verfolgt. Er bezahlte sie nur mit Essen und Trinken. Aber für die Übernachtung in seinen Zimmern sollten sie bezahlen. Ich habe ihn beim Finanz- und beim Ausländeramt angezeigt. Er musste den Laden zumachen. Ich habe meine negativen Gedanken, meinen Ärger, meine Verbitterung und meine Wut losgelassen. Und nun geht die Ehe zwischen dem Polizisten und Lore auch entzwei. Nachdem der Polizist das Anwesen hatte, nahm er sich eine neue Freundin. Ihre große Liebe hat Lore im Alkohol ertränkt. Am Ende ist sie in der Klinik gelandet. Sie hinterlässt zwei Kinder.

Was soll ich nun sagen? Nicht Ja und nicht Nein. Jeder von uns dreien wollte es besser wissen. Am Ende ist alles in die Binsen gegangen.

Umschulung

Beatrice empfahl mir, eine Umschulung über das Arbeitsamt zu machen. Es ging um Bürotechnik. Ich bekam einen internationalen Schülerausweis. Darauf stand: „student“. Was war ich stolz! Ich eine Studentin! Und der Weg ging geradeaus ins Rathaus von Gerlingen. Dort musste ich nur mit Zahlen umgehen und das konnte ich.

Mein Meisterwerk 1985clip_image028

Meine Tochter Andrea hatte keinen Job und hing rum. In der Zeitung fand ich eine Anzeige des Staatstheaters in Stuttgart: Büroangestellte/Sachbearbeiterin gesucht. Ich machte Andrea auf die Anzeige aufmerksam. Sie bewarb sich und bekam die Stelle. Von Andrea erfuhr ich, dass das Theater für das Stück „Wintermärchen“ eine extra Schneiderei aufgemacht hatte und noch Schneiderinnen gebraucht wurden. Ich bewarb mich und wurde genommen. Meine Aufgabe war es, ein Vogelkostüm nach einer Tarot Karte zu gestalten. Dazu musste ich hunderte Stoffstücke ausschneiden und annähen. Ich dachte praktisch und stanzte die Stofffetzen aus, das ging ja viel schneller, als wenn ich alle einzeln ausgeschnitten hätte. Das Vogelkostüm wurde so gut, dass es später im Theater ausgestellt wurde. Leider wurde das Stück abgesetzt, bevor es aufgeführt wurde und die Schneiderei wurde zugemacht und ich verlor meine Arbeit.

Arbeitsplätze

In den folgenden Jahren verdiente ich meinen Unterhalt als Amway-Verkäuferin, Verkäuferin und Strickerin in der Wollstube, Bedienung in der Gaststätte Salamander, als Leiterin der Kantine des Tennisclubs, als Frühstücksmamsell im Goldenen Pflug, als Kassiererin im Asperger Freibad, als Empfangsdame bei einem ägyptischen Heilpraktiker. Insgesamt hatte ich 32 Arbeitsplätze in meinem Leben.

In Riga bei Sarmit

Beatrice lud mich nach Riga ein, es war noch unter russischer Besatzung. Beatrice brauchte mich als Begleitung, weil sie nicht mehr so gut gehen konnte. Wir wohnten bei Sarmit, der Cousine von Beatrice, in Jurmala, direkt an der Ostsee. Dort besuchte ich das Hotel, das vor dem Krieg dem Bruder meines Vaters gehört hatte, den ich nie kennen gelernt hatte. Wem das Hotel inzwischen gehört, weiß ich nicht. Ich schrieb mich in das Hausbuch ein. Ich hatte niemanden, den ich fragen konnte, wie es meinem Onkel ergangen ist. Ich nahm eine Handvoll Erde und roch wieder den Geruch, den ich aus meiner Kindheit kannte. Es war das Gefühl von Heimat. Damit hatte ich auch dieses Kapitel abgeschlossen.

Reise in die DDR nach zwanzig Jahren

Noch vor der Wende, in den siebziger Jahren, besuchte ich Bruder Siegfried, Tante Hanni, Gisela und Rita. Siegfried hatte mich eingeladen, sonst hätte ich ja gar nicht kommen können. Die anderen wussten von meinem Besuch nichts und so stand ich eines Tages einfach im Garten. Alle erkannten mich noch, ich hatte mich nicht verändert. Alle jammern, im HO –Laden kann man nichts ohne Westmark kaufen. Als ich wieder zu Hause war, schickte ich der Rita Gäste aus dem Westen mit Westmark. Nach der Wende baute Rita eine Pension auf ihr Land. Das war meine Idee und sie hat sie umgesetzt. Diese Pension hat sie immer noch.

Religion

Ich habe einen Glauben, ich glaube an die Natur. Es gibt etwas Höheres und das ist die Natur. Gottes Kleid ist die Natur. Es gibt doch keinen Menschen als Gott. Ich kann beten, ich kann singen, ich gehe auch in die Kirche. Beten ist ja, die Gedanken ordnen.

Resümee

Das ungeprüfte Leben ist nicht wert, gelebt zu werden. Ich prüfe, was ich gemacht habe. Kann ich mich nur beschweren? Eigentlich nicht. Ich habe ja immer das Beste draus gemacht. Wenn ich im Luxus gelebt hätte, wäre das ja alles nicht passiert und ich hätte nicht das gelernt, was ich gelernt habe. Das Leben läuft wie eine Uhr ab. Zwischen Geburt und Ableben muss der Mensch seine innere Leere füllen. Wenn ich Kummer habe, will ich darüber sprechen, aber nicht getröstet werden. Den Eimer umkippen und dann geht es wieder weiter. Jedes tröstende Wort ist wie ein Schwert.

Am 28.Februar 2016 feiere ich mit meinen Söhnen und meiner Enkelin Aylin meinen 80sten Geburtstag. Dann kann ich sagen, mein Leben war es wert, gelebt zu werden. Gut und Böse und was ist dazwischen? Ein reines Gewissen. Ein unreines Gewissen plagt den Menschen, bis er krank ist oder im Alkohol versinkt, so wie Lore. Ich habe Telepathie mit Comics verpackt, um all das zu verkraften. Wenn ich zwei Tage an jemanden denke, dann ruft derjenige an. Ich tu da nichts dazu, das ist einfach so.

Mein Symbol ist das Segelboot. „Vorwärts mit Zuversicht“ mein Motto. Aber ohne Hilfe geht es nicht. Man kommt nicht ans Ziel, wenn der Leuchtturm fehlt. Das Meer ist groß, der Wind ist stark, die Wellen brechen über das Boot. Man kann sich noch retten, auch wenn das Segel zerfetzt ist, aber man kommt nass wie eine Ratte ans Land. Ich bin mit Verlusten gestrandet und habe alles beendet. Ich habe den Flaschengeist losgelassen. Wenn ich den Geist aus der Flasche lasse, dann kann der Kummer entweichen und er drückt mich nicht mehr. Ich halte nichts mehr fest.

Nach einem handschriftlichen Manuskript und Erzählung von Margot Erdok. Bearbeitet und ergänzt von Regina Boger 2015/2016.

Fotos: Stina McNicholas

Ein Artikel aus der Stuttgarter Zeitung ohne Datum:

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Mir fehlt ein Stück meines Lebens

Die ersten Jahre in Deutschland

Die Ankunft in Bietigheim-Bissingen war schlimm. Wir lebten zuvor in einem Dorf in Sizilien. In Deutschland war alles kalt, das Klima und die Menschen. Es war, als ob da kein Leben wäre.  Tagsüber waren keine Menschen auf der Straße oder im Hof. Nur ausländische Kinder spielten auf der Straße. Das wurde von den Nachbarn nicht gern gesehen. Die älteren Leute haben die Kinder gern gehabt. Unsere Hausbesitzerin hat sich immer gefreut, wenn sie uns gesehen hat. Sie hat uns dann ab und zu Bonbons oder ein bisschen Geld zugesteckt.

Pina di Gloria mit Schwester DSC_0117

1956 zog meine älteste Schwester mit ihrem Mann nach Deutschland, mein Vater 1963. Zwei Jahre später holte er meine Mutter, mich, meine Zwillingsschwester, meine ältere Schwester und meinen Bruder nach Bietigheim-Bissingen. Meine älteren Geschwister blieben in Italien. Ich bin so alt wie die Zwillinge meiner ältesten Schwester.

Die Schule war schrecklich. Ich war 10 Jahre alt, konnte kein Wort Deutsch und wurde vom Schulleiter einfach in eine Klasse gesetzt. Meine Schwester und ich verstanden kein Wort. Wir  wollten zurück, aber unsere Eltern ließen uns nicht. Zum Glück lernten wir von den Kindern eines deutsch-italienischen Ehepaares etwas Deutsch.  Im nächsten Schuljahr bekamen wir eine sehr nette Lehrerin, die Italienisch sprach. Sie nahm uns in den Arm, wenn wir weinten. Die meisten Lehrer haben uns nicht ernst genommen. Sie haben nicht geglaubt, dass wir Deutsch schreiben konnten und benoteten unsere Arbeiten nicht. Sie glaubten, wir hätten von den deutschen Kindern abgeschrieben.

Meine Eltern wollten wieder zurück nach Italien. Deswegen nahmen sie uns mit 14 Jahren aus der Schule. Wir sollten so früh wie möglich Geld verdienen. Bei der Firma SWF in Bietigheim fing ich als Vespermädchen an. Wir waren mehrere ausländische Jugendliche, die dasselbe machten. Bei SWF gab es viele italienische Landsleute, so hatten wir auch unseren Spaß. Für mich war es erniedrigend, in diesem Alter arbeiten zu müssen. Ich wäre lieber noch auf die Schule gegangen und hätte gern den Hauptschulabschluss gemacht und dann Friseurin geworden. Ich fühlte mich wie eine Gefangene, die funktionieren muss.

Eine strenge Erziehung

Meine Eltern erzogen uns sehr streng. Sie hatten Angst, dass wir mit Jungen etwas anfangen und dann nicht mehr als Jungfrauen in die heiraten könnten. Deswegen durften wir nicht mit Freunden ausgehen. Dabei wollten wir nur mit unseren Freundinnen ausgehen. Wenn wir unsere Eltern etwas fragten, bekamen wir keine richtigen Antworten. Deswegen fingen wir an zu lügen. Wenn ich gelogen habe, haben mir meine Eltern geglaubt. Wir sagten, wir besuchten eine ältere Freundin, sind aber tatsächlich in die Disco gegangen. Wir hatten einen starken Drang nach ein bisschen Freiheit. Unsere Eltern erlaubten nicht, dass wir zum Faschingsfest gingen. Deswegen behaupteten wir, wir gingen zu einem Klassentreffen. Unser alter Lehrer wollte uns mal wieder sehen. In zwei Stunden seien wir zurück. Wir gingen aber auf den Fasching, lachten und tanzten und vergaßen die Uhr. Plötzlich war es zwölf Uhr. „Unsere Eltern bringen uns um“, sagte ich zu meiner Schwester. Als wir nach Hause kamen, brannten alle Lichter. Meine Mutter war in der Küche. Meine Schwester und ich hielten uns an der Hand und rannten die Treppe hinauf. Meine Mutter hinterher. Ich riss die Badezimmertüre auf, meine Mutter erwischte meine Schwester. Ich schloss die Türe ab. Meine Mutter trommelte mit den Fäusten gegen die Türe und schrie: „Mach die Türe auf.“ Ich machte sie aber nicht auf. Meine Mutter schloss von außen auf, ich stemmte mich mit den Füßen gegen die Türe. „Ich springe aus dem Fenster, wenn du mich verhaust!“, schrie ich. Schließlich gab sie auf und verprügelte nur meine Schwester. Ich verbrachte die ganze Nacht im Bad. Am nächsten Morgen war die Wut meiner Mutter etwas verraucht und die Schläge milder. Meine Eltern sprachen eine Woche lang nicht mit uns. Meine Schwester nahm mir lange übel, dass ich mich allein im Badezimmer verschanzt hatte. Aber meine Mutter hatte sie ja schon am Arm gepackt, als ich ins Bad rannte. Ich hatte mich auf eine Art durchgesetzt und das war gut. Drei Monate durften wir gar nicht mehr fortgehen, nur unter der Aufsicht meiner älteren Schwester.

Meine ältere Schwester hatte einen Freund, von dem meine Eltern nichts wussten. Wir gingen zusammen fort, sie traf sich mit ihrem Freund und meine Zwillingsschwester und ich gingen in die Disco. Das ging ein Jahr lang gut. Dann verlobte sich meine ältere Schwester und nahm uns nicht mehr mit.

Erste Liebe

Mit 16 lernte ich meinen Mann kennen. Eine befreundete Familie nahm meine Schwester und mich  zu einer italienischen Weihnachtsfeier mit. Beim Tanzen lernte ich Nico kennen. Er arbeitete in einer Eisdiele in Bönnigheim und fuhr in der Mittagspause nach Bietigheim zu SWF, um sich mit mir zu treffen. Eines Tages saßen wir in Nicos Auto, als mein Bruder vorbei kam. „Wenn er das heute Abend meiner Mutter erzählt, bringt sie mich um“, sagte ich zu Nico. „Dann sag ihr doch, dass morgen ein junger Mann vorbei kommt, der euch kennen lernen will“, schlug Nico vor. Wir vereinbarten 15 Uhr. Ich informierte meine Eltern. Es war Samstag, 15 Uhr. Niemand kam. Es wurde 16 Uhr. Wir wurden unruhig. Schließlich kam er um 17 Uhr mit seinem Vater zusammen. Mein Vater war von dem jungen Mann begeistert und vor allem von seinem Vater.  Hinter meinem Rücken forderten meine Eltern die Papiere, die man zum Heiraten braucht, in Italien an. Eigentlich hatte ich nur ausgehen und ein bisschen Tanzen gewollt.  Ein Jahr später waren wir verheiratet. Ich hatte mich durch die Heirat von meiner Familie befreit, und nun hatte ich eine neue Verpflichtung. Gott sei Dank war Nico immer sehr nett.

 

Familie und Arbeit

Mit 18 habe ich geheiratet, mit 19 bekam ich mein erstes Kind, Domenico. Ein Jahr später kam Maurizio. Meine Eltern gingen nach meiner Heirat zurück nach Italien, zu meinen Geschwistern nach Mailand. Die Eltern Nicos lebten auf Sardinien. Ich fühlte mich im Stich gelassen und überfordert. Nach der Geburt von Maurizio starb meine Mutter. Das war eine schlimme Zeit. Es war eine große Verpflichtung, für zwei kleine Kinder zu sorgen. Ich war den ganzen Tag allein mit den Kindern und musste alles allein bewältigen. Nico arbeitete von morgens bis Mitternacht in der Eisdiele. Ein bisschen Kontakt hatte ich zu meinen Schwägerinnen und zu einigen wenigen Freunden. Das war für eine junge Mutter nicht genug. Ich war so verzweifelt, dass ich mein Leben beenden wollte.

„Such dir eine andere Arbeit, ich mach‘ das nicht mehr mit“, sagte ich zu Nico. Nico sah meine Not und suchte sich eine Stelle bei SWF. Aber das war nicht sein Leben. Deswegen fing er nach einiger Zeit wieder in einer Eisdiele an, diesmal in Ludwigsburg. Der Lohn war so gering, dass er davon keine Familie ernähren konnte. Deswegen hörte er dort auf und arbeitete zwei Jahre lang bei Mann und Hummel. Ich war froh, dass er nur acht Stunden am Tag arbeiten musste und wir die Abende und Wochenenden miteinander verbringen konnten. Schließlich bekam  er ein Angebot von einer Eisdiele, von Olivier. Das Gehalt war so hoch wie das bei Mann und Hummel. Außerdem konnte er dort Schicht arbeiten. Auch ich habe in der Eisdiele gearbeitet.  Von sechs bis acht Uhr morgens habe ich die Eisdiele geputzt. Nico war solange bei den Kindern. Wen ich nach Hause kam, brachte ich die Kinder in den Kindergarten und in die Schule. Das ging so lange, bis meine Söhne ihre Lehre beendet hatten. Danach arbeitete ich den ganzen Vormittag in der Eisdiele.

Selbständigkeit

Herr Betz, der Besitzer der Eisdiele, baute eine kleine Eisdiele in der Kirchstraße. Außer Nico arbeitete dort kein Kellner gern.  Herr Betz bot Nico an, diese Eisdiele zu übernehmen. Nico war 50 und er fragte sich, wie lange er noch als Kellner arbeiten könnte. Die Eisdiele in der Kirchstraße lief gut und wir beschlossen, das Risiko einzugehen. Das erste Jahr arbeitete ich arbeitete weiterhin morgens bei Olivier. Weil es in unserer Eisdiele so viel zu tun gab, gab ich meine Arbeit bei Olivier auf.

Nun sind wir schon 15 Jahre selbständig. Mir macht die Arbeit Spaß. Durch sie habe ich viele Freunde gewonnen. Viele unserer Kunden wurden zu Freunden. Es gibt so viele herzliche und offene Gespräche. Mir macht diese Arbeit sehr viel Freude. Jetzt sind wir unser eigener Herr. Wenn man für jemanden anderes arbeitet, macht man es nie hundertprozentig richtig. Wenn dich jemand unterdrücken will, macht er es. Es war eine richtige Entscheidung. Aber auf der anderen Seite raubt mir die Eisdiele meine Familie. Ich habe keine Zeit, meine Enkel zu genießen. Ich bin froh, dass ich Kinder habe und dass aus ihnen etwas geworden ist. Sie haben mir Kraft und Freude gegeben.

Mir fehlt ein großes Stück meines Lebens. Als ich jung war, hatte ich die Vorstellung, zuerst auf eigenen Füßen zu stehen. Das fehlt mir. Ich war nie wirklich frei.

Religion

Ich glaube an Gott, aber ich mache mir nichts aus der Kirche. Den Glauben trage ich in meinem Herzen.

Heimat

Ich will hier bleiben, auf keinen Fall zurück nach Italien. Was soll ich dort? Ich kenne ja niemanden in Italien. In den letzten Jahren hat mich die Sehnsucht nach Italien geplagt. In den 44 Jahren, in denen ich in Deutschland lebe, war ich nur zwei Mal in Sizilien. Als ich das erste Mal nach Sizilien geflogen bin, saß ich mit klopfendem Herzen im Flugzeug. Traurigkeit und Freude waren gleichzeitig in mir. Ich habe den ganzen Flug über nur geheult. Als ich in das Dorf kam, hatte ich das Gefühl, immer dort gewesen zu sein. Obwohl unser Haus nur noch eine Ruine war, habe ich mich sehr gefreut, dort zu sein. Es war schön, meine Verwandten zu besuchen. Mein Cousin und ich lagen uns lachend und weinend in den Armen. Wir konnten nicht glauben, dass wir uns nach 44 Jahren wiedersahen.

Ich liebe Ludwigsburg. Es ist meine Heimat. Hier habe ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht. Ludwigsburg gehört zu mir. Die Kirchstraße ist immer voll. Hier ist Leben. Ich mag alle Nationalitäten. Alle haben schöne Seiten. Die Türken sind die höflichsten Menschen. Auch Bietigheim liebe ich. Es war meine erste Stadt in Deutschland.

Flüchtlinge

Die Flüchtlinge tun mir Leid. Ich fühle mit ihnen. Es ist schwer, aus der Heimat weggehen und alles zurücklassen zu müssen. Diesen Schritt haben sie nicht gern gemacht. Jeder hat einen guten Grund, weshalb er  weggehen muss. Das Wort „Flüchtlinge“ hört sich so hart an, so bestrafend. Ich habe keine Angst vor den Flüchtlingen. Jeder kriegt ein bisschen, was er braucht. Ich glaube nicht, dass sie mit großen Erwartungen kommen.

Wünsche

Ich möchte mal allein, ganz allein verreisen. Zwei bis drei Wochen würden mir reichen, irgendwo am Meer, in einem kleinen Fischerdorf. Spaziergänge am Meer. Das ist alles, was ich mir wünsche. Die Arbeit hindert mich, mir diesen Wunsch zu erfüllen. Ende Oktober schließen wir die Eisdiele. Dann müssen wir liegen gebliebene Sachen erledigen. Danach machen wir ein bisschen Urlaub. Aber er will mit. Wir stören uns nicht. Wenn ich allein an den Strand will, mache ich das. Einfach nichts tun und nichts denken.

Erzählt von Pina die Gloria, aufgeschrieben von Regina Boger im Oktober 2015

Ich hätte gern Mathematik studiert

Ali Riza Aslan

Herkunft

Ich wurde am 2. Mai 1950 als zweites von fünf Kindern in Pülümür bei Tunceli in Ostanatolien geboren. Meine Familie gehört den kurdischen Aleviten an. Mein Vater war Bauer, Maler und Schreiner. Pülümür bestand aus 68 Dörfern. In meinem Dorf lebten nur 48 Familien.

Die nächste Schule war eine drei viertel Stunde zu Fuß entfernt. Deswegen zog ich für das erste Schuljahr zu meiner Tante, in deren Ort gab es eine Schule. Im nächsten Schuljahr wohnte ich wieder bei meiner Familie und ging jeden Tag die drei viertel Stunde zur Schule und wieder zurück. Die letzten zwei Jahre besuchte ich eine Schule, die nur 25 Minuten von meinem Dorf entfernt war. In fünf Jahren besuchte ich also drei Schulen. Als ich in der zweiten oder dritten Klasse war, kam einmal der Schulinspektor, ein sehr strenger Mann. Sogar unser Lehrer hatte Angst vor ihm. Der Inspektor stellte der vierten oder fünften Klasse eine sehr schwierige Rechenaufgabe. Kein Schüler konnte sie beantworten. Der Inspektor schimpfte mit den Schülern. Dann fragte der Inspektor die zweite oder dritte Klasse. Ich und mein Freund waren in dieser Klasse und wir waren die einzigen, welche die Aufgabe lösen konnten. Der Inspektor beauftragte uns, den älteren Schülern, welche die Aufgabe nicht lösen konnten, zur Strafe mit dem Lineal auf die Hände zu schlagen.  Wir hatten Angst, dass die älteren Schüler uns verprügeln würden, wenn wir es machten und Angst, dass der Inspektor uns verprügeln würde, wenn wir es nicht machten. Unsere Angst vor dem Inspektor war größer als die Angst vor den älteren Schülern und wir gaben die Tatzen. Unser Lehrer drohte den älteren Schülern, er würde sie aus der Schule werfen, wenn sie es wagen würden, die beiden Rechen-Asse zu verprügeln.

Mit 15 Jahren schloss ich die Grundschule ab. Die Mittelschule war 14 km entfernt. Um die Mittelschule besuchen zu können, hätte ich an dem Ort wohnen müssen. Aber mein Vater hatte kein Geld, um ein Zimmer zu bezahlen. Das war sehr bitter für mich. Ich hätte nämlich gern Mathematik studiert.

In Pülümür gab es zu jener Zeit keinen Strom. Mein Vater hatte ein Grammophon mit Batterie gekauft und spielte darauf Schallplatten ab, auf denen zwei Sängerinnen Lieder sangen. Zwei alte Damen des Dorfs schauten das Grammophon genau an, vor allem den Trichter und fragten dann meinen Vater: „Wie haben Sie es fertig gebracht, die beiden Sängerinnen in diesen kleinen Apparat zu stecken?“ Im ganzen Dorf gab es vielleicht ein oder zwei Radios.

1967 musste mein älterer Bruder zum Militär. Deswegen musste ich zu Hause  in der Landwirtschaft arbeiten. Ich versorgte die Kühe und die Ziegen, mähte Gras, machte Heu für den Winter. In Pülümür ist es fünf bis sechs Monate Winter  und drei Monate Sommer. Das Leben dort ist sehr hart. Wir bauten Gemüse im Garten an. Aus der Milch der Kühe und Ziegen machten die Frauen Butter und Käse.  Der Käse, das waren etwa 30 – 40 kg, lieferte uns im Winter das Eiweiß. Die restlichen Lebensmittel, Bohnen, Linsen,  Zucker, Zwiebeln, Mehl und Kartoffeln kauften wir in der Stadt und luden es den Maultieren auf die Rücken, die sie in unser Bergdorf trugen. Die Wege waren damals  dort so schmal, dass nur Maultiere auf ihnen gehen konnten.

Im Dorf gab es einen Heiler, der Wunden, Knochenbrüche und Krankheiten heilen konnte. Das war eigentlich illegal, weil er nicht staatlich anerkannt war. Aber was hätten wir machen sollen? Einen Arzt gab es ja nicht.

Arbeit in Deutschland

Mit der Landwirtschaft und dem  Handwerk verdiente mein Vater nicht genug, um die Familie zu ernähren. Einige Männer aus dem Dorf gingen nach Deutschland, um dort zu arbeiten. Als sie zurück in Urlaub kamen, trugen sie auf dem Kopf Hüte und ein Tonbandgerät unter dem Arm. Es gab auch ein Plakat, auf dem Männer abgebildet waren, die wie Könige gekleidet waren. Wir glaubten, in Deutschland müsse das Geld auf der Straße liegen. Mein Vater wollte auch nach Deutschland, um in wenigen Jahren viel Geld zu verdienen. Er erkundigte sich bei den Verwandten und den Männern aus dem Dorf, die in Deutschland arbeiteten, wie man nach Deutschland komme.

1968 flog mein Vater mit einer Touristengruppe nach Frankreich. Von dort reiste er nach Deutschland ein und zwar nach Stuttgart. Dort bekam er eine Stelle bei der „Deutschen Asphalt“. Ein Jahr später bekam er eine Stelle bei der Firma Streicher in Asperg. Bei Streicher arbeiteten schon 30 bis 40 Leute aus seinem Dorf. 1970 holte er meinen Bruder nach. Dies war möglich, weil die Firma Streicher ihn angefordert hatte. 1972 lud mein Vater mich im Rahmen der Familienzusammen-führung ein. Über Beziehungen besorgte er mir eine Stelle bei der „Deutschen Asphalt“. Der Vertrag war auf ein Jahr befristet. Nach einem Jahr konnte man eine unbefristete Arbeitserlaubnis bekommen. Nach fünf Monaten kündigte ich, weil die Arbeit zu schwer für mich war. Ich hatte keine Arbeitserlaubnis, bewarb mich aber trotzdem bei der Firma Krone. Der Personalchef konnte mich gebrauchen und beantragte für mich beim Arbeitsamt eine Arbeitserlaubnis, die ich problemlos bekam. Der Grund war der Arbeitskräftemangel.  Ich hätte am nächsten Tag anfangen können. Aber mein Vater sagte: „Du gehst nicht zu Krone. Dort arbeiten 60 Prozent Frauen und 40 Prozent Männer. Wir würden dich an eine Frau verlieren. Such dir eine andere Arbeit!“ Ich verstand meinen Vater nicht, machte aber, was er von mir verlangte. Ich bekam dann eine Stelle bei Mahle in Markgröningen, wo ich sogar besser bezahlt wurde. Anstatt 6,30 DM bekam ich 6,60 DM auf die Stunde. Bei Mahle arbeitete ich von 1973 bis 1989. Zuerst war ich in der Entgraterei eingesetzt, nach sieben Monaten holte mich der Meister in die Kolbendreherei. Dort blieb ich bis 1989.

Am Anfang wohnte ich bei meinem Vater in einem Zimmer mit fünf Betten im Wohnheim der Firma Streicher. Später wohnte ich mit meinem Vater und meinem Bruder in einer kleinen Wohnung in Asperg. Mein Vater und ich gaben unserem Bruder unseren gesamten Lohn. Er zahlte uns ein Taschengeld aus, den Rest zahlte er auf unsere Sparbücher ein. Jeder hatte sein eigenes Sparbuch.

Bei Mahle war ich der fünfte Türke. Mit den anderen Türken hatte ich nichts zu tun. Innerhalb eines halben Jahres konnte ich Deutsch. Die deutschen Kollegen brachten mir bei der Arbeit Deutsch bei.

Mein Meister wollte, dass ich eine Berufsausbildung mache.  Das hätte ich auch gern gemacht. Aber mein Vater wurde so schwer krank, sodass ich die Ausbildung nicht machen konnte. Er kam mit einer Hirnblutung kam ins Krankenhaus. Ich besuchte ihn mehrmals die Woche. Obwohl mein Vater vor mir nach Deutschland gekommen war, konnte er nicht Deutsch. Ich musste alles für ihn übersetzen, auch die Gespräche mit den Ärzten. Ich arbeitete Nachtschicht, damit ich tagsüber bei meinem Vater sein konnte. Ich wäre schief angeguckt worden, wenn ich das nicht gemacht hätte. Im Krankenhaus operierten sie ihn. Danach hatte er keine Schädeldecke mehr. Weil er Gedächtnisstörungen hatte, kam er in die Psychiatrie nach Winnenden. Die Ärzte vermuteten, er habe Alzheimer. An den Wochenenden holte ich ihn nach Hause, das beschleunigte seine Genesung.

Nach sieben Monaten wurde mein Vater aus dem Krankenhaus entlassen. Er war etwa zwei Wochen zu Hause, als er eines Morgens verschwunden war. Wir suchten ihn drei Tage lang. Zuerst nur ich und meine Verwandten, dann auch die Polizei und die Kollegen. Wir suchten alle Wege in Asperg ab, fanden aber keine Spur. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Nach drei Tagen klingelte ein Polizist an der Tür: „Wir haben Ihren Vater in Hessigheim gefunden“, sagte er, kommen Sie bitte mit nach  Besigheim!“ Meine Verwandten und ich fuhren nach Besigheim, wo unser  Vater im Leichenschauhaus lag. Mit Hilfe der Polizei fanden wir heraus, dass mein Vater in der glühenden Sonne zu Fuß nach Tamm gelaufen war. Er hatte ja keine Schädeldecke mehr und keinen Hut auf dem Kopf. Die Sonne musste ihm sehr zugesetzt haben. In Tamm wurde er von einem Autofahrer mitgenommen. Weil er nicht reden konnte und von der Sonne wahrscheinlich ausgetrocknet war, hielt ihn der Autofahrer für betrunken und setzte ihn in Hessigheim ab. Dort schleppte er sich zu den Gärten und legte sich ins Gras. Zwei Tage später fand ihn eine Frau, die in ihrem Garten arbeitete. Sie rief die Polizei, die aber nur noch seinen Tod feststellen konnte.

Nach dem Tod meines Vaters war ich häufig krank. Ich hatte Depressionen und Probleme mit der Lendenwirbelsäule. 1986 kam ich in eine psychosomatische Klinik. Dort erzählte ich einem Therapeuten meine Geschichte. Ihm fiel auf, dass meine Erzählungen immer um den Tod meines Vaters kreisten. Er erkannte, was mir bis dahin nicht klar gewesen war: Ich fühlte mich schuld am Tod meines Vaters. Ich warf mir vor, dass ich ihn einige Minuten aus den Augen gelassen hatte. Wenn ich besser auf ihn aufgepasst hätte, wäre er noch am Leben. Dieser Gedanke verfolgte mich Jahre lang.

1987 wurde ich befristet erwerbsunfähig geschrieben und bekam eine Erwerbsunfähigkeitsrente. Das Arbeitsverhältnis bestand aber weiter. 1989 kündigte ich, weil mir die Firma eine Abfindung angeboten hatte, wenn ich kündigen würde. Ich fand eine Stelle bei einer Import-Exportfirma. Dort arbeitete ich sieben Jahre lang. 1997 ging diese Firma Konkurs. Danach war ich arbeitslos. Ein Jahr später bekam ich über einen Freund eine Stelle in Worms, wo ich als Kontrolleur von Rohrlegern arbeitete.

Überregionale Arbeit in der Alevitischen Föderation

In Köln wurde ich Mitglied im Vorstand der alevitischen Föderation AABF. Gleichzeitig war ich Vorsitzender der Alevitischen Gemeinde in Ludwigsburg. Nach einem halben Jahr gab ich den Vorsitz an Sükrü Elmali ab, blieb aber Mitglied im Vorstand. Im Januar 1999 trat ich zusammen mit fünf Vorstandskollegen aus dem Vorstand aus, weil zwischen uns und dem Vorsitzenden Meinungsverschiedenheiten über die Art der Vorstandsarbeit bestanden.

Mein befristeter Arbeitsvertrag mit der Wormser Firma wurde nicht verlängert, weil zwischen mir und dem Vorsitzenden der AABF Meinungsunterschiede bestanden. In der türkisch sprachigen Zeitung Hüriyet erschienen mehrere Artikel über die Gründe, weshalb ich bei der Wormser Firma nicht weiterbeschäftigt wurde. Ich wurde dabei in einem positiven Licht dargestellt, der Vorsitzende der AABF in einem negativen. Hüriyet versuchte, mich gegen den Vorsitzenden der AABF auszuspielen. Diese Intrige zog sich ein halbes Jahr hin. Dadurch wurde der Ruf vieler Leute zu Unrecht beschädigt, auch meiner.  Danach wollte ich mit Politik und den Aleviten nichts mehr zu tun haben.

Rente

2004 – 07 arbeitete ich bei Kingkebab. Diese Firma stellt Dönerfleisch her. Ich war für den Transport und Vertrieb in Europa zuständig. Durch den ständigen Wechsel vom Kühlhaus ins Büro und ins Freie wurde ich krank. 2007 ging ich in Rente.

Tünceli-Verein

1999 veranstalteten die Tünceli-Vereine aus ganz Europa in Tünceli ein Kulturfestival zur Erinnerung an das Massaker 1937/38, bei dem das türkische Militär 10 000 Kurden oder mehr ermordet hatte. Ziel des Festivals war die Pflege der Sprache, der Musik und der Tänze. Ich war 2001/02 zuständig für den Kontakt mit dem Bürgermeister und für die Koordination und Planung des Festivals. 2005 trafen sich die MigrantInnen aus Tünceli in Dortmund. Wir gründeten eine Föderation der Tünceli-Vereine in Deutschland. Ich wurde zum zweiten Vorsitzenden gewählt.

 

Engagement bei den Aleviten in Ludwigsburg

1995 gründeten 27 Leute den alevitischen Verein. Ich war Gründungsmitglied und wurde zum Vorsitzenden gewählt.  Am Anfang trafen wir uns in verschiedenen Privatwohnungen und Häusern. 1996 mieteten wir eine Fabriketage in Möglingen, die wir selbst renovierten. In kurzer Zeit wuchs die Mitgliederzahl auf 100 an. Zur Einweihung kamen 400 Leute, unter anderem Cem Özdemir, Abgeordneter der Grünen im Bundestag, ein Vertreter des AABF und der Vorsitzende des alevitischen Vereins in Stuttgart. Als Dank für mein Engagement schenkte mir der Vorstand einen riesigen Blumenstrauß. Ich gab ihn vor allen Leuten an meine Frau weiter, denn ohne ihre Unterstützung hätte ich diese Arbeit nie leisten können. Meine Frau wollte sich bedanken, aber Tränen der Freude erstickten ihre Stimme. Sie war so überwältigt, dass sie nur noch weinen konnte. Dies werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen. Bei der Eröffnung veranstalteten wir auch einen Cem. Damit nahmen wir eine alte Tradition wieder auf. Beim Cem spricht der Dede über die alevitischen Werte: Nächstenliebe, Geduld und Bescheidenheit. Der Dede ist sowohl geistiger Führer als auch Richter bei Streitigkeiten. Ich werde nie vergessen, dass während des Cem eine Frau aufstand und eine Streitigkeit zwischen ihr und einer anderen Frau vorbrachte. Der Dede bat die andere Frau um die Darstellung ihrer Sichtweise. Nachdem er beide Seiten angehört hatte, machte er einen Vorschlag zur Lösung des Streits. Beide Frauen nahmen den Vorschlag an, umarmten und küssten sich.

Das alevitische Zentrum war jeden Tag geöffnet. Es gab eine Theatergruppe, Folkloretanz, Saz-Unterricht, Deutschkurse und Alphabetisierungskurse für Frauen. Für alle Kurse hatten wir gute Lehrer und Lehrerinnen.

1997 führte die Alevitische Gemeinde zusammen mit der IG Metall, der Stadt Ludwigsburg und dem Landratsamt eine Werbeaktion für TürkInnen durch, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen. Das Landratsamt unterstütze uns unbürokratisch, sodass  die Aktion ein großer Erfolg wurde. Viele deutsche Politiker wussten nichts über die Aleviten. Zum gegenseitigen Kennenlernen luden wir den damaligen Verkehrsminister Matthias Wissmann und alle Bürgermeister und Gemeinderäte ein.

Mit dem Verein demokratischer türkischer Unternehmer in Stuttgart veranstalteten wir einige wichtige Diskussionen: Wie können alevitische Vereine mit türkischen zusammenarbeiten? Wie können wir türkischen Migranten in Deutschland helfen? Dadurch bekamen wir wichtige Anregungen für Kurse für türkische MigranInnen.

2003 teilte uns die Firma Krieg mit, dass sie uns die Räume nicht länger vermieten wolle. Wir suchten nach eigenen Räumen und fanden sie schließlich in Ludwigsburg. Es waren die still gelegten Räume der Firma Krone in der Osterholzallee. Zum Kauf des Gebäudes nahmen wir bei der Kreissparkasse einen Kredit auf.  Um den Kredit zu tilgen, vermieteten wir einen großen Teil des Gebäudes. Wir belegen nur zwei Stockwerke und den Keller. Im ersten Stock befinden sich der Frühstücksraum, die Cafeteria, die Küche und Räume für den Glaubensrat, den Frauenausschuss, den Jugendausschuss und den Vorstand. Im Saal im zweiten Stock finden Veranstaltungen, der Cem, Trauerrituale, Hochzeiten und Feste statt. Inzwischen hat unser Verein nahezu 500 Mitglieder. 2008 legte ich mein Amt als Vorsitzender nieder, weil wir im Vorstand unterschiedlicher Meinung waren. Aber ich arbeite noch immer in der Alevitischen Gemeinde mit, weil ich mich dort zu Hause fühle, unter Menschen mit derselben Kultur und demselben Glauben.

Familie

Meine Eltern schlugen mir meine Braut vor. Es war meine Cousine  Fintoz aus demselben Dorf. Nachdem ich  meinen Militärdienst 1971 beendet hatte, heirateten wir. Meine Frau war schwanger, als ich 1972 nach Deutschland ging. Unsere erste Tochter wurde 1973 in der Türkei geboren. Zwei Jahre später übersiedelte meine Frau mit unserer Tochter nach Deutschland. 1976 wurde unser zweiter und 1978 unser dritter Sohn geboren. Wir lebten in einer drei-Zimmer-Wohnung in Asperg. 1980 kauften wir mit meinem Schwager zusammen ein Haus in Asperg. 2005 kauften wir im Zentrum Aspergs mit Blick auf den Hohen Asperg eine schöne neue Wohnung. Diese Wohnung werde ich nie mehr verlassen.

Meine Tochter verließ nach der achten Klasse das Gymnasium und machte anschließend den Hauptschulabschluss, danach eine Ausbildung zur Bürokauffrau. Heute arbeitet sie als Chefsekretärin. Sie ist mit einem Aleviten verheiratet und hat eine Tochter.

Unsere Söhne machten nach dem Hauptschulabschluss Ausbildungen bei der Firma Collini in Asperg. Der ältere Sohn war verheiratet, hat zwei Söhne, ist inzwischen aber geschieden. Wir möchten, dass eine Ehe ein Leben lang hält, aber wenn ein Ehepaar nicht mehr zusammen leben kann oder will, ist auch eine Scheidung möglich. Der zweite Sohn ist ebenfalls verheiratet und hat eine Tochter. Er arbeitet inzwischen als Ausbilder und führt Mitarbeiterschulungen durch. Beide Söhne sind mit Alevitinnen verheiratet.

Ich bin froh, in Deutschland zu leben. Hier habe ich politische Freiheit und Glaubensfreiheit. Hier habe ich meinen Glauben gefunden und kann ihn praktizieren, ohne unterdrückt oder verfolgt zu werden.

Erzählt von Ali Riza Aslan, aufgeschrieben und bearbeitet  von Regina Boger.

 

 

 

 

 

Ich komme aus Ludwigsburg

Ich komme aus Ludwigsburg! Ich empfinde Deutsch als meine Muttersprache

Günes, 3. Generation

Ich wurde 1992 geboren, bin heute also 21 Jahre alt. Meine Mutter brachte mich im Krankenhaus Ludwigsburg zur Welt. Die Geburt im Krankenhaus ist bei uns Standard. Hausgeburten gibt es bei uns nicht. Als kleines Kind sprachen meine Eltern Türkisch mit mir. Erst im Kindergarten lernte ich Deutsch. Ab da sprach ich überwiegend Deutsch. Ich empfinde Deutsch als meine Muttersprache. Meine Eltern sprechen Türkisch, das mit Kurdisch vermischt ist. Wenn Sie über etwas reden, was mein Bruder und ich nicht verstehen sollen, reden sie Kurdisch miteinander. Das ist ihre Geheimsprache.

Schule und Beruf

Nach der Grundschule besuchte ich die Hauptschule in Eglosheim. Nachdem wir nach Grünbühl gezogen waren, wechselte ich auf die Justinus-Kerner Schule in der Stadtmitte. In meiner Klasse waren 90% der Schüler Sunniten. Am Anfang waren sie nett zu mir. Als ich ihnen gesagt hatte, dass ich Alevitin bin, haben sie mich links liegen lassen. Heute würde ich sagen, dass sie mich gemobbt haben. Nach der siebten Klasse Hauptschule wechselte ich auf die Realschule und machte dort die Mittlere Reife. In der Mathilde-Planck-Schule besuchte ich das Duale Berufskolleg Soziales. Dreieinhalb Tage in der Woche arbeitete ich im Krankenhaus, eineinhalb Tage hatte ich Unterricht. Ich dachte, ich könnte dann im Anschluss das einjährige Berufskolleg zum Erwerb der Fachhochschulreife erlangen. Erst als es zu spät war, erfuhr ich, dass ich mich für dieses Berufskolleg hätte bewerben müssen. Zugegeben, meine Noten waren auch nicht so besonders. Ich habe in der Zeit nicht so gern für die Schule gelernt. Ich bewarb mich danach für eine Ausbildung zur Kinderkrankenpflegerin. Die Ausbildung begann aber erst im nächsten April. Um die Zeit zu überbrücken, jobbte ich. Dadurch habe ich viel Zeit verloren. Im ersten Halbjahr an der Krankenpflegeschule hatte ich zwei Arbeitseinsätze im Krankenhaus, die restliche Zeit war Unterricht. Das Personal auf der Station im Krankenhaus erwartete, dass ich sie nach Krankheitsbildern und Fachbegriffen fragte. Das tat ich auch, aber nicht so häufig. Jedenfalls machten sie mir nach dem Arbeitseinsatz zum Vorwurf, dass ich zu wenig gefragt hätte. Außerdem warfen sie mir einen Verstoß gegen die Dienstvorschrift vor. Ich hatte mein Handy in der Hosentasche, weil ich einen Anruf meines Bruders erwartete. Das Handy klingelte nach Dienstschluss, aber ich war noch auf der Station und so hörte das Personal mein Handy klingeln. Ich entschuldigte mich, aber mein Lehrer akzeptierte meine Entschuldigung nicht. Obwohl der zweite Arbeitseinsatz gut verlief, kündigte mir das Krankenhaus am Ende der Probezeit. Ich fühlte mich von der Schule nicht wirklich anerkannt. Das Krankenhaus bot mir an, die Ausbildung zu wiederholen. Zur Überbrückung hätte ich auf der neurochirurgischen Station als Pflegeassistentin arbeiten können. Nach einem Probearbeitstag auf dieser Station sagte mir die Stationsleiterin: “Sie passen nicht in unser Team!“ Ich fühlte mich tatsächlich fehl am Platz, ich wollte ja Kinderkrankenpflegerin werden.

Nun stand ich vor einer Schwarzen-Loch-Welt. Ich hatte die Ausbildung abgebrochen und keinen Job. Dazu kam der Druck von außen: Was machst du jetzt? Meine Eltern machten sich Sorgen um mich. Sie wollten, dass ich eine Ausbildung mache. Mein Vater sagte nicht viel, er ist sehr ruhig. Meine Mutter sprach mehr mit mir über meine Zukunft.
Eine Bekannte machte mich auf das Abendgymnasium aufmerksam. Sie ist dreißig und studiert. Sie ermutigte mich, das Abitur auf dem Abendgymnasium zu machen. „Wir haben doch Zeit!“, sagte sie. Mein Ziel muss ja nicht sein, mit 25 Jahren verheiratet zu sein und Kinder zu haben. Ich will erst einmal etwas aufbauen und auf eigenen Beinen stehen. Heiraten will ich erst gegen 30, wenn der richtige Typ kommt. Mein Ziel ist, das Fachabitur zu machen. Neben der Schule arbeite ich auf 400-Euro-Basis. Ich möchte meine Eltern nicht unnötig finanziell belasten. Ich wohne noch bei ihnen. Ich lege immer etwas Geld beiseite, für Notfälle und zur Sicherheit.
Mein Berufswunsch ist schwer zu realisieren, aber er ist realisierbar. Meine Gedanken kommen immer zum selben Punkt: Ich möchte eine künstlerische Richtung einschlagen – Tanz, Theater und Gesang.

Türken sind nicht so offen wie Deutsche, sie sind mehr auf Sicherheit bedacht. Die Deutschen lassen sich eher auf neue Erfahrungen ein. Meine Eltern sähen mich lieber in einer Bank mit einem geregelten Tagesablauf als in einem künstlerischen Beruf, der unsicher ist. Man weiß nie, was morgen kommt. Eltern wollen das Beste für ihre Kinder, gehen aber wenig darauf ein, was die Kinder wollen. Wenn ich im Büro arbeiten müsste, würde ich nach einem Ausgleich suchen, zum Beispiel Tanzen oder Körpertraining.
Ich beobachte gern Menschen. Nach der Schule setze ich mich gern auf eine Bank und sehe den Menschen zu, die vorübergehen. Mir ist aufgefallen, dass Menschen oft in Hektik leben. Wenn man in Hektik ist, nimmt man andere Menschen nicht wahr. Umso schöner ist es, wenn Leute mal lächeln können. „danke“ oder „tschüss“ sagen. Ich erwische mich auch manchmal, dass ich hektisch bin, zum Beispiel, wenn ich bei Aldi in der Schlange stehe. Dann sage ich mir: “Lächle!“ und dann lächle ich und meine Stimmung wird gleich besser. Manche verstehen das nicht, aber ich finde es sehr interessant, Menschen zu beobachten. Auch wenn ich einen Film ansehe, mache ich oft die Mimik und Gestik der Schauspieler und Schauspielerinnen nach.

In der S-Bahn sind die Menschen meist mit ihrem Handy beschäftigt. Sie nehmen selten Kontakt mit anderen auf. Manchmal regt man sich über Menschen auf, ohne die Gründe für ihr Verhalten zu kennen. Einmal stand ein Mann im Zug am Fenster und rauchte. Viele regten sich über ihn auf, weil Rauchen im Zug verboten ist. Vielleicht hatte er einen harten Tag hinter sich oder etwas Schlimmes erlebt, sodass er zur Entspannung rauchen musste.

Eltern und Familie
Mein Vater kam mit 26 Jahren nach Deutschland. In der Türkei hatte er Pädagogik studiert. Zuerst war er Lehrer, später arbeitete er bei einer Bank. Meine Mutter kam als Kind nach Deutschland. Mein Vater lernte meine Mutter kennen, als sie in der Türkei Urlaub machte. Ihretwegen kam er nach Deutschland.
Mein Vater arbeitet in Deutschland nicht in seinem Beruf, sondern als angelernter Arbeiter in der Fabrik, weit unter seiner Qualifikation. Mir tut sehr, sehr Leid, dass er so hart arbeitet. Er arbeitet im drei-Schicht-Rhythmus. Ich finde, er ist überarbeitet. Mein Vater ist ein sehr ruhiger und zurückhaltender Mensch. Er ist sehr sportlich. Er hat meinen Bruder und mich zum Karatetraining mitgenommen. Mein Bruder und ich haben dann zu anderen Sportarten gewechselt. Mein Vater ist bei Karate geblieben.
Meine Mutter ist das Gegenteil meines Vaters. Sie ist sehr aktiv. Sie redet gern und viel, sie kann auch Leute gut unterhalten. Sie hat nach dem Hauptschulabschluss keine Ausbildung gemacht, sondern als Verkäuferin gearbeitet. Als wir kleinwaren, hatte sie einen 400-Euro-Job, jetzt hat sie eine volle Stelle.
Meine Mutter ist extrem ordentlich und sauber. Ich bin gelassener, kann mehr Unordnung ertragen. Bei mir können Kleider rumliegen, ohne dass der Tag gleich untergeht. Meine Mutter macht einen Aufstand, wenn sie nach Hause kommt und es ist nicht aufgeräumt. Meine Mutter ist wie ein Vulkan. Mein Vater ist diszipliniert, gelassen, nicht gleich so aufgebracht, eher wie ein ruhiger See.
Mein Bruder besuchte die Hauptschule. Jetzt besucht er die zweijährige Berufsfachschule, um den Realschulabschluss zu machen.

Leben in zwei Kulturen
Unsere Leute sind nicht so offen. Ich könnte denen nie erzählen, was ich so mache. Bauchtanz zum Beispiel kommt aus dem Orient, aber Türken finden ihn zu erotisch. Ich will mich dieser Kultur gar nicht anpassen.
Meine Eltern sind offen für Vieles. Ich durfte ins Ballett gehen, synchron schwimmen und Karate machen. Aber Paartanz wollen sie nicht wegen des Körperkontakts zwischen Mann und Frau. Ich darf einen Freund haben, meine Eltern erlauben das. Aber andere Eltern nicht. Extrem wichtig ist, was andere Leute über einen denken. Doch meine Eltern würden hinter mir stehen, auch wenn ich gegen türkische Verhaltensweisen verstoßen würde. Mit meiner Mutter kann ich auch über Sex sprechen.
Warum soll ein Junge Sex haben und ein Mädchen nicht? Als sich bei meiner Mutter ihre Freundinnen trafen, hörte ich, wie sie über Sex sprachen. Meine Mutter sagte zu einer Freundin. “Was ich mit meinem Mann habe, ist etwas Schönes. Warum soll es meine Tochter nicht haben?“ Die anderen Frauen schauten etwas merkwürdig drein, als sie meine Mutter so reden hörten. Sie waren offensichtlich anderer Meinung, sagten es aber nicht. Meine Mutter will aber, dass ich nur Sex mit einem Mann habe. Von vielen Mädels habe ich gehört, dass sie total Angst vor der Hochzeitsnacht haben, weil da so ein großer Druck aufgebaut wird. Meine Mutter vertraut mir. Ich konnte ihr von meinem Freund erzählen. Ich wollte ihn nicht verheimlichen, so wie das andere Mädels machen.

Religion
Meine Eltern sind Aleviten, sie glauben an Allah. Mein Bruder und ich sind nie mit diesem religiösen Druck aufgewachsen. In der Alevitischen Gemeinde war ich schon immer. Die Gebete beim Cem gefallen mir, aber ich fühle nichts dabei. Manche kommen beim Cem an Grenzen und weinen, weil sie etwas Schweres erlebt haben.
Ich glaube nicht, ich bin Agnostikerin. Ich kann nicht sagen, dass es Gott gibt oder nicht gibt. Gott und Engel sind so Sachen, die ich nicht sehe. Der Koran wurde halt mal geschrieben und die Menschen halten sich an ihn. Die Buchstaben fallen ja nicht vom Himmel.
Ich bin mit dieser alevitischen Lebensweise aufgewachsen. Irgendwann habe ich angefangen, selbst zu denken und habe die Religion in Frage gestellt. Ich habe die Probleme zwischen Sunniten und Aleviten erlebt. In der Hauptschule waren 90 Prozent der Schüler Sunniten. Nachdem ich in der Hauptschule gesagt hatte, dass meine Eltern aus Dersim kommen, wurde ich gemobbt. Danach hatte ich Angst zu sagen, dass ich Alevitin bin. Früher sagte ich: „Ich komme aus Dersim“, obwohl ich in Ludwigsburg geboren bin. Heute sage ich: „Ich komme aus Ludwigsburg!“
Ich sage auch: „Ich bin Deutsche.“ Ich habe auch die deutschen Werte wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Disziplin. Meine Erfahrung mit Sunniten hat mich an der Religion zweifeln lassen. Sunniten überschreiten Grenzen, wie die, dass Frauen ein Kopftuch tragen müssen oder Sunniten zu mir sagen: „Halte dich fern von mir!“
Meine Eltern würden einen sunnitischen Mann nicht akzeptieren. Mein erster Freund war ein Sunnite. Er war aber anders als die meisten Sunniten, er war sehr freundlich und tolerant. Sie würden einen Mann mit jeder anderen Religion oder Kultur eher akzeptieren.

Religion und Kultur werden für meine Familie und mich immer unwichtiger. Man sollte für die Religion und Kultur des Anderen Interesse zeigen, ohne auf die eigene Religion zu verzichten. Ich wollte keinen Mann, der religiös oder politisch extrem ist. Eine extreme Einstellung drückt sich auch in der Lebensweise aus. Das würde nicht zu meiner offenen Art passen.

An der alevitischen Kultur liebe ich vor allem die Musik. Mir gefällt nicht, wie sich Jüngere gegenüber Älteren verhalten sollen. Zum Beispiel will ich nicht die Hand von Älteren küssen. Respekt gegenüber Älteren kann man auch anders ausdrücken. Einmal streckte mir ein Opa seine Hand zum Küssen hin. Ich nahm seine Hand und drehte sie um, sodass daraus ein Handschlag wurde.

Visionen und Wünsche
Ich fände es schön, wenn ich nur so viel arbeiten müsste, wie ich zum Leben brauche, ohne extremen Luxus. Schafft man das in Deutschland? Mir gefallen auch Luxusautos, aber wie lange müsste ich dafür arbeiten?
Ich möchte in einer Welt leben, in der alle in Frieden leben, wo Religion und Herkunft nichts über einen Menschen aussagen. Ich möchte glückliche Menschen um mich haben und möchte andere Menschen glücklich machen.
Ich möchte ein Leben führen, wie ich es will. Arbeiten muss man immer. Ich möchte sorgenfrei leben, keine Zwänge haben und nicht so viel Nachdenken. Wir haben zu viel Angst vor Fehlern. Ich möchte Fehler machen dürfen. Ich möchte gern von meinen Erfahrungen erzählen, ohne sie zu bereuen: „Ich habe mein Leben so gelebt, wie ich es wollte.“ Die Kultur soll mich nicht einschränken. Einfach mal auf der Straße tanzen wie die Latinos, so locker, so schön. Vielleicht finde ich das Künstlerische so schön, weil man viel reist und mal hier, mal dort ist.
Ich finde es auch schön zu heiraten. Letztendlich ist es nur dieses Stück Papier. Ich kenne das gar nicht anders. Ich finde Hochzeiten auch schön. Schon als Kind wollte ich immer eine Braut sein. Meine Hochzeit sollte kleiner sein als die türkischen Hochzeiten, ich wollte keine tausend Gäste einladen. Eine Tochter würde ich schon gern haben.
Mir gefällt die englische Sprache, die Art, sich auszudrücken. Ich würde gern nach Großbritannien oder in die USA reisen. Thailand interessiert mich auch, und Südamerika. Ich möchte gern reisen und die Lebensart anderer Kulturen kennen lernen.

Aufgeschrieben und bearbeitet von Regina Boger 2014. Mit Günes wurde Anonymität vereinbart.