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… ein ägyptischer Kanadier, der in der Schweiz lebt

Manchmal ist es schwer, die Meinungen vieler Schweizer über Ausländer zu ertragen, vor allem wenn man Ausländer ist. Das Merkwürdige ist, dass mir diese Vorurteile vor allem in den Massenmedien begegnen und überhaupt nicht von meinen Nachbarn oder Arbeitskollegen. Mit denen komme ich gut aus, mit manchen bin ich sogar befreundet. Wobei ich sagen muss, dass meine Freunde in der Regel auch Migranten oder Migrantinnen sind. Ja, auch die Zugewanderten bleiben unter sich. Um auf die Konflikte zwischen Schweizern und Ausländern zurückzukommen: Ich stimme der Beschreibung des Problems zu, aber nicht der Lösung, die von den Populisten vorgeschlagen wird. Sie beklagen zu Recht, dass viele Ausländer die Sprache nicht sprechen und sich nicht an die schweizerischen Sitten anpassen. Aber ihre Lösung halte ich für falsch, eine Wand zu den Migranten aufzubauen. Und gar keine Lösung sind die Ausländer-raus-Parolen. Wenn alle Ausländer die Schweiz verlassen würden, brächen das Wirtschaftsleben und der Gesundheitssektor zusammen. Ich bin für einen Dialog zwischen den Migranten und den Schweizern, um gemeinsam eine Lösung für die Probleme zu finden. Ich verstehe zum Beispiel, dass sich Schweizer gekränkt fühlen, wenn Ihr Dialekt von Deutschen belächelt wird. Die Schweizer fühlen sich dann den Deutschen unterlegen und reagieren mit Wut und Ablehnung auf die Arroganz von manchen Deutschen.

Ich wohne seit vielen Jahren in der Schweiz, fühle mich aber nicht als Schweizer, sondern als ägyptischer Kanadier, der in der Schweiz lebt. Die Schweiz betrachte ich aber als mein zu Hause. Deswegen habe ich auch die Schweizer Staatsbürgerschaft beantragt. Den ersten Test habe ich schon bestanden. Ich kann mich gut anpassen und ich habe schnell die Sprache gelernt, weil ich weiß, dass dies die Voraussetzung für die Integration in ein fremdes Land ist.

Meine Eltern haben mir ihre Migrationserfahrung mitgegeben. Sie sind in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts von Ägypten nach Kanada eingewandert. Sie sind nicht aus Not emigriert, sondern weil sie in den USA und Kanada attraktive berufliche Angebote bekamen. Die USA suchten in dieser Zeit Wissenschaftler und gut ausgebildete Fachkräfte. Mein Vater ist promovierter Biologe und bekam an der Harvard-Universität in Cambridge eine Professur. Meine Mutter ist promovierte Romanistin. Auch sie bekam eine Stelle an der Universität. Die beiden lernten sich übrigens beim Studium in Madrid kennen. Weil ihnen in Kanada bessere Arbeitsbedingungen angeboten wurden, nahmen sie diese an und ließen sich in Halifax und dann Ottawa nieder. Dort wurden meine Schwester und ich auch geboren, sie 1967 und ich 1970.

Meine Eltern stammen aus gebildeten Kairoer Familien und so war es selbstverständlich, dass auch meine Schwester und ich studieren konnten. Meine Schwester wurde Bau-Ingenieurin und ich Informatiker. Äußerlich verlief meine Integration problemlos. Meine Eltern sprachen mit uns Kindern Arabisch. Arabisch ist also meine erste Sprache. Ich kann mich allerdings nicht an die Zeit erinnern, in der ich Arabisch gesprochen habe. Denn ich empfinde Englisch als meine Muttersprache. Noch heute sprechen meine Eltern miteinander und mit uns Arabisch, wir Kinder antworten jedoch auf Englisch. Ich kann nicht besonders gut Arabisch. Das schmerzt meine Eltern etwas, weil es uns auf gewisse Weise trennt. Ich bin in eine Welt hinein geboren, die sie gewählt haben. Der ägyptische Teil in mir wurde durch meine Eltern vermittelt, der kanadische Teil vom Kindergarten, der Schule, meinen Freunden und Freundinnen und der Universität. Ich wurde sowohl von der westlichen Lebensweise geprägt als auch von der ägyptischen meiner Eltern.

Die spirituelle Suche

Mit 17 begegnete ich in Kairo einer Gruppe von Sufis. Ihre glühende Liebe zu Gott beeindruckte mich so, dass ich mich entschloss, mich dem Islam zuzuwenden. Ich engagierte mich in der Moschee, leitete Jugendgruppen und war überhaupt ein aktiver Teil der muslimischen Gemeinde. Mit 24 machte ich an der Kaaba in Mekka eine tiefgreifende Erfahrung, die mich in eine tiefe Krise stürzte. Mein Herz öffnete sich, ich fühlte mich von Liebe durchflutet und gleichzeitig fühlte ich mich wie ein Heuchler. Gott hatte mir diese große Liebe geschenkt und ich wusste gleichzeitig, dass ich nicht nach den strengen moslemischen Regeln leben konnte. Dies war ein großer Konflikt, der dazu führte, dass ich mich vom Islam abwandte. Ich konnte diese Regeln nicht offenen Herzens befolgen. Sie zu befolgen, hätte bedeutet, mich zu verleugnen. Lange suchte ich nach Alternativen und wurde ungläubig.

Meine spirituelle Suche war aber noch nicht zu Ende. Meine Sehnsucht führte mich nach Großbritannien, wo ich eine einjährige Ausbildung in „Mysticism and Religious Experience“ (Mystik und religiöse Erfahrung) machte. Durch diese Ausbildung lernte ich die großen Weltreligionen sowie einen offenen und esoterischen Islam kennen. Am meisten ziehen mich der Buddhismus und der Sufismus an, ohne jedoch in irgendeinen Orden eingeweiht zu sein. Ich glaube an die Einheit von allem; letztlich hat jede Religion eigene Namen, um dasselbe zu beschreiben.

Mein Beruf führte mich nach Deutschland und dort habe ich Deutsch gelernt. In Deutschland lernte ich auch meine Frau kennen und wir heirateten. Meine spirituelle Suche führte mich zu den Schriften C.G. Jungs und schließlich zum C.G.Jung Institut nach Zürich. Ich suchte einen Job in Zürich, um am C.G. Jung Institut als Gasthörer seine Analytische Psychologie zu studieren. Durch Jung bekam ich wieder einen Zugang zur Spiritualität, einer Spiritualität, bei der ich mich nicht verleugnen musste. 2003 gründete ich meine eigene Firma und damit hatte ich entschieden, in der Schweiz zu bleiben.

Vier Kulturen in einer Familie

Meine Frau und ich trennten uns. Sie zog mit unserem Sohn zurück nach Deutschland. Deswegen verbringe ich jedes zweite Wochenende in Deutschland bei meinem Sohn. Mit meinem Sohn spreche ich Englisch und bestehe darauf, dass er mir auf Englisch antwortet. Mit seiner Mutter spricht er Deutsch. Deutsch ist seine Muttersprache und Englisch seine Vatersprache. Das Verhalten von Ägyptern und Schweizern ist sehr unterschiedlich. Die Schweizer tragen in der Öffentlichkeit gegenüber Fremden eine strenge, fast abweisende Maske. Wenn man sich einmal kennt, sind sie sehr herzlich. In Ägypten dagegen kann man keine 10 Minuten auf der Straße sein, ohne in ein Gespräch verwickelt zu werden. Wenn man z.B. mit dem Taxi fährt, fragt einem der Taxifahrer ganz selbstverständlich, woher man kommt, wie man lebt, ob man verheiratet ist, wie viele Kinder man hat, wie es den Eltern geht. Ägypter sind sehr gemeinschaftsorientiert und familienbezogen, sie stellen sofort eine Beziehung her. Die Männer verhalten sich Frauen gegenüber sehr ritterlich. Zwischen den Polen Schweiz und Ägypten liegt Kanada. Die Menschen dort sind kontaktfreudiger und kommunikativer als in der Schweiz, aber sie lassen einem auch in Ruhe, wenn man nicht gleich seine Familiengeschichte erzählen will.

In Zürich fühle ich mich sehr wohl. In dem Haus, in dem ich wohne, lebt eine bunt gemischte Gesellschaft zusammen: Schweizer und Migranten aus aller Herren Länder kommen gut miteinander aus. Einzig die Fremdenfeindlichkeit und die Angst vor Muslimen, die von den Massenmedien geschürt werden, stören mich. Sie entsprechen nicht der Züricher Realität. Die meisten Menschen sind viel offener als die populistischen Journalisten und Parteifunktionäre.

Erzählt von Tariq, aufgeschrieben von Regina Boger im Juli 2015.

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…eine interkulturelle Ärztin, die nicht nur den Körper heilen möchte, sondern auch die Wunden des Nicht-Dazugehörens …

Die Geschichte meiner Familie ist mit der Geschichte Mazedoniens und den Balkankonflikten eng verbunden. Wobei meine Eltern und deren Familien ein Kunststück fertig brachten, das ein Vorbild an friedlicher Koexistenz verschiedener Religionen und Ethnien in Jugoslawien hätte sein können – wenn es die politischen Akteure gewollt hätten oder wenn sie dazu fähig gewesen wären.

Am besten fange ich mit meinem Großvater an, dem Vater meiner Mutter: Angehöriger der türkischen Minderheit in Mazedonien, Übersetzer, Schriftsteller, Lehrer, Direktor einer Schule hauptsächlich in Skopje lebend, der Hauptstadt Mazedoniens. In einer Tageszeitung schrieb er regelmäßig eine Kolumne. Er war Sozialist und glaubte an die Ideale Freiheit, Gleichheit, Solidarität. Und natürlich war er auch ein Anhänger Titos. Auch wenn die Minderheiten in Jugoslawien nicht wirklich gleichberechtigt waren, so ging es ihnen jedenfalls deutlich besser als nach dem Zerfall Jugoslawiens, meinte mein türkischer Großvater. Ich kann das nicht beurteilen, weil ich 1983 auf die Welt kam, 3 Jahre nach Titos Tod.

Mein Großvater nahm seine sozialistischen Ideale ernst und verwirklichte sie auch in der Familie. Das Prinzip der Gleichheit galt selbstverständlich auch für seine Töchter. Sie durften studieren, da Männer und Frauen in seinen Augen gleichberechtigt waren, obwohl das damals auch in einem sozialistischen Staat nicht selbstverständlich war. Beide studierten Medizin. Als meine Mutter sich an der Universität in einen praktizierenden, gläubigen albanischen Studenten der Zahnmedizin verliebte, hatte sie die Freiheit, ihn zu heiraten, obwohl mein Großvater selbst eher ein säkularer Moslem war und Religion keine große Rolle in seinem Leben spielte.

Mein Vater stammt aus einer traditionellen albanischen Familie, die  im Dorf lebte, in der Nähe von Gostivar. Es war eine einfache Familie, die sich von der Landwirtschaft ernährte. Mein Vater war der einzige in der Familie, der studieren konnte. Als Angehöriger der albanischen Minderheit wurde er leider viel diskriminiert.

Die albanische Minderheit war ärmer und hatte weniger Bildungschancen als die mazedonische Mehrheit. Mein Vater sprach zu Hause albanisch und in der Schule oder am Markt, wo er oft verkaufen musste, mazedonisch. Vor und nach dem Unterricht half er seinen Eltern und Geschwistern immer bei der Feld- und Hausarbeit. Er lebte dadurch in zwei unterschiedlichen Welten. In der mazedonischen Welt galt seine albanische Familie als weniger wert als die mazedonischen Familien, was er verständlicherweise als ungerecht empfand. Doch er hatte einen Traum: Er wollte unbedingt studieren. Er musste sich in vielen Bereichen viel mehr als seine Kollegen anstrengen, konnte aber  durch Intelligenz und seine hohe Leistungsbereitschaft sein Ziel erreichen- er wurde Zahnarzt.  Meine Eltern lernten sich an der Universität in Skopje kennen. Sie waren acht Jahre zusammen, als sie heirateten. Nach dem Studium zogen sie nach Ohrid, in der Hoffnung dort gute Jobs zu bekommen. Für meine Mutter wäre es kein Problem gewesen, eine Anstellung zu finden, sie war zu dem Zeitpunkt jedoch schwanger. Für meinen Vater war es nicht möglich, einen Job zu finden. Als Angehöriger einer Minderheit standen die Chancen schlechter als der, die zur Mehrheit gehörten. In Ohrid waren Albaner in der Minderheit, es gab ethnische Spannungen zwischen der mazedonischen Mehrheit und der albanischen Minderheit.

Meine Eltern hielten diese Spannungen nur paar Monate aus, dann zogen sie nach Gostivar. Genauer gesagt, wir zogen nach Gostivar, denn wir waren inzwischen eine Familie geworden. 1983 kam ich auf die Welt und meine Schwester 1985. In Gostivar gibt es eine der größten albanischen Gemeinde Mazedoniens, sie stellt zwei Drittel der Einwohner dar. Sowohl mein Vater als auch meine Mutter fanden dort Arbeit in ihren Berufen. Meine Mutter arbeitete im Krankenhaus, mein Vater baute seine Praxis als Zahnarzt auf. Nun war das Leben für meine Mutter am Anfang schwierig. Zum einen, weil sie nicht albanisch sprach, zum anderen, weil ihr die traditionellere Kultur der albanischen Mehrheit fremd war. Sie fühlte sich als Frau in dieser traditionell geprägten Kultur nicht gleichberechtigt. Außerdem war sie zwar eine Muslimin, aber eher säkular orientiert. Sie feierte alle muslimischen Feste wie viele europäische Christen Ostern und Weihnachten feiern. Sie glaubt an die Liebe, das ist für sie die Essenz der Religion. Sie wollte nie ein Kopftuch tragen und das damals in der traditionellen Gesellschaft, in der das Kopftuch zur Kleidung der Mehrheit der Frauen gehörte. Als emanzipierte Frau war sie in dieser Gesellschaft eine Exotin, z.B. war sie eine der sehr wenigen Frauen in Gostivar, die einen Führerschein hatte und mit dem Auto durch die Stadt fuhr. Obwohl sie so anders war als die Schwestern meines Vaters, schlossen diese sie gleich ins Herz. Meine Mutter war und ist wegen ihrer Bildung, ihrer beruflichen Kompetenz und ihrer Herzlichkeit eine Autorität in der Familie meines Vaters. In allen wichtigen Fragen wird sie zu Rate gezogen. Mein Vater befolgt als gläubiger Moslem die moslemischen Regeln wie die fünf Gebete am Tag, verlangte dies weder früher noch verlangt er es heute von seiner Frau und seinen Töchtern. Er lebte mir die friedliche Koexistenz verschiedener Kulturen vor. Er sprach immer über seinen Glauben und was er für ihn persönlich bedeutete. Wir dürften für uns selbst denken, sollten vor allem neugierig sein und viel lernen, sowie immer helfen und einfach lieben können. Meine Eltern verband die Liebe über alle ethnischen und sozialen Grenzen und Unterschiede hinweg. In dieser Liebe fühlte ich mich immer aufgehoben und geborgen. Das ist die Mitgift meiner Eltern für mein Leben. Es ist mein größter Schatz.

In dieser Familie fühlte ich mich geliebt und beschützt. Ich fühlte mich willkommen und hatte immer das Gefühl, von meinen Eltern gewollt zu sein, richtig zu sein, so wie ich bin. Ich hatte das Gefühl, ein geliebtes Kind zu sein, geliebt von meinen Eltern und der Welt. Dieses Licht, der Samen der Liebe, konnte nie zerstört werden. Es heilt alle Wunden und es half, dass mein Herz sich nicht verschlossen hat, wenn es verletzt worden ist. Die Liebe meiner Mutter und der Glaube meines Vaters, dass es eine Macht gibt, die alles in Ordnung bringt, haben mir dieses Gefühl gegeben.

In der albanischen Grundschule erlebte ich zum ersten Mal, dass es Unterschiede zwischen den Menschen gibt, die über Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einer Gruppe entscheiden. Zum ersten Mal fragte ich mich: Bin ich in Ordnung? Ich spürte, dass in den Augen der Anderen an mir etwas nicht stimmte. Ich war nicht so wie sie. Zu Hause wurde ich immer wieder bestätigt: Du bist in Ordnung, so wie du bist.

Das Schlimmste am Krieg ist der Verlust des Urvertrauens. Das hätte mich zerstören können, wenn ich wegen der Schrecken des Krieges mein Herz verschlossen hätte. In der Pubertät erlebte ich starke ethnische Spannungen. Jede Ethnie hatte Recht und die Anderen waren schuldig. Ich hatte immer das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Ich war offen und wollte mit allen befreundet sein. Das ging aber nicht, weil die Welt um mich herum in Mazedonier, Albaner, Serben, Türken, Kroaten, Bosnier usw. zerfallen war. Ich wurde zwar angenommen, aber nur als Leyla, nicht als Kind einer albanisch-türkischen Familie. Mich fanden viele cool, weil ich lustig war und gern tanzte, sang, malte, Bücher las oder Gedichte schrieb. Dieser Teil von mir wurde angenommen, aber nicht der multi-ethnische Teil. „Du bist okay, aber die Albaner sind es nicht“, sagten die mazedonischen Mitschüler/innen. „Du bist cool, aber die Türken sind unmöglich“, sagten die albanischen Schulfreunde. „Du bist offen, aber die Moslems sind so streng“ oder „ Ich mag dich, also glaub bitte wie wir an die Bibel, sonst landest du in der Hölle“. Das verwirrte mich. Was in unserer Familie nie ein Problem gewesen war, wurde von anderen zu einem Problem gemacht, zu meinem Problem. In der Pubertät ist man ja auf der Suche nach sich selbst, das ist schwer genug. Ich suchte zusätzlich nach meiner ethnischen Identität. Wer war ich? Wieso musste ich überhaupt mich einer Gruppe zugehörig fühlen? Auf jeden Fall gehörte ich keiner Gruppe ganz an. Eine Zeit lang identifizierte ich mich mit den Albanern. Der Aufstand der Albaner gegen die Diskriminierung durch die mazedonische Regierung verschärfte meine inneren Konflikte. Dieser ethnische Konflikt verlagerte sich in mich. Das war 1997, da war ich gerade 14 Jahre alt. Gleichzeitig fühlte ich mich in den kommenden Jahren von außen immer mehr bedroht. Die mazedonischen Sicherheitskräfte bewaffneten mazedonische Zivilisten (2001). Was, wenn unsere mazedonischen Nachbarn in unser Haus eindrängen und uns umbrächten? Auf der Straße wurde ich nicht mehr gegrüßt, das tat richtig weh und enttäuschte mich sehr. Feindseligkeit lag in der Luft, Angst auf allen Seiten. Der Krieg rückte immer näher. Am Ende war er noch 24 km (Tetovo) von uns entfernt. Wir wussten nicht, ob er zu uns kommen würde.

Viele flohen. Meine Eltern beschlossen zu bleiben. Meine Mutter hatte noch immer ihre Stelle als Ärztin im Krankenhaus, mein Vater hatte so hart gearbeitet, eine Wohnung gekauft und eine Zahnarztpraxis aufgebaut. Wenn sie fliehen würden, müssten sie alles aufgeben, ihre gesamte materielle Existenzgrundlage. Mein Vater wollte auf jeden Fall bleiben, meine Mutter war hin- und hergerissen. Sie war angstgeladen. Vor allem nachts. Wegen der feindseligen Atmosphäre und der Hilflosigkeit und Schutzlosigkeit in der Nacht. Wenn sie von der Arbeit kam, war sie entspannter. Meine Mutter wurde durch die Arbeit geerdet, mein Vater durch seine Gebete.

Mit 14 drängte ich meine Eltern, mich nach den acht Jahren in der Grundschule auf eine türkische Privatschule nach Skopje gehen zu lassen. Weil ich die Aufnahmeprüfung glänzend bestand, bekam ich ein Stipendium, das die Hälfte des Schulgelds ausmachte. Ich wohnte bei meinen türkischen Großeltern und fühlte mich in dieser ethnisch bunt gemischten Schule sehr wohl. Die Schule war trilingual, das heißt, zwei Fächer wurden jeweils in einer Fremdsprache unterrichtet. Das entsprach meiner Freude an Fremdsprachen und nährte meine Neugier auf andere Kulturen. Rückblickend kann ich sagen, dass dies sicher der schönste Teil dieser Zeit meines Lebens war. Es war einfach schwer, von meinen Eltern getrennt zu sein. Ich vermisste sie sehr. Und es war Kriegszeit.

Nach der Matura (Abitur) wollte ich unbedingt im Ausland studieren. Ich wollte eine neue Sprache lernen, eine neue Kultur kennen lernen und Gleichgesinnte finden. Mit ihnen zusammen wollte ich die Welt retten, eine Welt schaffen, in der es keine Kriege gibt. Ich wollte weg aus dem Spannungsfeld der Kriege und ethnischen Konflikte. Im Grunde suchte ich das Vertrauen, das ich in Mazedonien verloren hatte.

Mein Weg führte mich nach Wien. Dort fand ich einen Studienplatz für Medizin. Das erste halbe Jahr verbrachte ich damit, Deutsch zu lernen. Das Medizinstudium in Deutsch war am Anfang sehr schwierig für mich, mit der Zeit ging es besser. In dieser Zeit lernte ich wunderbare Menschen kennen. Unter anderem Migranten aus anderen Ländern. Sylwia, eine polnische Migrantin, eine der besten MenschInnen, die ich bis jetzt kennenlernen durfte, wurde meine beste Freundin. Es sind tolle Menschen wie sie gewesen, die mir Tag für Tag halfen, mein Vertrauen in die Menschheit wieder zu erlangen. In Wien erlebte ich sechs schöne Jahre jenseits von Kriegen und Konflikten. Es war eine Zeit der Heilung.

Mit dem Ende des Studiums 2009 lief mein Studentenvisum aus. Es war zu dieser Zeit nur österreichischen Staatsbürgern und EU-Bürgern erlaubt, die klinische Ausbildung direkt nach dem Studium zu beginnen. Diese Gesetze wurden während meines Studiums verschärft. Für Nicht-EU-Bürger bedeutete das, nach dem Abschluss des Studiums entweder erneut auszuwandern, z.B. nach Deutschland oder in die Schweiz, die dankend fertig ausgebildete Mediziner aufnahmen, oder eine Anstellung im nicht-klinischen Bereich zu suchen und darauf zu hoffen, dass sich die Gesetze wieder auf Grund des wachsenden Bedarfs an qualifizierten Medizinern änderten, und eine Fortsetzung der Ausbildung im Krankenhaus möglich würde. Dies bedeutete aber ein Verlust an Zeit von unbekannter Dauer und ungewissem Ausgang. Es war eine schwierige Zeit, da ich nicht verstehen konnte, wieso ich aufgehalten wurde, meinen Traum, Menschen zu helfen, zu verwirklichen. Ich verstand und verstehe heute noch nicht diese Ausgrenzung, nur weil ich nicht dort geboren wurde, wo es „richtig“ ist und wodurch es mir gestattet gewesen wäre, meinen Beitrag zu leisten. Das Gefühl, „du bist nicht richtig“ kam wieder. Ich fand aber eine andere Lösung. Da ich auch wissenschaftlich sehr interessiert war und schon während des Studiums im Institut für klinische Neurologie eine Diplomarbeit geschrieben hatte, bekam ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der neurologischen Abteilung eines Krankenhauses eine Anstellung und somit eine Aufenthaltsgenehmigung. Um meine praktische Ausbildung zur Ärztin dennoch absolvieren zu können, wandte ich mich an alle möglichen Stellen, unter anderem an eine Volksanwältin. Diese empfahl mir, mich an einen Volksanwalt zu wenden, der bei einer Fernsehsendung mitwirkte. Und tatsächlich wurde ich in die Sendung des österreichischen Staatsfernsehsenders eingeladen, zusammen mit einem Vertreter der Ärztekammer und einem des Gesundheitsministeriums. Beide verstanden mein Anliegen und versprachen, sich für mich bzw. für die Änderung der Visabestimmungen einzusetzen. In der Zwischenzeit wurde das Einwanderungsgesetz novelliert und ich bekam eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Fast vier Jahre später (2013) konnte ich schließlich mit der praktischen Ausbildung am Krankenhaus beginnen.

Inzwischen spreche ich acht Sprachen: Albanisch, Türkisch, Mazedonisch, Bulgarisch, Serbisch/Bosnisch/Kroatisch, Englisch, Deutsch und Spanisch. Diese Mehrsprachigkeit möchte ich als Ärztin nützen, damit Migranten das Gefühl verlieren „Ich bin hier nicht richtig. Keiner versteht mich.“ Ich möchte eine interkulturelle Ärztin sein, die den Menschen das Gefühl gibt, zugehörig zu sein. Wichtig ist, den Menschen die Angst zu nehmen vor den Fremden, sowohl den Österreichern als auch den Migranten.

Mit meiner Geschichte möchte ich auch speziell Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund beistehen, damit Sie sich bestärkt fühlen und ihre eigene Stimme finden und diese auch zum Ausdruck bringen. Ich und meine Schwester, die auch Ärztin ist und zurzeit in Mazedonien lebt, sind ein Beispiel dafür, wie Menschen generell und Frauen speziell durch Unterstützung und Schaffung von Möglichkeiten auch unter schwierigeren Umständen ihren Weg finden und gehen können. Wir haben es unseren Eltern zu verdanken. Zusätzlich habe ich einfach das große Glück gehabt, einen richtigen Sonnenschein als Schwester zu haben. Somit möchte ich allen Frauen sagen: Lasst nie zu, dass du oder Teile von dir unterdrückt werden, von Etiketten und Vorschriften, die dir sagen wollen, wo du hingehörst. Du bist hier und gehörst hierher, so wie du bist, mit allen deinen Identitäten.

Ich möchte eine Brücke sein zwischen den Kulturen. Ich möchte eine Heilerin sein, die nicht nur den Körper heilt, sondern auch die Wunden des Nicht-Dazugehörens. Durch meine eigene Erfahrung, nicht zugehörig zu sein, glaube ich, heimatlosen und entwurzelten Menschen das Gefühl geben zu können, verstanden und angenommen zu werden. Das ist vielleicht die beste Medizin, die ich geben kann. Wir sind alle Eins, lasst uns auch so leben.

Erzählt von Leyla Elezi, aufgeschrieben von Regina Boger im Juli 2015.

P.S: Leyla´s poetry J

Lingua de dolor

Have lived in difference,

with different words, languages

always a partial access

and partially outsider

never a whole

never comfortable in a language

in a world…

And why be

when there’re so many

and much much

more to see ?

Been leaving

living, loving, hurting

oh, and all the pleasures

melancholy of non-belonging

But the way you didn’t take

all of me in

in that pain I realized

we all belong

and are the same

in love no words are needed

says I

having loved and suffered

in so many tongues.

 

 

 

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Moblo

 

Schon am Anfang meiner Reise nach Tübingen machte mir der zuckelnde Interregio von Ludwigsburg nach Stuttgart einen Strich durch die Rechnung.  Laut Fahrplan hätte ich 8 Minuten Zeit gehabt, um von einem Bahnsteig zum anderen zu kommen.  Bei meiner Ankunft in Stuttgart war der Zug nach Tübingen abgefahren. Leerer Bahnsteig, nicht mal die Rücklichter des Zugs sahen wir. Wir, ja, ein junger Mann mit asiatischem Aussehen stand genauso ungläubig wie ich auf dem Bahnsteig und starrte  auf die leeren Gleise, auf denen eigentlich der Zug nach Tübingen hätte  stehen müssen.  Je älter ich werde, desto mehr ziehe ich in Betracht, dass ich mich in der Zeit oder am Ort geirrt habe. Um mich zu versichern, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, fragte ich den jungen Mann: “Do you want to go to Tübingen too?“ – „Yes, Tübingen. I will buy another ticket.“ Ich wollte ihm noch sagen, dass er keine neue Fahrkarte brauchte. Aber entweder war ich zu langsam oder er zu schnell, jedenfalls sah ich ihn nur noch von hinten in Richtung Schalterhalle davon eilen. Ich suchte auf dem Aushangfahrplan nach einer Lösung. Der nächste Zug würde erst in einer Stunde fahren, eine andere Verbindung gab es nicht. Ich verfluchte  Stuttgart 21! Seit der Stuttgarter Bahnhof umgebaut wird, um einen schlechteren für 6 oder mehr Milliarden zu bauen, wird man  mit ausfallenden Zügen, Verspätungen und Fahrplanänderungen  traktiert.   Ich würde also zu spät in die Uni-Klinik kommen. „Bitte entschuldigen Sie, dass ich zu spät komme, aber mein Zug hatte Verspätung“ – diesen Satz hatte ich als Schülerin oft genug gesagt, wenn ich mit meiner Freundin Heidi lieber einen Kaffee getrunken hatte, als in den langweiligen Unterricht zur ersten Stunde zu gehen. Ich sollte in der Klinik am Auge operiert werden und deshalb spätestens um 10 Uhr dort sein. Wegen der Bundesbahn würde ich zu spät kommen und müsste den blödesten aller Schülersätze sagen, dessen Klang mich mit Peinlichkeit erfüllte.

Eine viertel Stunde vor Abfahrt des Zuges schlenderte der junge Mann auf den Bahnsteig. Nachdem ich ihm erklärt hatte, dass seine erste Fahrkarte noch gültig sei, überlegte er kurz, ob er die neue zurückgeben wolle. Nachdem er schon einen Zug verpasst hatte, wollte er kein Risiko eingehen und lieber den doppelten Preis bezahlen, als  auch den nächsten zu verpassen.

Im Zug setzte er sich ganz selbstverständlich mir gegenüber. Ich packte mein Buch aus, ließ es aber bald wieder sinken, weil ich nicht unhöflich sein wollte. Ich fühlte  mich in gewisser Weise als Vertreterin der Bundesrepublik Deutschland und hatte somit die Aufgaben einer Gastgeberin zu erfüllen. Also lächelte ich ihm freundlich zu. Nach der Unzuverlässigkeit der Bahn sollte er wenigstens gute Erfahrungen mit der Bevölkerung machen. Er findet die Deutschen sehr freundlich, jedenfalls die in Göppingen waren freundlich und geduldig und haben sich sehr viel Mühe gegeben, ihm seine Wünsche zu erfüllen. Man muss wissen, dass Göppingen auf der Schwäbischen Alb liegt und den Schwaben von der Rauen Alb der Ruf anhaftet, eher ehrlich als freundlich zu sein. Nicht umsonst ist die Silberdistel ihr Symbol.  In wenigen Minuten bestätigt er meine Vorurteile, die ich auf Grund meiner Lektüre in jungen Jahren  gebildet habe. Offenbar ein sehr höflicher Chinese. Besonders gut findet er die Atmosphäre in Deutschland. Nun möchte ich gern mehr von ihm mehr als Höflichkeiten erfahren und erlebe die Kunst der Verschwiegenheit. Er sei Geschäftsmann, gestern war er in Göppingen, heute will er nach Nürtingen. Weshalb er diese Städte besucht, will er nicht preisgeben. Geschäfte eben.  Er interessiert sich für die sozialen Verhältnisse i n Deutschlang: Gibt es Arbeitslose, wovon leben Arbeitslose, wie hoch ist das Arbeitslosengeld, kann man von ihm leben? Wie hoch ist der Durchschnittslohn?  Sein Staunen über meine Auskünfte, die an Präzision gelegentlich zu wünschen übrig lassen,  lässt schließen, dass dies in seinen Augen paradiesische Zustände sein müssen. Ist Göppingen eine Stadt oder ein Dorf? Eine Stadt. Aber wo ist die Grenze? Ich meine mich zu erinnern, dass Gemeinden ab 10 000 Einwohnern sich Stadt nennen dürfen und stelle dies als gesicherte Wahrheit in den Raum. Als Gastgeberin sollte ich Bescheid über mein Land wissen.  Nachdem mein statistisches Wissen erschöpft ist, geht er zu soft facts über: Was könnte er seinen Freunden als Geschenk aus Deutschland mitbringen? Ich erinnere mich an einen Fernsehbeitrag, der die Begeisterung  von Chinesen (oder waren es Japaner?) über deutsche Spezialscheren als beliebtes Souvenir zeigte. Das sind Scheren, mit denen man die Nasen- oder Ohrenhaare schneiden kann. Eine gute Kombination von deutscher Wertarbeit und Kuriositätenkabinett („Stellt euch vor, solche Scheren liegen in jedem deutschen Badezimmer!“) Er winkt entschieden ab. Kuckucksuhren? Nein, die werden inzwischen auch in China hergestellt. Ich erinnere mich, am Titisee in einem Hotel am See  eine rosa Kuckucksuhr aus Plastik gesehen zu haben. Wahrscheinlich war sie made in China. Was ist in seinen Augen typisch deutsch?  Seiner Freundin hat er einen Moblo gekauft. Was das sein soll, verstehe ich wiederum nicht. Er zieht seinen Geldbeutel aus der Tasche. Aha, sage ich, dann zeigt er mit Daumen und Zeigefinger eine Spanne. Moblo! Moblo? Irgendwann dämmert es mir: Montblanc! Ein Füller im Lederetui der Marke  Montblanc! Ist das typisch deutsch? Ist Montblanc überhaupt ein deutsches Unternehmen? Nun, der chinesische Geschäftsmann wird es wissen. Er wird präziser, einen Ball Pencil hat er  gekauft. Für den Moblo hat er 230 Euro hingelegt. Mannomann, der Mann hat Vertrauen in die Menschheit! Nachdem mir ungefähr zehn Kulis von Parker und Lamy und ein Füller abhanden gekommen sind, verwende ich nur noch Wegwerfkulis, die niemand mehr versehentlich einsteckt und die bei mir bleiben, bis sie leer sind.

Ein typisch deutsches Souvenir? Als Schwäbin denke ich natürlich an die heimische Industrie. Porsche und Mercedes scheiden aus, da als Souvenir eindeutig überdimensioniert. Eine Schlagbohrmaschine von Bosch? Was heißt Schlagbohrmaschine auf Englisch? Ich weiß noch nicht einmal, was bohren heißt. Also scheidet auch die Bohrmaschine aus. Ansonsten gibt es im Großraum Stuttgart vor allem Firmen der Autozulieferindustrie, also Kühler, Zündkerzen, Anhängerkupplungen und so weiter.

Weil mir partout kein typisch deutsches Souvenir einfallen will außer dem Schwarzwälder Bollenhut oder einer Kuckucksuhr, wende ich mich Hilfe suchend an das Ehepaar mit den zwei großen Koffern auf der andern Gangseite. Der Mann runzelt die Stirn und sagt nach langem Nachdenken: „Wir kommen gerade aus China. Wir haben Tee und Kleider eingekauft.“ Ich übersetze notdürftig, der chinesische Geschäftsmann hört interessiert zu, fragt aber nicht nach. Macht er vielleicht doch nur Small talk aus Höflichkeit?  Der Chinareisende aus Schwaben hat dann doch eine Idee: „Riesling from Beiden, best white wine of the world.“ Mit „Beiden“ meint er „Baden“. Alle Achtung, ein Schwabe, der einen badischen Wein lobt, so objektiv können Schwaben sein!  „Is Riesling a brand?“ will der junge Geschäftsmann aus dem Land der aufgehenden Sonne wissen. „Brand“ könnte „Marke“ bedeuten. „Wir Chinesen sind Markenfetischisten“, sagte einmal eine junge Chinesin vor einer Fernsehkamera. „Riesling“ ist keine Marke, sondern eine Rebsorte. Aber wie sagt man das auf Englisch? „A sort“, erklärt der Chinareisende jenseits des Gangs. Das versteht mein chinesisches Gegenüber bedauerlicherweise nicht. Ich versuche es mit „a kind of wine“, was er zu verstehen scheint, denn er nickt. Aber was bedeutet Nicken bei Chinesen? – „Wurst wäre auch ein gutes Mitbringsel“, tönt es von der Seite. Souverän übersetze ich „Sausage is a typical german food“, was leider nicht zum Erfolg führt. Vermutlich liegt es an meiner Aussprache. Ich dachte, Chinesen verstünden, was eine „soschits“ ist. Wenn nicht, dann buchstabiere ich halt „sausage“ und mein chinesischer Reisegefährte tippt das Wort in sein Smartphone. „Landjäger“ präzisiert der Mann von nebenan, „die sind haltbar“. Heldenhaft buchstabiere ich kurz vor Nürtingen auch  „Landjäger“ und verabschiede mich erleichtert. Eine freundliche und hilfsbereite Deutsche zu sein, ist ganz schön anstrengend. Ich sollte diese Seite meines Wesens stärker entwickeln. China ist die kommende Weltmacht und es kann nichts schaden, sich mit deren Bevölkerung gut zu stellen. Auf jeden Fall war der junge chinesische Geschäftsmann uns alten Schwaben technologisch und kommunikativ haushoch überlegen. Er hatte mindestens drei Wörterbücher auf seinem Smartphone und schöpfte unser Wissen ab, wenn auch nur kulturelles und statistisches, und gab von sich fast nichts preis. Da ich meiner Gastgeberpflichten nun ledig war, hatte ich wieder kommunikative Kapazitäten frei und fragte die Chinareisenden von nebenan, wie es denn so in China gewesen sei. Toll, alle Züge seien auf hohem technologischem Standard gewesen, pünktlich wie ehemals die schwäbische Eisenbahn, der Service vorbildlich. Kein Vergleich mit der Bundesbahn der letzten Jahre!  Auch sie hatten den früheren Zug nach Tübingen verpasst, weil der Fahrkartenautomat keinen zwanzig-Euro-Schein angenommen hatte. Wir sind uns einig, dass es mit der Bahn bergab geht, seit sie eine AG ist und sich statt an Sicherheit und Qualität am Gewinn orientiert. Wir schämen uns gemeinsam für den Untergang des Abendlandes im Allgemeinen und dem der Bundesbahn im Besonderen, verabschieden uns in Reutlingen und wünschen uns alles Gute.

Nachdem ich in der Augenklinik meine unsägliche Entschuldigung für mein unverschuldetes Zuspätkommen hinter mich gebracht hatte und als Patientin aufgenommen worden war, besuchte uns – wir waren zu viert im Zimmer – eine Dame mit lindgrünem Kittel, die uns ihre Dienste anbot, falls wir nach der OP nichts mehr sähen und uns dennoch in der Stadt bewegen wollten. Mir fielen ihre mandelförmigen Augen und ihr außereuropäischer Akzent auf. Dieser Tag schien im Zeigen der Migranten und Migrantinnen zu stehen.   Ich bat sie, für eine Schwäbin außerordentlich höflich, sie nach ihrem Herkunftsland fragen zu dürfen. „Indonesien“, antwortet sie selbstbewusst. Ich erzähle von meiner Begegnung mit dem chinesischen Geschäftsmann und meinem Unwissen über typisch deutsche Mitbringsel. Als erstes fallen ihr auch Kuckucksuhren ein, danach aber „Holzpüppchen aus Ostdeutschland. Manche stehen auf einer Platte und drehen sich.“ – „Spieluhren aus dem Erzgebirge“, wirft die Patientin vom Fenster erklärend ein. Von Riesling hält sie nichts, da Chinesen vom Wein rot im Gesicht würden. Vielleicht sei dies bei den Jungen heute anders. „Und wie ist es mit deutscher Wurst?“ – „Ja, die ist sehr beliebt. In Indonesien hat man eine Wurstfabrik gebaut. Uns haben die Würstchen von dort nie richtig geschmeckt, weil wir ja die deutsche Wurst kennen. Aber die Indonesier essen sie gern.“ Eine Assistenzärztin ruft mich mit akzentfreiem Deutsch zur Visite zu Prof. Dr. Gelisken. Dieser Name klingt so fremd in meinen Ohren, dass ich ihn sofort wieder vergesse. „Türkisch“, kommentiert die erfahrene Patientin am Fenster. Um ihn nicht wieder zu vergessen, schreibe ich ihn in mein Tagebuch aus Papier, designed by English eccentrics, printed in Korea. Ich fühle den Puls der Zeit.

Zu Hause recherchiere ich die Besitzverhältnisse von Montblanc. Ein ursprünglich deutsches Unternehmen wurde in den 1977 von der Dunhill-Gruppe aufgekauft und gehört seit 1990 zu der Schweizer Richmont-Gruppe. Firmensitz ist nach wie vor Hamburg. Dank Wikipedia erfahre ich auch, dass Montblanc nicht nur Schreibgeräte herstellt, sondern auch Lederwaren, Uhren und Parfüm im Luxussegment. Kein Wunder, dass ich so lange nicht auf den Trichter gekommen bin. In Luxussegmenten des Konsums kenne ich mich nicht aus, außer die Waren würden Baden-Württemberg hergestellt.

Was empfehle ich nun das nächste Mal einem chinesischen Geschäftsmann, falls er mich nach einem typisch deutschen Souvenir fragt? Nach langem Nachdenken fällt mir doch noch etwas ein: Modelleisenbahnen der Fa. Märklin für die Männer und Gewürzmühlen, Ölsprüher oder Salatbesteck für die Frauen von WMF. Praktisch, aus Edelstahl, gutes Design, passt ins Handgepäck. Damit hätte ich noch einen Beitrag zur Wirtschaftsförderung der Schwäbischen Alb geleistet und die deutsch-chinesischen Beziehungen gestärkt. Und den Untergang des Abendlandes ein wenig aufgehalten. Schwaben  und – das möchte ich hinzufügen – Schwäbinnen sind bekannt für ihre Tüchtigkeit, Bescheidenheit und ihren Weitblick.

Nachtrag:

Als ich einer Freundin diese Geschichte erzählte, sagte sie spontan: Gummibärchen! Mein Mann nimmt immer viele Tüten Gummibärchen mit nach China. Die gibt es dort nicht zu kaufen. Der größte Hit war allerdings ein Teddybär, der jodeln kann. Den habe ich übrigens in Österreich gekauft. Also, Firma Steiff aus Giengen an der Brenz, hier gibt es was zu tun!

Copyrigt Regina Boger 2013

 

Wie deutsch bin ich? Der ultimative Selbsttest

Was hätte ich mir an jahrelangen Identitätskrisen nur sparen können, hätte ich schon damals einen Test belegen können, der mir sagt, wie deutsch ich eigentlich wirklich bin. Jetzt ist es soweit: ein überaus seriöser und ganz und gar nicht übetriebener Test untersucht nämlich genau das. Kriterien: meine Einstellung zu Recycling, zu Rauchern in Nichtraucherkneipen, zu Apfelsaftschorle und Klugscheißertum.

Erstens: ich habe was gegen nicht schäumende Apfelsaftschorle. Ich mag sie schön schaumig, mit prickelndem Weiß als Oberhaut und ich mag es, wenn im Glas kleine Bläschen von unten nach oben steigen. Ich mag sie kalt, frisch, und am liebsten mag ich Apfelsaftschorle, wenn sie nach Radler schmeckt.

Ich habe einen Doktor in Englisch. Nur meine Bescheidenheit hindert mich daran, es jedem unter die Nase zu reiben, der nicht einmal ansatzweise an Titeln interessiert ist. Wenn mich also jemand fragt, ob ich Englisch spreche, sage ich „a little bit“ um den anderen nicht bloßzustellen. Könnte ja sein, dass ich noch einen Grammatikfehler aus der 7. Klasse nicht korrigiert habe und mit mir herumtrage wie einen jahrelang verschleppten Husten.

Ich mag Ordnung. Unordnung macht mich wuschig. Ich mag einheitliche Schriftgröße, Farbe, Ansatz und Format. Ich mag Unterpunkte wie a), b) und c) und Menschen, die meinen Ordnungssinn haben, sind mir besonders sympathisch. Ich bin auch von einer Universallogik überzeugt. Meinungen anderer Menschen, die nicht mit meinen konform gehen, sind daher in sich widersprüchlich und unlogisch.

Ich hyperventiliere, wenn andere nicht ordnungsgemäß recyclen. Wenn ich mir unsicher bin, in welche Tonne ein Stück Stoff oder benetztes Papier gehört, schlage ich bei Google nach. Es ist mir egal, dass der ganze Müll später noch einmal in dieselbe Tonne kommt und noch einmal aussortiert wird. Recycling gibt mir das Gefühl, dass die Welt in Ordnung ist und ich zu dieser Ordnung beitragen kann, siehe meine Sensibilität für Ordnungssinn.

Ich habe was gegen Raucher in Nichtraucherkneipen. Vielleicht habe ich mich zu undeutlich ausgedrückt: Rauchen in Nichtraucherkneipen sehe ich als offenen Angriff auf meine nackte Existenz. Raucher haben gelbe Finger und dass sie kleine Kinder essen, ist bekannt.

Ich bin eine rechthaberische Klugscheißerin. Wenn ich andere in ihrem gefährlichem Halbwissen erwische, mache ich Affront mit Wissen, dass ich mir selbstverständlich aus seriösen Quellen wie BILD, Wikipedia oder „Frau im Spiegel“ angeignet habe.

GermanTestDer Test, den ich nach bestem Wissen und Gewissen ausgefüllt habe, belegt, dass ich zu 80% deutsch bin, also im Durchschnitt über 16% deutscher (gibt es dieses Wort überhaupt?) als der durschnittliche Alltagsdeutsche. Ich bin so deutsch wie das Pfand, die Apfelsaftschorle und Menschen, die andere Menschen wegen geringer Vergehen am liebsten lynchen würden. Ich würde sagen, meine Integration ist gelungen. 🙂

http://www.thegermanquiz.com/

 

 

Das Familienrennen

Als meine Großmutter mit 16 heiratete, geheiratet wurde, sich heiraten ließ, war das schon Wochen zuvor eine gemachte Sache. Mein Großvater hatte wohl bei einem Volksfest ihre Hand berührt. Die Äcker lagen günstig beieinander. Meine Mutter ließ sich 12 Jahre länger Zeit und es hatte zwar was mit Händchen halten, aber nichts mehr mit Landwirtschaftsökonomie zu tun. Weiterlesen