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In Ludwigsburg haben meine Füße Halt gefunden

 

Das Leben hat aus mir einen Tausendsassa gemacht. Ich habe sechs Sprachen angenommen, 32 Tätigkeiten ausgeübt, wurde unschuldig verurteilt und habe zwei Kinder großgezogen. All das hat mich reif werden lassen. Angefangen hat das Ganze in Ostpreußen.

clip_image002[4]Ich wurde 1936 in Ostpreußen, Regierungsbezirk Königsberg, geboren. Meine Eltern waren Landwirte in Vierzighuben, Kreis Preußisch Eylau. Auf einem Bauernhof gibt es viel zu lernen: bei der Ernte helfen, Holz ins Haus tragen, Wasser vom Brunnen holen, Gänse hüten. Der Truthahn lief immer hinter mir her, wenn ich einen roten Rock anhatte. Dann kroch ich in die Hundehütte, um mich vor ihm zu schützen. Meine Eltern konnten mir nicht helfen, denn sie waren auf dem Feld. Und Nachbarn gab es auch nicht, unser Hof lag außerhalb des Dorfes am Waldrand. Mit sechs Jahren habe ich stricken gelernt. Mama spann die Wolle. Sie sagte: Stricken brauchst du für die Schule. Mama war die beste. Sie brachte mir alles bei, was ich fürs Leben brauchte wie Löcher in Socken stopfen oder aus alten Kleidern neue machen. Das war im Winter, im Sommer halfen wir bei der Ernte.clip_image004[4]

Meinen Bruder Siegfried, zwei Jahre älter als ich, musste ich morgens in die Schule bringen, da er sich alleine nicht traute. In der Schule musste ich eine Stunde warten, bis er sich beruhigt hatte, dann tippelte ich alleine nach Hause. Das ging zwei Jahre lang, dann kam der Krieg zu uns.

Ich hatte vier Geschwister. Erich, Frieda und Gerhard waren aus der ersten Ehe meines Vaters. Ihre Mutter starb bei der Geburt. Einige Jahre später lernte mein Vater seine zweite Frau – meine Mutter – auf dem Pferdemarkt kennen. Siegfried war ihr erstes gemeinsames Kind, zwei Jahre später kam ich auf die Welt. Meine Stiefgeschwister waren zu der Zeit schon erwachsen. Die Jungs waren im Krieg. Erich war in Russland, Gerhard in Italien. Frida war schon in Lübeck verheiratet. Ihre Jungs sind so alt wie ich.

Flucht und Rückkehr

1943 flohen meine Eltern mit dem Pferdewagen über das Frische Haff, da die Rote Armee den Landweg nach Westen abgeschnitten hatte. Das Haff war zugefroren, so kalt war es. Über die Weichsel nach Stargard in Westpreußen. Vater hing an seinem Hof, alte Leute hängen an ihren Sachen. Und so gingen wir im Frühjahr 1944 die ganze Strecke wieder zurück, aber zu Fuß. Das hieß im Straßengraben schlafen, damit uns von den Russen keiner sieht. Als wir an der Weichsel standen, packte mich mein Vater an der Hand und wir rannten über die Pionierbrücke über die Weichsel. Er hatte nur einen Gedanken: zurück nach Hause. Zu Hause angekommen, war nichts mehr da. Unser Hof war abgebrannt. Wir gingen ins Dorf und taten uns mit anderen Rückkehrern zusammen. Da waren noch andere so schlau wie unser Vater. Zum Glück stand noch die Post, aber die Poststelle war verwaist. Mit anderen zusammen bewohnten wir nun das Postgebäude. Wir ernährten uns von den Vorräten der Geflohenen und dem, was wir im Wald und auf den Feldern fanden.

Mamas Verwundung

Am ersten Mai 1944 wurde Mama von einem russischen Partisanen verwundet. Mama hatte eine große Wunde im Gesicht und am Arm. Wir dachten, sie sei tot, weil sie so viel Blut verloren hatte und legten sie in eine Kiste. Da nahm mich ein russischer Soldat an die Hand, ich musste mit. Jetzt schlägt mein Herz bis zum Hals, vor Angst. Der Soldat gab mir Kekse und Milch für meine Mama und zeigte mir, wie ich Mama füttern musste, da sie den Mund wegen der Schussverletzung nicht bewegen konnte. Ich pflegte sie und es wurde alles wieder gut. Mein Bruder Siegfried bekam Scharlach und der russische Soldat half uns wieder. Wir gaben Siegfried eine Brühe aus Kuheuter und Kuhfüßen und er wurde wieder gesund.

Mühlhausen 1944

Vater kam mit Diphterie ins Königsberger Krankenhaus. Und mich nahm man mit Verdacht auf Diphterie gleich mit. Ich wurde gesund, aber Vater starb nach kurzer Zeit. Was nun? Ich wurde auf einen Pferdewagen verfrachtet und nach Mühlhausen gebracht. Mama wartete mit Bruder Siegfried im Straßengraben und rief meinen Namen. Wir drei blieben zusammen und suchten uns eine Bleibe. Wir fanden sie im ehemaligen Pfarrhaus. Unter dem Dach war noch etwas frei, wenn es auch im Winter sehr kalt war. Wir sammelten Zeitungen und stopften sie unter die Dachziegel.

Wir Drei mussten für den Russen Disteln aus den Äckern ziehen, damit es eine gute Ernte gibt. Die Kirche war der Speicher. Zu essen gab es wenig. Mama kochte Brennesselsuppe mit Melde und Sauerampfer. Danach durchsuchten wir die Abfalltonne der Russen. Mama kochte Kartoffelschalen, drehte sie durch den Wolf und machte daraus Plinsen. So war es!

Ausreise

Der Russe ließ Mütter und Kinder ausreisen. Die Männer mussten als Arbeitskräfte dableiben, nur die Rentner, Mütter und Kinder durften ausreisen. Wir mussten Ausreise-Anträge stellen. Ihre Genehmigung dauerte bis 1947. Solange mussten wir auf dem Feld arbeiten. Wir wurden in einen Viehwaggon gesteckt. In einer Ecke war das Klo, in einer lagen die Leichen, in den restlichen zwei Ecken waren wir Menschen. Als der Zug durch Polen fuhr, wurden die Leichen aus dem Waggon geworfen.

In Coswig/Anhalt fanden wir 1948 eine Unterkunft in Baracke drei. Wir wurden entlaust und eingepudert. Es stank grauenhaft. In dieser Baracke lebten wir ein paar Wochen, bis wir weitergeschickt wurden. Auf einer Liste standen die Namen aller Flüchtlinge und die Orte, zu denen sie geschickt wurden. Wir Drei kamen nach Radebeul, Altserkowitz 2, zu dem Ehepaar Wendrocks. Ein Zimmer und zwei Betten für drei Personen. Besser als der Straßengraben.

Schule in Sachsen-Anhalt

Mit zwölf Jahren ging es zum ersten Mal in die Schule. Wegen meines Alters kam ich in die zweite Klasse. Ich musste Hochdeutsch lernen, was ich nicht konnte. Wir sprachen ja Plattdeutsch zu Hause. Darum war ich in der Schule als Flüchtling nicht beliebt. Sächsisch war auch noch zu lernen. Aber irgendwie habe ich alles ertragen. Meine Mutter hatte mir die Sütterlin – Schrift beigebracht, aber die war in Sachsen nicht bekannt. Ich musste die lateinische Schrift lernen. Zum Glück hatte mir meine Mutter das Einmaleins beigebracht. Sonst wäre ich verloren gewesen. Ich konnte ja was, aber das haben sie nicht gebraucht.

clip_image006Mama hatte Wasser bis zum Herzen. Sie konnte nicht mehr laufen. Deswegen fuhr ich sie mit dem Handwagen. Schließlich kam sie ins Krankenhaus. Es wurden fünf Jahre daraus. Ich war allein. Ich musste beim Bauern Schumann für ein Mittagessen arbeiten. Nach dem Unterricht ging ich zum Bauernhof, wusch die Teller und deckte den Tisch, bis die Bauern vom Feld kamen. Bruder Siegfried musste auch bei Schumann arbeiten, er half im Stall und auf dem Feld.

Mit 14 Jahren wurde ich konfirmiert. Die anderen Kinder in meinem Alter feierten die Jugendweihe. Meine Mutter legte Wert darauf, dass ich konfirmiert wurde. Die Kirche war leer und dunkel und ich war ganz allein mit dem Pfarrer in der Kirche. Mutter lag im Krankenhaus und Siegfried arbeitete beim Bauern. Ich hatte keinen Konfirmationsunterricht und wusste gar nicht, was ich auf die Fragen des Pfarrers antworten sollte.

1950 kam ich von der dritten Klasse in die hauswirtschaftliche Berufsschule. Wir hatten einen Tag Schule und sechs Tage arbeitete ich im Hotel. 1953 schloss ich die Berufsschule ab.

Ich fand eine Freundin, Gisela Schmieder, somit hatte ich Anschluss gefunden. Sie war Vollwaise und wohnte bei ihrer Tante Hanni und ihrem Onkel Ewald. Mit ihrer Tochter Rita war ich schon in der zweiten und dritten Klasse befreundet. Gisela hatte einen Motorradführerschein. Wir rasten zusammen durch die Felder. So gehen die Wege im Leben.

Aus beruflichen Gründen musste ich zum Gesundheitsamt. Der Doktor war alt und verwechselte meine Röntgenbilder mit denen von anderen. Deshalb kam ich im Krankenhaus in die Quarantäne. Der Doktor von Mama bemerkte die Verwechslung und holte mich heraus. Ich war gesund.

Beruf in der DDR

Im Bahnhofshotel Radebeul 1 fing ich als Zimmermädchen an. Aber das Hotel wurde zum volkseigenen Betrieb und ich hatte keine Ahnung von der Partei (SED). So kam ich in den Haushalt von Doktor Bublitz. Dr. Bublitz arbeitete im Krankenhaus in Dresden. Wenn er nicht zu Hause war, musste ich das Telefon bedienen, Adressen aufschreiben für die Hausbesuche bei den Patienten. Aber wie? Ich konnte nicht alle Wörter schreiben und da malte ich halt. Wenn ein Patient in der Lindenstraße wohnte, habe ich Linden gemalt. Dann war für mich die Sache klar. Der Doktor lachte und jedem war geholfen.

Der Anruf

Es kam der Anruf. Das war 1953, während der Arbeit. Mama ist gestorben im Krankenhaus. Jetzt bin ich allein. Mein Halt ist weg. Ich weiß nicht, wie alles abgelaufen ist. Die Beerdigung wurde vom Sozialamt durchgeführt. Siegfried musste während der Beerdigung arbeiten. Tante Hanni war aber dabei. Ich hatte mein Zimmer noch bei den Wendrocks, aber mein zu Hause war jetzt bei Tante Hanni und ihrer Nichte Gisela, meine Freizeit verbrachte ich bei ihnen.

Bruder Gerhard wohnte in Ludwigsburg-Eglosheim, Banzhafstr.1. Nach dem Tod meiner Mutter schickte er mir eine Einladung. Da ich Vollwaise war, durfte ich in den Westen einreisen, in den goldenen Westen, wo man mit goldenen Löffeln isst. Aber mir wurde dieser Zahn gleich gezogen. Den goldenen Löffel gab es nicht.

1954 – Datum überschrittenclip_image008

Aus der DDR bin ich mit einem Handtäschchen ausgereist, mehr nahm ich nicht mit. Ich hatte nichts und in den goldenen Westen nimmt man keine Lumpen mit. Ich wollte meine Verwandten kennen lernen, die in Norddeutschland wohnten. Gerhard fuhr mich mit dem Motorrad nach Lübeck zu Schwester Frida. Von dort aus zu Tante Anna und Onkel Rudolf, Mamas Geschwistern, nach Stade ins Alte Land. Aber keiner hat sich gefreut. Ich wurde gefragt: Was willst du? Wir haben keinen Platz! Dabei hatten wir noch nicht einmal gefragt, ob wir dableiben durften. Das war bitter, aber ich musste es schlucken.

Bruder Erich hatte nach dem Krieg in eine Landwirtschaft eingeheiratet. Wir halfen ihm bei der Ernte. Sein Schwiegervater war in einer Sekte. Er schlug seine Töchter, das waren alles gesetzte Frauen, um ihnen den Teufel auszutreiben. Er schlug mit einer Kordel auf sie ein. Wie die geschrien haben, mein Gott war das fürchterlich! Da geh‘ ich nicht rein, sagte ich mir. Mir treibt keiner den Teufel aus. Mir reichte schon der Krieg. Gerhard sagte dann: Komm, fahren wir nach Hause. Wir fuhren also wieder zurück nach Ludwigsburg. Unterwegs verloren wir den Auspuff seines Motorrads, die nächste Werkstatt war ja schon da und so kamen wir wohlbehalten zu Hause an.

Der Besuch bei meinen Verwandten hatte länger gedauert als geplant und so überschritt ich das Datum, an dem ich hätte in die DDR zurückkehren müssen. Ich blieb im Westen, vor lauter Angst, ich würde in der DDR bestraft.

Im goldenen Westen

Ich wohnte bei Gerhard und seiner Frau Gisela. Bei Salamander in Kornwestheim fand ich Arbeit. Aber wie komme ich ohne Geld von Ludwigsburg nach Kornwestheim? Es blieb nur: laufen – sieben Kilometer hin und sieben Kilometer zurück, drei Stunden Fußmarsch am Tag. Das habe ich acht Tage geschafft, dann war ich geschafft. Und den Lohn musste ich meiner Schwägerin geben. Als ich nichts mehr verdiente, warf sie mich raus. In ihren Augen war ich ein Fresser zu viel. Sie nahm mir meine Handtasche weg, die Handtasche meiner Mutter, das Wenige, das ich hatte. Nun hatte ich nur noch meine Papiere, sie waren das Einzige, was ich noch hatte.

Ich setzte mich mit meinem Federbett auf eine Mauer am Bahnhof und heulte in die Federn. Eine junge Frau und ein junger Mann sprachen mich an, das waren Christa und ihr Cousin Axel. Ich erzählte ihnen mein Unglück. Vor lauter Heulen konnte ich gar nicht sprechen. Christa nahm mich mit nach Eglosheim. Sie hatte ein Zimmer bei ihren Eltern. Ihre Mutter kam aus der DDR und hatte somit Verständnis dafür, dass Christa mich mitgenommen hatte. In ihrem Zimmer richtete Christa ein Matratzenlager auf dem Boden. Darauf schliefen wir. Christa, Axel und ich unternahmen viel. So lernte ich also Axel kennen. Er wohnte auch in der Banzhafstraße in Eglosheim.

Christas Mutter nähte Lampenschirme in Heimarbeit. Das machte ich dann auch und verdiente dadurch meinen Lebensunterhalt. Wir saßen am Tisch und sangen Lieder, während wir nähten. So machte die Arbeit Spaß und wir schaukelten uns gegenseitig hoch, wer am meisten Schirme nähte. Pro Lampenschirm bekam ich eine Mark. Wenn es gut lief, nähte ich an einem Tag acht Lampenschirme.

Hausmädchen in einer Villa

Eine Nachbarin putzte bei Dr.Dr. Scharfnagel, Apotheker im Wilhelmsbau. Von ihr erfuhr ich, dass er ein Hausmädchen suchte. Bei ihm hatte ich Kost und Logis und bekam 80 DM im Monat. Ich fühlte mich wie im Paradies. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich ein eigenes Zimmer, ein richtiges Bett für mich allein. Das Zimmer war mit weißen Möbeln eingerichtet. Von seinen zwei Töchtern, die in meinem Alter waren, lernte ich Hochdeutsch. Die Eine, Sybille, brachte mir das Alphabet bei und zeigte mir zum Beispiel, wie man ein Wort im Lexikon findet, wie man Landkarten liest. Sie gab mir etwas von dem Unterricht, den ich in der Schule versäumt hatte.

Am Anfang ging alles gut. Aber dann geschah mir ein Missgeschick. Ich putzte den Schrank im Frühstückszimmer. Auf dem Schrank stand die Büste des Erbonkels von Herrn Dr.Dr. Scharfnagel, im Schrank eine offene Vase. Diese Vase fiel um und ein Haufen Asche fiel auf den Boden. Was sollte ich machen? Ich nahm Kehrwisch und Schaufel, fegte die Asche zusammen und leerte sie in den Mülleimer. Da kam Frau Scharfnagel dazu und fing an zu schreien – die Vase war keine Vase, sondern eine Urne und die Asche die Überreste des Onkels! So was gibt’s doch nicht! Wer bewahrt denn die Asche eines Menschen in einer Blumenvase auf! Bis dahin hatte ich noch nie etwas von einer Urne gehört. Wochenlang grauste es mir, wenn ich im Frühstückszimmer eindecken musste. Für mich war das wie auf dem Friedhof, auf dem die Geister umgingen.

Wenn die Scharfnagels Gäste hatten, das waren meist betuchte Leute, steckten diese mir ab und zu Trinkgeld zu, weil sie sich von mir gut bedient fühlten. Als Dr.Dr. Scharfnagel das merkte, musste ich ihm mein Trinkgeld geben. Das gab es noch nicht einmal in der DDR, dass man das Trinkgeld abgeben musste! Ich bin doch nicht blöd, dachte ich und kündigte. Danach wohnte ich wieder bei meinem Bruder und seiner Frau. Nun war ich ihr Kindermädchen, weil beide arbeiteten

1956 Erste Heirat

Und nun geht es ganz schnell: 1956 Heirat mit Axel, im gleichen Jahr wird meine Tochter Andrea geboren. Wir leben zu dritt in einem Zimmer im Finkenweg. Als Axel eines Tages besoffen nach Hause kam und das Zimmer vollkotzte, warf uns die Vermieterin raus. Deswegen zogen wir zur Schwiegermutter in die Hindenburgstraße. Helene, Axels Mutter,clip_image010 akzeptierte mich nie als Schwiegertochter. Axel hätte eine Frau mit Geld und Haus heiraten sollen. Ich war für sie das DDR-Mädchen, das nichts hatte. Helene bestimmte alles. Ich war mit ihr verheiratet, nicht mit Axel. Meine Schwiegermutter arbeitete bei der Bundeswehr.

Am Feierabend kommandierte sie zu Hause weiter. Axel machte nicht muh und nicht mäh. Ich dachte, ich habe einen Deppen vor mir. Wieder musste ich mein Geld abgeben. Wir wohnten in einer Wohnung der Bundeswehr. Da sie keine Miete bezahlt hatte, kam der Gerichtsvollzieher und wir mussten ausziehen (1958). Helene fand für uns eine Wohnung in der Solitude Allee. Axel war ein rechter Lahmarsch, er arbeitete nur, wenn er wollte. Da dachte ich: „Geh doch zu deiner Mutter!“ und warf ihn aus der Wohnung. Das war 1960, ein Jahr später wurden wir geschieden.

Wenn Helene ihren Sohn zurücknehmen musste, wollte sie auch ihre Enkelin haben. So ging der Streit ums Kind los. Eine Situation macht das deutlich. Zu viert standen wir auf dem Karlsplatz. Helene zog am Kopf von Andrea, Axel an den Füßen. Ich stand daneben, sagte und tat nichts. Das verblüffte die Beiden so, dass sie das Kind losließen. Ich nützte die Situation, nahm mein Kind und ging nach Hause.

Aber Helene ließ mich nicht vom Haken. Sie zeigte mich beim Jugendamt an. Sie behauptete unter anderem, ich hätte das Kind ins Ausland entführt und das Kind sei ungepflegt. Dabei hatte ich Andrea von Kopf bis Fuß eingestrickt. Das Jugendamt schrieb mir Briefe. Ich öffnete sie nicht, denn dieses Deutsch verstand ich nicht, antwortete deshalb auch nicht und alles verlief im Sand. Auch diese Runde habe ich gemeistert.

1965 Der erste Preis – Frau mit Talent

Mehrere Firmen riefen Amateur-Schneiderinnen zu einem Wettbewerb auf. Die Firma Operpaur lud die Teilnehmerinnen in den Ratskeller ein, um ihre Modelle vorzuführen. Ich gewann mit meinem Tageskleid „Tanja“ den ersten Preis. Nun habe ich gut lachen. Helene sah mein Foto in der Ludwigsburger Kreiszeitung. Sie dachte, ich würde mit meinen Kostümen Geld verdienen und das wollte sie haben. Aber ich bekam kein Geld dafür. Eines Tages steht sie vor der Tür und schreit nach Geld. Ich raste aus und jage sie davon.

Die nächste Modenschau des „Neuen Schnitt“ findet in Baden Baden statt. Ich bin dazu eingeladen. Dieses Mal bekomme ich keinen Preis, weil nur die Abendkleider einen Preis bekommen. Ich hatte aber ein Tageskleid genäht.

Helene ließ mich und Andrea nicht in Ruhe. Ich arbeitete als Platzanweiserin im Bali-Kino. Helene oder ihre Mutter Sophie fingen Andrea ab, wenn diese aus dem Kindergarten und später aus der Schule kam. Andrea gefiel das, denn Helene und Sophie verwöhnten sie mit Spielzeug und Kleidern und ließen sie alles machen, was sie wollte. Sie redeten vor Andrea schlecht über mich. Helene wollte das Kind besitzen, um Liebe ging es ihr bestimmt nicht. Als Andrea zehn Jahre alt war, wollte sie lieber bei der Oma wohnen. Nun gut, sagte ich und ließ sie zur Oma ziehen. Jetzt war ich allein. clip_image012

Heirat Nr. zwei: Mit Sack und Pack in die Türkei

Mein Geld verdiente ich weiterhin als Platzanweiserin im Bali-Kino. An der Kasse saß Frau Haas, eine gelernte Schneiderin. Ihr Mann war Filmvorführer und deswegen hatten sie die Wohnung über dem Kino. Während der Vorstellungen brachte sie mir die Tricks der Schneiderei bei, wie man paspeliert, Kragen und Zwickel näht. Tarot Karten lernte ich durch Ellen kennen, eine Kollegin. Sie brachte eines Tages die Tarot Karten mit. Ich habe sofort den Sinn der Karten verstanden, ohne dass ich etwas über sie gelernt hatte. Die Karten sprechen ja. Die Farbe, dieclip_image014 Zahl, der Platz, wo sie liegen sagen alles.

Im Kino lernte ich auch Firat Erdok, den Türken, kennen. Er hatte mein Foto in der Zeitung gesehen. Als ich Kinoplakate aufhängen musste, half er mir und lud mich mit seinem Auto zu einer Stadtrundfahrt ein. Kurz danach hatte ich Urlaub und wir fuhren mit dem Auto in die Türkei. Ich wusste nicht, wo die Türkei liegt. Firat erklärte mir alles und zeigte mir die Stadt Istanbul. Diese Stadt war ein Märchen für mich. Alles, was sehenswert ist, habe ich gesehen. Firats Familie war sehr freundlich und hat mich verwöhnt, wie ich noch nie im Leben verwöhnt worden war. Ich kam mir vor wie im Schlaraffenland. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich fühlte mich so richtig wohl, so zu Hause. Ich war so beeindruckt von dieser Stadt, dass ich mein altes Leben vergessen habe.

Nach dem Urlaub fand ich bei Bleyle eine Stelle als Zuschneiderin. Die Stoffreste konnten wir billig kaufen. Ich nahm so viel wie möglich Stoff mit nach Hause. Diese Stoffe waren von guter Qualität, sie fielen schön, beulten nicht aus und waren leicht zu waschen.

Nach dem Urlaub in Istanbul blieben Firat und ich zusammen. Sein Vater arbeitete bei Jäger als Busfahrer, Firat war nur zu Besuch bei ihm. Eines Tages kam der Einberufungsbefehl zum türkischen Militär. Firat wollte, dass ich mit in die Türkei gehe. 1966 heiraten wir. Helene sagte mir, ich würde dem Sultan als Tänzerin verkauft. Na, das sind doch tolle Aussichten, oder? Ein bisschen naiv ist manchmal ganz nützlich, also stellte ich mich dumm. Ich suchte den Sultan, aber damit war ich viele Jahre zu spät dran. Da ich alles so lustig verpackte, wenn ich etwas nicht wusste oder konnte, gab es immer was zuclip_image016 lachen.

Unsere Fahrt nach Istanbul wurde an der bulgarisch-türkischen Grenze richtig aufregend. Ich fuhr mit dem Mercedes, Firat mit dem VW-Bus, in dem mein ganzer Haushalt war, vom Schlafzimmer bis zum Bügeleisen. Ich wollte ja für immer in der Türkei bleiben. An der bulgarisch-türkischen Grenze mussten wir durch den Zoll. Der Bus gab an der Grenze den Geist auf. Die Polizei schob den Bus auf einen Lastwagen und fuhr damit nach Istanbul zum Zoll. Wie aufregend für mich!

Während Firat seinen Militärdienst ableistete, wohnte ich bei meiner Schwiegermutter in Florya, einem Vorort von Istanbul. Ich versorgte die kranke Frau, deswegen ging das gut. Die Nachbarinnen interessierten sich für das deutsche Kaffeekränzchen und ich guckte zu, wie sie das türkische machten. Damenkränzchen einmal türkisch, einmal deutsch. Nach langer Zeit war ich zufrieden. In der Türkei wurde ich genommen, wie ich bin – freundlich und gut gelaunt. Dass ich so wenig Schulbildung hatte, war dort kein Thema. Türkisch lernte ich zwischen Tür und Angel.

Die Schwiegermutter schickte mich auch zum Einkaufen, das konnte ich nach kurzer Zeit alleine. Sie sagte mir, was ich einkaufen sollte. Ich schrieb die Wörter auf, wie ich sie hörte. Was ich nicht ausdrücken konnte, zeichnete ich. Hat immer prima geklappt. Firats Mutter war Analphabetin. Wenn Briefe von ihrem Mann aus Ludwigsburg kamen, las ich sie ihr vor. Sie verbesserte dann meine Aussprache. Verstanden habe ich nicht, was in den Briefen stand.

Das ganze Dorf besuchte mich. Nun weiß jeder, wer ich bin. Ich war fleißig und nähte Kleider, Mini-Mode war zu der Zeit modern. Ich spannte eine Wäscheleine quer durch das Wohnzimmer und hängte daran meine Kleider auf, die ich verkaufen wollte. Vor allem junge Frauen, die bei Banken und in Verwaltungen arbeiteten, waren begeistert von meinen Kleidern. Die Kleider waren aus den Bleyle-Stoffen genäht, die ich aus Ludwigsburg mitgenommen hatte. Bei mir war immer was los. Der Kinderwagen, den mir meine Freundin Sonja aus Ludwigsburg geschickt hatte, war eine Sensation. In Istanbul kannte man so etwas nicht. Wenn ich den Kinderwagen durch die Straßen schob, gingen überall die Fenster auf.

Zurück nach Ludwigsburg

Firat leistete seinen Wehrdienst in der Türkei ab und ich brachte 1967 unseren Sohn Volkan zur Welt. Nun wollte Firat wieder nach Ludwigsburg, weil er in der Türkei eine Strafe hätte absitzen müssen. Das hatte etwas mit dem Militär zu tun, was genau, wollte er mir nicht sagen. Ich weiß es bis heute nicht. Firats Onkel beanspruchte meine Möbel und meinen Hausrat. Du kannst das ja in Deutschland wieder kaufen, sagte er. Sogar meinen Wintermantel mit dem Pelzkragen nahm er mir weg. Hätte ich ihn nur mitgenommen! An Silvester 1969 fuhren wir zurück nach Deutschland. Es war bitterkalt. Wir hatten keine Winterkleidung, auch nicht für das Kind. Sogar den Kinderwagen hat der Onkel verkauft. Volkan saß zwischen meinen Beinen, zugedeckt mit einer Jacke. Wir sind beinahe erfroren.

Firat hatte viel vor, er wollte Ludwigsburg erobern. Auf, auf zu neuen Taten und ich sollte den Sack zuhalten, was nicht möglich war. Wo gehobelt wird, da fallen Späne – bei mir waren es Klötze.

Am Anfang hatten wir in Ludwigsburg keine Wohnung. Firats Vater hatte ein Dachzimmer in der Stuttgarter Straße. Er machte Nachtdienst, damit wir nachts in seinem Bett schlafen konnten. Tagsüber schlief er in seinem Bett und wir zogen durch die Kaufhäuser, um es warm zu haben. Das ging drei Monate so.

Geschäftsfrauclip_image018

Wir hatten vor, in Ludwigsburg ein türkisches Lokal zu eröffnen. Ich hatte zuvor nicht gewusst, was da auf mich zukommen würde. Behördengänge, Vorschriften, Finanzamt, Krankenkasse, Ausländeramt, IHK. All das habe ich für die Selbständigkeit gelernt. Schließlich eröffneten wir 1969 in Ludwigsburg das erste türkische Lokal, die Neue Sonne in der Seestraße. Wir hatten von einem Automatenaufsteller einen Kredit bekommen, mit dem wir die Kneipe eröffnen konnte. Die Vermieterin war froh, dass wir das Lokal übernehmen wollten. Die Einrichtung war den deutschen Wirten zu alt, wir waren damit zufrieden. Heute frage ich mich, wie ich das alles geschafft habe.

Die Neue Sonne wurde zur Heimat für türkische Gastarbeiter. Hier gab es türkischen Tee, türkisches Essen und natürlich war es auch türkisch eingerichtet. Am Anfang waren vor allem Busfahrer unsere Gäste und die Mädchen vom Straßenstrich. Firats Gastfreundschaft zog viele Gäste an. Er war wegen seiner Freundlichkeit, Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft sehr beliebt. Mit der Zeit erweiterten wir unsere Speisekarte um deutsches Bier und Pommes frites und Würstchen. Kurz und bündig: Pommes frites, Bier und Geld auf den Tisch! So ging das.

Im selben Haus hatten wir ein Zimmer. Ein Jahr später, das war 1970, machten wir den Gasthof Römerhügel auf, dort hatten wir zwei Zimmer, Bad und Küche. Firat gab die Neue Sonne auf, weil unsere Bedienung Marlies sich mit einem Türken eingelassen hatte, der die Neue Sonne übernehmen wollte.

1970 kam auch unser Sohn Kerem auf die Welt. Firat lebte seine negativen Seiten mit allem aus, was sich bot. Alle Bedienungen mussten ausprobiert werden. Zuerst Marlies, dann Marlene und am Schluss Inge. Nach dem Gasthof Römerhügel machte er den Rauchfang auf. Im Rauchfang fing er an zu saufen. Er schmiss eine Lokalrunde nach der anderen. Die Gäste waren begeistert. Er wollte neue Kneipen aufziehen und dann verkaufen. 13 Geschäfte sind es insgesamt geworden. Er war sehr geschickt darin, Lokale einzurichten, er hatte einen guten Geschmack und war auch ein begabter Koch. Seine Gerichte schmeckten am besten, sogar seine Curry Wurst war die beste in ganz Ludwigsburg. Dann war bei mir das Fass voll. Kerem brauchte mich, die Bedienungen machten Theater, weil sie sich in Firat verliebt hatten und mit ihm zusammen sein wollten.

Eine sehr spezielle Arbeitsteilung

Wir hatten eine sehr spezielle Arbeitsteilung: Firat war für die Einnahmen zuständig, ich für die Ausgaben. Er ließ sich von mir nichts sagen. Wenn ich sagte, so geht’s nicht, du musst dich an die Vorschriften halten, bedrohte er mich. Mir waren die Kinder wichtiger als Firat und das Geld. Also ließ ich ihn machen, was er wollte. Und die Schulden wuchsen und wuchsen.clip_image020

In Heilbronn hatten wir eine Discothek, in der ich arbeitete. Ich kam oft erst früh am Morgen nach Hause. Gewohnt haben wir im Marstallcenter in Ludwigsburg. Die Kinder mussten alleine zurechtkommen. Ich war nur zwischen Tür und Angel zu erreichen. Als wir die Disco in Heilbronn aufgaben, eröffneten wir das Ambassodor in Freiberg. Zur gleichen Zeit hatten wir den Club Firat im Täle. Firat war in seinem Club und ich im Ambassador. Der Club Firat war türkisch eingerichtet. Da gab es Sängerinnen und Tänzerinnen – das Lokal war immer voll. Hier gab es türkische Musik, die es sonst nirgends gegeben hat. Auf dem Höhepunkt ihrer Feiern schmissen die Gäste die Gläser an die Wand und schossen mitclip_image022 Pistolen, aber scharf. Mir war das egal. Wenn sie mich treffen, treffen sie mich halt, dachte ich.

Die Arbeit in der Diskothek Ambassodor wurde für mich zu viel. Ich brauchte dringend Entlastung. Deswclip_image024egen wandte ich mich ans Arbeitsamt. Das schickte uns Inge. Ich stellte sie als Bedienung im Ambassador ein. Wir verstanden uns am Anfang gut. Aber dann verliebte sie sich in Firat.

Nun war Firats Vergnügen grenzenlos. Baden Baden war sein Ziel. Er vernachlässigt die Geschäfte und ging lieber ins Casino. Dort verspielte er eine Menge Geld. Er nahm einfach die Kasse mit den Einnahmen und fuhr damit direkt nach Baden Baden ins Casino.

Inge liebte Firat, sie wollte ihn um jeden Preis. Auch mit ihr fuhr er in die Türkei und zeigte ihr, wie schön das Land ist. Nun wollte sie meine Stelle einnehmen und Geschäftsfrau werden.

Sie drohte damit, sich das Leben zu nehmen, wenn Firat nicht zu ihr kommt. Nur langsam, sage ich mir, denk an deine zwei Kinder. Ich, die betrogene Ehefrau, tröste Inge: Du kannst alles haben, wenn du alles unterschreibst für die Geschäfte. Inge war einverstanden. Sie hoffte, dass Firat sie heiraten würde und sie meinen Platz einnehmen könnte. Ich meldete die Konzession für das Ambassodor ab. Inge beantragte sie und bekam sie auch. Und so habe ich Firat mit seinen ganzen Schulden an die liebe Inge verkauft.

Trennung von Firat

Firat lachte mich aus. Wie dämlich bist du? sagte er. Er hatte nicht verstanden, dass ich reagierte. Bei den Affären mit den Bedienungen davor hatte ich geschwiegen. Bei Marlene war ich ruhig geblieben, bei Marlies auch und nun plötzlich reagierte ich. 1979 ließ ich mich von ihm scheiden.

Firat verkaufte das Ambassador und ging mit einem Koffer voller Geld ins Casino nach Baden Baden. Er hat alles verloren. Aber er fand wieder einen Ausweg. Mit seiner Überredungsgabe fand er einen Investor, um ein Speiserestaurant, das Weiße Rössle, aufzumachen. Inge musste dafür unterschreiben, da sie die Konzession hatte. Firat hatte noch immer ein Touristenvisum und mit dem bekam er keine Konzession in Deutschland. Die beiden führten etwa ein Jahr das Rössle am Holzmarkt.

Dann stellte sich heraus, dass es ein Bumerang war, der ihn traf. Er hatte einen Autounfall und Inge sollte bei Gericht einen Meineid für ihn schwören. Inge machte das dann doch nicht und so musste Firat acht Monate auf dem Hohen Asperg sitzen. Und die große Liebe war dahin. Firat wurde ausgewiesen. Er hatte ja nur ein Touristenvisum. Ich brachte ihn sogar noch mit Rosemarie, einer Freundin, an die österreichische Grenze.

Firats Rache

Firat entführte unsere beiden Söhne in die Türkei (1979). Die Verwandten in der Türkei wollten die Kinder nicht haben und die Jungs wollten nicht in der Türkei bleiben. Ich musste in die Schule, um die Kinder abzumelden. Auf dem Ausländeramt bekam ich den Rat, einen deutschen Pass für die Kinder zu beantragen. Das machte ich auch, danach ging es mir besser. Ich blieb ganz ruhig und wartete ab. Es dauerte nicht lange und die Kinder waren wieder da. Die Freude war groß. Ich musste aus der teuren Wohnung im Hochhaus ausziehen. Da kein Geld mehr da war, besorgte ich einen Tütenumzug mit Volkans Klasse. Ich packte mein Hab und Gut in Tüten und die Schulkameraden von Volkan trugen sie in unsere neue Wohnung. Kerem strich die Zimmer alle pink an – es war modern in der Schorndorfer Straße 107 in Ludwigsburg. So wurde Kerem Maler von Beruf. Volkan lernte Maurer. Und heute habe ich zwei Handwerker im Haus.

Firat machte in der Türkei Geschäfte mit Immobilien. Er fing aber wieder mit Glücksspielen an und kam auf keinen grünen Zweig. Ich sorgte dafür, dass seine Kinder Kontakt mit ihm hatten. Sie besuchten ihn ab und zu in der Türkei. Volkan konnte am besten mit ihm umgehen. Er setzte durch, was er wollte und Firat parierte.

Firat litt unter Leberzirrhose und schließlich starb er daran. Er starb im Schlaf und hatte damit einen guten Tod.

 

Single Mama

Beatrice hatte ich im Leonberger Krankenhaus kennen gelernt, als ich noch im Firat verheiratet gewesen war. Ich besuchte eine kranke Kollegin, die dort in einem Mehrbettzimmer lag. Wir unterhielten uns angeregt und Beatrice hörte zu. Sie fand mich so interessant, dass sie mich ansprach. Später haben wir uns zusammengetan. Sie wollte etwas erleben und deshalb kam sie öfter in den Club Firat, für den ich die Konzession hatte. Sie war von Firat sehr angetan, von seiner Liebenswürdigkeit und seiner Gastfreundschaft. Sie fühlte sich unter Türken sauwohl, die Gäste waren immer gut drauf. Sie wurde meine Freundin. Nach der Scheidung meinte sie, ich bräuchte einen Mann, der mich unterstützt. Sie suchte in der Ludwigsburger Kreiszeitung die Bekanntschaftsanzeigen aus, die sie für geeignet hielt. Dann brachte sie mir bei, wie man auf Anzeigen schreibt. Gesagt, getan.

Hier ist eine meiner Antworten auf ein Inserat:clip_image026

Sehr geehrter Inserent, gestatten, ich möchte ausgetretene Pfade verlassen und stürze mich Hals über Kopf in ein Erfolg versprechendes Terrain. Dabei bin ich auch noch mutig. Ihre besondere Chance ist ein Anruf.

Mit den besten Grüßen, Margot aus Ludwigsburg

Mir machte es Spaß, auf Anzeigen zu schreiben. Mit ein paar Männern habe ich mich getroffen, aber keiner hat mir gefallen. Es nichts dabei herausgekommen. Wir sind auch zu solchen Treffen zu zweit gegangen. Beatrice war etwa zehn Jahre älter als ich, als die Jüngere hatte ich mehr Chancen als sie. Aber ich bin ihr treu geblieben. Wir haben uns einladen lassen und dann sagten wir „Tschüss Ade“.

Eine Pension mit einer Partnerin 1993

Lore kam in mein Leben. Auch sie lernte ich im Krankenhaus kennen. Ich ermutigte sie, einen Beruf zu lernen und zwar Hotelfachfrau. Nach ihrer Ausbildung konnte sie in der Schweiz arbeiten. 1993 machten wir uns zusammen selbständig – wir eröffneten eine Pension in Erdmannhausen. Wir hatten vier Zimmer. Aber Lore hatte mehr Interesse an den Männern als am Geschäft. Sie legte sich schon mal ins Bett eines unserer Zimmer, wenn ihr ein Gast gefiel. Ich dachte, ihre Mannstollheit würde sich im Lauf der Zeit legen. Aber da täuschte ich mich.

Es dauerte nicht lange und wir kauften in Steimel, im Westerwald, eine Pension. Das wurde zu meiner Meisterprüfung mit Lore. Sie entpuppte sich als Feindin, wie sich später zeigte. Ich sollte einen Alterssitz in diesem Anwesen bekommen. Lore und Volkan kauften das Anwesen, sie nahmen dafür einen Kredit bei der Bank auf. Lore war die Geschäftsführerin der GmbH und diese war die Pächterin der Pension. Die Pension lief gut. Wir hatten genug Einnahmen, um die Pacht bezahlen zu können. Unsere Gäste kamen aus Frankfurt, aber auch aus Russland und Finnland. Sie schwärmten für meine Plinsen, die ich meiner Mutter nachgemacht habe.

Wir hatten ein schönes Anwesen und genug Gäste. Es hätte also alles gut sein können. Doch Lore bezahlte die Pacht nicht an die Bank, sondern unterschlug das Geld. Das Geld trug sie in die Spielbank nach Wiesbaden. Wir sahen sie dort einmal mit ihrem Steuerberater. Er kam wegen Betrug ins Gefängnis. Wir mussten darüber lachen, das erinnerte mich doch irgendwie an Erdok. Mit einem Teil unserer Einnahmen kaufte sie Zuckeraktien, doch das Unternehmen ging Pleite und unser Geld war weg.

Das größte Problem, neben ihrer Liebe zur Spielbank, war ihre große Liebe zu einem Polizisten. Der Polizist war verheiratet und hatte andere Pläne als Lore. Er wollte das Anwesen und Lore wollte den Polizisten. Weil die Pacht nicht bezahlt wurde, ließ die Bank das Anwesen versteigern. Der Polizist gab mir die Schuld an der Zahlungsunfähigkeit, ich hätte gepfändete Gegenstände entwendet. Und so kam ich ohne Anzeige vor Gericht. Es waren aber laut Unterlagen meine persönlichen Sachen, die der Polizist mit seinen Kollegen entwendet hatte. Wer ist schon so dumm und klagt gegen einen Beamten? Ich. Der Polizist benutzte die Bank gegen mich und so musste er bei der Versteigerung 40 000 DM weniger bezahlen, als die Pension wert war. Volkan musste diese 40 000 DM Schulden übernehmen, da bei Lore nichts mehr zu holen war. Lore unterschrieb eine Bürgschaft über 300 000 DM für den Polizisten, obwohl sie selbst kein Geld hatte.

Und ich war wieder in Ludwigsburg, Schorndorfer Str. 107. In fünf Gerichtsverhandlungen habe ich 17 Anwälte beschäftigt. Und keiner hat verstanden. Polizist – nein danke! Das Urteil wurde in Koblenz auf dem Pissoir ausgehandelt. Gegen 10 Zeugen, vorwiegend Beamte, hatte ich keine Chance. Meine Strafe: ein Jahr im Altersheim arbeiten für die Entwendung gepfändeter Gegenstände. Ich muss es noch einmal sagen: Ich wurde dafür verurteilt, dass ich meine persönlichen Sachen an mich genommen hatte, die mir der Polizist weggenommen hatte.

Den Sozialdienst leistete ich im Altersheim auf der Karlshöhe ab. Drei Monate war ich fleißig, dann wurde ich krank. Ich bekam drei Bypässe und wurde von der Staatsanwaltschaft vom Sozialdienst befreit. Das Thema war damit zu Ende. Aber die Bank wollte die 40 000 DM von Volkan. In diesem Fall kämpfte ich, denn hier ging es um mein Kind. Ich habe alles in Bewegung gesetzt und es geschafft, dass er die 40 000 DM nicht bezahlen musste. Lore und der Polizist mussten sie bezahlen.

Lore habe ich telepathisch viele Briefe mit Comics verpackt geschickt. Ich wusste immer, was als Nächstes passieren wird. Wirkt Wunder und lachen kann man auch darüber. Unsere Gedanken sind ein großes Gut. Mit Ausdauer angewendet, kommt auch was Brauchbares raus.

Zehn Jahre hat der Polizist an diesem Anwesen gebaut, zehn Jahre habe ich diesen Kerl mit seinen polnischen Schwarzarbeitern verfolgt. Er bezahlte sie nur mit Essen und Trinken. Aber für die Übernachtung in seinen Zimmern sollten sie bezahlen. Ich habe ihn beim Finanz- und beim Ausländeramt angezeigt. Er musste den Laden zumachen. Ich habe meine negativen Gedanken, meinen Ärger, meine Verbitterung und meine Wut losgelassen. Und nun geht die Ehe zwischen dem Polizisten und Lore auch entzwei. Nachdem der Polizist das Anwesen hatte, nahm er sich eine neue Freundin. Ihre große Liebe hat Lore im Alkohol ertränkt. Am Ende ist sie in der Klinik gelandet. Sie hinterlässt zwei Kinder.

Was soll ich nun sagen? Nicht Ja und nicht Nein. Jeder von uns dreien wollte es besser wissen. Am Ende ist alles in die Binsen gegangen.

Umschulung

Beatrice empfahl mir, eine Umschulung über das Arbeitsamt zu machen. Es ging um Bürotechnik. Ich bekam einen internationalen Schülerausweis. Darauf stand: „student“. Was war ich stolz! Ich eine Studentin! Und der Weg ging geradeaus ins Rathaus von Gerlingen. Dort musste ich nur mit Zahlen umgehen und das konnte ich.

Mein Meisterwerk 1985clip_image028

Meine Tochter Andrea hatte keinen Job und hing rum. In der Zeitung fand ich eine Anzeige des Staatstheaters in Stuttgart: Büroangestellte/Sachbearbeiterin gesucht. Ich machte Andrea auf die Anzeige aufmerksam. Sie bewarb sich und bekam die Stelle. Von Andrea erfuhr ich, dass das Theater für das Stück „Wintermärchen“ eine extra Schneiderei aufgemacht hatte und noch Schneiderinnen gebraucht wurden. Ich bewarb mich und wurde genommen. Meine Aufgabe war es, ein Vogelkostüm nach einer Tarot Karte zu gestalten. Dazu musste ich hunderte Stoffstücke ausschneiden und annähen. Ich dachte praktisch und stanzte die Stofffetzen aus, das ging ja viel schneller, als wenn ich alle einzeln ausgeschnitten hätte. Das Vogelkostüm wurde so gut, dass es später im Theater ausgestellt wurde. Leider wurde das Stück abgesetzt, bevor es aufgeführt wurde und die Schneiderei wurde zugemacht und ich verlor meine Arbeit.

Arbeitsplätze

In den folgenden Jahren verdiente ich meinen Unterhalt als Amway-Verkäuferin, Verkäuferin und Strickerin in der Wollstube, Bedienung in der Gaststätte Salamander, als Leiterin der Kantine des Tennisclubs, als Frühstücksmamsell im Goldenen Pflug, als Kassiererin im Asperger Freibad, als Empfangsdame bei einem ägyptischen Heilpraktiker. Insgesamt hatte ich 32 Arbeitsplätze in meinem Leben.

In Riga bei Sarmit

Beatrice lud mich nach Riga ein, es war noch unter russischer Besatzung. Beatrice brauchte mich als Begleitung, weil sie nicht mehr so gut gehen konnte. Wir wohnten bei Sarmit, der Cousine von Beatrice, in Jurmala, direkt an der Ostsee. Dort besuchte ich das Hotel, das vor dem Krieg dem Bruder meines Vaters gehört hatte, den ich nie kennen gelernt hatte. Wem das Hotel inzwischen gehört, weiß ich nicht. Ich schrieb mich in das Hausbuch ein. Ich hatte niemanden, den ich fragen konnte, wie es meinem Onkel ergangen ist. Ich nahm eine Handvoll Erde und roch wieder den Geruch, den ich aus meiner Kindheit kannte. Es war das Gefühl von Heimat. Damit hatte ich auch dieses Kapitel abgeschlossen.

Reise in die DDR nach zwanzig Jahren

Noch vor der Wende, in den siebziger Jahren, besuchte ich Bruder Siegfried, Tante Hanni, Gisela und Rita. Siegfried hatte mich eingeladen, sonst hätte ich ja gar nicht kommen können. Die anderen wussten von meinem Besuch nichts und so stand ich eines Tages einfach im Garten. Alle erkannten mich noch, ich hatte mich nicht verändert. Alle jammern, im HO –Laden kann man nichts ohne Westmark kaufen. Als ich wieder zu Hause war, schickte ich der Rita Gäste aus dem Westen mit Westmark. Nach der Wende baute Rita eine Pension auf ihr Land. Das war meine Idee und sie hat sie umgesetzt. Diese Pension hat sie immer noch.

Religion

Ich habe einen Glauben, ich glaube an die Natur. Es gibt etwas Höheres und das ist die Natur. Gottes Kleid ist die Natur. Es gibt doch keinen Menschen als Gott. Ich kann beten, ich kann singen, ich gehe auch in die Kirche. Beten ist ja, die Gedanken ordnen.

Resümee

Das ungeprüfte Leben ist nicht wert, gelebt zu werden. Ich prüfe, was ich gemacht habe. Kann ich mich nur beschweren? Eigentlich nicht. Ich habe ja immer das Beste draus gemacht. Wenn ich im Luxus gelebt hätte, wäre das ja alles nicht passiert und ich hätte nicht das gelernt, was ich gelernt habe. Das Leben läuft wie eine Uhr ab. Zwischen Geburt und Ableben muss der Mensch seine innere Leere füllen. Wenn ich Kummer habe, will ich darüber sprechen, aber nicht getröstet werden. Den Eimer umkippen und dann geht es wieder weiter. Jedes tröstende Wort ist wie ein Schwert.

Am 28.Februar 2016 feiere ich mit meinen Söhnen und meiner Enkelin Aylin meinen 80sten Geburtstag. Dann kann ich sagen, mein Leben war es wert, gelebt zu werden. Gut und Böse und was ist dazwischen? Ein reines Gewissen. Ein unreines Gewissen plagt den Menschen, bis er krank ist oder im Alkohol versinkt, so wie Lore. Ich habe Telepathie mit Comics verpackt, um all das zu verkraften. Wenn ich zwei Tage an jemanden denke, dann ruft derjenige an. Ich tu da nichts dazu, das ist einfach so.

Mein Symbol ist das Segelboot. „Vorwärts mit Zuversicht“ mein Motto. Aber ohne Hilfe geht es nicht. Man kommt nicht ans Ziel, wenn der Leuchtturm fehlt. Das Meer ist groß, der Wind ist stark, die Wellen brechen über das Boot. Man kann sich noch retten, auch wenn das Segel zerfetzt ist, aber man kommt nass wie eine Ratte ans Land. Ich bin mit Verlusten gestrandet und habe alles beendet. Ich habe den Flaschengeist losgelassen. Wenn ich den Geist aus der Flasche lasse, dann kann der Kummer entweichen und er drückt mich nicht mehr. Ich halte nichts mehr fest.

Nach einem handschriftlichen Manuskript und Erzählung von Margot Erdok. Bearbeitet und ergänzt von Regina Boger 2015/2016.

Fotos: Stina McNicholas

Ein Artikel aus der Stuttgarter Zeitung ohne Datum:

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Breml oder das Glück

 

Ein Bauer aus dem Enztal, der sich für seinen Lebensunterhalt aus seiner kleinen Landwirtschaft abmühte und hoffte, irgendwann auch eine Frau zu finden; der sich nicht für Politik interessierte und schon gar nicht für „den Lebensraum im Osten, den Kampf gegen den Bolschewismus oder die Weltverschwörung des Finanzjudentums“, kam dennoch nicht ungeschoren davon. Er wurde zur Wehrmacht eingezogen und musste in den Krieg ziehen. Das war schon ein Unglück. Und ein größeres noch, dass er nach dem Frankreichfeldzug – das ging ja noch, denn da bekam man wenigstens etwas Anständiges zu essen – auch am Russlandfeldzug teilnehmen musste.

Ein Glück wiederum war, dass er in einer Kompanie mit Kameraden aus seinem Dorf war. Da konnte er wenigstens schwätzen, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Ein größeres Unglück wiederum war der Wintereinbruch, der den Nachschub aus Deutschland unterbrach, was Hungern und Frieren zur Folge hatte. Die Kälte war nicht das Schlimmste, er war es ja gewohnt, im Winter im Freien zu arbeiten, aber das trockene Brot quälte ihn. Zu Hause hatte er in den Regalen seiner Speisekammer Leberwurst, Bratwurst und Schinkenwurst in Dosen und Rauchfleisch hing an einem Haken von der Decke. Und jetzt noch nicht einmal Butter auf dem Kommissbrot. In der größten Not konnte man das auch essen, der Hunger treibt’s rein, sagten sie untereinander, aber mit einem Stück Butter würde es doch besser die Gurgel hinunter rutschen.

Als unser Bauer aus dem Enztal auf dem Marsch nach Moskau einen Bauernhof entdeckte, war dies wieder ein großes Glück. Kein Bauer, keine Knechte und Mägde auf dem Bauernhof, aber in der Küche eine Frau. Sein Herz schlug höher. Wo eine Bäuerin ist, gibt es auch etwas zu essen. Das Muhen aus dem Stall deutete auf Kühe hin, Kühe geben Milch und aus Milch macht man Butter. Er dachte an das armselige trockene Kommissbrot in seinem Tornister und an ein Stück Butter, vielleicht noch an ein Stück Wurst. Dass ein Bauer einem anderen Bauern nichts stiehlt, war selbstverständliche bäuerliche Ehre. Mit dem Gewehr wollte er vor seinesgleichen schon gar nicht rumfuchteln. Also fragte er die Bäuerin so höflich, wie das im Enztal zu der Zeit üblich war:

„Häbet Se Buttre?“ Ein verständnisloser Blick war die Antwort.

„Häbet Se Buttre?“, wiederholte er langsamer.

„Ja ne ponimaju, chto wi spraschivajete!“

Dies wiederum verstand er nicht. Er beugte sich vor, das Gewehr mit dem Lauf nach unten fest an den Körper gepresst, etwas ratlos und deshalb mit Nachdruck:

„Buttre!“ Die Bäuerin wich zurück, blieb ihrerseits höflich und antwortete:

„Mogu ja wam chem-to pomotsch?“

Und nun schon etwas verzweifelt, versuchte er es noch einmal, eindringlich, mit vorgestrecktem Kopf wie eine Gans, die einen Feind vertreiben will, fast schon beschwörend, langsam, Wort für Wort betonend, damit Sie es endlich verstehen möge:

„Ob Se Buttre häbet!“. Doch es fruchtete nicht. Sie trat einen Schritt zurück, bereit zur Flucht. Die Kameraden grinsten, stellten ihre Gewehre in eine Ecke, legten eine Hand auf den Magen, mit der anderen zeigen sie auf den offenen Mund und schmatzten. Daraufhin brachte die Bäuerin einen Laib Brot und ein Stück Butter.

„Charoschewa apetita“ sagte sie und zog sich an den Ofen zurück, nah an der Küchentüre, die in die Scheune führte, die Soldaten fest im Blick. In der Scheune hatte sich ihr Mann versteckt, was die Soldaten aber nicht merkten. Zum Glück.

Die Soldaten waren dankbar. Sie ließen das Vieh leben und die Bäuerin natürlich auch, weil das Leben ja weitergehen muss. Wenn man die Bauern erschießt und den Hof anzündet, gibt es nichts mehr zu essen, für niemanden.

Sie zogen weiter in Richtung Moskau. Das war jetzt wieder ein Glück. „jetzt seh‘ i endlich den Breml“, sagte er zu seinen Kameraden. „Frieder“, sagten sie, „das heißt Kreml, nicht Breml, mit K!“ Er nickte zufrieden und strahlte.

Das größte Glück aber war, dass sie den Krieg überlebten, einige jedenfalls. „I ben en Moskau wä, vorm Breml“, erzählte er stolz im Dorf. Im Lauf der Zeit gaben sie es auf, ihn zu korrigieren. Wenn sie ihn auf der Straße oder in der Wirtschaft trafen, sagten sie: „Griaß Gott, Breml!“. Und dass die Leute lachten, wenn sie ihn sahen, das war wieder ein Glück.

Nach dem Ende des Kriegs fuhren wieder Militärlastwägen durch das Dorf, dieses Mal amerikanische. Die Soldaten wollten nichts von ihm und er nichts von ihnen. Das war wieder ein Glück. Denn viele aus dem Dorf mussten sich vor der Spruchkammer verantworten, weil sie in der NSDAP, der SA oder der SS gewesen waren. Doch die meisten kamen ungeschoren davon, weil sie einen Persilschein bekommen hatten, einige auch von ihm.

Eines Tages fuhr ein amerikanischer Jeep in seinen Hof.

“Where is the road to Muhlenacker?” fragte der Beifahrer.

“Ja, des sen meine Äcker”, antwortete er stolz und zeigte auf seine Felder.

„Muhlenacker?“

„Ja, jetzt steiget Se halt aus ond kommet Se end Kiche. I weiß, was Soldate brauche.“ Er winkte sie in seine Küche. Einer stieg zögernd aus und folgte ihm, die Hand an der Pistole, die Anderen blieben im Jeep mit laufendem Motor und beobachteten die Beiden. Frieder verschwand in der Speisekammer, holte einen Laib Brot, Butter und eine Büchse Leberwurst. Dazu einen Krug Most. Er legte fünf Holzbrettchen und Messer auf den Tisch und stellte Gläser dazu. Dann rieb er sich mit der einen Hand den Bauch und mit der anderen zeigte er auf den Mund und schmatzte. Der mutige Soldat, der ihm gefolgt war, gab seinen Kameraden Entwarnung und holte sie in die Küche. Frieder säbelte ein paar Ranken Brot vom Laib, schnitt sie in der Mitte durch und legte jedem Soldaten ein Stück auf sein Holzbrettchen. Sie strichen sich Butter auf ihre Brote, die Leberwurst beäugten sie kritisch.

„What ist that?“, fragte der Beifahrer und zeigte auf die Leberwurst. Eine graue Masse, die man essen kann, hatte er noch nie gesehen.

„Läberwurschd!“

„Leibewusch? What the hell is Leibewusch?“

„Läberwurschd, des isch guat. Probier mol!” Frieder spießte mit dem Messer ein Stück Leberwurst auf und streckte es dem Beifahrer hin. Mit der linken Hand zeigte er auf den Mund und schmatzte. Der ergriff Frieders Hand und drehte sie um, sodass das Messer und das Stück Leberwurst auf Frieders Mund zeigte:

„You first!“

Frieder ließ sich nicht lange bitten, biss unerschrocken die Wurst vom Messer und schmatzte behaglich. Dies war den Soldaten Beweis genug für die Ungefährlichkeit der eigenartig aussehenden Speise und sie probierten sie auch. Sie schien ihnen nicht schlecht zu schmecken, denn nach kurzem war die Dose leer. Den Most tranken sie mehr aus Höflichkeit denn aus Begeisterung. Nach dem unverhofften Mal zog der Beifahrer eine Landkarte aus der Jackentasche, breitete sie auf dem Tisch aus, zeigte auf einen Ort namens Mühlacker und wiederholte „Whre ist the road to Muhlenacker?“

„Ach, Sie moine Millagger!“, strahlte Frieder. Des isch net weit weg. I zeig’s Ihne.“ Er fuchtelte mit den Armen herum, mal rechts, dann wieder links, dann geradeaus und wieder rechts. Aber die Soldaten verstanden ihn nicht. Schließlich setzte er sich auf den Traktor und fuhr ihnen voraus bis zu der Stelle, ab der sie nur noch geradeaus fahren mussten.

„Thanks, you are a great guy“, sagte der Beifahrer und klopfte Frieder auf die Schulter. Er holte aus einer Tasche eine Tafel Schokolade und ein paar Päckchen Kaugummi. Die Schokolade kannte Frieder, aber mit dem Kaugummi wusste er nichts anzufangen. Er schenkte den Kaugummi ein paar Kindern, die ihm entgegenkamen. Die Kinder freuten sich und lachten Frieder dankbar an. Er war jetzt ein Mann von Welt, der sich sowohl mit Russen als auch mit Amerikanern verständigen konnten. Und das wieder ein Glück.

Regina Boger 2014-09-15